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3.4.1 Das Unbewusste und die geistige Entwicklung

Die Studie von Alexander und Margarete Mitscherlich fußte auf den Theorien von Sigmund Freud. Dessen Überlegungen zum Subjekt haben zweifelsohne auch ihren Platz im vorherigen Teil dieser Arbeit, leisten sie doch einen Beitrag zu der Frage nach dem Verhältnis des Subjekts zu seiner Umwelt. Sie sollen indessen in diesem Teil, dem Teil eines praktisch verstandenen Subjekts, angeführt werden, um zu eruieren, mit welchen Subjekten die Demokratie rechnen kann bzw. muss. Als Frage formuliert: Inwieweit sind die Subjekte überhaupt in der Lage, mündig und autonom die gesellschaftlichen Verhältnisse zu gestalten? Freud kann hier als eine eher pessimistische Einschätzung gelesen werden. Seine Psychologie kreist um die Idee, dass die Subjekte nicht Herr im eigenen Haus sind, weil sie letztlich von unbewussten Trieben und Affekten geleitet werden, die zwar in einer therapeutischen Analyse ins Bewusstsein gehoben werden können, die aber nichts desto trotz zunächst als nicht kontrollierte Eigenschaften des Subjekts zu verstehen sind.

In seinem ersten großen Werk, der „Traumdeutung“, in der Freud die psychische Bedeutung der Träume verteidigt, spricht er bereits das Unbewusste an und begründet die Annahme eines Unbewussten damit, dass durch diese Annahme bestimmte Beobachtungen an psychisch erkrankten Menschen erst erklärbar werden. „Denn auch nur eine einzige verständnisvolle Beobachtung des Seelenlebens eines Neurotikers, eine einzige Traumanalyse muss ihm [dem Arzt, R.B.] die unerschütterliche Überzeugung aufdrängen, dass die kompliziertesten und korrektesten Denkvorgänge, denen man doch den Namen psychischer Vorgänge nicht versagen wird, vorfallen können, ohne das Bewusstsein der Person zu erregen.“ (Freud 1900/2001: 579) Nach den Ausführungen zu den unterschiedlichen Philosophien, insbesondere im zweiten Kapitel, dürfte unmittelbar einsichtig sein, dass Freud mit einer solchen These die Philosophie herausgefordert hat. Sicher nicht zufällig platziert Freud seine Argumente auch immer wieder direkt gegen die Philosophie. Die Idee, dass es neben dem Bewusstsein ein Unbewusstes geben soll, das sich nicht nur einfach den bewussten Akten des Geistes entzieht, sondern eine eigene Wirkmächtigkeit hat, widerspricht fundamental der cartesianisch-kantischen Tradition der Subjektphilosophie. Diese hatte, wie gesehen, im Subjekt eine Entität erblickt, die autonom und mündig über die eigenen Geschicke verfügen kann. Die liberalistische Tradition hatte diese Vorstellung dankbar aufgenommen und mit der Idee verknüpft, dass die Subjekte ihr je eigenes Glück selbst definieren können und in der Lage sind, ihre eigenen Interessen zu bilden und diese öffentlich zu kommunizieren. Freud, der die Idee des Unbewussten nicht erfunden hat (siehe dazu Philipps 2013), dessen Name aber prominent damit verbunden wird, nimmt dem Subjekt die Hoheit über sich selbst und damit letztlich über seine Möglichkeiten der autonomen Wirklichkeitsintervention.

Dies bedeutet nicht, dass Freud das Bewusstsein leugnen würde. Jede „Vorstellung, die in unserem Bewusstsein gegenwärtig ist und die wir wahrnehmen“ (Freud 1912/1997:29) nennt Freud bewusst. Unbewusste Vorstellungen sind für Freud demnach solche Vorstellungen, die sich der bewussten Wahrnehmung entziehen, für die es aber dennoch Anzeichen gibt. Entscheidend dabei ist, dass diese unbewussten Vorstellungen sich dem Bewusstsein gegenüber auf eine dynamische Weise abschirmen. Es sind nicht einfach latente Vorstellungen, die (temporär) aus dem Fokus der Aufmerksamkeit des Bewusstseins herausfallen. Es handelt sich für Freud um Vorstellungen, die den Charakter der Verdrängung implizieren und daher weiterhin die psychische Verfassung des Subjekts mitbestimmen. Um dies genauer differenzieren zu können, trennt Freud zwischen vorbewussten und unbewussten Vorstellungen. Erstere können jederzeit in das Bewusstsein gelangen und lassen sich beschreiben als eben Vorstellungen, die im Hier und Jetzt keine Aufmerksamkeit erheischen. Unbewusste Vorstellungen erreichen dies nicht: ins Bewusstsein zu gelangen. Nun lässt sich gegen Freud einwenden, er habe seine Überlegungen vornehmlich durch Beobachtung psychisch erkrankter Patienten entwickelt, die daher keinen Aussagewert für „gesunde“ Menschen haben. Und generell gilt: Freud kann sich des Vorwurfs der Spekulation nicht erwehren. Was freilich für Freud spricht ist, dass er einerseits immer wieder betont, es gehe ihm um eine wissenschaftliche Analyse bzw. Theorie, und andererseits, dass er aus diesem Grund auch immer wieder den spekulativen Charakter seiner Thesen selbst eingesteht. Es soll und kann hier keine wissenschaftstheoretische Evaluation Freuds erfolgen. Zu prüfen ist aber, ob Freud mit seiner Idee des Unbewussten einen plausiblen Beitrag zur Subjekttheorie zu bieten hat. Für Freud spricht, dass sich tatsächlich nur schwer bestreiten lässt, dass Menschen (nicht zuletzt im Rahmen einer therapeutischen Analyse) zu der Einsicht gelangen, dass verdrängte Vorstellungen weiterhin ihr Leben (mit-)bestimmen, dass sie überhaupt Vorstellungen haben, von denen sie keine bewusste Kenntnis hatten. Hinzu kommt, dass nicht nur verdrängte Vorstellungen eine mögliche Rolle spielen, sondern laut Freud auch die Triebstruktur.

