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2.1.1 Südostasien in kolonialer Zeit

Die präkolonialen Reiche in Kontinentalsüdostasien mit Ausnahme von Vietnam (vgl. Kap. 13) sowie im vorislamischen insularen Südostasien (vgl. Houben 2003) waren keine Territorialstaaten mit einer einheitlichen, zentralistischen Verwaltung und einem klar umrissenen Staatsgebiet. Sie waren vielmehr politische Ordnungen, in denen lokale Herrschaftsverbände innerhalb eines geographischen Raums ohne präzise definierte und mit sich stetig verändernden Grenzen in einem tributpflichtigen Abhängigkeitsverhältnis zu mächtigeren Herrschern standen. Die konstituierenden Einheiten dieser „Mandala“Staaten waren nicht Territorien, sondern Beziehungsgeflechte zwischen unterschiedlich mächtigen Herrschern. Der Einfluss des politischen Zentrums über die lokalen Herrschaften unterlag über die Zeit erheblichen Schwankungen, nahm jedoch vom Zentrum zur Peripherie hin stetig ab, wobei sich zentripetale und zentrifugale Tendenzen immer wieder abwechselten (Wolters 1999, S. 17). Zwischen 1511, dem Jahr der Einnahme des Sultanats Malakka durch die Portugiesen, und dem zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhundert geriet die gesamte Region mit Ausnahme von Siam, dem heutigen Thailand, unter die Herrschaft der westlichen Kolonialmächte. Der Beginn der Kolonialisierung lässt sich meist nicht auf das Jahr exakt benennen, zumal die Durchsetzung der Kolonialherrschaft sequentiell verlief. In Niederländisch-Ostindien (dem heutigen Indonesien) etwa dauerte dieser Prozess von der Gründung der Kapitale Batavia (das heutige Jakarta) im Jahre 1619 bis zur vollständigen Niederwerfung Acehs 1912 (Andaya 1999; Tarling 1999). Auf den Philippinen lässt sich zwar der Beginn der beständigen spanischen Kolonialherrschaft auf das Jahr 1565 datieren. Bis zum spanisch-amerikanischen Krieg von 1898 hatte die spanische Krone aber große Teile des von Muslimen bewohnten Mindanao und des Sulu-Archipels im Süden noch nicht unterworfen. Auch die amerikanische Kolonialmacht benötigte etwa zwei Jahrzehnte, um ihre Herrschaft über die Philippinen zu festigen. Selbst danach wurden die muslimischen Gebiete in Mindanao separat verwaltet. Aus Gründen der besseren Anschaulichkeit weist die nachfolgende Übersicht (Tab. 2.1) als Beginn der Kolonialisierung lediglich ein erstes markantes Datum aus.

Die Vielzahl unterschiedlicher Organisationsformen und Praktiken kolonialer Herrschaft lässt sich vereinfachend in zwei Grundtypen zusammenfassen (Trocki 1999, S. 90–97)[1]. Der erste Typ der direkten Herrschaft, bei dem eine koloniale Verwaltungsstruktur die bestehenden politischen Strukturen ersetzte, war die Ausnahme (Houben 2003, S. 19). Beispiele waren das französisch beherrschte Cochin-China, das weite Teile Südvietnams und Ostkambodschas umfasste sowie die britischen „Straits Settlements“ („Siedlungen an der Meeresstraße“) auf der malaiischen Halbinsel und „Ministerial Burma“. Der zweite, häufigere Typ war die indirekte Herrschaft, wie sie beispielsweise mittels traditioneller malaiischer Herrscher in weiten Teilen von Britisch-Malaya sowie im heutigen Brunei und in Kambodscha und Laos bestand. Sie basierte auf dem Prinzip der Kooptation traditioneller Herrscher und einheimischer Eliten im Rahmen einer dualen Verwaltungsund Herrschaftsstruktur: ein Resident oder Distriktbeamter auf re-

Tab. 2.1 Eckdaten der Kolonialisierung

Kolonialmacht

Beginn der Kolonialisierung

Jahr der Unabhängigkeit

Brunei

Großbritannien

1888

1984

Burma

Großbritannien

1826

1948

Indonesien

Niederlande

1619

1949

Kambodscha

Frankreich

1863

1954

Laos

Frankreich

1893

1954

Malaysia

Großbritannien

1786

1957

Philippinen

Spanien und

1565

USA

1898

1946

Singapur

Großbritannien

1819

1965

Thailand

Vietnam

Frankreich

1859

1954

Osttimor

Portugal

1586

1975

(Indonesien)

