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3.2 Das 18. Jahrhundert

Dass John Locke der Begleiter der „Glorius Revolution“ war, dürfte ebenfalls unumstritten sein. England war zu einer konstitutionellen Monarchie geworden. Europaweit war es damit ein Vorläufer der langsam einsetzenden Demokratisierung. In Frankreich stellten sich die Verhältnisse zunächst abweichend vom englischen Weg dar. Zwar hatte es zur Zeit des englischen Bürgerkrieges auch hier einen Versuch gegeben, die politischen Verhältnisse zu ändern. Anlass war die Steuerpolitik, die noch unter Kardinal de Richelieu eingeführt worden war, und die vom Adel als Affront und Belastung empfunden wurde. Frankreichs Eintritt in den Dreißigjährigen Krieg und vor allem der Krieg mit Spanien (1635-1659) verschlangen eine enorme Geldmenge, die durch Steuern eingetrieben werden sollte. Die Hauptlast trug dabei die Bauernschaft, die ihrerseits mit Revolten antwortete. Die daraus resultierende Schwäche der Monarchie wurde vom Adel und vom Parlament genutzt, um einstige Rechte wieder zu erlangen. Durch die Flucht der Königinmutter, Anna von Österreich, aus Paris und der anschließenden Belagerung der Stadt, konnte indessen die Herrschaft der Krone und damit die Herrschaft Ludwig XIV. gesichert werden. Auch weitere Versuche eines Aufstandes gegen die Krone konnten siegreich beendet werden, so dass in Frankreich eine konstitutionelle Monarchie verhindert wurde. Ludwig XIV. kam dabei entgegen, dass „es gleichermaßen an einem Führer wie Cromwell und an einer revolutionären Staatskonzeption [fehlte] – mehr als ein Streit um Partikularinteressen fand nicht statt.“ (Schultz 2006: 37) Dieser Streit jedoch war für Ludwig XIV. ein Hinweis auf die Fragilität seiner Regentschaft, den er sein Leben nicht vergessen wird und aus dem er seine Konzeption der absoluten Monarchie ableiten wird.

Er hat die Rivalitäten zwischen Adel und Königtum eindeutig zu seinen Gunsten entschieden. Das Besondere an seinem Handeln dabei war, dass die Entscheidung nicht militärisch ausgefochten wurde, sondern kulturell. Ludwig XIV. ist der Nachwelt nicht nur wegen des Bauwerks Versailles in Erinnerung geblieben. Es war vor allem das „System Versailles“, das die grundlegenden politischen Verhältnisse reformiert hat. Hatten zuvor die Könige eher die Stellung eines Adeligen unter Adeligen, verstand es Ludwig der XIV. seine Stellung gegenüber dem Adel zu erhöhen, indem er den Adel erniedrigte. Er holte ihn an den Hof von Versailles und modifizierte den Adel vom Schwertadel zum Hofadel. Er konnte zu diesem Zweck an die Entwicklung der Waffentechnik und der Kriegsführung anknüpfen, die den ehemaligen Schwertadel ohnehin in eine finanziell desaströse Situation gebracht hatte. Da der König aufgrund seiner Machtposition in der Lage war, Gelder für größere Söldnerheere aufzubringen, wurde der Schwertadel überflüssig. Geblieben war dem Adel indessen ein Standesdünkel, den Ludwig XIV. mit der Hofetikette auf die Spitze trieb. Inhaltlich stellte sich der Standesdünkel so dar, dass der Adel, um seinen Adelstand zu erhalten, einen entsprechenden Lebensstil pflegen musste. Gleichzeitig war es verpönt, zu arbeiten oder Unterhalt durch kommerzielle Unternehmungen zu erzielen. Der Adel war damit in der Falle zwischen kostenaufwendiger Lebensführung und sinkenden Einnahmen. Ludwig XIV. machte sich dies zunutze, indem er zum einen Pensionen anbot und zum anderen den Adel eben an den Hof von Versailles holte. Dem Adel blieb nichts anderes übrig, als dieses Spiel mitzuspielen – bei Strafe des Untergangs. Am Hof selbst etablierte Ludwig XIV. eine Etikette, die Norbert Elias plausibel als Herrschaftsinstrument deutet. Es ging um Prestige und die Nähe zum König, die nicht formell durch politische Positionen markiert war, sondern informell durch das Einhalten ungeschriebener Gesetze.