Er ordnet dem Nervensystem die Aufgabe der Reizbewältigung zu und unterscheidet zwischen äußeren Reizen, die die Aufgabe stellen, „sich ihnen zu entziehen“ (Freud 1915/1997a: 84), und inneren Triebreizen, bei denen ein Fluchtverhalten sinnlos ist, weil sie danach verlangen, die äußerlichen Verhältnisse so zu modifizieren, dass eine Triebbefriedigung möglich wird. Bewusst werden können diese Triebe dabei nicht. Was bewusst wird, ist die Vorstellung, die ein Trieb repräsentiert. Das Unbewusste, so urteilt Freud (1915/1997b: 145), „besteht aus Triebrepräsentanten, die ihre Besetzung abführen wollen, also aus Wunschregungen.“ Ein dringlicher Wunsch des gesamten Seelenapparates ist die Niedrighaltung von Erregungen, weil diese zu Unlust führen. Freud geht davon aus, dass der psychische Apparat von einem Lustprinzip beeinflusst wird und grundsätzlich versucht, Unlust zu vermeiden in der Auseinandersetzung mit der Außenwelt/Realität. Das Lustprinzip wird wiederum reguliert durch ein Realitätsprinzip, das jedoch nicht die Funktion hat, die Lustorientierung aufzuheben, sondern „die zeitweilige Duldung der Unlust auf dem langen Umwege zur Lust“ (Freud 1920/1997: 220) zu ermöglichen. Das Realitätsprinzip kann als Vermittlung zwischen dem Intrapsychischen und der Außenwelt interpretiert werden, weil es dazu dient, die äußerlichen Verhältnisse bezüglich der Lustbefriedigung adäquat einzuschätzen. Ziel des Ich ist, die Versöhnung zwischen Es, Über-Ich und Realität hinzubekommen. Es ist dieses Zusammenspiel von Trieb, Lustprinzip und Unbewusstem, was die klassische Position des Subjekts gefährdet. Es ist bestimmt von Lusterwartungen, Trieben und ins Unbewusste verdrängte Vorstellungen, die die klassische Idee des Bewusstseins als regulative Instanz des Subjekts nicht desavouiert, aber doch schwer in Bedrängnis bringt.

Es verwundert daher nicht, wenn Freud mit seiner prominenten Dreigliederung von Es, Ich und Über-Ich das Subjekt in mehrere Instanzen aufteilt, die in ihm ineinander und gegebenenfalls auch gegeneinander agieren. Das Ich ist für Freud diejenige Instanz, die über Wahrnehmungen das Realitätsprinzip darstellt. Unter zunehmendem Einfluss der Außenwelt entwickelt sich das Ich aus dem Es und versucht, die Herrschaft bzw. die Kontrolle über die Triebe zu erhalten und strebt nach Unlustvermeidung. Das Es dagegen beheimatet das Lustprinzip und wird durch die Triebe regiert. „Das Ich repräsentiert, was man Vernunft und Besonnenheit nennen kann, im Gegensatz zum Es, welches die Leidenschaften enthält.“ (Freud 1923/1997: 293) Den Konflikt zwischen Vernunft und Leidenschaften hat Freud sicher nicht als erster gesehen – wenn es sich überhaupt um einen Konflikt handelt. Die klassische Aufklärungsphilosophie hatte in den Leidenschaften eine Eigenschaft des Subjekts entdeckt, die einen optimalen Vernunftgebrauch konterkariert. Freud sieht die Sache nüchterner und kann damit den Zusammenhang zwischen Vernunft und Leidenschaft entsprechend anders bewerten. Hans-Martin Lohmann (1986: 11) urteilt: „Freuds Lehre versteht sich als Parteigängerin der unterdrückten, kulturell verfemten Triebe.“ Die Leidenschaften und Triebe sind ein Teil des Subjekts als Ganzem, die ernst zu nehmen und bei dem Verständnis des Subjekts in Rechnung zu stellen sind. Sie gehören dazu, und erst eine richtige Behandlung der Triebe führt zu einem „gesunden“ Subjekt, das dann auch seine Vernunft optimal gebrauchen kann. Zum Subjekt gehört aber auch das Über-Ich. Freud führt dieses auf die Auflösung des Ödipuskomplexes und die lange Abhängigkeit des sich entwickelnden Menschen von den Eltern zurück, was im Subjekt dazu führt, dass sich ein Gewissen (mit der Übernahme elterlicher Wertvorstellungen, gesellschaftlicher Traditionen, etc.) ausbildet, das als Ich-Ideal fungiert. „Vom Standpunkt der Triebeinschränkung, der Moralität, kann man sagen: Das Es ist ganz amoralisch, das Ich ist bemüht, moralisch zu sein, das Über-Ich kann hypermoralisch und dann so grausam werden wie nur das Es. Es ist merkwürdig, dass der Mensch, je mehr er seine Aggression nach außen einschränkt, desto strenger, also aggressiver in seinem Ich-Ideal wird.“ (Freud 1923/1997: 320) Eine rigide Form von Moralität, die – anders ausgedrückt – nichts anderes ist, als eine rigide Form der Triebunterdrückung, macht aus freudscher Perspektive also wenig Sinn. Natürlich leugnet Freud nicht die positive Rolle, die dem Versuch zukommt, die Triebe zu kontrollieren. Eine ungezügelte Triebstruktur ist genauso problematisch wie ihre vollständige Unterdrückung. In seiner Schrift „Das Unbehagen in der Kultur“ (Freud 1930/1997) macht er deutlich, dass er die Kulturentwicklung der Menschheit auf die Triebsublimierung bzw. den Triebverzicht zurückführt. Der Preis ist eine vom ihm diagnostizierte Unzufriedenheit der Subjekte in der modernen Kultur, die ihnen gerade auch im Bereich der Sexualität hohe Beschränkungen auferlegt.

