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2.2 Das 18. Jahrhundert

Mit David Hume wurde das 17. Jahrhundert bereits verlassen und der Übergang ins 18. Jahrhundert eingeläutet, wobei der Terminus Übergang insofern irreführend ist, als dieser die Vorstellung eines Bruchs impliziert. Das 18. Jahrhundert kann aber als Weiterführung zentraler Entwicklungen des 17. Jahrhunderts gelesen werden. Die ständische Gesellschaft löst sich weiter auf und der neue Typ der bürgerlichen Gesellschaft tritt zunehmend an deren Stelle. War die ständische Gesellschaft noch eine gottgegebene und fest gefügte „Berufsund Lebensordnung“ (Gall 1993: 5), charakterisiert sich die bürgerliche Gesellschaft unter anderem durch eine soziale Mobilität, die sich am Pathos eines Leistungsund Aufstiegsdenkens orientiert. Flankierende Momente der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft sind nicht zuletzt die aufklärerischen Gedanken, die in ganz Europa in verschiedenen Facetten kursierten und die für das Subjektverständnis von entscheidender Bedeutung wurden. Die französische Variante des Cartesianismus und die angelsächsische Variante des Empirismus wurden bereits genannt. Nach Ernst Cassirer (1932/2003) zeichnet sich das 18. Jahrhundert nun durch einen Wechsel in der Theoriehegemonie aus. War das 17. Jahrhundert vor allem durch den cartesianischen Rationalismus und die Methode der Deduktion geprägt, so ist es im 18. Jahrhundert vor allem Newton, der einen starken Einfluss gewinnt. Seine Methode ist die des Experiments und der Induktion, was nicht bedeutet, dass Newton einzig Daten gesammelt hätte. Auch er bzw. die Naturwissenschaften des 18. Jahrhundert suchen nach erklärenden Prinzipien (Gravitation) für die beobachteten Tatsachen; sie leiten sie aber nicht länger aus obersten Leitsätzen ab. Kurzum: Der Empirismus löst als Leittheorie den Rationalismus ab.

Gegenüber diesen eher naturwissenschaftlichen bzw. erkenntnistheoretischen Überlegungen kommen im 18. Jahrhundert zwei Varianten der Aufklärung dazu, die als spezifischer Ausdruck des bürgerlichen Selbstverständnisses gewertet werden können. Zum einen begründet Adam Smith (1776/2003; siehe Kap. 3.2.2.) die moderne Wirtschaftstheorie und zeichnet das Bild eines liberalistisch gedachten homo oeconomicus. Zum anderen veröffentlicht Rousseau seinen „Emil“ (Rousseau 1762/1971), der ein neues Verständnis der Erziehung und der Kindheit anstößt. Beide ähneln sich dabei dadurch, dass der eine der Wirtschaft, der andere der Erziehung ein tendenzielles „Laissez-faire“ verordnet. Welche Position dazu auch aus heutiger Sicht eingenommen wird: Das „Laissez-faire“ drückt ein neues Selbstverständnis des Bürgertums aus, das sich von den Bevormundungen durch Kirche und Adel zu emanzipieren trachtet und das sich in der Lage sieht, die eigenen Geschicke selbst zu lenken. Dabei ist es nicht nur die bereits im 17. Jahrhundert entstehende Öffentlichkeit, die das Bürgertum auszeichnet, sondern auch eine neue Form der Privatbeziehungen. „Tatsache ist aber, dass in dieser Zeit, speziell in den oberen Schichten eine gewisse „Emotionalisierung des Lebens“ eintrat.“ (Demel 2000: 29) Diese manifestiert sich unter anderem in Form unterschiedlicher schriftlicher Praktiken: „Praktiken des Schreibens – vor allem von Tagebüchern und Briefen – sowie des Lesens, sowohl von non-fiktionalen als auch von fiktionalen Texten. […Diese] bürgerlichen Selbstpraktiken verhelfen einer spezifisch innenorientierten Subjektform zur Existenz.“ (Reckwitz 2006: 155 ff.) Das bürgerliche Subjekt ‚entdeckt' also nicht nur seine politische und vor allem wirtschaftliche Macht, sondern es entdeckt auch sich selbst als Gegenstand, mit dem es sich auseinanderzusetzen hat. Der angelsächsische Empirismus bringt letzteres, wenn auch nicht als Selbstpsychologisierung gemeint, dadurch zum Ausdruck, dass das Subjekt sich über die Reflection erkennen muss, um Subjekt zu sein.

