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3.2.2 Kapitalismus

Ein Denken über die Ökonomie hatte es seit der Antike gegeben. Vergleichbar mit dem heutigen Denken über Ökonomie war es indessen nicht. Wirtschaftliches Handeln wurde grundsätzlich in politische oder religiöse Kontexte eingebettet. Die mittelalterliche Ökonomie etwa fußte auf dem Christentum und stellte sich als Caritas-Ökonomie dar (Priddat 2002). Gemeint ist damit, dass die Reichtumsverteilung sich zwar einerseits an der feudalen Ständegesellschaft orientierte, sich aber andererseits in das Bild der christlichen Nächstenliebe einfügen lassen musste. Die Akkumulation privaten Reichtums war daher nur bis zu der Grenze legitim, innerhalb derer ein standesmäßiger Lebensstil geführt werden konnte. Dass die Adeligen für ihren Lebensunterhalt mehr Ressourcen benötigten, war also nicht nur selbstverständlich, sondern auch legitim. Ein über die notwendige Erhaltung des standesgemäßen Lebensstils hinausgehender Reichtum sollte indessen karitativen Zwecken zugeführt werden. Die Armen, so die Hoffnung, würden dadurch profitieren, dass ihre missliche Lage zumindest so weit gelindert wird, dass sie ein einigermaßen menschenwürdiges Leben führen könnten. Zwei Probleme waren allerdings mit dieser Einbettung der Reichtumsverteilung in die christliche Soziallehre verbunden. Zum einen war die Spende seitens der Reichen freiwillig und fand daher nicht in hinreichendem Maße statt. Zum anderen wäre das Problem entstanden, dass, wenn die Spendenpraxis im Sinne der Armutsbekämpfung funktioniert hätte, die wohlhabenden Stände eine wichtige Funktion ihrer Spenden verloren hätten. Sie erkauften sich mit ihrer Mildtätigkeit immerhin das Seelenheil im Jenseits. Um dies zu erreichen, waren sie also paradoxerweise auf Armutsverhältnisse angewiesen. Hätten sie diese mittels ihrer Ressourcen überwunden, wäre die Chance auf das Seelenheil qua Mildtätigkeit gegenüber Armen minimiert worden.

Es ist unklar, ob aus diesem Grund eine erfolgreiche Armutsbekämpfung nicht stattgefunden hat. Klar ist, dass sie nicht stattgefunden hat. Der moralische und theologische Appell hat sich als zu schwach erwiesen, als dass er durchschlagende Ergebnisse erzielt hätte. Dies hatten Autoren wie Spinoza bereits erkannt und im Fall der Affektenlehre einen anderen, wissenschaftlich-nüchternen Weg eingeschlagen. Die Affekte damit von Moralappellen zu befreien, war aber nur die halbe Miete. Grob betrachtet standen sie jetzt ohne ethische Schranke dar. Ihnen im Sinne einer friedlichen und gerechten Koexistenz Einhalt zu gebieten, oblag nunmehr einzig der Vernunft, die bei Spinoza aber lediglich einen Affekt gegen den anderen setzen kann, um so ein intrapsychisches check-and-balance-System zu erreichen. Kant wird da wesentlich weitergehen. Die Vernunft ist von allen Affekten und Trieben gereinigt, oder sie ist nicht Vernunft. Damit wird ein Anspruch an die menschliche Vernunft gestellt, der den tradierten christlichen Appellen bezüglich seiner Schwäche kaum nachsteht. Empirisch jedenfalls ist von einer allgemeinen Vernunftorientierung keine Spur in Sicht. Wenn das aber so ist, dann ist jeder Vernunftappell ein leeres Gerede oder schlimmstenfalls sogar gegen die Menschen gerichtet. Warum sollen sich diese in den Rahmen der Vernunft einzwängen? Die Caritas-Ökonomie hatte dies

– wenn auch in anderer Fassung – gefordert und war gescheitert. Naheliegend ist daher der Gedanke, den Spieß umzudrehen. Die Affekte, und insbesondere die Lasterhaftigkeit des Menschen, haben durch die Geschichte hindurch dominiert, und bei vorbehaltloser Betrachtung hat die Geschichte beachtliche Ergebnisse vorzuweisen. Von der griechischen Tragödie, den Erfolgen in den Wissenschaften, über die monumentalen Bauten, wie etwa das Versailler Schloss, bis hin zu den Anfängen einer rechtsstaatlichen Ordnung: Alle diese Errungenschaften mussten also trotz oder wegen der Lasterhaftigkeit erreicht worden sein.