Dabei nehmen die Subjekte im gesellschaftlichen Rahmen ohnehin andere Dispositionen an. Freud leugnet die Existenz eines ursprünglichen Herdentriebes. Dennoch geht er davon aus, dass das Subjekt in der Masse über Gefühlsbindungen verfügt, die die Binnenintegration der Masse ermöglichen. Allein, die Masse suspendiert die Triebkontrollen seitens des Über-Ich und steigert die Affektivität des einzelnen Subjekts. „Es ist“, so Freud (1921/1997: 79), „unverkennbar etwas wie ein Zwang dabei wirksam, es den anderen gleichzutun, im Einklang mit den vielen zu bleiben. Die gröberen und einfacheren Gefühlsregungen haben die größte Aussicht, sich auf solche Weise in einer Masse zu verbreiten.“ Im Hinblick auf die Entwicklungen der 30er Jahre hat diese Aussage von Freud sicher einen prognostischen Wert. Die Subjekte, die eigentlich gelernt hatten, ihre Affekte und Triebe in sozialverträgliche Bahnen zu lenken, haben, aus freudscher Sicht, ihren unterdrückten Trieben in Form des Rassenwahns und des Holocaust freien Lauf gelassen. Ob die nachfolgenden Demokratien und die Demokratisierungsprozesse im Anschluss an die 68er-Bewegung dazu geführt haben, dass die Massen ihre Fähigkeit zur Affektfreisetzung verloren haben oder nicht, sei an dieser Stelle dahingestellt. Es kann Freud aber sicher zugestanden werden, erkannt zu haben, dass die Gefahr einer Wiederholung keineswegs ausgeschlossen ist.

Kann Freud aber überhaupt in Bezug auf die Subjekttheorie überzeugen? Er trägt sicherlich dazu bei, die idealistische Emphase des cartesianisch-kantischen Subjekts zu relativieren, die das Subjekt umstandslos als eine sich selbst transparente Entität beschreibt, die mittels des Bewusstseins autonome Entscheidungen trifft. Wird Freud zugestanden, dass es unbewusste Triebe und Vorstellungen gibt, tritt neben die Selbsttransparenz ein blinder Fleck, der nicht einfach einen weißen Punkt auf einer ansonsten bedruckten Landkarte darstellt, sondern die Entscheidungen und Handlungen des Subjekts mitbeeinflusst. Nun kann Freud zugestanden werden, dass er mit dem Begriff des Unbewussten in der Tat einen diagnostischen Begriff hat, der sich empirisch insofern sättigen lässt, als tatsächlich immer wieder verdeckte Motive bei Entscheidungen entdeckt werden können. Die Frage ist allerdings: Konterkariert er damit wirklich das cartesianisch-kantische Subjekt? Die Frage kann auch anders und genereller gestellt werden: Was ist das Selbst (oder Ich) des cartesianisch-kantischen Subjekts? Wenn das Selbst in einem transparenten Bewusstsein besteht, gibt es zwei Möglichkeiten, Freuds Konfrontation zu begegnen. Die eine Möglichkeit besteht darin, ihm unumwunden Recht zu geben, dann hätte er das cartesianisch-kantische Subjekt desavouiert. Die andere Möglichkeit besteht darin, an einem selbsttransparenten Ich festzuhalten und diese Vorstellung für den Subjektbegriff zu reservieren. Freud spricht nicht unbedingt vom Subjekt, und mit dieser Strategie würde Freuds Herausforderung einfach umgangen bzw.: es würde eine schlichte Begriffsverschiebung durchgeführt, die den inhaltlichen Kern unberührt lässt. Dagegen spricht das Zugeständnis, dass Freuds Begriff des Unbewussten empirisch gesättigt werden kann. Aus diesem Grund muss mit diesem Begriff ein anderer Umgang gefunden werden.

Mit dem hier rekonstruierten Subjektbegriff soll eine emanzipative Absicht verfolgt werden, die in Gefahr kommen würde, würde Freud unumwunden Recht gegeben. Es kann ihm aber auch bedingt Recht gegeben werden. Freud leugnet schließlich nicht die Möglichkeit einer Transparenz mittels einer analytischen Intervention. Dass also das Subjekt verdrängte Vorstellungen mit sich herumträgt, tut der Idee eines emanzipativen Subjektbegriffes keinen Abbruch. Im Gegenteil, es weist auf Emanzipationshindernisse hin, die berücksichtigt werden müssen. Schließlich soll das praktische Subjekt eine entscheidende Rolle sowohl in der Ausgestaltung seiner Privatsphäre spielen können als auch in der Wahrnehmung eines öffentlichen Vernunftgebrauches. Treffen in der Öffentlichkeit hingegen keine sich selbst bewussten Subjekte aufeinander, ist die Idee der Öffentlichkeit damit nicht sinnlos, aber problematisch. Es würden dann möglicherweise nicht die tatsächlichen Interessen und Überzeugungen der Subjekte verhandelt, sondern unbewusste Motive, über die sich keineswegs transparent und mündig debattieren ließe. Von Freud kann also der Hinweis übernommen werden, dass die Subjekte aufgefordert sind, an sich selbst derart zu arbeiten, dass sie sich ihre verdrängten Vorstellungen möglichst bewusst machen, um diese dann entweder in das je eigene Ich-Bild zu integrieren, oder diese Vorstellungen so zu bändigen, dass sie bewussten Entscheidungen nicht im Wege stehen. An diese Idee einer Arbeit an sich selbst kann dann der späte Foucault angeschlossen werden, der mit der Sorge um sich selbst exakt die Stoßrichtung hat, das Subjekt als gestaltenden Akteur zu ermächtigen.

Es gibt freilich im Bereich der Psychologie eine theoretische Alternative zu Freud, die von vornherein mit einem rationalen Subjekt operiert: Die genetische Epistemologie Jean Piagets. Dieser hatte als Biologe begonnen, war durch die Lektüre Bergsons zur Philosophie gestoßen und hat sich schließlich insbesondere als Entwicklungspsychologe einen Namen gemacht. Sein grundlegendes Interesse galt dabei zeitlebens dem Versuch, eine empirisch gesättigte Erkenntnistheorie zu erarbeiten. Seine Themen sind indes genuin psychologische: Er fokussiert die Ontogenese von Kindern in Bezug auf Sprachverhalten, logisches Denkvermögen und Moral. Zentral ist ihm die These, dass die Vernunft, anders als Kant dies gesehen hatte, nicht statisch ist, sondern als ein Prozess verstanden werden muss, der eine sukzessive Dezentrierung von kognitiven Schemata anschiebt. Ganz im Sinne Kants rechnet Piaget allerdings dennoch von vornherein mit einem aktiven Subjekt. Er macht eine Frontstellung auf sowohl gegen biologistische Bestrebungen, Vernunft allein in hereditären Verhaltensmustern zu erblicken, als auch gegen den Behaviorismus, der auf ein Stimulus-Response-Modell abzielt und Vernunft als Verhaltenskonditionierung begreift. Beiden Ansätzen setzt Piaget entgegen: Im Hinblick auf die Vernunft muss von einer lernbasierten Entwicklung ausgegangen werden, die durch die physische und soziale Umwelt beeinflusst wird. Der entscheidende Baustein der Entwicklung aber ist das Subjekt, denn dieses muss als Entität überhaupt in der Lage sein, auf Umweltreize reagieren zu können. „Der Ausgangspunkt ist somit nicht der Reiz, sondern die Sensibilität einem Reiz gegenüber und diese ist die Fähigkeit zur Antwort!“ (Piaget 1970/1980: 86) [1]

