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5.1 Wahrheit als Konsens

Es gilt als allgemein anerkannt, und nüchterne Überlegung bestätigt, dass die Wahrheit einer Aussage nicht in dem behaupteten Sachverhalt enthalten ist, sondern in der Aussage selbst. Habermas hat, wie gesehen, nicht zuletzt aus diesem Grund vorgeschlagen, den Konsens als Kriterium für Wahrheit zu verwenden. Zweifelsohne rückt auch er damit Wissenschaft in die Nähe zur Demokratie. Er löst zugleich das Problem, dass empirische Validität nicht das letzte Kriterium für Wahrheit sein kann, weil empirische Validität nicht zu haben ist [1]. Dennoch kann er an dem Ideal der intersubjektiven Transparenz festhalten, die durch die zwanglose Zustimmung operationalisiert wird. Das Problem ist freilich, dass auch er sich einen impliziten Konstruktivismus einhandelt. Aus einer externen Kritik an diesem Theorieparadigma, die das strenge Kriterium empirischer Verifikation oder Falsifikation nicht aufgibt, kann darauf hingewiesen werden, dass es möglich ist, einen Konsens zu erzielen, ohne dass die zugrunde liegenden Behauptungen rational bzw. wahrheitsfähig sind. Wenn sich etwa zwei Kommunikationspartner darauf verständigen, dass es von Natur aus lila Kühe gibt, würde dieser Konsens empirischen Wahrheitsbedingungen widersprechen. Wenn sich zwei Kommunikationspartner darauf verständigen, dass sie sich zugleich in einem Wachund in einem Traumzustand befinden, würde dieser Konsens logischen Wahrheitsbedingungen widersprechen, sofern Wachund Traumzustand als sich gegenseitig ausschließend definiert werden. Wenn sich zwei Kommunikationspartner darauf verständigen, irgendeine ethnische Gruppe sei „minderwertig“, würde dieser Konsens den diskursiven Wahrheitsbedingungen widersprechen, die Habermas selbst angibt: Alle Betroffenen müssen dem Ergebnis zwanglos zustimmen können. Dennoch haben sich die jeweiligen Kommunikationspartner in allen drei Fällen herrschaftslos auf diese Konsense geeinigt. Dies kann – vor allem im letzten Fall dramatisch – zu einer Situationsdefinition und Handlungskoordinierung beitragen. Streng genommen müsste Habermas allen drei Ergebnissen attestieren: Sie sind wahr bzw. richtig.

Freilich hat Habermas Gegenpositionen bezogen, die diese Strenge neutralisieren. Im letzten Beispiel könnte Habermas darauf verweisen, dass die als „minderwertig“ eingestufte ethnische Gruppe ihrer Einstufung zustimmen muss. Verweigern die Kommunikationspartner dieser Gruppe den gleichberechtigten Zugang zu ihrem Diskurs, würden sie die Diskursbedingungen unterlaufen, und damit die Wahrheitsfähigkeit ihres Konsenses aufheben. Im ersten Fall könnte Habermas geltend machen, dass die Annahme, es gäbe lila Kühe (von Natur aus), empirisch überprüft werden kann (und muss) und die beiden Kommunikationspartner durch eine entsprechende Untersuchung ihren Konsens ändern müssten. Andernfalls, und dies macht die Diskursethik aus moralischen Gesichtspunkten freilich angreifbar, bliebe die Möglichkeit, den Kommunikationspartnern die Sprach-, Denkund Handlungsfähigkeit abzusprechen. Dies gilt dann eo ipso für den zweiten Fall, in dem zunächst darauf verwiesen werden kann, dass die beiden Kommunikationspartner offensichtlich eine Begriffsverwendung praktizieren, die den gültigen Sprachregeln widerspricht. Beharren sie auf ihrer Sprachverwendung, ließe sich ihnen die Sprachkompetenz absprechen.

