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3.3 Das 19. Jahrhundert

Das Bürgertum allerdings erfand sich ganz im Sinne der Konsequenzen, die im Anschluss an Adam Smith eher spekulativ abgeleitet wurden: Es ging um Persönlichkeiten, die Ausdruck eines starken und mitunter ökonomisch selbstständigen Subjekts waren. Dabei waren es zunächst nicht so sehr die wohlhabenden Industriellen, die das Vorbild für eine bürgerliche Existenz abgaben. Zumindest nicht, wenn nur deren ökonomische Position berücksichtigt wird. Es ging um eine spezielle – eben bürgerliche – Lebensweise, die um den Begriff der Selbstständigkeit kreist. Entgegen der feudalen Vererbung von Adelstiteln, war der Bürgerstatus potentiell jedem offen. Erreicht werden musste dazu eine Arbeit, die als sinnvolle Tätigkeit anerkannt und einem aristokratischem Müßiggang entgegengesetzt war, und Bildung im Sinne einer permanenten Weiterentwicklung des Selbst. Beides musste jedoch individuell oder eben: selbstständig erreicht werden (Hettling 2000; Schulz 2005). Im Zentrum bürgerlicher Selbstbeschreibungen stand am Anfang des 19. Jahrhunderts also zunächst das Bildungsbürgertum. Hier ging es um eine geistige und moralische Eigenaktivität, ein Credo, das in Goethes Wilhelm-Meister-Romanen beispielhaft literarischen Ausdruck findet. Wenngleich diese Eigenaktivität nunmehr allen (männlichen) Mitgliedern der Gesellschaft als potentiell erreichbar zugestanden wurde, bildete der bürgerliche Lebensentwurf jedoch zugleich seine eigenen Exklusionslinien.

„Immer waren die universalen Ansprüche des bürgerlichen Wertehimmels durchzogen von konkreten Grenzziehungen – eine bewegliche Grenze, die immer weiter verschoben und rigider gezogen werden konnte, je mehr die ausgegrenzten Gruppen sich eben auf diese Werte beriefen.“ (Hettling/Hoffmann 2000: 17)

Diese Exklusion traf auch wohlhabende Industrielle, die es an sozialer Fürsorglichkeit gegenüber ihren Arbeitern vermissen ließen und allzu ostentativ ihren Reichtum zur Schau stellten (Hodenberg 2000). Die bürgerliche Gesellschaft stand noch stark unter dem Eindruck der Frontstellung gegen den Adel und sollte, wie etwa bei Adam Smith angedacht, nicht neue Ungleichheiten gegen die alten austauschen. Sie sollte eine zumindest annähernd egalitäre Gesellschaft sein. Die neuen Formen des privaten Reichtums, die sich zudem noch mit einem an den Adel erinnernden Müßiggang verbanden, waren anstößig. Es klaffte ein Lücke zwischen liberaler Wirtschaftsordnung und bürgerlicher Moral. Letztere formulierte ein Leitbild für Unternehmer, das auf einen „unabhängigen, sittlichen, auf Mäßigung triebhafter Genüsse und Fürsorge der von ihm Abhängigen bedachten Hausund Familienvater“ (Ebd.: 99) abzielte. Klar war: Die Unternehmer führen den Betrieb und üben daher eine legitime Autorität aus. Klar war aber auch: Diese Autorität war nur dann tatsächlich legitim, wenn sie mit einem sozialen Ausgleich gegenüber den Arbeitern verbunden war. Eine brutale Ausbeutung der Arbeiter und völlige Empathielosigkeit gegenüber deren Belangen war schlichtweg ein Affront gegen das bürgerliche Selbstverständnis. Dieser Affront fand sozialhistorisch tatsächlich statt. Friedrich Engels hatte die Lebensverhältnisse der englischen Arbeiter beschrieben, und seine Beschreibungen spotten der einstigen bürgerlichen Parole „Liberté, Egalité, Fraternité“ Hohn. „Wer jetzt als Arbeiter geboren wurde“, so Engels (1845/1957: 251), „hatte keine andere Aussicht, als lebenslang Proletarier zu bleiben.“. Das Versprechen auf soziale Mobilität war nicht eingelöst worden. An die Stelle der kodifizierten Schranken der Feudalgesellschaft waren die „unsichtbaren Mechanismen der Macht“ (Bourdieu) getreten, die im Ergebnis zu einer relativ überschaubaren Klassenbildung führten. Die Konsequenzen für die Arbeiter waren laut Engels: Schlechte Ernährung und Kleidung, miserable Wohnsituationen, entwürdigende und prekäre Arbeitsverhältnisse. Alles zusammengenommen war der Arbeiter in den Worten von Friedrich Engels „rechtlich und faktisch Sklave der besitzenden Klasse“ (Ebd.: 310) mit dem Unterschied, dass es den Sklaven insoweit besser ergangen war, als sie nicht, wie viele Arbeiter und ihre Familien, dem Hungertod ausgesetzt waren. Diese erdrückenden Lebensverhältnisse und die damit einhergehenden geringen Möglichkeiten auf Bildung führen, so Engels weiter, zu einer moralischen Degeneration der Arbeiter, die nicht selten in Kriminalität umschlug. Wenngleich Engels diese nicht gutheißt, entschuldigt er sie dennoch, weil den Arbeitern zuweilen keine andere Möglichkeit blieb, wollten sie nicht verhungern. Kurzum: Die Arbeitsund Lebenssituation der Arbeiter „enthält die stärksten Neigungen zur Immoralität“ (Ebd.: 343).