Piaget steht also in der Tradition Kants, auch wenn er den Apriorismus verwirft. Das Subjekt ist die ursprüngliche Instanz, wenn es darum geht, die Entwicklung und Vernunft des Subjekts zu fokussieren. Außeneinflüsse spielen nichts desto trotz eine gewichtige Rolle – ohne sie würde das Subjekt in der Tautologie der Selbstreferenz stehen bleiben. Außeneinflüsse sind aber nicht einfach objektive Informationen, die das Subjekt nur noch verarbeiten muss. Sie sind überhaupt nur Informationen, wenn sie an bereits etablierte Denkschemata des Subjekts anschließen können, und es sind die Schemata des Subjekts, die den qualitativen Gehalt der Informationen bestimmen. Gut kantianisch formuliert: Das Subjekt trifft nicht auf ein Ding an sich, sondern auf subjektiv gefilterte Umweltdaten bzw. Erscheinungen. Die Ontogenese des Subjekts sitzt einem Prozess der selektiven Verarbeitung von Erkenntnisinhalten auf. Nach Piaget bedeutet „ein Objekt zu erkennen nicht, es abzubilden, sondern auf es einzuwirken. Es bedeutet Transformationssysteme zu konstruieren, die sich an oder mit diesem Objekt ausführen lassen. Oder: Realität erkennen heißt, Transformationssysteme zu konstruieren, die der Realität – mehr oder weniger adäquat – entsprechen, die Transformationen der Realität mehr oder weniger isomorph sind.“ (Piaget 1970/1996: 23)

Dass der Erkenntnisprozess einer (konkreten) Tätigkeit des Subjekts entspringt, hatten bereits Fichte und Marx (s. o.) angedacht. Piaget nimmt diesen Gedanken auf. Das Kleinkind, das lernt, einen Gegenstand zu ergreifen, koordiniert zwei Handlungsschemata: Sehen des Gegenstandes und Ausstrecken des Armes. Piaget deutet dies als Entwicklung einer senso-motorischen Intelligenz, die nicht rein geistiger Tätigkeit entstammt, sondern eben dem konkreten Handeln des Ergreifens eines Gegenstandes. Der Ursprung dieser Intelligenz, die sich im weiteren Verlauf unter optimalen Bedingungen zu jener Vernunft entwickelt, die Kant einst beschrieben hatte, ist allerdings für Piaget in der biologischen Konstitution zu suchen. Diese ist verantwortlich dafür, dass sich das Nervensystem vernetzen kann, und dass nur spezifische Wahrnehmungen möglich sind (etwa Töne in einem bestimmten Frequenzbereich). „Diese strukturalen Gegebenheiten beeinflussen die Bildung unserer fundamentalsten Begriffe. So ist z. B. unsere Raumwahrnehmung ohne Zweifel von diesen Anlagefaktoren abhängig, mögen wir auch fähig sein, in unserem Denken Räume zu konstruieren, die die Anschauung übersteigen und rein deduktiver Art sind.“ (Piaget 1959/1991: 12)

Die biologische Konstitution ist nicht die einzige Anleihe, die Piaget bei der Biologie macht. Er übernimmt den Gedanken der Adaption, die durch eine Austauschbeziehung mit der Umwelt den Fortbestand des Organismus sichert. In Bezug auf die Vernunft meint dies, dass mittels der Adaption die Außenweltinformationen strukturiert werden, und dass die Vernunft sukzessive zu einem Passungsverhältnis zwischen Erkenntnis und Wirklichkeit gelangt. Die adaptive Vernunft differenziert sich bei diesem Unternehmen in die Prozesse der Assimilation und der Akkommodation aus. Assimilation steht dann für die Einordnung von Informationen aus der Außenwelt in bereits bestehende Strukturen oder kognitive Schemata. Sie bezeichnet zentral die Aktivität des Subjekts und bringt den Gedanken auf den Begriff, dass Umweltinformationen nur nach Maßgabe subjektiver Schemata verarbeitet werden können. Es geht also um die „Strukturierung durch Einverleibung der äußeren Wirklichkeit in die aus dem eigenen Tun herausgewachsenen Formen.“ (Ebd.: 17) Dass dann Umweltinformationen nicht als Ding an sich erkannt werden, ist die logische Konsequenz aus dem Prozess der Assimilation.

Dennoch geht es Piaget um ein Passungsverhältnis zwischen Erkenntnis und Wirklichkeit, das bei einer alleinigen Assimilation nicht erreicht würde. Sie wird daher ergänzt durch den Prozess der Akkommodation, der die gegenläufige Verarbeitung von Umweltinformationen bezeichnet. Immer dann, wenn kognitive Schemata dadurch problematisch werden, dass sich Informationen nicht störungsfrei darunter subsumieren lassen, müssen diese weiterentwickelt werden. Akkommodation steht also für die empiristische Seite der Erkenntnis, die sich tendenziell nach den Dingen richtet. Wird beispielsweise eine Katze zunächst unter dem kognitiven Schema Hund subsumiert, könnte dies problematisch werden, wenn die Katze anfängt zu schnurren. In diesem Fall muss entweder das Schema „Hund“ erweitert werden um die Eigenschaften „Hunde können schnurren“, oder es muss ein weiteres Schema (Katze) ausdifferenziert werden.

