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2.4 Das 20. Jahrhundert

Das 20. Jahrhundert begann mit diversen Paukenschlägen, von denen der lauteste sicherlich der erste Weltkrieg war. Dieser schien geeignet, das etwa von Marx gezeichnete Subjektbild zu bestätigen, nach dem das Subjekt ein Anhängsel der Maschinerie ist. Nicht mehr der subjektive, heroische oder gar gestaltende Einsatz stand im Mittelpunkt dieses blutigen Konflikts, sondern die Verwendung immer größerer und wirksamerer Waffensysteme, die die Soldaten zu bloßen Ausführungsgehilfen einer mörderischen Apparatur reduzierten. Und der erste Weltkrieg war auch nicht, wie zunächst von vielen vermutet, ein temporär begrenzter Konflikt. Er dauerte vier Jahre, und erstarrte die meiste Zeit in einem brutalen Stellungskrieg, den Remarque mit seinem zu Recht bekannten Roman „Im Westen nichts Neues“ in seiner unmenschlichen Konsequenz schildert. Kurzum: „Teure Granaten und Patronen wurden verfeuert, um Menschen und Güter auf der gegnerischen Seite zu zerstören. Menschen konsumierten nicht mehr friedlich die von ihnen produzierten Güter, sondern wurden von feindlichem Kriegsmaterial konsumiert.“ (Berghan 2009: 16)

Der erste Weltkrieg kostete schätzungsweise 20 Millionen Menschen das Leben und ruinierte das europäische Wirtschaftsleben. An seinem Ende standen indessen zwei gewichtige Revolutionen, die den weiteren Verlauf der Geschichte entscheidend prägen werden und die weitere Paukenschläge zum Beginn dieses Jahrhunderts darstellten. Zum einen errichteten Lenin und Trotzki mit der Oktoberrevolution (vgl. Reed 1919/1958; Trotzki 1931-32/1973) in Russland den ersten realsozialistischen Staat und setzten damit nolens volens den Auftakt für den Kalten Krieg, der die Welt in der zweiten Jahrhunderthälfte prägen sollte. Zum anderen endete der erste Weltkrieg in Deutschland zugleich mit dem Ende der Monarchie und dem Übergang zur Weimarer Republik. Unabhängig von der Bewertung dieser beiden historischen Ereignisse bezeugen sie die andere Seite des marxschen Subjektbildes: Die Geschichtsmächtigkeit.

Dieses schien sich auch durch einen die breite Öffentlichkeit zunächst wenig tangierenden Paukenschlag zu bestätigen: Die Relativitätstheorie von Albert Einstein. Es brauchen hier nicht die physikalischen Hintergründe und Errungenschaften dieser Theorie zu interessieren. Wie jedoch Ernst Cassirer bemerkt, scheint die Relativitätstheorie die kantische Philosophie und damit die Aktivität des Subjekts zu bestätigen. Dies nicht nach ihrer inhaltlichen Seite, die noch stark an der newtonschen Physik orientiert war, sondern nach ihrer formalen, methodischen Seite. Zum einen lässt sich die Relativitätstheorie lesen als Projekt einer idealistischen Wissenschaftstheorie, nach der nicht neue empirische Erkenntnisse die Theoriebildung befeuern oder inaugurieren, sondern die vorhandenen, widersprüchlich gewordenen Erkenntnisse durch eine neue Fragestellung oder Begriffsbildung werden reintepretiert. Zum anderen „bezeichnet es [Einstein, R.B.] als das Ergebnis vor allem der allgemeinen Relativitätstheorie, dass durch sie dem Raume und der Zeit der letzte Rest physikalischer Gegenständlichkeit genommen wird. Aber diese Gegenständlichkeit war eben dasjenige, was zum mindesten von seiten der idealistisch-philosophischen Raumund Zeittheorie beständig bestritten worden war.“ (Cassirer 1920/2001: 233) Die moderne Physik, so Cassirer, treibt damit das Projekt einer Deontologisierung voran, das freilich die Befürchtungen verstärkt, es gebe keinen sicheren Halt mehr und damit nur noch die Sinnlosigkeit. Diese Befürchtungen sind jedoch insofern unbegründet, als sich der sichere Halt nur weg von der Materie auf formale Beziehungen, auf die mathematische Messung verschiebt. „Die allgemeine Relativität der Orte, Zeiten und Maßstäbe muss das letzte Wort der Physik bilden, weil die Relativierung, die Auflösung des Gegenstandes der Natur in reine Maßbeziehungen, den Kern des physikalischen Verfahrens, weil sie die grundlegende Erkenntnisfunktion der Physik ausmacht.“ (Cassirer 1921/2001: 112)

