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5.3 Wissenschaft und Demokratie

Es lässt sich also zeigen, dass die Idee der Intersubjektivität und der Transparenz mit einem radikalkonstruktivistischen Diskursprinzip denkbar bleiben. Dennoch hat dies Konsequenzen für die Idee der Wissenschaft. Es wäre zwar eine Möglichkeit, die Idee der Wissenschaftlichkeit aus dem vorliegenden Kontext auszugliedern. Das wäre aber merkwürdig oder sogar fahrlässig. Erstens sind bereits Andeutungen gemacht worden, das Ideal der Wissenschaftlichkeit für die Idee der Emanzipation zu rekrutieren. Zweitens hat die Theorieentscheidung für ein radikalkonstruktivistisches Subjektverständnis Auswirkungen auf die Idee der Wissenschaftlichkeit. Wie schon angemerkt: Der Radikale Konstruktivismus muss auf sich selbst anwendbar sein – mit Folgen für die wissenschaftliche Heuristik. Ein wissenschaftliches Selbstverständnis, das davon ausgeht, einen unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit zu haben, ist jedenfalls auf dem Boden des Radikalen Konstruktivismus ausgeschlossen. Wahrheit kann keine Adäquatiowahrheit mehr sein. Jede wissenschaftliche Erkenntnis steht – epistemologisch betrachtet – der Wahrheit nicht näher, als irgendeine Alltagsbeobachtung. Der Unterschied liegt freilich darin, dass wissenschaftliche Erkenntnisse begrifflich und methodisch kontrolliert sind, d. h.: begrifflichen und methodischen Ansprüchen genügen müssen. Dies rückt wissenschaftliche Erkenntnisse nicht an die Wirklichkeit heran, hat aber einen anderen Impetus. Wissenschaftliches Denken zeichnet sich durch eine begriffliche und methodische Strenge aus, die in der Lage ist, das Ideal der Transparenz zu transportieren. Darüber hinaus sind wissenschaftliche Diskurse im optimalen Fall deckungsgleich mit dem Ideal der herrschaftsfreien Kommunikation, wie sie im Diskursprinzip anvisiert wird. Es geht um Argumente, die sich nach (mehr oder weniger) eindeutigen Kriterien richten und bei Dissens einer Überprüfung offen stehen müssen, d. h., wissenschaftliche Argumente müssen negierbar sein.

Trotz dieser Eigenschaften wissenschaftlichen Argumentierens bleibt die epistemologische Skepsis erhalten. Es gibt schließlich keinen Grund für die Annahme, dass die objektive Wirklichkeit überhaupt mit einer begrifflichen und methodischen Strenge beschreibbar ist. Es gibt allerdings Gründe dafür, anzunehmen, dass die wissenschaftlichen Erklärungsmuster einen hohen pragmatischen Wert haben: Sie funktionieren in dem Sinne, dass sich mit unseren wissenschaftlichen Erklärungen allerlei technische Möglichkeiten realisieren lassen. Das ist kein Beweis für die Wahrheit der wissenschaftlichen Aussagen, aber dennoch ein Indiz dafür, dass Wissenschaften keineswegs irgendeine beliebige Form der Beobachtung sind. Zu bedenken ist nun freilich, dass technische Errungenschaften den Naturwissenschaften zu verdanken sind. Wie stellt sich dies für die Sozialund Geisteswissenschaften dar? Von ihnen sind jedenfalls keine technischen Errungenschaften zu erwarten. Zwar könnte das Ziel verfolgt werden, eine Sozialtechnologie zu entwickeln, die neue Möglichkeiten der Regierung oder der Kontrolle bereitstellt. Ein solches Unternehmen wäre indessen nicht nur unter moralisch-ethischen Gesichtspunkten problematisch. Es kann davon ausgegangen werden, dass der Gegenstand der Sozialund Geisteswissenschaften sich einer technischen Kausalität nicht beugt. Wenn das Subjekt, wie hier angenommen, selbstorganisierend ist, muss eine Sozialtechnologie scheitern.