Dieses sich zunehmend artikulierende Selbstverständnis des Bürgertums aufzunehmen, bis zum Geniekult zu steigern und sich zugleich gegen die Bevormundungen durch die Aristokratie zu wenden, war ein Anliegen des literarischen Großereignisses im deutschsprachigen Raum: dem Sturm und Drang. Maßgebend war dabei, dass die Literatur sich vom strengen Rationalismus etwa des französischen Klassizismus abwandte und den Menschen nicht nur als Verstandessondern auch als Sinneswesen ansprechen sollte. Drastischer formuliert: Korrelierend mit der Umstellung vom Rationalismus auf den Empirismus in den Naturwissenschaften, bricht im 18. Jahrhundert der „Ruf nach einer Emanzipation der Sinnlichkeit hervor“ (Cassirer 1932/2003: 370). Das Subjekt wird nicht mehr nur als animal rationale angesprochen, sondern auch bezüglich seiner Triebe und Leidenschaften berücksichtigt. „Die Natur solle nicht mehr nur (verstandesmäßig) „beobachtet“, sondern auch (mit dem Gefühl) „erkannt“ werden, denn die Wahrheit der Dichtung sei Schein, nicht Abbild der Wirklichkeit; der Dichter solle das Wesen der Dinge „malen“, wie es seine Phantasie erkenne, und so die „Kraft der Gemüter einnehmen und entzücken““. (von Borries/von Borries 1991: 35) Prominenter Ausdruck eines „Einnehmens der Gemüter“ war der „Werther“ von Goethe. Mit dem Briefroman, als Ausdruck eines Individuums, „das nur noch nach seinen Empfindungen lebt“ (Ebd.: 295), eine kulturelle Praxis des Bürgertums imitiertend, bildete er die Innenorientierung des Bürgertums ab und wirkte sowohl modisch („sich mit blauem Frack, ledergelber Weste und braune Stulpenstiefel zu kleiden, wurde modern“ (Ebd.: 292)) als auch fatal: Der geschilderte Selbstmord wurde für nicht wenige junge Leser zum Vorbild. Der Dichterfreund Goethes, Friedrich Schiller, war demgegenüber der vornehmlich politische Autor, der wohl eher für die öffentliche Orientierung des Bürgertums steht, wenn er etwa postuliert, dass „es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freiheit wandert“ (Schiller 1795/1993: 573) und damit deutlich macht, dass seine Dramen als Beitrag zur ‚Demokratisierung' zu verstehen sind. Dabei hatte Schiller bereits vermutet, dass mit der arbeitsteiligen Gesellschaft eine unheilvolle Fragmentierung des Subjekts einsetzt. Dagegen soll für ihn die autonome (nutzenenthobene) Kunst ein Korrektiv bieten. „Das freie Spiel des Denkens, der Einbildungskraft und der Empfindungen heilt, so Schillers Idee, die Wunden, welche die fragmentierende Arbeitsteilung, die Fühllosigkeit der bloß theoretischen Kultur (heute würden wir sagen: Wissensgesellschaft) und die dumpfe Welt der entfesselten tierischen Bedürfnisse dem Menschen in der Moderne zufügt.“ (Safranski 2004: 416)

Beides, die politisch-wirtschaftliche Außenorientierung und die Orientierung nach Innen, gehört zusammen: Es ist das mit sich selbst identische Subjekt, das in der Öffentlichkeit seine Interessen wahrnimmt. Nun darf aber nicht übersehen werden, dass im 18. Jahrhundert nach wie vor die Aristokratie die Macht in den Händen hielt. Insbesondere in Frankreich hatte noch unter Louis XIV. der Absolutismus seine Hochzeit und die freie, öffentliche Betätigung des Bürgertums war zunächst durch Zensur noch stark beeinträchtigt. Eine Ausnahme stellte England dar, wo nach der Diktatur Cromwells und der „Bill of Rights“ 1689 sowohl politische Parteien entstanden als auch eine konstitutionelle Monarchie. In Österreich versuchte Josef der Zweite aufklärerische Ideen umzusetzen. Wie Egon Friedell meint, jedoch mit eher despotischen Mitteln, da Josef der Zweite „bei allen seinen modernen Menschlichkeitsidealen doch weit davon entfernt war, ein wirkliches humanes Regime zuführen: er hat das damalige mittelalterliche Kriminalrecht noch verschärft, das österreichische Spitzelsystem noch weiter ausgebaut und die Zensur sehr reaktionär gehandhabt.“ (Friedell 1927-31/2009: 816). In Preußen bestieg 1740 Friedrich der Große den Thron. Seine Bilanz fällt zwar ebenfalls ambivalent aus, jedoch anders als die Josefs des Zweiten. Er hat mit der militärischen Annektierung Schlesiens nicht nur gegen das testamentarische Gebot seines Vaters verstoßen, keinen ungerechten Krieg anzufangen, sondern Europa in drei verheerende Waffengänge gezogen, von denen allein der siebenjährige Krieg 180000 Preußen das Leben kostete. Außenpolitisch hat er mit der Annektierung Schlesiens sein Ziel erreicht, die europäische Machtbalance neu zu ordnen, und Preußen darin einen gleichrangigen Platz zu sichern (vgl. Kunisch 2009). Innenpolitisch steht der Philosophenkönig Friedrich der Große für die Einführung der allgemeinen Schulpflicht und für eine religiöse Toleranz, die zwar „weniger philosophisch als im monarchischem Herrschaftsinteresse begründet war“ (Wienfort 2008: 35), die aber einen neuen Umgang mit religiösen Differenzen anschiebt. Preußen brauchte Einwohner sowohl für das Militär als auch für die Landwirtschaft, die wiederum für die Versorgung des Militärs von Bedeutung war, und nahm zu diesem Zweck Menschen jeglicher Konfession auf. Als aufgeklärter Monarch verstand sich Friedrich der Große als erster Diener des Staates und hat damit einen gewichtigen Schritt zum modernen Staatsverständnis getan. Nicht mehr eine Person, der absolute Herrscher, verkörperte den Staat, sondern das unpersönliche Regelwerk der Justiz, an der Friedrich der Große tatsächlich ein reges Interesse zeigte. Mit dem 1781 veröffentlichtem Corpus Iuris Fridericianum wurde „Preußens Entwicklung zum Rechtsstaat“ (Ebd.: 40) eingeläutet.