(1975)

(2002)

Als Jahr der Unabhängigkeit wurde in der Regel das Jahr des Beitritts zu den Vereinten Nationen gewählt. Im Falle von Vietnam, Kambodscha und Laos wurde 1954 als Jahr der Genfer Indochina-Konferenz gewählt, auf der Frankreich die volle Souveränität von Nordund Südvietnam, Laos und Kambodscha anerkannte. Für Indonesien wurde 1949 angegeben, als das Jahr, in dem die Niederlande die Unabhängigkeit Indonesiens anerkannten (West-Papua blieb bis 1967 unter niederländischer Verwaltung). Quelle: Zur Erläuterung des als Beginn der Kolonialisierung benannten Jahres vgl. die betreffenden Länderkapitel

gionaler Ebene arbeitete mit traditionellen Herrschern zusammen, die über die lokale Autorität und Legitimität verfügten (Houben 2003, S. 19).

Ein Beispiel für das System der Zusammenarbeit kolonialer und einheimischer Eliten war die niederländische Herrschaft auf Java (Kuitenbrouwer 1993). In der Theorie regierten die javanischen Herrschaftshäuser ihr Territorium selbstverantwortlich, während die Holländer nur indirekt Einfluss nahmen. In der Realität jedoch lag die Kontrolle über die Politik der lokalen Herrscher bei den Holländern. Darüber hinaus erweiterte die niederländische Krone, die 1800 die Kontrolle über die Kolonie von der „Vereinigten Ostindischen Handelskompanie“ („Vereenigde Oostindische Compagnie“, VOC) übernommen hatte, sukzessive ihren Zugriff auf weitere Gebiete im indonesischen Archipel. Die französischen Protektorate Tonking, Annam, Kambodscha und Laos sind weitere Beispiele für die Realität der indirekten Herrschaft. Formal blieben der vietnamesische Kaiser sowie die Könige von Kambodscha und Laos die Staatsoberhäupter ihrer Länder. Tatsächlich jedoch lag die Macht in den Händen eines Generalgouverneurs („resident général“, vgl. Kap. 5, 6 und 13 in diesem Band).

Seine Hochphase erlebte der westliche Kolonialismus in Südostasien in der Zeit nach 1870 (Osborne 1990). Mit Ausnahme von Siam waren sämtliche Gebiete unter kolonialer Herrschaft. Die territoriale Grenzziehung war abgeschlossen und eindeutig definierte politisch-administrative Einheiten waren geschaffen worden, die sich dem Anspruch nach an dem westlichen Staatsmodell orientierten. In der Realität führte die Koexistenz von europäischem Anspruch und lokalen Gegebenheiten überall zu erheblichen Kompromissen. Die so entstandenen hybriden Formen von Staatlichkeit kombinierten traditionelle Elemente lokalen Ursprungs mit westlichen Anspruchsformen (Schlichte 2005).

Die im 19. Jahrhundert einsetzenden Wandlungsprozesse in Wirtschaft, Politik, Kultur und Demographie wurden durch die vertikale und horizontale Expansion der Kolonialherrschaft um die Jahrhundertwende noch vertieft. Das äußerte sich in der Zentralisierung der Verwaltung, Vereinheitlichung der Gesetze, des Wirtschaftsund Steuersystems sowie dem Aufbau moderner Verkehrsinfrastruktur und Telekommunikationssysteme (Reiterer 2003, S. 26 f.). Mit der militärischen Sicherung, der verkehrsmäßigen Erschließung, der ökonomischen Beherrschung und der rechtlichen Anbindung an die Kolonialmacht wurden die bestehenden traditionalen Herrschaftsverhältnisse abgelöst oder die Rechte indigener Herrscher sehr stark beschnitten (Reiterer 2003, S. 26 f. Angesichts der unsicheren Loyalitäten und Machtverhältnisse unter den lokalen (Mehrheits-)Bevölkerungen rekrutierten die Kolonialmächte ihre Beamten und Kolonialtruppen verstärkt aus politisch loyalen Minderheiten wie den Chinesen und Indern in der Verwaltung von Britisch Malaya bzw. Birma, Vietnamesen in den französischen Protektoraten, Ambonesen in der niederländischen Kolonialarmee oder Karen, Chin und Kachin im britischen Militär in Birma (Reiterer 2003, S. 26 f.).