„Trotz der Lasterhaftigkeit“ wäre ein Argument, mit dem insbesondere Kant wohl kaum einverstanden sein könnte. Denn dann wäre die Vernunft eben nicht reine Vernunft [1]. Sie könnte ihre Aufgabe dann nicht zufriedenstellend erfüllen. Bleibt also eine Überprüfung des „Wegen des Lasterhaftigkeit“. Und genau an diesem Punkt meldete sich, weit vor Kant, Bernard Mandeville (1705/1980) zu Wort.

Er stellt die provokative Frage, wo die Menschen wären, wären sie nicht ihren Leidenschaften und Lastern gefolgt. Dass sie dies getan haben, steht für ihn außer Frage. An zahlreichen Beispielen zählt er auf, dass nicht hehre Tugenden die Menschen leiten, sondern schlichtweg egoistische Interessen. Aber:

So wahrhaft lustvoll und bequem Gemacht, dass jetzt der Arme sogar

Noch besser dran als einst der Reiche war. Vollendung herrschte offenbar.“ (Ebd.: 85)

Es war, mit anderen Worten, nicht nur vergebens, an die Tugend zu appellieren, es war falsch. Denn mit Tugendhaftigkeit lässt sich überhaupt keine wohlhabende Gesellschaft errichten. Selbst Verbrechen tragen zum Allgemeinwohl bei, weil auf diese Weise Ressourcen (in der Regel Geld) in Umlauf gebracht werden können, von denen etwa Händlerinnen profitieren. Mandeville illustriert anhand diverser Fälle, dass „Gutes aus Üblem entspringt“ (Ebd.: 139) und dreht damit die Achse tatsächlich um. Es ist nicht die Wohltätigkeit oder eine humanistische Gesinnung, die dazu führt, dass insbesondere auch ärmere Schichten am allgemeinen Wohlstand partizipieren können. Es ist die Lasterhaftigkeit, die selbst dann, wenn sie bis zur Devianz gesteigert wird, dazu beiträgt, dass die Armen bessergestellt werden. Gefährlich wird es daher für eine Gesellschaft, wenn der moralische Appell an die Tugendhaftigkeit sich doch Gehör verschaffen kann.

„Da man auf Luxus jetzt verzichtet, So ist der Handel bald vernichtet.

Manch Handwerk mehr und mehr verfällt, Betriebe werden eingestellt.“ (Ebd.: 91)

Das Gesellschaftsbild, das hier gezeichnet wird, findet seine Binnenintegration also nicht in normativen Bindungen und schon gar nicht in vorsozialen Gemeinschaftstugenden, sondern in seinem Gegenteil. Die Gesellschaft wird zusammengehalten durch atomisierte Subjekte, die egoistisch ihren Interessen folgen und dabei nolens volens das Allgemeinwohl steigern. Der Handwerker, der Arbeit findet, weil ein Wohlhabender Luxusgüter verlangt, wäre durch eine christliche Spendenpraxis zu einem Almosenempfänger degradiert. Dadurch, dass sein Handwerk nachgefragt wird, kann er sich selbstständig ernähren. Der Wohlhabende hatte dies nicht zum Ziel, es ist aber ein erfreulicher Nebeneffekt, den einzuziehen höchst töricht wäre.