„Das Verhalten, das die höfischen Menschen jeweils einem anderen gegenüber für angemessen hielten, war für diesen selbst wie für alle Beobachter ein ganz genauer Anzeiger dafür, wie hoch er augenblicklich nach der gesellschaftlichen Meinung im Kurse stand.“ (Elias 1969/2002: 157) Die Etikette und das Zeremoniell verselbstständigten sich in dem Maße, wie sie zu einer zweiten Natur wurden „mehr und mehr zu einem gespenstischen Perpetuum mobile, das deswegen weiter bestand und weiter lief, weil es, wie von einem unerschöpflichen Motor, von der Konkurrenz um Statusund Machtchancen der darin verstrickten Menschen im Verhältnis zueinander ebenso wie zu der Masse der Ausgeschlossenen und von ihrem Bedürfnis nach einem deutlich abgestuften Prestige fort und fort getrieben wurde“ (Ebd.: 149). Als zwar äußerliches Verhalten wirkte die Etikette dabei jedoch nur, weil sie mit einem Selbstzwang verbunden wurde. Die höfische Gesellschaft war alles andere als ein dekadentes und freiheitliches Leben. Der Luxus war nötig, weil er als Distinktionsmoment bzw. als „demonstrativer Konsum“, durch den „der vornehme Herr Prestige“ (Veblen 1958/1986: 85) erwirbt, fungierte. Das Einhalten des Hofzeremoniells war nötig, um die eigene Stellung am Hof nicht zu gefährden. Eine Revolte gegen Etikette und Zeremoniell hätte bedeutet, den Adelstand sui generis in Frage zu stellen. Es ging also nicht um politische Macht, zumal der Hofadel von allen politischen Ämtern ausgeschlossen war, und nicht um monetären Gewinn, der jenseits des Hofes in der sich ausbreitenden bürgerlichen Gesellschaft eher zu realisieren gewesen wäre, sondern um die exklusive Stellung gegenüber dem Landadel und dem Volk. Der König selbst war von diesem Distinktionsspiel keineswegs ausgenommen. Er brauchte den Stand des Hofadels, weil seine Position durch dessen Existenz garantiert wurde. Der König war Teil des Hofadels, und er macht sich dessen Prestigebedürfnis zunutze, geriet dabei aber seinerseits in die Zwänge des höfischen Lebens. Ein großer Teil des Zeremoniells war schließlich auf den König zugeschnitten – etwa das lever, das morgendliche Aufstehen des Königs. Dies bedeutet nicht, dass Ludwig XIV. nicht über Machtchancen verfügt hätte, die alle anderen Sozialpositionen weit überragten. Er war ein absolutistischer Herrscher, und die Frage nach einer demokratischen Alternative drängt im 18. Jahrhundert sicher nicht zufällig auf den Plan.