Bis Ende des 19. Jahrhunderts war fast überall ein auf Anbindung an das koloniale

„Mutterland“ ausgerichtetes kapitalistisches Wirtschaftssystem entstanden. Häufig entwickelten sich ethnisch segmentierte Wirtschaften, was noch verstärkt wurde durch das Anschwellen der Migrationsströme, in deren Folge Arbeitskräfte aus China und Indien nach Südostasien (insbesondere die malaiische Halbinsel, Thailand und Indonesien) immigrierten. Am Beispiel von Niederländisch-Ostindien lassen sich demographische und ökonomische Folgen der Kolonialherrschaft gut illustrieren: Nach der Auflösung der VOC (1799) hatte der niederländische Staat die Kolonien übernommen. Im 19. Jahrhundert kam es zu einer enormen Ausweitung der Anwerbung von chinesischen Arbeitskräften. Die Profite aus dem Plantagensystem, der Ausbeutung natürlicher Ressourcen (v. a. auf den äußeren Inseln) sowie aus dem Handel gingen in erster Linie an Europäer und asiatische Immigrantengruppen (insbesondere Chinesen), denen es gelang, sich in ökonomischen Nischen zu etablieren. Die stark gewachsene einheimische Bevölkerung hingegen partizipierte nur in geringem Umfang an der prosperierenden Entwicklung (Tab. 2.2).

Die Zuwanderung einer großen Zahl an Chinesen und Indern sowie Binnenmigration veränderten die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerungen in großen Teilen Südostasiens und brachte neue, teils bis heute virulente Konflikte mit sich. Als Reaktion auf die durch den Kolonialismus angestoßenen Veränderungen entstanden in den 1920er

Tab. 2.2 Bevölkerungsund Einkommensentwicklung in Niederländisch-Ostindien (1700–1929)

Indonesier

Chinesen und andere Asiaten

Europäer

Bevölkerung

Pro-KopfEinkommen

Bevölkerung

Pro-KopfEinkommen

Bevölkerung

Pro-KopfEinkommen

1700

13.015

47

80

156

7,5

1245

1820

17.829

49

90

193

8,3

2339

1870

28.594

50

279

187

49

2163

1913

49.066

64

739

240

129

3389

1929

58.297

78

1334

301

232

4017

Bevölkerung in 1000 Personen, Einkommen in Gulden zu konstanten Preisen von 1928. Quelle: Maddison (2006, S. 89)

und 1930er Jahren zahlreiche Reformbewegungen (Kratoska und Batson 1999). Von vorangegangenen Widerstandsbewegungen und lokalen Aufständen unterschieden sie sich in Herkunft, Ideologie, Zielsetzung und Vorgehensweise (Reiterer 2003). Das Ziel war, vereinfacht gesprochen, nicht die Rückkehr zu den Verhältnissen vor der Kolonialisierung oder das Aufbegehren gegen akute soziale und wirtschaftliche Not, sondern die Übernahme und Gründung souveräner Nationalstaaten auf der Grundlage der von den Kolonialmächten geschaffenen neuen Staatlichkeit.

Die Gründe für das Auftreten der Reformbewegungen waren ebenso vielfältig wie ihre Trägerschichten und sie unterschieden sich von Fall zu Fall. Zu den wichtigsten Ursachen zählten erstens das Entstehen einer einheimischen Mittelschicht und Intelligentia infolge der verbesserten Schulbildung, Einführung westlicher Verwaltungsformen sowie besserer Reise-, Kommunikationsund Informationsmöglichkeiten. Hinzu kamen zweitens wachsende Spannungen zwischen asiatischen bzw. europäischen Zuwanderern und den lokalen Bevölkerungen. Drittens war die Schwächung der europäischen Mächte aufgrund der Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs und der Weltwirtschaftskrise von großer Bedeutung. Schließlich hatten auch die Verbreitung antikolonialer Ideologien, die Vorbildwirkung der Meiji-Reformen in Japan sowie die Revolutionen in China (1911) und Russland (1917) einen Einfluss (Kratoska und Batson 1999; Reiterer 2003, S. 31).

Grundlegend für Länder wie Birma und Indonesien war die Konkurrenz zwischen den nach Unabhängigkeit strebenden politischen Vertretern der kulturellen Mehrheit, die einen auf der Anerkennung der von der Kolonialmacht geschaffenen territorialen und politischen Einheit beruhenden „territorialen Nationalismus“ (Kratoska und Batson 1999,

S. 253 ff.) propagierten und nationalistischen Gruppen der Minoritäten, die einen „ethnischen Nationalismus“ (Kratoska und Batson 1999, S. 286 ff.) vertraten und einen eigenen Staat beanspruchten. Hinzu kamen Gruppierungen, die nur ein geringes Interesse an politischem Nationalismus und Unabhängigkeit zeigten, aber soziale und religiöse Reformen einforderten (Kratoska und Batson 1999, S. 286 ff.).

