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3.4 Das 20. Jahrhundert

Angesichts der Ereignisse des 20. Jahrhunderts ist die praktische Philosophie alles andere als sinnlos geworden. Sie wurde bzw. wird gebraucht, weil sie immer auch ein kritisches Moment gegen menschenunwürdige Verhältnisse impliziert hatte, das gegen autoritäre Regime und kriegerische Auseinandersetzungen in Anschlag gebracht werden konnte und kann. Das 20. Jahrhundert war voll von solchen Entwicklungen. In Italien entwickelte sich eine faschistische Bewegung, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in mehreren europäischen Staaten an die Macht kam, den 2. Weltkrieg auslöste und den Völkermord an den Juden verübte. Dabei hatte Mussolini seine politischen Wurzeln zunächst aufseiten der Sozialisten gehabt. Mit dem Ende des 1. Weltkrieges kehrte er diesen jedoch den Rücken, um in der Folge ein entschiedener Gegner der politischen Linken zu werden. Diese Frontstellung war ein Baustein des Erfolges des Faschismus. Dieser „fand nur dort besonderen Zulauf, wo die Sozialisten als vermeintlich revolutionäre Gefahr angesehen wurden“ (Schieder 2010: 22). Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Auseinandersetzung der Ideologien geworden. Doch nicht allein die Opposition gegen die politische Linke erklärt das Erstarken des Faschismus. Hinzu kommen wirtschaftliche Problemlagen und in Italien und Deutschland eine instabile parlamentarische Demokratie. Interessanterweise wird der Faschismus dennoch nicht von einer einheitlichen ideologischen Fundierung getragen. Mussolini etwa setzte auf politischen Aktionismus und eine nachgelagerte Ideologie. Er hielt sich grundsätzlich mehrere Optionen für sein politisches Handeln offen, wobei die Option den Vorzug erhielt, die den größeren politischen Profit abwarf. Eines indessen eint den italienischen Faschismus und den deutschen Nationalsozialismus: Beide operierten mit rassistischen Motiven, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung. Es versteht sich von selbst, dass damit die aufklärerischen Ziele der Emanzipation vollständig und intendiert aufgegeben worden waren.

Das 20. Jahrhundert war aber auch ein Jahrhundert der politischen Intellektuellen (vgl. dazu Judt/Snyder 2013). Nachdem Émile Zola in der Dreyfus-Affäre sein berühmt gewordenes „J'accuse…!“ veröffentlicht hatte, hatte dieser Typus des Intellektuellen die Bühne betreten. Der mischte sich im 20. Jahrhundert in die Debatten um Kommunismus, Faschismus und Liberalismus auf vielfältige Weise ein – und machte dabei nicht immer eine besonders gute Figur. Zu denken ist etwa an den bereits erwähnten Jean Paul Sartre, der mit seinem Eintreten für die Sowjetunion zweifelsohne für eine Diktatur eingetreten ist. Lion Feuchtwanger (1937/1993) war sogar soweit gegangen, die stalinistischen Schauprozesse zu rechtfertigen [1], während André Gide (1936/1996) sich in linken Intellektuellenkreisen nicht wenig Ärger durch seine kritische Reportage über die stalinistische Sowjetunion einhandelte. Nun mag es gute Gründe dafür gegeben haben, die Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft auf die Sowjetunion zu projizieren. Bei genauerem Hinsehen hätte jedoch deutlich werden müssen – und André Gide ist ein Beispiel dafür, dass es auch deutlich werden konnte –, dass die Sowjetunion weit davon entfernt war, die Ideale der Freiheit und Gerechtigkeit zu verwirklichen. Im Gegenteil: Stalin hatte die Sowjetunion in ein riesiges Arbeitshaus verwandelt, in dem mit Terror und Unterdrückung versucht wurde, die Disziplin aufrecht zu erhalten. Zur physischen Gewalt kam freilich hinzu, dass Stalin auch versuchte, die Köpfe der Menschen zu gewinnen. Ein neuer Mensch sollte geschaffen werden. „Für die Bolschewiki war, was Proletariat genannt wurde, ein höherer Bewußtseinszustand, eine Attitüde dem Leben gegenüber, die der barbarische russische Mensch nicht aus sich hervorbringen konnte. Zum Proletarier wurde, wer die Last der Vergangenheit von sich warf, aus sich heraustrat und wahres Wissen über sich und die Welt erlangte, aus der er kam.“ (Baberowski 2004: 95) Weil der Stalinismus aber davon lebte, dass er eine permanente Bedrohungssituation durch äußere und innere Feinde brauchte, um den Terror zu ‚legitimieren' und die Bevölkerung ständig für die Partei zu mobilisieren, kamen viele erst gar nicht dazu, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Sie wurden vorher schlicht erschossen. Dass der Terror dabei soweit getrieben wurde, dass die eigenen Institutionen auf dem Spiel standen, schien Stalin nicht interessiert zu haben. Im Fall der Säuberungen innerhalb der Roten Armee rächte sich dies jedoch, als die Armee bei dem Überfall durch das nationalsozialistische Deutschland nicht optimal einsatzbereit war. Ihr fehlten die Offiziere, die vorher hingerichtet worden waren.