Dies konnte nicht so bleiben. Interessanterweise waren es unter anderem Mitglieder des Bürgertums, die sich dieser Probleme annahmen. Die prominentesten Vertreter waren Marx und Engels, die durch ihre Schriften für gut ein Jahrhundert entscheidenden Einfluss auf die politischen und ökonomischen Verhältnisse nehmen sollten. Dabei waren es zwei zentrale politische Anliegen, die sich ihnen aufdrängten. Zum einen galt es, gegen die restaurativen Tendenzen die Demokratie zu verwirklichen. Die bereits angesprochene Revolution von 1848 war ein Versuch, dies zu erreichen, war jedoch an der Übermacht der preußischen Truppen schließlich gescheitert. Zum anderen galt es, die menschenunwürdigen Verhältnisse zu überwinden. Da Marx und Engels in der Arbeiterklasse nicht nur einfach ein neues Produkt der Industriegesellschaft sahen, sondern dieser Klasse die historische Mission zuschrieben, die bürgerlichen Ideale gegen die bürgerliche Gesellschaft durchzusetzen, bestand ihre politische Strategie darin, die Arbeiterklasse in eigenständigen Organisationen zu einem schlagkräftigen Akteur zu machen. Hinter dieser Idee stand die (hoffnungsvolle) These, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, und die Arbeiter daher (notwendig?) einsehen würden, dass ihre Lage sich nur verbessern lässt, wenn sie mit einem entsprechenden Klassenbewusstsein und ausgerüstet mit einer funktionierenden Organisation um die Verbesserung kämpfen würden. Zunächst sah es auch so aus, als würde sich die These von Marx und Engels bewahrheiten. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte es insbesondere in England, wo der Umbau der Gesellschaft hin zur Industriegesellschaft am weitesten vorangeschritten war, immer wieder spontane Protestaktionen der Arbeiter gegeben (Abendroth 1997). Diese galt es zu bündeln und mit einem klaren politischen Bewusstsein zu verbinden. 1848 war eine gute Gelegenheit dafür, und die entstehenden Arbeiterorganisationen kämpften für eine Demokratisierung. Aus Sicht der Arbeiterbewegung entscheidend war, dass sich im Anschluss an die Revolution eigenständige Organisationen entwickelten, die die Interessen der Arbeiter vertraten. Der weitere Verlauf kann in zweierlei Hinsicht durchaus als Erfolgsgeschichte gelesen werden. 1863 kommt es zur Gründung des „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“ unter Ferdinand Lassalle. 1869 gründen August Bebel und Wilhelm Liebknecht in Eisenach die „Sozialdemokratische Arbeiterpartei“. Beide Organisationen vereinigen sich schließlich 1875 in Gotha zur „Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands“, der Vorgängerorganisation der späteren „Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“. Daneben wachsen gewerkschaftliche Organisationen, so dass die Arbeiterbewegung über einen politisch und einen ökonomisch agierenden Arm verfügte. Dies konnte sie nutzen, um die Arbeitsverhältnisse und die Lebensverhältnisse eindeutig zu verbessern. Dies hatte aber sicher auch den Effekt, dass die Tendenzen zur Immoralität umgedreht wurden. Die Arbeiterorganisationen sorgten für eine politische Bewusstseinsbildung, indem sie Parteischulungen anboten. Die Arbeiterbewegung wurde in den 70ern schließlich so stark, dass die Regierenden darauf reagieren mussten. Einer der regierenden Akteure war Otto von Bismarck (Kolb 2009).