Die Fruchtbarkeit der Relativitätstheorie zeigte sich schließlich in ihrer Anwendung in der Raumfahrt, die die Welt des Subjekts größer werden ließ, aber auch grausamer. In Deutschland folgte auf die kurze Phase der Weimarer Demokratie die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten, die im zweiten Weltkrieg und vor allem im Holocaust endete. Zwei Ereignisse, die kaum mit der Vorstellung eines starken, aktiven Subjekts in Zusammenhang gesetzt werden können. Dies soll freilich nicht bedeuten, die Verantwortlichen für diese Barbarei aus der Schuld für ihre Taten zu entlassen.

Das Projekt der Nationalsozialisten, eine autokratische Diktatur zu etablieren, stand in Europa indessen nicht alleine da und die dreißiger Jahre sind ein Jahrzehnt des Niedergangs – betrachtet aus der Perspektive eines aufklärerischen Humanismus. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde, nicht zuletzt als Reaktion auf die Erfahrungen, eine Epoche der Demokratisierung eingeleitet, die bis heute weitestgehend anhält, und die von einem Prozess der Europäisierung flankiert wird (vgl. James 2004). Ökonomisch stand die Nachkriegsentwicklung auf dem Boden einer Prosperität, die europaweit den Eindruck vermittelte, Gesellschaft und Wirtschaft könnten zum Wohle der Allgemeinheit gesteuert werden. Hier findet sich – ein Stück weit repräsentiert auch durch die neue Rolle des Konsumenten (Haupt 2004) – die Vision eines gestalterischen Subjekts wieder, das allerdings mit den erneuten Wirtschaftskrisen Ende der 60er Jahre und dann in der 70er Jahren auf eine harte Probe gestellt wurde, die zu seinen Ungunsten ausging. In den 80er Jahren gab es europaweit (und in den USA) einen politischen Rechtsruck, der mit einer wirtschaftlichen Liberalisierung einherging, die zu dem führte, was unter dem modernen Begriff der Globalisierung verstanden wird und die Nationalregierungen handlungsunfähiger machte. Das Subjekt wurde, überspitzt formuliert, den internationalen Märkten ausgeliefert und damit anonymen Mechanismen, auf die es kaum Einfluss hat. Dass dieser Prozess der wirtschaftlichen Globalisierung tatsächlich global möglich wurde, hatte auch damit zu tun, dass die Diktaturen des Warschauer Pakts zusammen gebrochen waren und sich deren Märkte für den ehemaligen Westen öffneten. So sehr die Befreiung von den osteuropäischen Diktaturen auch zu begrüßen ist: Sie hinterließen ein utopisches Vakuum, weil mit ihnen die Ideen einer gerechten und freien Gesellschaft, die ideologisch für diese Gesellschaften konstitutiv waren (ohne diese Ideale auch nur annähernd verwirklicht zu haben), ebenfalls korrumpiert erschienen. Die „großen Debatten“ über die Ausrichtung der gesellschaftlichen Entwicklung, die noch bis in die 80er Jahre in einer breiten Öffentlichkeit ausgetragen wurden, sind seitdem einem inhaltsleeren Pragmatismus gewichen. Ihren vorläufigen Höhepunkt hatten solche Debatten mit der sogenannten 68er Bewegung gefunden (Gilcher-Holtey 2005). Auch dieses Ereignis war ein europaweites und wiederum auch in den Vereinigten Staaten von Amerika zu finden. Der globale Hintergrund war der Vietnamkrieg, in dem die USA behaupteten, die „freie Welt“ vor dem Kommunismus zu bewahren. Das durch Napalm und Agent Orange ausgelöste Elend der vietnamesischen Bevölkerung und das zunehmend als sinnlos empfundene Sterben der amerikanischen Soldaten machten diese Behauptung indessen zu einer Farce und führte zum Kollaps der moralischen Integrität des Westens. In Europa und insbesondere in der Bundesrepublik Deutschland kamen weitere Motive und Zielsetzungen hinzu. In der Bundesrepublik sorgte der Umstand, dass etliche ehemalige Nazifunktionäre wieder in gehobenen Stellungen tätig waren, für Empörung. Für den Bereich der Justiz zeichnet Heinrich Hannover (2005), der in dieser Zeit als politischer Anwalt tätig war, ein ernüchterndes Bild, das die These einer Kontinuität zwischen Hitlerdeutschland und der Bundesrepublik zu bestätigen scheint. Besonders problematisch war dabei, dass die bundesdeutsche Öffentlichkeit sich weigerte, die Vergangenheit hinreichend zu problematisieren (zur politisch-rechtlichen Aufarbeitung vgl. Frei 2003). Der Nationalsozialismus wurde „als System gesehen, das von dem übermächtigen Diktator und von seinen verbrecherischen Mitstreitern ausgegangen und geprägt worden sei.“ (Recker 2005: 50) Nicht zuletzt die Frankfurter Auschwitzprozesse, die Peter Weiß mit seinem Stück „Die Ermittlung“ auf die Bühne gebracht hatte, drängten jedoch zur Frage nach der Mitschuld breiter Bevölkerungsgruppen. Allein, so die verspätete Einsicht, hätten Hitler und seinen Gefolgsleute die Verbrechen nicht begehen können.