Ein anders gelagerter Fall in puncto politischer Intellektueller ist etwa John Maynard Keynes. Nach dem Börsencrash 1929 (Galbraith 1954/2012) und der anschließenden Wirtschaftsdepression reformierte dieser die Wirtschaftswissenschaften und legte damit den intellektuellen Grundstein für den New Deal in den Vereinigten Staaten von Amerika unter Präsident Franklin D. Roosevelt. Keynes hatte als anerkannte Wirtschaftsdoktrin den Ansatz des Laissez-Faire vorgefunden, der davon ausging, dass die Märkte grundsätzlich immer wieder in ein Gleichgewicht kommen würden. Keynes (1926/2011) sieht den Zusammenhang dieses Ansatzes mit der Philosophie des Individualismus, merkt jedoch an, dass mit diesem Prinzip zum einen eine soziale Auslese verbunden ist, zum anderen dieses Prinzip die Wirklichkeit theoretisch simplifiziere. Er geht, ähnlich wie Marx, davon aus, dass der Kapitalismus eine krisenhafte Wirtschaftsordnung ist. Anders als Marx setzt er indessen nicht auf eine sozialistische Alternative. Ihm ging es darum, den Kapitalismus vor sich selbst zu retten, und das hieß ihm, auf eine staatliche Regulierung zu setzen.

Die wirtschaftswissenschaftliche Bedeutung Keynes liegt unter anderem darin, dass er die Subjekte als Käufer und Käuferinnen entdeckt, deren Nachfrage wesentlich die wirtschaftliche Situation beeinflusst (Keynes 1936/2009). Die Unternehmen investieren nämlich nach Keynes dann, wenn sie mit einer Nachfrage nach ihren Produkten rechnen und der erwartbare Gewinn über dem Zinssatz liegt. Sparen nun die Haushalte oder fehlen ihnen die finanziellen Mittel für Konsumausgaben und füllen die Unternehmen die Lücke nicht durch Investitionen auf, kommt es zur wirtschaftlichen Instabilität bzw. zur Arbeitslosigkeit. Im diesem Fall, so Keynes, muss der Staat einspringen und seinerseits Investitionen tätigen, die allerdings nicht in Konkurrenz zur Privatwirtschaft stehen dürfen. Da die staatlichen Maßnahmen nicht durch Steuererhöhungen finanziert werden können, die wiederum die Nachfrage drücken würden, muss sich der Staat verschulden (deficit spending). Diese Idee hat aufseiten der liberalen Wirtschaftsdenker naturgemäß zu Widerspruch geführt. Milton und Rose Friedmann (1980; vgl. auch Friedman 1962/2007) halten dagegen, dass dadurch die Staatsverschuldung steigt und in der Regel über die Notenpresse kompensiert wird. Auf diese Weise drohe die Gefahr der Inflation. Anders als Keynes meinte, berge der Wohlfahrtsstaat nicht nur die Gefahr des Bürokratismus, sondern er sei wirtschaftlich der schlimmste Feind einer gut funktionierenden Marktwirtschaft. Nichts desto trotz waren die Nachkriegsjahrzehnte zunächst die Periode eines angewandten Keynsianismus. Insbesondere in Deutschland wurde auf eine erhöhte wirtschaftliche Aktivität des Staates gesetzt – zunächst, um die sozialen und wirtschaftlichen Kriegsfolgen in den Griff zu bekommen. Mit dem Eintritt der SPD in die Große Koalition 1966 kam die

„Idee von der Machbarkeit wirtschaftlicher Prozesse auf“, und „durch gezielte Kreditfinanzierung des Haushalts sollten Investitionen sowie staatlicher und privater Verbrauch angeregt werden“ (Feldenkirchen 1998: 48). Ökonomisch geriet diese Idee im Laufe der weiteren Entwicklung vor allem deswegen unter Druck, weil sie an die Grenzen ihrer Finanzierbarkeit geriet. Das Sozialstaatsmodell der Bundesrepublik Deutschland wurde zu teuer. Ironischerweise war es die SPD unter Bundeskanzler Gerhard Schröder, die dieses Modell arg zusammengekürzt hat.

Subjekttheoretisch lässt sich dem Keynesianismus vorwerfen, er reduziere das Subjekt auf die Rolle des Konsumenten, um damit die Nachfrage anzukurbeln, die dann wieder neue Investitionen anregen soll. Es ist zwar nicht ein derart ausgeprägter homo öconomicus, wie er bei den Wirtschaftsliberalen zu finden ist (Ötsch 2009; Brodbeck 2011), die ständige rationale Wirtschaftsentscheidungen der Subjekte anvisieren. Dennoch spielt bei Keynes die Idee einer Ressourcenausstattung der Subjekte einzig deswegen, um ihnen ein würdiges Leben und die Teilnahme an der Gesellschaft zu ermöglichen, eher keine Rolle. Eine keynsianistische Verteidigung sozialstaatlicher Prinzipien argumentiert in der Regel mit dem Verweis auf die Stärkung der Nachfrage – die Subjekte sollen konsumieren um des Konsumierens willen.