Beide Prozesse machen den Adaptionscharakter der Vernunft aus, die dahin tendiert, beide Prozesse in ein Gleichgewicht zu bringen. Ähnlich wie Kant postuliert hatte, dass erst Begriff und Erfahrung zusammen die Erkenntnis ausmachen, geht auch Piaget davon aus, dass der subjektiven Aktivität eine Passivität zugeordnet werden muss, die sich an der Außenwelt orientiert – schließlich geht es um die Erkenntnis dieser Außenwelt. „Indem sich das Denken den Dingen anpasst,“, so Piaget (Ebd.: 18), „strukturiert es sich selbst, und indem es sich selbst strukturiert, strukturiert es auch die Dinge.“ Politisch übersetzt würde sich im übrigen die Dominanz einer der beiden Teilprozesse in einem Fall als Egozentrik (Dominanz der Assimilation) und im anderen Fall als Subordination gegenüber der Gesellschaft (Dominanz der Akkommodation) beschreiben lassen.

Vernunft, so lässt sich resümieren, wurzelt in der biologischen Konstitution, geht aber dann über diese hinaus. Sie entwickelt sich dahingehend, dass die eigenen Tätigkeiten bewusster werden und sich auf diese Weise eine Ich-Identität ausbilden kann. Im Laufe der Entwicklung wird dann schließlich die Vernunft als das je eigene Selbst erlebt. Das Subjekt erhebt sich über seine biologischen Wurzeln. Der Terminus Entwicklung zeigt dabei an, dass die Vernunft mitnichten statisch zu denken ist. Sie ist in einen dynamischen Austauschprozess zwischen dem Subjekt und seiner Umwelt eingelagert, der durch die ständige Äquilibration und Disäquilibration der kognitiven Schemata zu einer immer adäquateren Erkenntnis der Wirklichkeit gelangt. Die Äquilibration findet nach Piaget in dreierlei Form statt. Die erste ist die zwischen Assimilation und Akkommodation. Die zweite Form ist die Interaktion zwischen verschiedenen Schemata. Piaget nennt diese Form die reziproke Assimilation. Im Fall des Ergreifens eines Gegenstandes etwa werden das Sehund das Greifschema kombiniert oder: Das Sehschema wird an das Greifschema reziprok assimiliert. Die dritte Form der Äquilibration sorgt schließlich für die Synthetisierung der Schemata zu einer hierarchischen Ganzheit. Die Entwicklung der Vernunft ist damit ein krisenhafter Prozess. Sie wird vorangetrieben durch problematische Informationen, die eine Neujustierung der kognitiven Schemata nahelegen. „In einer von der Äquilibration bestimmten Betrachtungsweise ist eine der Ursachen für den Fortschritt in der Entwicklung der Erkenntnisse offensichtlich in den Ungleichgewichten als solchen zu suchen, die allein ein Subjekt zwingen, seinen gegenwärtigen Zustand zu überwinden und irgendetwas in neuen Richtungen zu suchen.“ (Piaget 1976: 19) Für den vorliegenden Kontext von Bedeutung ist dabei, dass es subjektinterne Ursachen sind, die zunächst überhaupt eine Disäquilibration als Problem diagnostizieren und dann in eine Richtung überwinden, die ihrerseits unter der Maßgabe bereits entwickelter Vernunftstrukturen steht. Der Begriff der Irritation, wie Luhmann ihn verwendet, findet hier seine Anschlussmöglichkeit. Denn:„Irritationen ergeben sich aus einem internen Vergleich von (zunächst unspezifizierten) Ereignissen mit eigenen Möglichkeiten, vor allem mit etablierten Strukturen, mit Erwartungen. Somit gibt es in der Umwelt des Systems keine Irritationen, und es gibt auch keinen Transfer von Irritationen aus der Umwelt in das System. Es handelt sich immer um ein systemeigenes Konstrukt, immer um Selbstirritation – freilich aus Anlass von Umwelteinwirkungen.“ (Luhmann 1998: 118) Es sind also keine objektiven Reize, die, wie im klassischen Behaviorismus (Bruder 1982), das Subjekt gleichsam nötigen, die kognitiven Schemata weiterzuentwickeln. Zwar sind Umweltereignisse der Anlass, jedoch nur dann, wenn das Subjekt diese auch als Anlass erkennt.

Insbesondere mit seinen Ausführungen zur Äquilibrationsthese hat Piaget den Verdacht erzeugt, er operiere mit einem empirisch unwahrscheinlichen animal rationale. Er hat selbst auf diesen an ihn herangetragenen Verdacht reagiert und in Form einer Vorlesung versucht, das Bild zu korrigieren. Affektivität, so Piaget, sei tatsächlich eine nicht unbedeutende Größe im Zusammenspiel mit der Vernunft. „Es ist ebenso unmöglich, Verhaltensweisen zu finden, die rein gefühlsbestimmt sind und jeden kognitiven Anteil entbehren, wie umgekehrt.“ (Piaget 1954/1995: 19) Anders als Freud, der sich für die Rolle der Affektualität stärker in Bezug auf die psychischen Dispositionen interessiert, geht es Piaget allerdings eher um die kognitive Entwicklung. Dabei ordnet er der Affektivität eine subordinante Stellung zu. Sie beeinflusst die intellektuelle Tätigkeit, indem sie etwa in Form von Lust den Erkenntnisgewinn antreibt, erzeugt aber selbst keine neuen kognitiven Schemata. „Somit könnte man sagen, dass die Energetik des Verhaltens der Affektivität entspringt, während die Strukturen aus kognitiven Funktionen hervorgehen.“ (Ebd.: 25) Zudem manifestiert sich die subordinante Stellung darin, dass bestimmte Emotionen das Erreichen eines bestimmten Niveaus der Vernunftentwicklung voraussetzen. Erst, wer formal-operativ denken kann, kann den intrinsischen Stellenwert der Menschenrechte erkennen und für diese dann auch emotional eintreten. Inwieweit es Piaget mit diesem Zugriff auf die Affektivität gelungen ist, das Bild eines einseitigen animal rationale zu korrigieren, braucht hier nicht weiter zu interessieren, wenngleich sicherlich Zweifel angebracht sind – vor allem im Vergleich mit Freud. Dieser hat der affektuellen Seite des Subjekts zweifelsohne einen größeren Stellenwert eingeräumt. Jedoch: Während Freud, grob formuliert, eine Triebtheorie vorgelegt hat, wandelt Piaget auf den Pfaden der Kognitionstheorie. Dass beide also zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen, liegt sicher auch an den differierenden Forschungsinteressen. Aber nicht an diesen allein. Piaget steht zweifelsohne in der Tradition Kants, und dies bedeutet: Es ist kein Zufall, dass er mit einem rationalen Subjekt rechnet, dem im Erkenntnisprozess eine hoheitliche Funktion zukommt.