Das damit implizierte Laissez-faire, das diesem Blick auf die Moral inhäriert, wurde im 17. Jahrhundert nicht nur auf die Moral angewendet. Seinen sicherlich prominentesten Niederschlag fand es in der Wirtschaftstheorie. Zwei konkurrierende Systeme standen sich zunächst gegenüber (Stavenhagen 1969: 18-52). Auf der einen Seite favorisierte der Merkantilismus ein Wirtschaftshandeln, das vornehmlich auf den Besitz von Edelmetallen ausgerichtet war, die in der heimischen Wirtschaft zur Investition in das Manufakturwesen dienen sollte. Der Staat sollte dabei protektionistisch vorgehen, indem er Exporte förderte und Importe durch hohe Zölle beschränkte. Auf der anderen Seite erblickte der Physiokratismus den Reichtum eines Landes in der Produktion landwirtschaftlicher Güter. Seine Forderungen kreisten um den Freihandel mit allen Staaten, die Aufhebung von zu hohen Zöllen und Steuern und vor allem gegen den Merkantilismus gerichtet: Ein generelles Laissez-faire bzw. die Aufhebung staatlicher Handelsvorschriften. An dieser Stelle schaltet sich dann Adam Smith in die Diskussion ein, der nicht nur der Begründer der neuzeitlichen Nationalökonomie war, sondern bis heute Pate steht für einen Kapitalismus ohne staatliche Eingriffe.

Dabei ist Adam Smith keineswegs ein kaltherziger Ökonom, der mit bloßem Kalkül, das zudem möglicherweise noch realitätsfremd ist, vorgehen würde. Ganz dem Duktus seiner Zeit entsprechend, setzt er zwar nicht auf Menschlichkeit als Gefühlszustand, sondern auf die Vernunft, diese aber als Garant für humanistisches Handeln. Der angelsächsischen Tradition des Empirismus bleibt er dabei insofern verhaftet, als er eine Gesinnungsethik ablehnt. Dennoch geht es ihm, durchaus ähnlich wie Kant, um den „unparteiischen Zuschauer“ (Smith 1759/2004: 203), der jenseits egoistischer Verstrickungen moralisch handelt. Dies hält ihn freilich nicht davon ab, in seinem ökonomischen Hauptwerk dem Egoismus einen hohen Stellenwert einzuräumen.

Theoretisch innovativ war Adam Smith unter anderem damit, die Quelle des Reichtums weder in der Landwirtschaft noch in Edelmetallen zu erblicken, sondern in der menschlichen Arbeit. Insofern ist für Smith jede produktive Arbeit nützlich, und andersherum: Jede nützliche Arbeit ist produktiv im Sinne der Wohlstandssteigerung. Die Produkte, die dann gehandelt werden, finden ihren Wert in dem Maß, in dem Arbeit in ihnen enthalten ist. „Die Arbeit ist ihr wirklicher oder realer Preis, Geld lediglich ihr nominaler.“ (Smith 1776/2003: 31) Die Orientierung des wirtschaftlichen Handelns auf das Geld ist damit zwar nicht sinnlos geworden, es ist aber eben nicht der eigentliche Reichtum eines Landes. Geld ist ein reines Tauschmittel, und David Friedman wird zwei Jahrhunderte später feststellen:

„In der Wirtschaftswissenschaft geht es nicht um Geld.“ (Friedman 1999: 59) Es geht Adam Smith also um Arbeit, und diese ist ihm zufolge begrüßenswerterweise arbeitsteilig organisiert. Dadurch, dass nicht mehr ein Handwerker sein Produkt von Anfang bis Ende herstellt, sondern die einzelnen Arbeitsschritte auf viele Schultern verteilt sind, kann die Produktion quantitativ gesteigert werden. Zugrunde liegt diesem Prinzip das egoistische Interesse am Tausch. Würden die Subjekte ihre sämtlichen Güter, die sie benötigen oder die sie gerne besitzen würden, selber erzeugen müssen, wären sie hoffnungslos überfordert, oder es würde nur sehr eingeschränkte Bedürfnisse geben dürfen. Durch den Tausch kann dieses Problem überwunden werden. Die Subjekte können sich mit allen angebotenen Waren versorgen, weil getauscht wird, und weil getauscht wird, kommt es zur Arbeitsteilung. Was hier im Vordergrund steht, ist der wohlstandsvermehrende Aspekt der Arbeitsteilung. Die degenerativen Nebenfolgen für die Subjekte, die im Rahmen einer arbeitsteiligen Ökonomie möglicherweise zu monotonen Tätigkeiten verdammt sind, spielt zunächst keine hervorgehobene Rolle. Diese wird Marx ein Jahrhundert später thematisieren. Was sich allerdings zeigt, ist das Bild einer differenzierten Gesellschaft. Die göttlich sanktionierte Harmonie der Stände zerbricht, und Adam Smith trägt mit seinen ökonomischen Überlegungen sicherlich seinen Teil dazu bei. Es zählt nicht mehr die soziale Herkunft, sondern die Arbeit und der Tausch der erzeugten Güter und Dienstleistungen. Auf dem Markt, als zentralem Ort des Tausches, stehen sich dann unterschiedliche Kaufund Verkaufsinteressen gegenüber. Die einzelnen Subjekte verfolgen dabei keineswegs die Absicht, mit ihrem Beitrag einen für sie fiktiven Wert wie den allgemeinen Wohlstand zu vergrößern. Sie orientieren sich allein an ihrem privaten Gewinn.

Dieser ist bei Smith allerdings nicht ganz eindeutig definiert (siehe auch Fülberth 2008: 48ff.). Zum einen vertritt er eine reine Arbeitswertlehre, nach der eben die Arbeit den Wert einer Ware bestimmt. Zum anderen jedoch argumentiert Smith, dass sich der Preis bzw. Wert der Waren aus der Grundrente, dem Profit und dem Lohn zusammensetzt, wobei er davon ausgeht, dass es in jeder Gesellschaft bzw. Region übliche Sätze für die Grundrente, den Profit und den Lohn gibt. Woher also der Gewinn aus der Produktion und dem Handel stammt, ist nicht eindeutig bestimmt. Eindeutig ist, dass es einen Gewinn gibt, der potentielle Investoren dazu veranlasst, in dem entsprechenden Gewerbe zu investieren. Dabei spielen die Marktpreise, die sich nach dem Wechselverhältnis von Angebot und Nachfrage richten, eine orientierende Information. Ist der Marktpreis höher als der wirkliche Preis, werden potentielle Investoren geneigt sein, zu investieren. Ist der Marktpreis niedriger als der wirkliche Preis, lohnen sich Investitionen nicht. Im ersten Fall wird allerdings durch die Investitionen das Angebot erhöht, was zu einem fallenden Marktpreis führt. In zweiten Fall verringert sich das Angebot, was wieder einen erhöhten Marktpreis nach sich zieht. Die Wirtschaft stellt sich insgesamt dar als ein ständiges Auf und Ab, das jedoch, wenn staatliche Regulierungen ausbleiben, immer wieder zu einem Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage findet. Dies gilt nicht nur für Güter und Dienstleistungen, dies gilt auch für die Löhne. Übersteigt die Zahl der arbeitsuchenden Subjekte die Nachfrage, ist die Lohnhöhe gering. Ist im umgekehrten Fall die Nachfrage größer, steigt der Lohn. Die Subjekte, die über kein eigenes Kapital verfügen, sind also dem Wechselspiel von Angebot und Nachfrage unterworfen und können letztlich nur darauf hoffen, dass die Märkte sich immer wieder in einem Gleichgewicht einpendeln.