In Niederländisch-Ostindien entstanden Reformbewegungen bereits in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg (Ricklefs 2001, S. 210 ff.): 1) die 1911 gegründete Islamische Vereinigung („Sarekat Islam“), die eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Muslime anstrebte und innerhalb weniger Jahre zur ersten politischen Massenbewegung Indonesiens aufstieg; sodann 2) die 1912 entstandene „Muhammadiya“ als organisatorische Vertretung des modernistischen Islam sowie 3) die marxistische „Indische Sociaal-Demokratische Vereeniging“ (Indische-sozialdemokratische Vereinigung, ISDV). Nach dem Ersten Weltkrieg gründeten indonesische Studenten die „Indonesische Vereinigung“ (Perhimpunan Indonesia, PI). Das Scheitern der Pläne zur Schaffung einer nationalrevolutionären Sammlungspartei aus Kommunisten, Perhimpunan Indonesia und anderen nationalistischen Gruppen führte 1927 zur Gründung der „Indonesischen Nationalen Vereinigung“ (Partai Nasional Indonesia, PNI). Unter der Führung von Sukarno und Hatta wurde die PNI mit dem Leitspruch „Ein Volk, eine Sprache, ein Land“ zum Bannerträger der indonesischen Unabhängigkeitsbewegung (Ricklefs 2001, S. 229 ff.).

In Britisch-Birma – seit 1937 unter begrenzter Selbstverwaltung – formierte sich der Widerstand gegen die Kolonialmacht in Konfrontation sowohl mit der britischen Kolonialmacht als auch mit den Nationalismen ethnischer Minoritäten. Die 1906 gegründete YMBA („Young Men's Buddhist Association“) agitierte für eine Revitalisierung des burmanischen Buddhismus als Gegengewicht zu westlichen Einflüssen. Sie erwies sich als wenig schlagkräftig, beeinflusste jedoch die Gründung der patriotischen „Wir-BirmanenBewegung“ („Do Bama Asiayone“) durch Studenten der Universität Rangoon (1932). Ihre Mitglieder redeten sich als „Herren“ (Thakin) an. Angehörige der Thakin-Bewegung

– darunter auch der „Vater der burmanischen Unabhängigkeit“, Aung San, und der spätere Staatschef Ne Win – gingen 1941 zur militärischen Ausbildung nach Japan und gründeten die „Burmanische Unabhängigkeitsarmee“ (BIA; Owen 2006, S. 324 ff.).

In Laos, Kambodscha und Vietnam nahm das Unabhängigkeitsstreben einen anderen Verlauf. In den beiden erstgenannten Fällen entwickelte sich erst spät ein anti-kolonialer Nationalismus. Die Unabhängigkeit der beiden Königreiche (1954) war vor allem ein Ergebnis des Unabhängigkeitskampfes der vietnamesischen Nationalbewegung. In Vietnam waren in den Zwischenkriegsjahren zahlreiche anti-französische Gruppen entstanden, darunter insbesondere die „Vietnamesische Nationalistische Partei“ (VNQDD) (Owen 2006, S. 340 f.). Sie wurde 1930 von der Kolonialmacht zerschlagen. Das ermöglichte der „Kommunistischen Partei Indochinas“ unter Führung von Ho Chi Minh (alias Nguyen Ai Quoc) den Aufstieg zur führenden Kraft der vietnamesischen Nationalbewegung. Nachdem 1939 japanische Truppen in Französisch-Indochina gelandet waren, um die Nachschubwege der nationalchinesischen Truppen zu unterbinden, besetzten sie im darauffolgenden Jahr große Teile der Kolonie, wenngleich die französische Verwaltung formal im Amt blieb. Als Reaktion auf die japanische Besetzung entstand 1941 die

„Viet Nam Doc Lap Dong Minh“ (Vietminh, „Liga für die Unabhängigkeit Vietnams“). Sie erkämpfte nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Unabhängigkeit von Frankreich.