Trotz dieser Traditionsverortung steht Piaget, entgegen dem monologischen Subjekt Kants, auch für die Idee einer Verortung der Individualgenese im sozialen Kontext. Zwar spielt die soziale Kontextualisierung der Vernunftentwicklung im Spätwerk Piagets keine wesentliche Rolle. Im Frühwerk hingegen lassen sich eindeutige Verweise darauf finden, dass die Vernunft sich keineswegs aus sich selbst heraus entwickelt oder gar als a priori gegeben anzusetzen ist. Zunächst operiert die Vernunft in dem Sinne fremdreferentiell, als sie den Anstoß für eine Ausdifferenzierung der kognitiven Schemata von außen bekommt. Der Begriff der Akkommodation macht deutlich, dass das Subjekt seine Begriffe durch den Druck der Wirklichkeit modifiziert. Soweit würde Kant sicher mitgehen können. Offen ist die Frage, inwieweit sich die Fremdreferentialität zusätzlich durch einen intersubjektiven Bezug qualifizieren lässt. Es ist schließlich ein Unterschied, ob mit Objekten oder mit anderen Subjekten interagiert wird. Ersteres kann an Marx anknüpfen, der in der Arbeit, also dem Austausch mit der dinglichen Umwelt, den Motor der Bewusstseinsentwicklung gesehen hatte. Letzteres schließt an intersubjektivistische Theorien an, deren Vertreter etwa George Herbert Mead oder Jürgen Habermas sind. Für Thomas Seiler (1998) ist die Sache recht klar. Piaget rechnet mit einer intrapsychischen Entwicklung, die mit Begrifflichkeiten aus dem Paradigma der Intersubjektivität nicht dechiffriert werden kann. „Die Strukturen des Subjekts sind der Maßstab der Entwicklung.“ (Seiler/Claar 1993: 118) Dies schließt freilich die Bezugnahme auf soziale Umwelten nicht aus. Im Gegenteil kann die genetische Epistemologie Jean Piagets die Idee einer sozialen Kontextualisierung aufnehmen, ohne dass ihr Gewalt angetan wird. Tillmann Sutter (1999) etwa, der in der Auseinandersetzung mit Piaget, dem Konstruktivismus und der Systemtheorie, die sozialisatorische Interaktion als logisch notwendiges Postulat begreift, verpflichtet diese so auf den Begriff der Assimilation, dass sie selbst als subjektives Konstrukt gelten kann.

Ein anderes Problem ist das der Entwicklungslogik. Piaget hatte Stufen der kognitiven Entwicklung formuliert, die ähnlich wie die Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung bei Hegel und Marx funktionieren. Und so, wie diese beiden Autoren, die die Kritik auf sich gezogen haben, differente Entwicklungsverläufe unterschiedlicher Gesellschaften nicht hinreichend berücksichtigen zu können, sorgt auch die Stufenentwicklung des Subjekts für Bedenken, je individuelle Entwicklungswege zu generalisieren und damit zu paternalisieren. Wolfgang Edelstein hat nicht zuletzt aus diesem Grund entgegen einer starken Typologisierung der Ontogenese darauf aufmerksam gemacht, dass unterschiedliche Gegenstandserfahrungen zu unterschiedlichen Erkenntnisergebnissen führen. „Wenn die Gegenstände der Erfahrung und die auf die Gegenstandserfahrung folgende Einwirkung auf den Adaptationsprozess, der die Wirkung des Objekts auf die Konstruktion des Schemas vermittelt, und schließlich das Ergebnis dieser Prozesse Systematik und Regelhaftigkeit in den Prozessen und Mechanismen der individuellen Entwicklung erzeugen, sind erfahrungsabhängige intraund interindividuelle Unterschiede in der Entwicklung und in den Entwicklungsergebnissen zu erwarten.“ (Edelstein 1993: 96) Andere Umwelten evozieren andere Entwicklungsverläufe oder: „Unterschiedliche Kontextsysteme stellen […] unterschiedliche intrinsische Bedingungen der Entwicklung dar.“ (Schröder 1993: 153) Es macht daher Sinn, die Idee der Vernunftentwicklung, die durch diese Überlegungen keineswegs in toto diskreditiert wird, aufzuspalten in eine Entwicklungslogik und individuelle Entwicklungsverläufe. Die Entwicklungslogik meint dann nur, dass die Vernunft sich sukzessive in Richtung einer Dezentrierung und Abstrahierung entwickelt. Sie ist bei fortschreitender und optimaler Entwicklung in der Lage, zwischen Ich und Außenwelt zu trennen, hypothetische Annahmen zu machen und immer komplexere Umwelten zu verarbeiten. Diese jedoch differieren bezüglich ihrer Inhaltsangebote, so dass unterschiedliche Wege zum Ziel zu erwarten sind. Sowohl die Erfahrung mit Musik als auch mit Literatur kann zu einem Begriff abstrakter Kunst führen, obwohl die intrinsischen Bedingungen von Musik und Literatur verschiedene sind. Wird diese analytische Trennung zwischen Logik und Dynamik der Entwicklung aufgenommen, kann an Piagets grundlegender Einsicht in die Prozesshaftigkeit der Vernunft festgehalten werden, ohne dass diese Einsicht in paternalistische Schlagseite gerät.