Als schließlich 1966 eine große Koalition die Regierung übernahm und ankündigte, die Notstandsgesetze (vgl. Fülberth 2007: 141 ff.) zu erlassen (was sie im Mai 1968 dann auch tat), schien es so, als würde die Bundesrepublik tatsächlich in eine faschistische Schieflage geraten. Die bereits mit der Hochschulsozialisation unzufriedenen Studierenden gingen auf die Straße, um gegen Autorität und Krieg und für Demokratie und Sozialismus zu protestieren. In diesem Zuge entwickelte sich eine „Neue Linke“, die besonders die Frühschriften von Marx wieder aufnahm und dessen Entfremdungsbegriff gegen verkrustete Strukturen und Konventionen in Anschlag brachte. Das von nicht wenigen anvisierte Ziel eines freiheitlichen Sozialismus wurde sicherlich nicht erreicht. In der Folge von 1968 erlebten die europäischen Gesellschaften aber eine kulturelle Liberalisierung, die sowohl die Rolle der Frau, den Umgang mit Sexualität, die Entdiskriminierung von Homosexuellen als auch neue Formen demokratischen Engagements betraf. Das Subjekt hatte sich aus gesellschaftlichen Bevormundungen und einem als Obrigkeit empfundenen Staat befreit. Mindestens mental gefangen blieb es aber in einer Bedrohungssituation, die die Welt an den Rand der totalen Vernichtung geführt hat: Der Kalte Krieg. Die aus dem zweiten Weltkrieg als Sieger hervorgegangenen Alliierten kündigten ab 1945 ihr Bündnis schrittweise auf und fanden sich in einer Blockkonfrontation wieder, die hegemonial von den beiden Supermächten der USA und der UdSSR repräsentiert wurden. Der so genannte Westen unter Führung der USA stand nach eigenem Anspruch für Demokratie, Menschenrechte und Marktwirtschaft. Der so genannte Osten unter Führung der Sowjetunion stand ebenfalls nach eigenem Anspruch für Demokratie, wirtschaftlich aber für eine sozialistische Planwirtschaft. Militärisch hatten sich beide Blöcke auf der einen Seite zur NATO, auf der anderen Seite zum Warschauer Pakt zusammengeschlossen. Bedrohlich an der Blockkonfrontation war, dass beide Seiten über atomare Waffensysteme verfügten, die, wäre es zum atomaren Schlagabtausch gekommen, Mitteleuropa in eine radioaktive Wüste verwandelt hätten. Und 1962 stand die Welt während der Kubakrise tatsächlich kurz vor einem Einsatz dieser Waffen. Wie inzwischen bekannt ist, hatte auf westlicher Seite der Präsident der Vereinigten Staaten, John F. Kennedy, einen atomaren Angriff nicht ausgeschlossen und auf der östlichen Seite Fidel Castro von Chruschtschow den Erstschlag eingefordert. Die daraufhin eingeleitete Phase der Entspannung, für die nicht zuletzt die Ostpolitik unter dem bundesdeutschen Kanzler Willy Brandt steht, fand in den 80er Jahren nochmal ein Ende, als mit dem Regierungsantritt von Ronald Reagan in den USA der Kurs gegenüber dem Ostblock wieder konfrontativer wurde, was sich unter anderem in dem geplanten Raketenabwehrsystem SDI spiegelte, das das Gleichgewicht der Kräfte zugunsten der Nato-Staaten ausgehebelt hätte. Insbesondere in Westeuropa formierte sich dagegen eine Friedensbewegung. Nicht wenige sahen in der erneuten Aufrüstungsrunde der Amerikaner jedoch zugleich den Beginn des Endes der Sowjetunion und damit des Kalten Krieges. Die Staaten des Warschauer Paktes waren wirtschaftlich nicht mehr in der Lage, ihren Militärhaushalt weiter auszubauen und unter der Ägide von Michael Gorbatschow kam es schließlich erst zur Annäherung, dann zur Auflösung des Blockkonflikts, der in seinen rund 45 Jahren die ganze Welt beschäftigt hatte.

