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3. Inhalte des Subjekts

Dieses Dilemma der Subjekttheorie zwischen Erkenntnis und Gesellschaft findet auf einer hohen Abstraktionsebene statt. Allein, auch dann, wenn die Abstraktionsebene verlassen wird zugunsten konkreter Subjektbestimmungen, findet sich nicht ein harmonischeres Bild, nach dem das Subjekt mit sich und der Welt zufrieden sein könnte. Nachdem es in der Aufklärung zunächst oder hauptsächlich als Erkenntnissubjekt entwickelt worden war, lag es nahe, das Subjekt als Gedankenmodell auch auf den Bereich der praktischen Philosophie zu übertragen. Wenn das Subjekt in Form des Cogito logisch nicht hintergehbar ist, warum sollte es sich dann politischen, moralischen oder wirtschaftlichen Herrschaftsansprüchen beugen? Waren diese als Erkenntnisgegenstand nicht ihrerseits davon abhängig, von einem Subjekt erkannt zu werden? Bereits die Fragen signalisieren, dass es etwas wie Herrschaft geben muss, dem das Subjekt sich beugen kann. Sie signalisieren, dass eine Beschäftigung mit dem Subjekt unter den Fragestellungen der praktischen Philosophie im Grunde die gleichen Probleme behandelt, die bereits deutlich wurden: Das Subjekt steht in einer Frontstellung zu Gesellschaft. Als Erkenntnissubjekt kann es sich dieser ein Stück weit entziehen, weil seine Intention auf die Generierung wahrer Erkenntnisse gerichtet ist. Als politisches, moralisches oder Wirtschaftssubjekt steht es mitten im Getümmel um seine Freiheit, seine Integrität, seine ökonomischen Ressourcen. Und auch im Fall der praktischen Philosophie kann der Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert als Wendepunkt begriffen werden. In der Epoche der Aufklärung stürmt es gegen die aristokratische Herrschaft an, und nachdem diese überwunden worden war, steht es vor den nichtintendierten Nebenfolgen seiner Handlungen: Einer Organisation der Gesellschaft, die es nicht mehr kontrollieren kann und die zudem Exzesse aufweist, die in der Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen kulminieren.

Der Blick auf inhaltliche Bestimmungen dient also nicht so sehr dazu, das Bild zu korrigieren, das sich im Anschluss an die Formenanalyse ergeben hatte, sondern dazu, dieses Bild farbiger zu gestalten. Es darf dabei nicht übersehen, dass – wie schon angedeutet – das Subjekt hauptsächlich als Erkenntnissubjekt die Bühne philosophischer und wissenschaftlicher Betrachtungen betreten hat. Wenn für die Formenanalyse bereits signalisiert wurde, dass sie eine eigentümliche Aneignung der Ideengeschichte darstellt, so gilt dies umso mehr für die folgenden Ausführungen. In der praktischen Philosophie wird eher nicht vom Subjekt gesprochen, sondern vom Individuum oder vom Menschen. Wie jedoch im ersten Teil, soll auch weiterhin von den unterschiedlichen Referenzen dieser Begriffe abgesehen werden. Dies nicht zuletzt aus dem Grund, dass mit der Inhaltsanalyse der Versuch eines Anschlusses an die Formenanalyse unternommen werden soll. Die übergeordnete Klammer dieses Versuches ist der Subjektbegriff.

Um nun auch die Konkretisierungen selektiv aufarbeiten und an den ersten Teil anschließen zu können, wird diesen ebenfalls eine Leitdifferenz zugrunde gelegt. Da sich als ein Hauptkonflikt die Frontstellung zwischen Subjekt und Gesellschaft herauskristallisiert hatte, bietet es sich an, diese als Orientierung zu verwenden. Übersetzen lässt sich diese Frontstellung in die Differenz zwischen der Privatsphäre und der Öffentlichkeit, wobei auch hier zunächst offen bleiben soll, wie die Pole sich jeweils genauer bestimmen lassen (vgl. dazu etwa Rössler 2001). Klar ist allerdings, dass diese Differenz vornehmlich in der politischen Philosophie beheimatet ist. Im Folgenden soll eine inhaltliche Ausarbeitung des Subjektbegriffes indessen nicht auf die politische Philosophie beschränkt bleiben. Sie dient dazu, zentrale Kategorien des politisch-gesellschaftlichen Zusammenlebens (Freiheit, Gerechtigkeit, Herrschaft, …) zu fokussieren. Damit werden jedoch nicht alle Bereiche, in denen das Subjekt auf die Gesellschaft trifft, abgedeckt. Der Blick auf die politische Dimension von Gesellschaft wird daher ergänzt durch moralphilosophische Überlegungen, die unterhalb des Politischen die Ebene des intersubjektiven und informellen Handelns fokussieren, und wirtschaftstheoretische Überlegungen, die den für moderne Gesellschaften einflussreichen Bereich der Ökonomie beleuchten. Damit empfehlen sich dann Kodifferenzen. Moralphilosophisch lässt sich die Differenz zwischen einer individuellen Nutzenorientierung und einer Orientierung an ethisch-moralischen Prinzipien verwenden und in Bezug auf wirtschaftstheoretische Überlegungen die Differenz zwischen einer egologischen Profitmaximierung und einer kollektiven Steuerung wirtschaftlichen Handelns. Diese Kodifferenzen sollen auch zunächst unterbestimmt bleiben, und es muss darauf hingewiesen werden, dass sie nicht synonym mit der Differenz zwischen der Privatsphäre und der Öffentlichkeit sind. Es wird zu eruieren sein, ob sich Verbindungslinien zwischen den verschiedenen Differenzpaaren aufzeigen lassen, wobei diese Linien keineswegs nur die jeweils eine Seite der Differenz verbinden müssen. Zu denken ist etwa an die marxsche Kritik, dass die private Freiheit (politische Philosophie) durch eine egologische Profitmaximierung (Wirtschaftstheorie) konterkariert wird. Anders formuliert: Die Unabhängigkeit des Subjekts von der Gesellschaft muss nicht zwingend als individueller Handlungsfreiraum konzipiert werden.

 
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