Wie stellt sich nun für Piaget die Entwicklung der Vernunft empirisch dar? Er hatte vier Phasen unterschieden (vgl. dazu Piaget 1947/1992, Piaget/Inhelder 1955/1980). In der ersten Phase bildet das Kind senso-motorische Fähigkeiten aus, und in der zweiten Phase steht vor allem der Spracherwerb im Vordergrund. Interessant in puncto Vernunft sind insbesondere die Phasen der Operationalität. Mit diesem Begriff meint Piaget die Systematisierung des Denkens, so dass einzelne Erfahrungen und Handlungen in ein Gesamtsystem von kognitiven Schemata und Operationen gebracht werden können und ihnen somit ein zeitund raumunabhängiger Bedeutungsgehalt zugeschrieben werden kann. In der ersten Phase der Operationalität, der konkret-operationalen Phase, bleibt das Denken noch an konkrete Gegenstände gebunden. Es können noch keine hypothetischen Einstellungen vorgenommen werden. „Dem präoperationalen wie dem konkret-operationalen Kind dient die Empirie als Prüfstein für die Notwendigkeit der Schlussfolgerung (empirische Notwendigkeit wird zu logischer Notwendigkeit), jedoch mit dem Unterschied, dass das konkret-operationale Kind komplexere und multiple Beziehungen zwischen den Merkmalen der physikalischen Welt konstruiert. Diese Beziehungen müssen aber auch gleichsam empirisch verifizierbar sein.“ (Schröder 1989: 30) Diese Beschränkung der Vernunft wird erst in der formal-operationalen Phase aufgehoben, die es erlaubt, aktuelle Erfahrungen als Sonderfall des Möglichen zu betrachten. „Anstatt dass sich das Mögliche bloß in Form einer Verlängerung des Wirklichen oder der auf die Wirklichkeit ausgeübten Aktionen äußert, wird im Gegenteil das Wirkliche dem Möglichen untergeordnet: Die Fakten werden von jetzt ab als der Bereich der tatsächlichen Verwirklichungen innerhalb einer umfassenden Vielfalt möglicher Transformationen aufgefasst; und sie werden erst nach einer Beweisführung, die die Gesamtheit der mit der gegebenen Situation vereinbaren möglichen Hypothesen erklärt, überhaupt als Fakten anerkannt.“ (Piaget/Inhelder 1955/1980: 238)

Auf die Philosophie Kants bezogen, zeugt die inhaltliche Bestimmung der formal-operativen Phase nicht nur von Gemeinsamkeiten mit den Verstandeskategorien der reinen Vernunft Sie macht auch deutlich, dass Piaget davon ausgeht, dass das Subjekt sich dahingehend entwickelt, eine Erkenntnishoheit gegenüber seiner Umwelt zu entfalten.

Dies zeigt sich entsprechend im Bereich der Moral. Piaget hatte Kinder verschiedenen Alters beim Murmelspiel beobachtet und sich dabei auf die Frage konzentriert, wie die Kinder mit den Regeln des Spiels umgehen. Konkret galt sein Interesse zum einen dem Praktizieren der Regeln, zum anderen dem Regelbewusstsein. Seine Ergebnisse fasste er, seinem generellen Theorieprogramm entsprechend, wiederum in einer Stufentheorie zusammen, wobei die Stufen der Moralentwicklung komplementär zu kognitiven Entwicklung stehen. Bezüglich des Regelpraktizierens unterscheidet Piaget vier Phasen. Die ersten beiden Phasen zeichnen sich durch die Abstinenz einer sozialen Ausrichtung des Spielens aus. Das Kleinkind kennt noch überhaupt keine Regeln. In der zweiten Phase entwickeln sich Regelmäßigkeiten, die jedoch in die grundsätzliche Disposition des Egozentrismus (Böhm 1994) eingebettet bleiben. „Indem das Kind so, das was es beobachtet, nachahmt und ehrlich der Meinung ist, wie alle anderen zu spielen, denkt es jedoch zuerst nur daran, seine neuen Kenntnisse für sich allein zu verwerten. Es spielt allein mit einem sozialen Stoff; darin besteht der Egozentrismus.“ (Piaget 1932/1983: 50) Erst in der dritten Phase, die mit dem Stadium der konkreten Operationalität zusammenfällt, wird in das Spiel eine soziale Ausrichtung implementiert und mit dieser eine Orientierung an Regeln. Diese bleiben jedoch noch unterhalb einer systematischen Durchdringung. Diese stellt sich erst in der vierten Phase ein, die zeitgleich mit dem Stadium der formalen Operationalität beginnt, und in der sich das Interesse zunehmend auf eine diskursive Verhandlung von Normen verschiebt. Dies bedeutet, dass das eigentliche Spiel zugunsten der Regelaushandlung an eine sekundäre Stelle tritt. Die Regeln erhalten einen arbiträren Rang und beziehen sich auf alle antizipierbaren Fälle.