Die Blockkonfrontation war dabei nicht auf den Bereich des Militärischen beschränkt. Er fand beinahe auf allen gesellschaftlichen Gebieten statt. Beide Seiten starteten einen Wettlauf um die besseren Sozialsysteme, die besseren Sportund Kulturleistungen und – besonders prestigeträchtig – um die besseren Wissenschaftsergebnisse, vor allem in der Raumfahrt. Es war aber vor allem die militärisch zugeschnittene Forschung, die auch auf dem zivilen Sektor zu neuen Entwicklungen führte. Eine dieser Entwicklungen war die Computertechnologie und eine andere das Internet. Dieses „hatte seine Anfänge in der Vorbereitung auf den Nuklearkrieg. Die in den USA eingeführte Dezentralisierung der Information sollte nicht nur verhindern, dass sämtliche Daten bei einem gegnerischen Atomschlag verloren gingen, sondern auch die Kommunikation weiterhin gewährleisten.“ (Stöver 2007:182) Nun wäre die Entwicklung sowohl der Computertechnologie als auch des Internets auch ohne die Bedrohungssituation eines Krieges, also ohne eine militärisch forcierte Forschung, denkbar gewesen. Historisch jedoch können beide Entwicklungen auf diese Situation zurückgeführt werden, weil beide Seiten der bipolaren Welt aufgrund der (realen oder imaginären) Bedrohung durch die jeweils andere Seite sich genötigt fühlten, ihren Militärapparat ständig zu modernisieren.

Die Entwicklung des Internets ist der vorläufige Höhepunkt einer Medienentwicklung, die im 19. Jahrhundert ihren Anfang hatte. Zwar wurden auch bereits in den Jahrhunderten davor Informationen über weitere Strecken ausgetauscht – zumeist per Bote. Mit den physikalischen Entwicklungen im 19. Jahrhundert wird indessen der Übergang zur Telekommunikation möglich, was zunächst zur Etablierung des Telefons und schließlich zum Radio und Fernsehen führte. Technisch wurden die beiden letztgenannten Medien möglich, weil die ursprünglich verwendete Kabeltechnologie zugunsten der Funktechnologie weiterentwickelt wurde. Die gesellschaftliche Folge der Einführung von Rundfunk und Fernsehen war, dass das 20. Jahrhundert nicht zu Unrecht als Mediengesellschaft interpretiert wird, die nach Manfred Faßler (1997: 337) die „Strukturen der Speicherung, Verbreitung, selektiven Verteilung und sozial differenzierten Nutzung von Aufmerksamkeitsmustern“ bezeichnet.