Dies geschieht eben dann, wenn eine staatliche Regulierung ausbleibt. Dann nämlich greift der Eigennutz der Subjekte, der sie in lukrative Erwerbszweige investieren lässt. Geleitet werden sie dabei von der berühmten „unsichtbaren Hand“ (Smith 1776/2003: 371), die dazu führt, dass sie einen Zweck erfüllen, den sie nicht beabsichtigt hatten, der als nicht-intendierte Nebenfolge sich aber positiv auswirkt. „Für das Land selbst ist es keineswegs immer das schlechteste, dass der einzelne ein solches Ziel nicht bewusst anstrebt, ja, gerade dadurch, dass er das eigene Interesse verfolgt, fördert er häufig das der Gesellschaft nachhaltiger, als wenn er wirklich beabsichtigt, es zu tun. Alle, die jemals vorgaben, ihre Geschäfte dienten dem Allgemeinwohl, haben meines Wissens niemals etwas Gutes getan.“ (Ebd.) Der Bäcker, der eine kleine Backstube aufmacht und noch zwei Gesellen einstellt, macht dies nicht aus altruistischer Neigung. Er macht es des ökonomischen Profits wegen. Genau damit aber sichert er zwei Subjekten den Lebensunterhalt. Würde er seine Ersparnisse den beiden Gesellen spenden, könnte er so lange mildtätig sein, wie seine Ersparnisse eben reichen. Geholfen wäre damit nur kurzfristig. Die längerfristig angelegte Investition in seine Backstube sichert auch den Lebensunterhalt der Gesellen langfristig.

Problematisch wird es dann, wenn der Staat doch in die wirtschaftlichen Prozesse eingreift. Smith vertritt nicht die Idee eines reinen Nachtwächterstaates, „fordert er doch einen Staat, der seine Aufgaben effizient und gerecht erfüllen muss, damit die Marktwirtschaft funktioniert“ (Recktenwald 2008: 151). Zu diesen Aufgaben gehören die Landesverteidigung, das Justizwesen und die Gewährung öffentlicher Güter, die sich nicht markteffizient herstellen lassen. Mit anderen Worten: Der Staat stellt die Rahmenbedingungen her. Interveniert er in diesen Rahmen hinein, kommt es zu Verzerrungen des freien Spiels von Angebot und Nachfrage. Eine staatliche Preispolitik etwa könnte dazu führen, dass sich Investitionen nicht mehr lohnen. Die Wirtschaft kann ihren Auftrag, den Reichtum der Nationen zu fördern, nur nachkommen, wenn sie nach dem Prinzip des Laissez-faire organisiert ist.

Dass Adam Smith damit der Vordenker eines reinen Kapitalismus ist, ist keine besondere Erkenntnis. Für die Gegner des Kapitalismus ist dies aber sicher ein Vorwurf, der jedoch im Fall Adam Smith kaum überzeugend ist. Adam Smith wusste noch nicht, dass ein ungezügelter Kapitalismus zu sozialen und inzwischen auch ökologischen Problemen führen kann, wie sie sich ab dem 19. Jahrhundert regelmäßig abzeichnen. Seine Frontstellung war eine andere. Er argumentiert gegen feudale Herrschaftsstrukturen, wenn er schreibt: „Die Herstellung vollkommener Gerechtigkeit, uneingeschränkter Freiheit und weitgehender Gleichheit ist ganz einfach das Geheimnis, das allen drei Klassen höchsten Wohlstand am wirksamsten sichert.“ (Smith1776/2003: 566). Die ständische Gesellschaft mit ihren juristisch verankerten Ungleichheiten war lange gegen den Vorwurf der Ungerechtigkeit immunisiert, weil die kulturellen Weltbilder dieses System sanktioniert hatten. Smiths Leistung besteht darin, diese Weltbilder mit untergraben und damit den Blick auf Ungerechtigkeiten offen gelegt zu haben. Er untergräbt sie aber nicht, indem der einfach andere Weltbilder dagegen setzt. Wenn er aufzeigt, dass gerechte und freiheitliche Verhältnisse der Unterpfand eines allgemeinen Wohlstandes sind, macht er deutlich, dass es im Interesse des einzelnen Subjekts liegt, Gerechtigkeit und Freiheit herzustellen. Die feudalen Schranken behindern die je individuelle Entfaltung – etwa durch das Zunftwesen – und damit die Akkumulation von Reichtum. Sie zu überwinden ist also keine rein moralische Aufgabe, es ist eine ökonomische Notwendigkeit. Es ist die oben bereits angesprochene (Theorie-)Liaison zwischen Kapitalismus und Demokratie, die hier als funktionales Verhältnis präsentiert wird. Der Kapitalismus benötigt freiheitliche Rahmenbedingungen. Aus diesem Grund drängt die wirtschaftliche Entwicklung zur Beseitigung absolutistischer Herrschaftsansprüche, die vor dem wirtschaftlichen Handeln nicht Halt machen und auf diese Weise eine prosperierende Wirtschaftsentwicklung hemmen.