Er war sicherlich einer der schillerndsten Figuren des 19. Jahrhunderts, der bis in die Gegenwart die Gemüter trennt. Er steht für die nationale Einheit Deutschlands und er steht für ein europäisches Bündnissystem, das lange Zeit den Frieden in Europa gesichert hat. Er steht außenpolitisch für eine „Blut-und-Eisen“-Politik, innenpolitisch für eine Machtpolitik, die stets auf die Sicherung der Monarchie ausgelegt war. Auf die Arbeiterbewegung hat er mit einer doppelten Strategie reagiert. Er hat die Machtkarte gezogen, indem er mit den Sozialistengesetzen die Parteitätigkeit massiv einschränkte. Gleichzeitig hat er auf die sozialpolitische Karte gesetzt und Gesetze verabschiedet, die durch eine Verbesserung der Situation der Arbeiter diese in die bestehende Ordnung einbinden sollten. Seinen Namen in die Geschichtsschreibung eingebrannt hat er allerdings durch die deutsche Einheit, die im Anschluss an den preußisch-französischen Krieg 1870/71 in Versailles proklamiert wurde. 1866 hatte Bismarck bereits die norddeutschen Staaten unter preußischer Führung im norddeutschen Bund vereinigt. Es fehlten die süddeutschen Staaten. Als aber 1868 in Spanien eine Regierungskrise entbrannte, die darin kulminierte, dass Königin Isabella II. ihren Thron verlor und nach Frankreich fliehen musste, entwickelte sich die Chance auf eine Vereinigung. Bismarck war zunächst nicht sonderlich involviert in die Geschehnisse, sah aber seine Chance auf einen Krieg mit Frankreich, der die nationale Einheitsbewegung beflügeln sollte, und ergriff diese, nachdem die Kriegsgefahr bereits gebannt schien (Wetzel 2005). Entzündet hatte sich der Konflikt an der Frage der Nachfolge auf den spanischen Thron. Der schließlich kursierende Vorschlag, diese mit einem Mitglied der Familie der Hohenzollern zu regeln, stieß auf vehementen Widerspruch der Franzosen. Als dann Wilhelm I. eine Verzichtserklärung bewilligte, drängten die Franzosen auf weitere Garantien für die Zukunft, die Wilhelm nicht geben wollte. Mit seiner Fälschung und vor allem der internationalen Veröffentlichung der berühmt gewordenen „Emser Depesche“ heizte Bismarck die Stimmung wieder derart an, dass es schließlich zum Krieg kam. Am Ende siegten die Preußen, das deutsche Kaiserreich wurde gegründet. In den Folgejahren verstand es Bismarck immer wieder, durch ein ausgeklügeltes diplomatisches System, Deutschland vor weiteren Kriegen zu bewahren. Er hatte sein Ziel, die deutsche Einheit, erreicht. Nebenbei hatte der Krieg 1870/71 aber auch eine Folge, die sich knapp 50 Jahre später in Russland auswirken sollte. Die französische Regierung hatte zur Verteidigung von Paris das Volk bewaffnet. Das hatte die Waffen jedoch dazu benutzt, die Regierung abzusetzen – sie floh nach Versailles – und die so genannte Pariser Kommune auszurufen (Lawrow 2003). Bedeutsam war dieses Ereignis, das schließlich mit Hilfe preußischer Truppen beendet wurde, insofern, als die Arbeiterbewegung zum ersten Mal die Macht in die Hände bekam und dazu nutzte, die sozialistischen Ideen in konkrete Praxis zu übersetzen. Marx jubelte denn auch über diesen Versuch und nannte die Pariser Kommune

„die politische Form der sozialen Emanzipation“ (Marx 1871/1968: 545). Gerade er hatte stets vor jeglichem Utopismus gewarnt. Von ihm lag daher auch kein Dokument vor, das angegeben hätte, wie die von ihm angestrebte Revolution auszusehen habe und noch weniger: was danach geschehen sollte. Die Bevölkerung von Paris hatte diese Lücke in der sozialistischen Theorie praktisch geschlossen.

Wenngleich die Arbeiterbewegung auch in den folgenden Jahren politisch einen bedeutsamen Faktor darstellte, wuchs gleichzeitig eine Bewegung, die im 20. Jahrhundert auf schreckliche Weise kulminieren sollte: Der Nationalismus. Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert der Entwicklung von Nationen, die im intellektuellen Diskurs bald auf die Fundamente einer sprachlichen Gemeinschaft und ethnischer Merkmale gestellt wurden. Einher ging mit der Nationenentwicklung der Aufbau von Trennlinien, die zwischen Zugehörigen zur Gemeinschaft und Fremden differenzierten. Wie Hobsbawm (1990/2005) anmerkt, steht die Nationenentwicklung jedoch auch unter dem Zeichen der Demokratisierung. Die herrschenden Eliten konnten nach dem Zusammenbruch feudaler Wertmuster nicht mehr auf eine göttlich sanktionierte Gefolgschaft zählen. Der Druck seitens der Bevölkerungen zur Gewährung von Bürgerrechten verband sich aber insofern mit der Idee des Nationalstaates, als dieser gleichsam als Autor und Adressat der Bürgerrechte gesehen wurde. Die normativen Muster der gesellschaftlichen Integration verschoben sich von der religiösen Ordnung hin zum Postulat der formalrechtlichen Gleichheit. Fatal war diese Entwicklung deswegen, weil sich mit der Idee der Nation nicht ausschließlich demokratische Prinzipien verbanden (bzw. verbinden), sondern eben auch kulturelle und vor allem ethnische Differenzziehungen, die 1914 die Mobilisierung der Bevölkerung für den ersten Weltkrieg mit ermöglichten.

 
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