Diese Entwicklung in der Regelpraktizierung korreliert mit einer Entwicklung des Regelbewusstseins, wenngleich Piaget für diesen Teil der Moralentwicklung nur drei Stadien angibt. Im ersten Stadium sieht er noch kein Regelbewusstsein, da das Kleinkind noch willkürliche Tätigkeiten ausübt. Dennoch werden in dieser Phase erste Regelmäßigkeiten erlernt. „Gewisse physische Ereignisse (der Wechsel von Tag und Nacht, die Aufeinanderfolge der Landschaftsbilder bei Spaziergängen usw.) wiederholen sich mit hinreichender Genauigkeit, um ein Bewusstsein der Gesetzlichkeit aufkommen zu lassen oder zumindest um das Erscheinen motorischer Schemata der Voraussicht zu begünstigen.“ (Ebd.: 67) Im zweiten Stadium entwickelt sich ein heteronomes Regelbewusstsein, so dass Spielregeln sakrosankt erscheinen und nicht veränderbar sind. Diese unreflektierte Subordination unter Regeln verliert sich in der dritten Phase: „Auf die Heteronomie folgt die Autonomie: die Spielregel erscheint dem Kinde nicht mehr als Gesetz, das von außen kommt, und insofern heilig ist, als es von den Erwachsenen auferlegt wurde, sondern als das Ergebnis eines freien Entschlusses, das in dem Maße geachtet wird, als es auf gegenseitigem Übereinkommen beruht.“ (Ebd.: 82) Wird diese Phase erreicht, wird eine Form der Moralität erreicht, die ganz im kantischen Sinne aufgestellt ist. Das Subjekt anerkennt nur solche Regeln als legitim, denen es aus eigener Reflexion heraus und frei zustimmen kann. Wichtig im Kontext der genetischen Epistemologie ist aber die Isomorphie zwischen der kognitiven und moralischen Entwicklung. Moral ist nicht entkoppelt von einem optimalen Verlauf der Ontogenese im Bereich der (reinen) Vernunft. Sie kann aber ein Urteilsniveau erreichen, das auf einen mündigen Umgang mit Traditionen hoffen lässt. Bedingung für eine derart gelingende Entwicklung ist nach Piaget allerdings die Beziehung zu Peers – also zu ebenbürtigen Interaktionspartnern, die einen gleichberechtigten Dialog ermöglichen. Ergänzen lassen sich familiäre Interaktionsmuster, wobei restriktive Erziehungsstile einen negativen Einfluss auf die moralische Entwicklung haben können (Grundmann/Keller 1999). Drei für den Status des Subjekts bedeutsame Entwicklungslinien lassen sich aus dem Werk Piagets destillieren. Erstens zeichnet Piaget eine Entwicklung vom Konkreten zum Formalen. Das Subjekt erwirbt die Fähigkeit zu einem hypothetischen Möglichkeitsdenken und erhebt sich damit über seine empirische Außenwelt. Zweitens zeigt Piaget eine soziale Dezentrierung auf, die die ursprüngliche Egozentrik des Subjekts überwindet. Und schließlich steht Piaget für eine moralische Entwicklung entlang der Linie Heteronomie-Autonomie. Anders als Freud stellt er damit einen Subjektbegriff zur Verfügung, der sich umstandslos in die Idee einer Demokratie einfügen lässt (Beer 2002). Das Subjekt Piagets ist diskursbefähigt und in der Lage, autonom Urteile zu fällen. Die Idee einer im Rücken der Subjekte agierenden Triebstruktur findet sich bei Piaget nicht. Im Gegenteil: Er neigt dazu, den Extremfall eines rationalen Subjekts zu favorisieren. Was er aber auf jeden Fall für den vorliegenden Kontext beisteuern kann, ist die Idee der Entwicklung. Das kantische Apriori war bereits im 19. Jahrhundert in die Kritik geraten. Piaget hat einen Schlussstrich darunter gezogen. Er ist Teil des Sozialisationsdiskurses (Veith 2001; Beer 2007b; Hurrelmann/Grundmann/Walper 2008), der darauf aufmerksam macht, dass das Subjekt eine Ontogenese durchläuft, die immer auch scheitern kann. Letzteres zumindest dann, wenn dem Sozialisationsgeschehen normative Kriterien zugrunde gelegt werden (Beer/Bittlingmayer 2008). Bei Piaget finden sich solche Kriterien, weil seine Stufentheorie ein Telos impliziert: die Stufe der formalen Operationalität bzw. die Stufe der autonomen Moral. Wird dieses Telos erreicht, erreicht das Subjekt jene Eigenschaften, die ihm einst in der klassischen Aufklärungsepoche zugeschrieben worden waren. Piaget restituiert die einstige Subjektidee für das 20. Jahrhundert, was ihn in die Nähe Jean Paul Sartres rückt. Beide machen noch einmal die Idee stark, dass Subjektivität bedeuten kann, von einer selbsttransparenten Entität auszugehen, die eigenverantwortlich und autonom Entscheidungen treffen kann, weil sie der Kausalkette der materiellen und den Zwängen der sozialen Wirklichkeit enthoben ist. Sie liegt logisch vor diesen Wirklichkeiten, und diese haben entsprechend keinen präjudizierenden oder gar determinierenden Einfluss. Im Gegenteil: Das Subjekt ist der Ausgangspunkt der Verarbeitung dieser Wirklichkeiten, die entsprechend subjektiv gefärbt sind. Insbesondere im Fall Piaget wird diese Restitution des Subjekts freilich damit erkauft, dass das eher unwahrscheinliche Bild eines rationalen Subjekts gezeichnet wird. Hier kann Freud sicher nicht zu Unrecht anmerken, dass das Subjekt, empirisch betrachtet, keineswegs eine selbsttransparente Entität ist, die logisch nicht hintergangen werden kann. Sie ist immer schon hintergangen, und dies trübt das Bild einer Vernunftentwicklung, für die Affektivität nicht mehr als eine energetische Leistung ist. Die Vernunft leugnet auch Freud nicht, aber er stellt ihr eine Triebstruktur gegenüber, die autonome Vernunftentscheidungen konterkarieren kann. Eine Annäherung zwischen beiden Autoren findet sich nur an der Stelle, an der auch Freud einräumt, dass die Triebstruktur mittels der Analyse zumindest entschärft werden kann hinsichtlich ihrer unbewussten Einflussnahme auf die Vernunft. Dass Piaget zu einer Rekonstruktion des Subjekts in emanzipativer Absicht eher einen Beitrag leistet, dürfte unmittelbar einsichtig sein. Wird Freud in den Kontext der genetischen Epistemologie implementiert, so verliert er zwar seine Sprengkraft, aber er lenkt den Blick darauf, dass die reine Vernunft mitunter nicht so rein zu denken ist. Freud entfaltet dann, wie oben schon angedeutet, seinerseits ein emanzipatives Potential, weil er darüber aufklärt, dass die Autonomie des Subjekts nicht nur durch eine möglicherweise übermächtige Gesellschaft gefährdet ist, sondern auch durch Subjektinterna. Die Frage nach dem öffentlichen Gebrauch der Vernunft muss dies insofern berücksichtigen, als zu prüfen, ist inwieweit Diskursbeiträge sich rationalisieren – und das meint hier: intersubjektiv anschlussfähig machen – lassen. Die Idee einer demokratischen Gesellschaft wird dadurch nicht tangiert. Diese kann als normative Idee unabhängig vom Subjektbegriff fungieren, und daraus lässt sich das Postulat rationalisierungsfähiger Diskursbeiträge auch ableiten. Es bleibt dann eine empirische Frage, inwieweit die Subjekte dieses Postulat erfüllen können. Piaget stützt das Projekt der Demokratie, da er an einer grundsätzlichen Vernunftbefähigung festhält. Freud assistiert mit dem Hinweis auf reale Vernunftpraktiken, die im schlimmsten Fall die Umsetzung der Vernunftbefähigung konterkarieren können.

  • [1] Vgl. dazu auch den nach wie vor instruktiven Aufsatz von Thomas Nagel (1994), der die Probleme eines physikalistischen Reduktionismus aufzeigt
 
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