Für jegliche Wissenschaft gilt trotzdem, dass sie mit Kausalitätsunterstellungen operieren muss, um zu gesetzmäßigen Aussagen zu kommen. Wie oben gesehen, hat Max Planck dies mit dem Wissen um die skeptizistischen Einfallstore programmatisch als erkenntnisleitendes Prinzip für die Wissenschaften deklariert. Wie ebenfalls gesehen, hat ihn dies nicht davon abgehalten, die Idee der Willensfreiheit – und damit eine Idee, die per definitionem jenseits des Kausalprinzips liegt – daneben zu stellen. Im Fall der Naturwissenschaften führt die Kausalitätsunterstellung zu technischen Errungenschaften, die zwar nur in wenigen Fällen überlebensnotwendig sind, aber dennoch vieles ermöglichen, was ohne diese Errungenschaften mindestens schwerer zu bewerkstelligen wäre. Im Fall der Sozialund Geisteswissenschaften ist die Sache komplizierter. Um als Wissenschaften gelten zu können, kommen auch sie ohne eine Kausalitätsunterstellung nicht aus. Wenn allerdings gilt, dass weder die Seite des Subjekts, und davon abgeleitet, noch die Seite des Sozialen kausalen Gesetzmäßigkeiten unterliegt, wird diese Unterstellung kontrafaktisch. Das Ringen um den Wissenschaftsstatus der Sozialwissenschaften bei Durkheim, Weber oder Simmel veranschaulicht dieses Dilemma, und Plancks insistieren auf der Willensfreiheit gibt diesem Dilemma die begrifflichen Konturen. Eine gangbare Möglichkeit ist, auf Korrelationen auszuweichen, weil diese im Kern zwar den Kontakt zu Kausalitätsunterstellungen halten, aber dennoch auf eine starke Kausalitätsunterstellung verzichten. Zu denken ist hier etwa an Pierre Bourdieu, der mit dem Nachweis der Korrelation zwischen sozio-ökonomischer Position und Lebensstil zwar keine strenge Kausalität anvisiert. Dennoch soll seine Habitustheorie die Homologie zwischen Sozialposition und Lebensstil erklären können. Bei diesem Versuch kommt er dann nicht umhin, in eine deterministische (also: kausale) Schlagseite zu geraten.

Ein weiteres kommt hinzu, wenn der Radikale Konstruktivismus als Leittheorie gewählt wird. Wenn empirische Daten keine Letztbegründung darstellen, entfällt ein zentrales Argumentationsmotiv für die Wissenschaften. Dieses sollte eine wertfreie Wissenschaft garantieren, wobei die Wertfreiheit sich dem Ideal der Transparenz anschließt. Mit der Desavouierung empirischer Daten ist nun nicht gemeint, dass es nicht auf empirische Daten ankommen würde. Sie können aber aus radikalkonstruktivistischer Perspektive kein letztes, mithin: zwingendes, Argument sein. Empirische Daten sind Konstrukte, die sich aus den theoretischen und methodologischen Hintergrundannahmen ableiten lassen. Als wissenschaftliche Konstrukte unterscheiden sie sich von Alltagskonstrukten eben genau dadurch, dass sie Methoden und Theorien aufsitzen, die als wissenschaftliche Methoden und Theorien anerkannt sind. Die Anerkennung sollte dabei im optimalen Fall herrschaftsfrei, also mit guten Argumenten, organisiert sein. Faktisch spielen freilich andere Mechanismen eine gewichtige Rolle. Damit verschiebt sich der Fokus von den empirischen Daten auf diese Hintergrundannahmen. Diese entscheiden darüber, welche empirischen Daten überhaupt erhoben werden, und wie diese interpretiert werden. Die sich anschließende Frage ist dann: Können wissenschaftliche Theorien und Methoden den Status einer wertfreien Wissenschaft konstituieren?