Verbunden ist mit dem Paradigma der Mediengesellschaft ist eine Veränderung der individuellen und sozialen Zeitund Raumvorstellungen. Liveschaltungen verbinden Orte und lassen den Eindruck unmittelbarer Teilnahme entstehen. Da dies zunehmend weltumspannend möglich wurde, verbanden sich mit den jeweils neu entwickelten Medien auch immer wieder Hoffnungen auf einen globalen Frieden und einen Demokratisierungsprozess – dies vor allem mit der Etablierung des Internets. Zwar kann bereits aus einer (medien-)philosophischen oder auch soziologischen Perspektive vermutet werden, dass Technik weder demokratisch noch autoritär ist, es vielmehr auf ihre Verwendung innerhalb soziokultureller Kontexte ankommt, was sich historisch insofern bestätigt, als gerade auch die totalitären Staaten des 20. Jahrhunderts die neuen Medien zu ihren Zwecken einsetzten. Zu denken ist etwa an die Nationalsozialisten, die unter der Regie von Joseph Goebbels den Rundfunk gezielt zu einem Propagandaapparat ausbauten, wobei „auch die vordergründig unpolitischen Komödien-, Musik-, und Unterhaltungsfilme einen durchaus politischen, später sogar „kriegswichtigen“ Zweck zu erfüllen hatten – den der Verbreitung optimistischer Gesinnung angesichts einer seit 1939 zusehends als drückend empfundenen Alltagstristesse“ (Kroll 2003: 23).

Unumstritten dürfte indessen sein, dass die neuen Medien das individuelle Verhalten ebenso verändert haben, wie die Praxis des sozialen Austausches. Zwar wurden die Medien in aller Regel aus militärischen oder ökonomischen Gründen eingeführt. Dem Internet etwa „verhalfen nicht Weltverbesserungsideen oder Kommunikationsideologien zum Durchbruch, sondern über weite Strecken der Wunsch nach einer umfassend digitalisierten Integration von Geschäftsfunktionen und der Entwicklung neuer Vermarktungsstrategien auf elektronischen Markplätzen.“ (Hartmann 2006: 209) Sobald die neuen Medien sich allerdings über den militärischen oder ökonomischen Bereich hinaus auch gesellschaftsweit verbreitet hatten, führte dies zu Anpassungsleistungen der Subjekte an eine medial veränderte Welt. Diese war jetzt via Telefon auch ‚zuhause erreichbar', sendete via Radio oder Fernsehen Berichte und Informationen selbst aus entlegenen Erdteilen oder setzte der realen Welt via Internet eine virtuelle Welt entgegen, die im Fall des Web 2.0 zudem interaktive Potentiale freisetzt. Neue Formen der Kommunikation mussten ausgebildet werden (z. B. im Fall der Telegramme oder der SMS-Nachrichten) und aus einer konstruktivistischen Perspektive lässt sich behaupten, die Massenmedien erzeugen eine eigene Realität. „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt wissen, in der wir leben, wissen wir durch die Massenmedien“ (Luhmann 2004: 9) Und hierbei gilt: „Sinnkondensate, Themen, Objekte entstehen […] als Eigenwerte des Systems massenmedialer Kommunikation. Sie werden im rekursiven Zusammenhang der Systemoperationen erzeugt und sind nicht darauf angewiesen, dass die Umwelt sie bestätigt.“ (Ebd.: 75) Dies sahen selbst die Vertreter der frühen Kritischen Theorie (s. u.) so, die zwar in den Massenmedien eine breitenwirksame Form der Manipulation wähnten, die aber auch nur deswegen wirksam werden kann, weil die Massenmedien eine illusionäre Wirklichkeit erzeugen. Diese kann in der Lesart der Kritischen Theorie jedoch, anders als in unter konstruktivistischen Theorieprämisse, durch die Umwelt als Schein entlarvt werden.