Die Nachfolger Ludwig XIV. vermochten auch nicht, die einstige Größe der absoluten Monarchie aufrecht zu erhalten, da gleichzeitig wirtschaftliche Probleme das Land plagten. Denn nicht nur politisch unterschied sich Frankreich im 18. Jahrhundert von England. Auch wirtschaftlich zeigten sich gravierende Differenzen. Georg Fülberth spricht in Bezug auf die Epoche von einem vorindustriellen Kapitalismus, der sich vornehmlich als Handelskapitalismus darstellte. „Da Lohnarbeit noch keine prägende Tatsache war, gab es Anwendungen von Kapital im wesentlichen zwar in der Zirkulationssphäre, aber nur untergeordnet in der Produktion selbst: der Kapitalismus hatte die Produktion noch nicht durchgehend erfasst.“ (Fülberth 2008: 133) Nichts desto trotz bahnt sich eine neue Wirtschaftsform den Weg: der Kapitalismus. Taktgeber dieser Entwicklung war England. In Frankreich blieb unter der Ägide des Absolutismus bzw. der Herrschaft des Adels, der an industriellen Unternehmungen nicht interessiert war, die Landwirtschaft der entscheidende Wirtschaftssektor. In England war es die „Entwicklung der Eisenund der Textilindustrie im allgemeinen und der Baumwollindustrie im besonderen“ (Treue 1973: 57), die das Gesicht des Landes prägten – und mit diesen Industrien ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zunehmend die Entstehung einer Arbeiterklasse. Diese brachte die soziale Frage mit, die sich im Kern darum drehte, dass die Arbeiter zwar Werte schufen, in der Regel aber in menschenunwürdigen Verhältnissen lebten. Die Auflösung feudaler Bindungen hatte begonnen, und die Freisetzung aus feudaler Herrschaft wurde erkauft mit der gleichzeitigen Freisetzung aus sozialen Sicherheitsnetzen, wie sie etwa durch die Zünfte gewebt worden waren. Der Kapitalismus verträgt sich nicht mit solchen Strukturen, die die unternehmerische Freiheit einschränken. Mit dem Kapitalismus erobert eine Wirtschaftsform den europäischen Kontinent, die mit einer absolutistischen Regentschaft nicht mehr viel anzufangen weiß. Zwar kann eine kapitalistische Wirtschaft in einem totalitären Staat existieren, wie die Beispiele lateinamerikanischer Diktaturen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts demonstrieren. Im 18. Jahrhundert gehen Demokratie und Freiheit auf der einen Seite und Kapitalismus auf der anderen Seite jedoch noch eine enge (Theorie-)Liaison ein. Staatliche Eingriffe in das Wirtschaftsgeschehen werden als Hindernis für eine wirtschaftliche Entwicklung gesehen, was etwa in der Forderung nach einem Freihandel zum Ausdruck gebracht wird. Die physiokratische Schule mit ihrem Ruf nach einem „Laissez-faire“ wird zur Herausforderung für den Merkantilismus, der zwar in Frankreich durchaus Erfolge erzielt hatte, im Rahmen eines zunehmenden Überseehandels aber aufgrund seiner protektionistischen Züge nicht mehr funktional war. Kurzum: Im 18. Jahrhundert verstärkt sich der Ruf nach Demokratie vor dem Hintergrund absolutistischer Machtkonzentration einerseits und einer Kapitalisierung der Wirtschaftsform andererseits. Dieses Verstärken des Rufes nach Demokratie ist nun keine Verstärkung in dem Sinne, dass der Ruf lauter wird. Das passiert mit der Französischen Revolution sicher auch. Bedeutender ist, dass im 18. Jahrhundert die Forderung nach liberalen Bürgerrechten ergänzt wird durch die Forderung nach politischen Teilhaberechten. Locke hatte vor allem Freiheitsrechte im Sinn, die eine ungehemmte Entfaltung der Privatbürger sowohl nach ihrer ethischen Seite, als auch nach ihrer ökonomischen Seite bedingen sollten. Damit war das Bürgertum aber noch lange nicht an der Macht. Es hatte sich einen Freiraum erkämpft, den es nun im 18. Jahrhundert auszubauen galt. Die Monarchie – insbesondere in ihrer absolutistischen Variante – privilegierte nach wie vor den Adelstand, der auch dann noch Vorrechte genoss, wenn er völlig verschuldet auf wohlhabende Bürger traf, die nicht selten dem Adel mit Geld aushelfen mussten. Es war daher naheliegend, dass der wirtschaftlichen Stellung des Bürgertums auch eine politische Mitsprache entsprechen sollte.

 
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