Wichtige Phasen im Lebenszyklus einer Organismenart als Produkt der natürlichen Selektion

Die natürliche Selektion begünstigt Merkmale, durch die sich die Aussichten eines Individuums auf eine lange Lebensdauer und einen hohen Fortpflanzungserfolg verbessern. Alle Arten müssen hierbei Kompromisse (engl. trade-offs) eingehen, zwischen der ihnen zur Verfügung stehenden Lebensdauer und Merkmalen wie der Vermehrungshäufigkeit, der Anzahl der Nachkommen (Anzahl der Samen bei Pflanzen, Gelege- oder Wurfgröße bei Tieren) oder den Investitionen in die Brutfürsorge oder Brutpflege. Der Lebenszyklus (engl. life cycle) der Individuen einer Art wird im Wesentlichen durch die Dauer der Reproduktionsfähigkeit bestimmt sowie durch ihre Gesamtlebensdauer (von der Geburt über die Fortpflanzung bis zum Tod). Dieser Lebenszyklus umfasst drei grundlegende Parameter: Wann beginnt die Reproduktion (Alter bei der ersten Reproduktion oder Geschlechtsreife), wie oft reproduziert sich das Individuum und wie viele Nachkommen werden in jeder Fortpflanzungsphase produziert?

Mit Ausnahme des Menschen, auf den wir später in diesem Kapitel noch eingehen werden, entscheiden die einzelnen Organismen nicht bewusst, wann sie sich reproduzieren oder wie viele Nachkommen sie haben sollen. Die verschiedenen Phasen im Entwicklungszyklus eines Organismus sind vielmehr Produkte der Evolution, die sich in der Individualentwicklung, der Physiologie und im Verhalten widerspiegeln.

Evolution und die Vielfalt von Lebenszyklen

Die Arten- und Lebensformen-Vielfalt, die ihre Ursache in evolutiven Prozessen hat, spiegelt sich auch in einer Vielzahl unterschiedlicher Lebenszyklen einzelner Arten wider. Die pazifischen Lachse der Gattung Oncorhynchus schlüpfen zum Beispiel im Oberlauf eines Baches und wandern dann ins offene Meer, wo sie im Laufe von vier weiteren Jahren geschlechtsreif werden. Schließlich kehren sie zum Laichen in den Oberlauf des Gewässers zurück; dort bietet sich ihnen nur ein einziges Mal die Gelegenheit zur Fortpflanzung: Sie legen mehrere tausend Eier ab und sterben dann. Dies bezeichnet man als Big-Bang-Fort

pflanzung oder Semelparie (lat. semel, einmal und parere, hervorbringen), bei der sich die Individuen im Laufe ihres Lebens nur einmal fortpflanzen (=> Abbildung 53.3).

Das Gegenteil zur Semelparie ist die Iteroparie (lat. iterate, wiederholen), bei der die Individuen einer Art in ihrem Leben zwei oder mehrere Reproduktionszyklen durchlaufen. Manche Echsen bringen zum Beispiel im zweiten Lebensjahr wenige große Eier hervor und reproduzieren sich dann mehrere Jahre lang jedes Jahr.

MERKE I

Bei der Iteroparie durchlaufen die Individuen einer Art in ihrem Leben zwei oder mehrere Reproduktionszyklen.

 
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