Um die Frage zu beantworten, können hier keine detaillierten Untersuchungen angestellt werden. Allgemein kann jedoch gefolgert werden: Ohne die Absicherung im Empirischen können Theorien nicht darüber begründet werden, dass sie einer objektiven Wirklichkeit angemessen sind. Sie sind, im kantischen Sinne, bestenfalls in dem Sinne einer Wirklichkeit angemessen, in dem diese Wirklichkeit durch die Theorien (Begriffe) überhaupt erst erkennbar wird. Das heißt: Es gibt keine erkennbare Wirklichkeit außerhalb dieser Theorien (Begriffe). Dies verschließt auch den Weg, Theorien aus einer objektiven Wirklichkeit abzuleiten, so dass sie nicht als Verlängerung bzw. Reflexionsinstanz der Wirklichkeit verstanden werden können. Dennoch sind wissenschaftliche Theorien keine reine Beliebigkeit. Ohne überprüfbare Viabilität – als konstruktivistisches Substitut für Empirie – können sie sicher nicht als wissenschaftliche Theorien gelten. Es lässt sich nun zeigen, dass sozialwissenschaftliche Theorien neben dieser überprüfbaren Viabilität immer auch einer normativen Entscheidung aufsitzen (vgl. dazu Ahrens et al. 2008). Um es pointiert zu formulieren: Sozialwissenschaftliche Theorien konstituieren ihren Gegenstand überhaupt erst, und diese Gegenstandskonstitution ist nicht unabhängig von normativen Bezügen. Dies nicht allein deshalb, weil hinter den Theorien immer Subjekte stehen, die nicht frei von normativen Bezügen sind. Dies vor allem deshalb, weil Theorien letztlich Entscheidungen darstellen, die „Wirklichkeit“ so und nicht anders zu beschreiben und zu erklären. Da es immer auch anders möglich wäre, die „Wirklichkeit“ zu beschreiben und zu erklären, implizieren Theorien notwendig ein normatives Moment, weil die Entscheidung nicht empirisch, und damit: wertfrei, begründet werden kann. Niklas Luhmann etwa, eher konservativ aufgestellt, beschreibt die Gesellschaft mit dem Begriff der funktionalen Differenzierung, womit es ihm nur schwer möglich ist, Herrschaftsund Ungleichheitsstrukturen in sein Theoriegebäude zu integrieren. Dagegen zielt der eher politisch links orientierte Jürgen Habermas mit seinem System-Lebenswelt-Paradigma geradezu auf Verzerrungen einer herrschaftsfreien Kommunikation. Diese normative Verwobenheit schmälert nicht den wissenschaftlichen bzw. heuristischen Wert beider Gesellschaftstheorien. Beide beanspruchen zu Recht, die moderne Gesellschaft zu beschreiben und zu erklären. Die Gesellschaft jedoch gibt keine Hinweise darauf, welche Beschreibung ihr angemessener wäre, weil sie durch die Theorien überhaupt erst als Erkenntnisgegenstand konstituiert wird.