Unabhängig von den unterschiedlichen Bewertungen bezüglich der sozialen und politischen Auswirkungen (oder Möglichkeiten) der neuen Medien kann behauptet werden, dass mit dem Internet tatsächlich ein Sprung in der Medienentwicklung vollzogen wurde, dessen Folgen kaum absehbar sind. Denn auch im Fall des Internets gilt, dass dieses als technische Option keine politischen, moralischen oder kulturellen Implikationen hat. Was aber mit dem Internet verbunden ist, ist die Möglichkeit, dass es „als Alternative zu traditionell hierarchischen Medienkanälen und linearen Kommunikationsflüssen“ (Hartmann 2006: 166) fungieren kann. Die Subjekte sind jetzt nicht mehr nur Empfänger von Informationen, sondern können diese selbst bzw. interaktiv mitgestalten – was die Hoffnungen auf einen umfassenden Demokratisierungsprozess nährt. Dass sie diese Möglichkeit wahrnehmen, und dies im optimalen Fall in einem demokratischen Sinne, dürfte aber auch von dem Bildungsstand der Bevölkerungen abhängig sein (Beer 2002).

Wurden die neuen Medien zumeist aufgrund militärischer oder ökonomischer Motive eingeführt, verwundert es kaum, dass sie auch die Formen des Wirtschaftens verändern. Mit dem Terminus der wissensbasierten Ökonomie wird auf den Umstand hingewiesen, dass das „Tempo, mit dem zusätzliches Wissen produziert wird, und auch die Abhängigkeit der Unternehmen sowie ihrer Wettbewerbsposition am Markt von zusätzlichem Wissen“ (Stehr 2001: 69) neu ist. Dabei bleiben zwei Momente problematisch. Zum einen hat sich die erhoffte Nivellierung sozialer Ungleichheiten aufgrund des allgemein gestiegenen Wissensbedarfs nicht eingestellt. Vielmehr stellen die neuen Formen der Wissensökonomie schlichtweg zugleich neue Formen der Verteilung dar (Bittlingmayer 2005, 2006) und die erhoffte politische Emanzipation durch eine breitere Streuung und Verfügbarkeit von Wissen ist ausgeblieben (Beer 2006a, 2006b). Zum anderen ist der mit der Begrifflichkeit der Wissensgesellschaft (Wilke 2001) eng verbundene Begriff der Bildungsgesellschaft fragwürdig. Bestand die Illusion, durch die Wissensbasierung der relevanten gesellschaftlichen Funktionsbereiche werde das allgemeine Bildungsniveau steigen, so kann aus einer kritischen Perspektive das genaue Gegenteil formuliert werden. Hatte Adorno in der Mitte des 20. Jahrhunderts noch das Verdikt der Halbbildung ausgesprochen und damit gemeint, dass „die warenhaft verdinglichten Sachgehalte von Bildung auf Kosten ihres Wahrheitsgehalts und ihrer lebendigen Beziehung zu lebendigen Subjekten“ (Adorno 1959/1998: 103) dominieren, so diagnostiziert Konrad Paul Liessmann fast 50 Jahre später einen Zustand der Unbildung, der darin besteht, dass „die Idee von Bildung in jeder Hinsicht aufgehört hat, eine normative oder regulative Funktion zu erfüllen“ (Liessmann 2006: 70) Wenn er mit dieser Einschätzung richtig liegt, hat die Menschheit sich in eine Kluft zwischen ihren technischen Möglichkeiten (Neue Medien) und ihrer Anwendung manövriert. Anstatt die neuen Medien dazu zu nutzen, das allgemeine Bildungsniveau zu steigern, die demokratische Öffentlichkeit zu stärken und soziale Ungleichheiten abzubauen, wären sie die technisch perpetuierte Variante tradierter gesellschaftlicher Problemlagen. Selbst wenn dieser Einschätzung widersprochen wird, kommt es darauf an, wie die Subjekte mit den neuen Techniken und Medien umgehen, was sie aus ihnen machen und zu welchen Zwecken sie sie einsetzen und zu welchen eben nicht. Dass die neuen Medien Möglichkeiten bieten, Bildungsprozesse zu optimieren, Wissen verfügbar zu machen und demokratische Öffentlichkeiten zu erzeugen, kann kaum bestritten werden. Aber wie es bei Möglichkeiten der Fall ist: Sie müssen genutzt werden. Dies auszuloten ist sicher einer der gewichtigsten Beiträge der Subjekttheorien im 20. Jahrhundert.

 
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