Den Versuch einer umfassenden Demokratisierung stellt das politische Großereignis des 18. Jahrhunderts dar: Die Französische Revolution (vgl. Soboul 1965/2004; Thamer 2004). Das wichtigste Ergebnis der Revolution ist kurz erzählt. Die Monarchie in Frankreich wurde (vorerst) beendet und durch eine Republik ersetzt. Erkauft wurde dieser Prozess freilich durch den Jakobinerterror, für den Robespierre Pate steht, der behauptet hatte: „So ist die Triebkraft der Volksregierung in Zeiten der Revolution zugleich Tugend und Terror: die Tugend, ohne die der Terror unheilvoll ist, der Terror, ohne den die Tugend machtlos ist.“ (Robbespierre 1794/2000: 20) Dennoch (oder gerade deswegen?) gilt die Französische Revolution als historischer Knotenpunkt, von dem aus sich die bürgerliche Gesellschaft in ganz Europa ausbreitete, wobei paradoxerweise ausgerechnet Napoleon, der sich selbst am 2. Dezember 1804 zum Kaiser proklamierte, mit seinem Code Napoleon ein entscheidender Sendbote wurde. Für das Subjekt hatte dies bedeutsame Konsequenzen. Es konnte sich als Rechtssubjekt situieren und war damit aus der göttlichen Ordnung der Ständegesellschaft inklusive persönlicher Abhängigkeiten endgültig befreit, wenngleich der Weg zur realisierten, modernen Demokratie noch ein Jahrhundert weit entfernt war. Es hatte durch den Jakobinerterror aber auch einmal mehr in seine Schattenseiten blicken können, und insbesondere deutschsprachige Intellektuelle, die zunächst die Revolution begrüßt hatten, wandten sich von ihr ab. Aus dieser Perspektive ist dann Hegels Geschichtsphilosophie der Versuch, das Vernünftige zu retten, ohne es dem Subjekt zu überantworten, sondern der Geschichte selbst bzw. dem Weltgeist (vgl. Hegel 1995). Tatsächlich wird dann, wie noch zu zeigen sein wird, das 19. Jahrhundert – wiewohl durchaus ein optimistisches Jahrhundert – eher pessimistisch auf das Subjekt blicken. Das 18. Jahrhundert stellt sich subjekttheoretisch noch eher optimistisch dar, was möglicherweise damit zu tun hat, dass das politisch und rechtlich freie Subjekt zunächst in der Philosophie nur gedacht wurde, ohne praktisch geworden zu sein. Als es dann praktisch wurde, fand es sich einer von ihm selbst geschaffenen Wirklichkeit gegenüber, die sich scheinbar nicht mehr kontrollieren ließ, die dem Subjekt wieder entglitt. Die Subjekttheorie des 18. Jahrhunderts ist aber nicht nur optimistisch. Sie ist auch eine Fortsetzung der Ideen des Vorgängerjahrhunderts. Mit dem französischen Materialismus wird an Thomas Hobbes und John Locke angeschlossen, und mit der idealistischen Transzendentalphilosophie Kants wird der Versuch unternommen, Descartes (bzw. den Rationalismus) und Hume (bzw. den Empirismus) zu integrieren und dabei die Probleme, die Hume so scharfsinnig und tabulos benannt hatte, zu überwinden.

 
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