Die Erosion der westlichen Machtstellung nach dem Ersten Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise läuteten das Ende der europäischen Vorherrschaft in diesem Teil des Pazifiks ein (Berger 2009). Die militärischen Erfolge Japans in Südostasien verliehen den Nationalbewegungen einen zusätzlichen Mobilisierungsschub. Nachdem die japanischen Truppen die holländischen, britischen und amerikanischen Kolonien in Südostasien im Verlauf des Jahres 1942 erobert hatten, nutzten sie die anti-westliche Stimmung für sich, indem sie Burma und Indonesien die Unabhängigkeit in Aussicht stellten und nationalistische Gruppen förderten (Christie 2000, S. 11 ff.). Mit japanischer Erlaubnis erklärten sich 1943 Burma und die Philippinen für unabhängig (wobei die japanische Besatzung fortdauerte). 1944 bekundete die japanische Regierung die Absicht, auch Indonesien die Unabhängigkeit zu gewähren. Im August 1945, wenige Tage vor der Kapitulationserklärung Japans, riefen die Nationalisten unter Sukarno und Hatta die unabhängige Republik Indonesien aus (Ricklefs 2001, S. 247–260). Die niederländische Kolonialmacht versuchte militärisch die Kontrolle zurückzugewinnen, musste aber 1949 die Unabhängigkeit des Landes anerkennen.

Der Verlauf der Dekolonisierung auf den Philippinen und in Britisch-Malaya unterscheidet sich deutlich von den anderen Fällen. Auf den Philippinen war bereits in der Endphase der spanischen Kolonialherrschaft eine nationale Bewegung entstanden. Westlich gebildete Intellektuelle forderten in den 1880er Jahren die Gleichbehandlung der Philippinen als Provinz innerhalb des Spanischen Königreichs. Ein Jahrzehnt später wurde die Geheimgesellschaft „Kapitunan“ gegründet, die 1896 den Kampf gegen die spanischen Truppen startete (Abinales und Amoroso 2005, S. 102 ff.). Allerdings war die Nationalbewegung weder politisch noch militärisch schlagkräftig genug, um die Unabhängigkeit zu erkämpfen. Vielmehr ging die Herrschaft über die Philippinen nach dem Sieg der Vereinigten Staaten im Spanisch-Amerikanischen Krieg (1898) auf die USA über. Nachdem die neue Kolonialmacht den Widerstand der philippinischen Nationalisten mit militärischer Gewalt zerschlagen hatte, gelang es ihr durch die Gewährung von Selbstverwaltungsrechten, die philippinischen Eliten einzubinden (Abinales und Amoroso 2005, S. 134 ff.). Das Commonwealth-Statut von 1935 sah für 1946 die Unabhängigkeit vor. Die Umsetzung des Fahrplans zur Unabhängigkeit wurde durch die japanische Besetzung (1942–1945) unterbrochen, aber bereits ein Jahr nach der Rückeroberung der Inseln im Frühjahr 1945 wurden die Philippinen in die Unabhängigkeit entlassen.

Auch in Britisch-Malaya erfolgte die Dekolonisierung auf dem Verhandlungswege. Als Folge der auf Einbindung der traditionellen Eliten bedachten Politik der Kolonialmacht formierte sich erst relativ spät eine malaiische Nationalbewegung (Stockwell 1977). Das Entstehen einer anti-britischen Nationalbewegung wurde zudem erschwert durch die Konflikte innerhalb der ethnisch segmentierten Gesellschaft und dem Interessengegensatz zwischen Chinesen, Indern und Malaien. Schließlich einte malaiische Eliten und Briten der Kampf gegen die Kommunistische Partei Malayas (Communist Party of Malaya, CPM), die vor allem von der chinesischen Bevölkerungsgruppe unterstützt wurde und ab 1946 einen Guerillakampf führte (Loh 2002, S. 22). Vorbedingung für die Unabhängigkeit war der 1955 unter Vermittlung der Kolonialmacht zustande gekommene Interessenausgleich zwischen den drei Volksgruppen („The Bargain“). Dieser stellte den Chinesen und Indern die Staatsbürgerschaft sowie den Schutz ihres Eigentums in Aussicht und schrieb im Tausch hierfür die politische Vorrangstellung der Malaien in dem als Föderation Malaya 1957 unabhängig gewordenen Staat fest.

  • [1] Die Unterscheidung von direkter und indirekter Herrschaft geht auf Furnivall (1956) zurück. Sie ist hilfreich, vereinfacht aber auch die komplexe, durch das Nebenund Miteinander unterschiedlicher Institutionen charakterisierte Realität in den Kolonien. Tatsächlich verlief die Entwicklung der kolonialen Ordnung in aller Regel inkrementell, wobei die Kolonialmächte vor allem in der Etablierungsphase ihrer Herrschaft eher auf die sich rasch wandelnden Veränderungen der lokalen Bedingungen reagierten, als dass sie einer durchdachten Strategie der Institutionengründung folgten.
 
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