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4. Subjekt, aber welches?

Der doppelte Gang durch die Ideengeschichte dürfte deutlich gemacht haben, dass der Versuch einer Rekonstruktion des Subjekts nicht ohne Entscheidungen zu haben ist. Zu unterschiedlich und vor allem gegensätzlich sind die Vorstellungen bezüglich des Subjekts. Dies nicht nur innerhalb der großen Paradigmen der Erkenntnistheorie und der Gesellschaftstheorie. Auch zwischen beiden Paradigmen existieren konträre Auffassungen darüber, wie denn überhaupt der epistemologische Status des Subjekts aussehen könnte. Wird dann noch die politisch-moralische Dimension hinzugenommen, verschwimmen die Konturen vollends. Um nun den Versuch einer Rekonstruktion dennoch nicht scheitern zu lassen, wurde der Begriff der Emanzipation gewählt, um zum einen einen Leitfaden für die Aufarbeitung der Ideengeschichte zu haben, zum anderen, um die anfallenden Entscheidungen so weit wie möglich begründen zu können.

Die bisherigen Ausführungen stellen sich dar als Pendelbewegung zwischen verschiedenen Subjektvorstellungen, was den Verdacht nahe legt, dass die verschiedenen Subjektvorstellungen auf die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Zeit reagieren oder diese zu transformieren trachten. Das würde bedeuten, dass die Entscheidung zugunsten einer bestimmten Subjektvorstellung mitnichten politisch-moralisch unschuldig ist. Es gibt keine politische Neutralität, wenn es um den Subjektbegriff geht. Der hat immer auch die Funktion, die jeweiligen Verhältnisse zu reflektieren und gegebenenfalls zu kritisieren. Der Wechsel von der Epistemologie zur Gesellschaftstheorie macht dies deutlich. Ging es im

17. und 18. Jahrhundert eindringlich darum, gegen die feudale Gesellschaft zu protestieren, wurde seit dem 19. Jahrhundert ein zentrales Motiv, darüber Rechenschaft abzulegen, was aus den einstigen Ideen geworden war. Wird seitdem kritisch auf die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft geblickt, taucht nach wie vor ein Subjektbegriff auf, der bemüht ist, den Kontakt zu klassischen Aufklärungsperiode zu halten. Peter Zima hat dies mit den Worten auf den Punkt gebracht: „Nur wer meint, mit gutem Gewissen auf Gesellschaftskritik verzichten zu können, kann auch auf den Subjektbegriff verzichten.“ (Zima 2007: 226) Er wird also insbesondere dann gebraucht, wenn es darum geht, die gesellschaftlichen Verhältnisse einer kritischen Reflexion zu unterziehen. Wenn dies eine seiner Funktionen ist, bietet sich der Emanzipationsbegriff an, die Beantwortung der Frage anzuleiten, wie eine Rekonstruktion des Subjektbegriffes sich darstellen lässt. Eines ist dabei selbstverständlich klar: Weder Gesellschaftskritik noch Emanzipation sind Werte, die sich umstandslos aus dem Subjektbegriff ableiten lassen. Und nicht nur dies: Es gibt keine Letztbegründung für Gesellschaftskritik oder Emanzipationsbemühungen. Beides sind bereits Entscheidungen, die sich auf die Rekonstruktion des Subjekts auswirken.

 
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