Zwingend bleibt demnach nur der Verweis in Bezug auf den letzten, den normativen Fall. Hier kann Habermas plausibel machen, dass moralische oder ethische Entscheidungen, die in einem realen Diskurs getroffen werden, mit hoher Wahrscheinlichkeit keinem der Diskursteilnehmer intendierte Nebenfolgen oktroyieren, die deren physische, psychische oder moralische Integrität verletzten [2]. Dies stellt sich im Fall theoretischer Wahrheiten zunächst anders dar. Hier wird entweder mit einer unabhängigen Realität oder mit konventionellen Regeln (Logik) gerechnet, die als Maßstab für die Verifikation bzw. Falsifikation von Aussagen zur Verfügung stehen. Die ersten beiden der oben genannten Beispiele können also aus einer Beobachterperspektive eindeutig als unwahre Ergebnisse eines Diskurses interpretiert werden. Ein mögliches Festhalten an den unwahren Ergebnissen ist dann unter Umständen nicht nur ein Kavaliersdelikt, sondern kann gravierende moralische oder ethische Folgen haben. Die Aussage etwa, Atomkraftwerke seien absolut sicher, kann, wenn sie zum Bau solcher Werke führt, verheerend sein, wenn sie sich als unwahr herausstellt. Gesellschaften also, die sich auf ein diskursives Prozessieren einlassen, also entsprechende Freiheitsräume für eine herrschaftslose Kommunikation zur Verfügung stellen, müssen gleichzeitig mit dem Problem umgehen können, dass es möglicherweise konsensuelle Ergebnisse gibt, die zwar alle Bedingungen für einen Diskurs erfüllen, aber den faktischen Gegebenheiten widersprechen. Nun hat Habermas auch für solche Fälle gleichsam „Sicherheitsvorkehrungen“ vorgesehen. Im Fall der Nutzung von Atomkraft etwa würde in einem herrschaftsfreien Diskurs darauf verwiesen werden müssen, dass eine absolute Garantie für deren Sicherheit nicht gegeben werden kann. Die (betroffenen) Diskursteilnehmer müssten dann entscheiden, ob sie das Risiko der Nutzung eingehen wollen oder nicht, das heißt, sie müssten eventuelle (erwartbare) Nebenfolgen mit dem (erwartbaren) Nutzen verrechnen und darüber befinden, ob die (erwartbaren) Nebenfolgen überhaupt ethisch vertretbar sind (vgl. dazu Habermas 1968). Und selbstverständlich ist jedes Diskursergebnis modifizierbar, sobald neue Kenntnisse zur Verfügung stehen.

Es bleibt jedoch der Umstand, dass es Menschen geben könnte, die an unwahren Aussagen festhalten und diese konsequent in Diskurse einbringen. Die scheinbar sich anbietende Gegenstrategie ist, zu unterstellen, die betreffenden Kommunikationspartner seien nicht hinreichend sozialisiert, so dass sie über nur mangelhafte bzw. defizitäre lebensweltliche Wissensbestände verfügen. Eine Alternative wäre, diesen Kommunikationspartnern zu unterstellen, sie behaupteten wissentlich und damit intendiert unwahre Aussagen, um den Diskurs zu sabotieren. Der Umgang mit solchen Personen würde jedoch auf dasselbe hinauslaufen: Es könnte ihnen die Wahrhaftigkeit, als eine Voraussetzung für eine kommunikative Einstellung, abgesprochen werden. Moralisch nicht eindeutig zu klären, aber möglich wäre in beiden Varianten: die Kommunikationspartner zu exkludieren.

Nun kann Habermas auch auf diese Konsequenz reagieren. Wird dieses Problem in einen größeren Kontext gestellt, erscheint es als Problem der Demokratie ohne Demokraten. Der herrschaftsfreie Diskurs ist schließlich nicht nur eine zeitlich und räumlich begrenzte Form der Kommunikation, sondern kann als wesentliche Konstituente der Demokratie begriffen werden. Wenn sich die Mitglieder einer Gesellschaft weigern, diskursiv zu handeln, verweigern sie dann eo ipso die Demokratie. Da Habermas auf einen Letztbegründungsanspruch verzichtet, bleibt ihm nur die Formulierung übrig: Wenn die Demokratie als Staatsund Gesellschaftsform gewählt wird, dann setzt dies die Bereitschaft zur diskursiven Verhandlung strittigen Wissens und strittiger Normen voraus. Transzendental formuliert: Der Diskurs ist die conditio sine qua non der Demokratie. Die Demokratie selbst ist damit aber noch nicht realisiert. Das heißt nun, wenn die Mitglieder einer Gesellschaft entweder diskursunfähig oder diskursablehnend sind, gibt es keinen Diskurs und damit keine Demokratie. Dies ändert aber nichts daran, dass ein Diskurs unter optimalen Bedingungen (und hierzu zählt die Diskursfähigkeit) insofern einen Garanten für wahre Aussagen darstellt, als dann ebenfalls keine Alternative vorhanden ist. Anders formuliert: Sprachund handlungsfähige Diskurspartner können sich unter gleichberechtigten Bedingungen nur auf die Aussagen einigen, auf die sie sich nach bestem Wissen und Gewissen einigen können. Die objektive Realität, die dadurch erzeugt wird, ist genauso so alternativlos wie die moralische Realität. Denn selbst dann, wenn alle Mitglieder einer Gesellschaft Diskursbeiträge thematisieren, die aus einer Beobachterperspektive entweder empirischen oder logischen Kriterien widersprechen, bleibt ihnen nichts anders übrig, als sich genau auf die Diskursergebnisse zu einigen, die alle Teilnehmer zwanglos akzeptieren können, sofern sie sich auf eine diskursive Verhandlung einlassen. Wenn sie sich dann darauf einigen, dass die Erde eine Scheibe ist, ist die Erde eine Scheibe, und dies mit der Konsequenz, dass etwa die Schifffahrt auf die Küstennähe beschränkt wird. In Bezug auf die Demokratie bedeutet dies: Niemand darf aufgrund mangelnder Bildung(-schancen) aus den prozeduralen Zusammenhängen der Demokratie exkludiert werden, oder wie Habermas (1963/1978: 45) formulierte: „Die vindizierte Überlegenheit der Aufklärer über die noch Aufzuklärenden ist theoretisch unvermeidlich, aber zugleich fiktiv und der Selbstkorrektur bedürftig: in einem Aufklärungsprozeß gibt es nur Beteiligte.“