Adam Smith hat nicht nur den Grundstein für die Nationalökonomie gelegt, er hat entscheidend zur Ausdifferenzierung der Wirtschaft beigetragen. Indem er diese von allen religiösen, moralischen und letztlich auch politischen Einflüssen löst, bleibt ein wirtschaftliches Handeln zurück, das sich ganz im Sinne Luhmanns selbstreferentiell und autopoietisch begreifen lässt. Für den Gerechtigkeitsdiskurs bedeutet dies: Gerecht ist nicht eine egalitäre Distribution, sondern gerecht ist, wenn jedem das zukommt, was ihm zusteht. Mit anderen Worten: Das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit wird entdeckt. Dies hat Konsequenzen für die Subjekte. Sie müssen nunmehr selbst, ohne auf göttliche oder karitative Hilfe hoffen zu können, für ihren Lebensunterhalt sorgen. Sie sind individualisiert und dies mit Vorteilen und Nachteilen. Die Vorteile liegen eindeutig im gesteigerten Freiheitsraum, der ihnen durch eine kapitalistische Wirtschaft gegenüber dem feudalen Herrschaftsapparat eingeräumt wird. Der Nachteil ist eben, dass damit eine Ordnung zerbrochen ist, die etwa durch die Zünfte auch einige Schutzmechanismen vorsah. Wer jetzt, nunmehr in der kapitalistischen Wirtschaft, versagt, kann sich dieses Versagen nur selbst zuschreiben. Die Subjekte sind als Individuum allein für ihr Glück und für ihren Reichtum (inklusive der Stellung in der Gesellschaft) verantwortlich [2]. Die göttlich sanktionierte Ordnung, die den Bauern nichts anderes erlaubte, als eben Bauern zu sein, konnte als subjektexterner Rahmen gesehen werden, der die je individuelle Situation von außen präjudizierte. Wer jetzt unter ärmlichen Verhältnisse litt, hatte es an Fleiß, Fähigkeiten und Weitsicht fehlen lassen. Diejenigen, die gut begütert leben konnten, waren eben diejenigen, die im Spiel von Angebot und Nachfrage die richtigen (Investitions-)Entscheidungen getroffen hatten, und diesen Verdienst konnten sie niemand anderem zurechnen: als sich selbst. Arbeit war jetzt tatsächlich Arbeit mit dem Zweck, Reichtum zu erwerben, und nicht mehr, wie Max Weber (1920/1988) am Protestantismus herausgearbeitet hat, vornehmlich Dienst an Gott. Und wer viel gearbeitet hatte, dem standen auch entsprechende Ressourcen zu. Kurzum: Mit einer neuen Form der Ökonomie gingen auch neue Formen der Politik und der Moral einher. Das 19. Jahrhundert zeigte jedoch alsbald deren Konsequenzen und rief unterschiedliche Kritiker der neuen Gesellschaft hervor.

  • [1] Denkbar wäre natürlich auch eine Differenzierung der Art, dass eben nur Teile der Bevölkerung ihre Vernunft im Sinne Kants gebrauchen, und diesen dann die Errungenschaften zugeschrieben werden. Ungelöst bliebe dabei aber, dass die Vernunft gesamtgesellschaftlich eher eine schwache Rolle spielt und die Affekte tendenziell dominieren
  • [2] Was Marx oder Bourdieu natürlich vehement bestreiten werden
 
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