Mit dem Ende des Keynsianismus in der Mitte der 80er Jahre zeichnete sich, wie zu erwarten, eine andere Subjektvorstellung ab. Die Regierungen in Deutschland unter Helmut Kohl, in Großbritannien unter Margaret Thatcher und in den Vereinigten Staaten von Amerika unter Ronald Reagan betrieben eine Transformation der Gesellschaft, die weg von staatlicher Einflussnahme auf die Wirtschaft hin zu einem Mehr an marktwirtschaftlicher Freiheit führen sollte. Dies hatte nicht nur verheerende Konsequenzen für die soziale Absicherung der Subjekte, die nach dem Zweiten Weltkrieg erreicht worden war. Dies führte, wie Ulrich Bröckling (2007) ausführt, zu einem neuen Subjektmodell. Ausgestattet mit dem theoretischen Rüstzeug der foucaultschen Diskursanalyse, identifiziert er Diskurse, die das Subjekt dazu aufrufen, ein unternehmerisches Selbst zu werden. Das Subjekt soll aus seiner Rolle als mehr oder weniger passiver Angestellter zu einem Subjekt werden, das eigenverantwortlich und versehen mit klassischen Tugenden des Unternehmers seine Arbeit sucht und verrichtet. Begriffe wie Kreativität, Autonomie, Qualitätsmanagement, Humankapital sollen dazu anregen, die eigenen Kompetenzen ständig zu optimieren, und das heißt nach Bröckling: marktförmig auszugestalten. Die Imperative der Ökonomie werden auf diese Weise über den eigentlichen Bereich wirtschaftlichen Handelns hinausgetrieben und erfassen nun auch jene Bereiche, die einst, in der Periode der Prosperität, als wirtschaftsfrei galten: Freizeit und Kultur werden zu einem Ort, in dem die Subjekte Kontakte knüpfen, ihre Bildungschancen nutzen und nach neuen Arbeitsgelegenheiten suchen müssen. Der Preis für diese Entwicklung ist nicht nur, dass die Subjekte damit unter einen erhöhten Druck geraten. Die soziale Kohäsion der Gesellschaft zerbricht, weil auf der einen Seite die Armutsfrage, die bereits als überwunden galt, wiedergekehrt ist, auf der anderen Seite der Reichtum sukzessive zunimmt (Stadlinger 2001; Krysmanski 2004; für die USA vgl. Phillips 2003). Die Folgen sind unter anderem eine Dominanz der Geldeliten, die das Projekt der Demokratie in Frage zu stellen droht, und eine gesteigerte Form der Finanzspekulationen, die schließlich zu einer dramatischen Finanzkrise weltweit geführt hat.

Eingebettet war die Periode eines sozialstaatlich abgefederten Kapitalismus unter keynesianistischer Regie in die Blockkonfrontation mit den realsozialistischen Staaten. Es gibt gute Gründe für die These, diese Konfrontation habe dazu beigetragen, dass in der westlichen Sphäre, insbesondere im „Frontstaat“ Bundesrepublik Deutschland, der Versuch unternommen wurde, die soziale Lage der großen Mehrheit der Bevölkerung stetig zu verbessern. Auf politischem Gebiet hatte der Westen sehr schnell seine Vorzüge gegenüber den Diktaturen unter Beweis gestellt. Dies manifestiert sich besonders in der Kulturentwicklung der beiden deutschen Staaten (Kretschmann 2012). Während in der Deutschen Demokratischen Republik, bis auf wenige Perioden einer Liberalisierung, auf die autokratische Regulierung der Kultur gesetzt wurde, konnte sich in der Bundesrepublik Deutschland eine kritische Kultur entwickeln. Künstler und Intellektuelle mischten sich nicht selten in die politischen Verhältnisse und Debatten ein, wie etwa im Fall der Notstandsgesetze. Problematisch blieb allerdings die nicht erfolgte Aufarbeitung der Nazivergangenheit. Die „Unfähigkeit zu trauern“ (Mitscherlich/ Mitscherlich 1967/2012) war sicher darauf zurückzuführen, dass die Schuld der Deutschen schlichtweg zu groß war, um sich ihr stellen zu wollen, und die Verdrängung der Vergangenheit es ermöglichte, sich ohne große Gewissensprobleme in der Gegenwart zu orientieren. Dennoch musste diese Verdrängung legitimiert werden. Eine der Varianten, um dies zu gewährleisten war, die Schuld allein auf Hitler bzw. die führenden Nationalsozialisten zu schieben. Erst mit der 68er Bewegung veränderte sich der Blick auf die Vergangenheit. Seitdem ist klar: Diktaturen leben nicht von ihren Diktatoren, sondern immer auch von einer breiten Masse, die mindestens keinen Widerstand leistet. Der Rückzug des Subjekts in die Privatsphäre ist daher gerade auch unter demokratischen Vorzeichen problematisch. Schließlich gilt dasselbe Prinzip auch für die Demokratie: Sie lebt von der öffentlichen Beteiligung ihrer Mitglieder.

  • [1] Wovon er sich freilich später distanzieren wird
 
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