Auf eine Wahrheitsfindung durch den Diskurs zu setzen, produziert also normative und theoretische Probleme. Das normative Problem braucht hier nicht weiter verfolgt zu werden. Es ist ein Problem, das letztlich in der politischen Praxis einer Gesellschaft bearbeitet werden muss. Klar ist nur: Aus der Perspektive der Diskurstheorie muss als regulative Idee gelten: Niemand darf vom Diskurs ausgeschlossen werden. Zentraler ist hier das theoretische Problem. Die Konsenstheorie der Wahrheit wird schließlich dazu angeführt, um das Verhältnis zwischen dem Radikalen Konstruktivismus und der Wissenschaft harmonisieren zu können. Zwei Charakteristika des Diskurses bieten die Möglichkeit einer Vermittlung. Erstens impliziert auch der Diskurs ein konstruktivistisches Moment. Zwar sind es in der habermas'schen Lesart nicht einzelne Subjekte, die konstruieren, sondern intersubjektive Austauschprozesse. Dennoch können die Diskursergebnisse als Konstrukt gelten, deren Kriterium die zwanglose Zustimmung ist. Dass diese auf empirischen Evidenzen beruhen sollten, führt nicht dazu, dass diese gegenüber der zwanglosen Zustimmung favorisiert werden. Aus einer objektiven Beobachterperspektive mögen die Ergebnisse eines Diskurses dann unwahr sein. Allein: Aus Sicht des Radikalen Konstruktivismus kann es eine solche Beobachterperspektive nicht geben, so dass jegliches Diskursergebnis bis zu seiner Widerrufung als Wahrheit gelten kann oder muss. Die Kritik, dass es ontologische Gegebenheiten gibt, die ein Diskursergebnis irrational werden lassen, muss einen entsprechenden Standpunkt oberhalb des Diskurses ausweisen können. Wie gesagt: Dies ist ein eher unmögliches Unterfangen. Hinzu kommt, dass die Behauptung einer über dem Diskurs liegenden Wahrheit nur dann in einem demokratischen Sinne verhandelbar ist, wenn diese Wahrheit als propositionale Aussage in den Diskurs eingeführt wird. Dies führt dazu, dass diese Aussage dann eben den Diskursregeln unterliegt, denen andere Diskursteilnehmer mit ihren Aussagen auch unterliegen. Die ontologisch behauptete Wahrheit würde auf diese Weise zu einer Diskursaussage unter anderen und könnte eine höhere Wahrheit für sich nicht länger reklamieren.

Zweitens ermöglicht der Diskurs, die Idee der subjektiven und intersubjektiven Transparenz zu perpetuieren. Transparenz bedeutet dann zwar nicht primär die Anschaulichkeit empirischer Evidenzen, sondern eher eine Einsichtigkeit in Argumente, die jedoch nicht empiriefrei sein müssen. Im Gegenteil: Für empirische Aussagen sollten auch empirische Überprüfungskriterien angewendet werden. Entscheidend bleibt jedoch, dass das Subjekt zwanglos zustimmen kann. Macht es dies, kann es im optimalen Fall die Ergebnisse und Nebenfolgen eines Diskurses akzeptieren. Wichtig hierbei ist allerdings, dass jederzeit ein Diskursergebnis revidiert werden kann, wenn sich etwa herausstellt, dass unerwartete Nebenfolgen auftreten oder neue Erkenntnisse vorliegen. Mit der Konsenstheorie der Wahrheit liegt also eine Wahrheitstheorie vor, die zwar nicht den strengen Anforderungen einer genuin positivistisch auftretenden Wissenschaft genügen kann. Dass eine solche Wissenschaft nicht mehr sein kann als eine Heuristik, machen indessen die erkenntniskritischen Überlegungen spätestens seit David Hume deutlich. Insofern kann es nicht darum gehen, derartigen Anforderungen Genüge zu tun. Mit der Konsenstheorie zeichnet sich jedenfalls ein gangbarer Weg ab, die Idee der Wissenschaftlichkeit auf dem Boden des Radikalen Konstruktivismus zu erhalten.

  • [1] Was für Habermas in der Form nicht gilt, da er an empirischer Überprüfbarkeit festhält
  • [2] Wobei hier ungleichheitsund bildungssoziologische Hinweise darauf, dass Menschen aufgrund defizitärer Bildung „betrogen“ oder zu Zustimmungen entgegen eigenen Interessen und Überzeugungen bewegt werden können, außer Acht gelassen warden
 
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