Wenn nun aber Normativität zum zentralen Kriterium wissenschaftlichen Arbeitens wird, zerbricht die Orientierung an der Wertfreiheit. Aus Sicht des Radikalen Konstruktivismus ist dies jedoch kein Verlust. Da wissenschaftliche Erkenntnisse ohnehin als Konstrukte gelten müssen, schadet es nicht, wenn diese Konstrukte normativ aufgeladen sind. Das Plädoyer – ganz im Sinne Max Webers (1904/1988, 1918/1988) – ist allerdings, die je eigenen Werturteile transparent zu machen. Das Ideal der Transparenz bezieht sich dann nicht mehr auf empirische Daten, sondern auf die normativen Hintergründe. Dies darf selbstverständlich nicht dazu führen, einen Zwang zur Offenlegung der je eigenen normativen Überzeugungen einzuführen. Das Recht auf Privatsphäre muss auch im wissenschaftlichen Bereich gelten. Wie sich ein Balanceakt zwischen normativer Transparenz und Privatsphäre generieren lässt, ist eine offene Frage, die sich wohl nicht theoretisch deduzieren lässt. Was sich deduzieren lässt, ist, dass die Selbstdeklarierung der Sozialwissenschaften als normfreies Prozessieren zu einer Naturalisierung ihres Gegenstandes führt, die ihrerseits kaum normfrei ist. Bei Emile Durkheim lässt sich dies besonders gut veranschaulichen. Sein positivistischer Zugriff, der dem Selbstanspruch nach von normativen Bezügen gereinigt sein soll, zwingt ihn, die Gesellschaft als subjektlose, emergente Entität zu begreifen. Erst dadurch gelingt es, einen objektivierten Gegenstand zu haben, der mit objektiven Begriffen erfasst werden kann. Gerade damit positioniert sich Durkheim aber im normative Diskurs, weil er ein spezifisches Verhältnis zwischen dem Subjekt und der Gesellschaft einkauft, das sich als Priorität des Kollektiven gegenüber dem Subjektiven umschreiben lässt. Eher liberale Autoren würden, oder: müssen, dem widersprechen und entsprechend einen anderen theoretischen und methodologischen Zugriff auf die Gesellschaft wählen. Aus dem Umstand der grundsätzlichen normativen Aufgeladenheit wissenschaftlicher Erkenntnisse lässt sich nun ableiten, welchen pragmatischen Wert die Sozialund Geisteswissenschaften haben. Sie können nicht, wie die Naturwissenschaften, mit technologischen Errungenschaften punkten. Sie tragen aber im hohen Maße dazu bei, den demokratischen Diskurs inhaltlich anzuregen und illustrieren mit dem Anspruch der begrifflichen Strenge eine Möglichkeit, das Ideal der herrschaftsfreien Kommunikation zu realisieren. Die funktioniert schließlich nur dann, wenn intersubjektiv anschlussfähige Kommunikationen stattfinden. Um der Beliebigkeit kommunikativer Anschlüsse und damit dem ständigen Dissensrisiko zu entgehen, bieten wissenschaftliche Begriffe, aufgrund ihrer impliziten Transparenz und Eindeutigkeit, Plattformen, die die Konsenswahrscheinlichkeit erhöhen. Weil selbstverständlich auch die wissenschaftlichen Begriffe ihrerseits in den Sog der diskursiven Neuverhandlung geraten können müssen, gibt es keine Garantie für konsensuelle Einigungen. Dennoch lässt sich behaupten: Die Sozialund Geisteswissenschaften sind ein Pendant zur Demokratie. Und anders herum: Wenn Wahrheit am herrschaftsfreien Konsens hängt, ist das Demokratieprinzip zugleich auch eine konstitutive Säule der Wissenschaften. Dieser Zusammenhang von Wissenschaft und Demokratie ist selbstverständlich kein zwingender. Auch in Diktaturen kann es Wissenschaften geben: dann allerdings in aller Regel nicht als freie Wissenschaften, sondern als politisch gegängelte Wissenschaften, deren Erkenntnisse in den instrumentellen Zusammenhang des Machterhalts geraten. Dadurch werden die Erkenntnisse aus einer objektivistischen Perspektive zunächst nicht wahrer oder unwahrer. Sie verlieren aber die nötige begriffliche und methodische Strenge zumindest dann, wenn diese mit den Zielen der Diktatur in Konflikt gerät. Es kann vermutet werden, dass dies generell in jeder Diktatur passiert, weil Diktaturen ihre Legitimation in aller Regel aus mystischen oder, wie es Karl Popper (1945/2003a, 1945/2003b) formuliert hat: aus geschlossenen Weltbildern rekrutieren. Eine begriffliche Strenge, die zudem breite Anerkennung findet, kann aber nur erreicht werden, wenn eine hinreichende Offenheit vorhanden ist, die das Spiel aus Kritik und Gegenkritik zulässt. Wenngleich also kein zwingender Zusammenhang besteht, so illustriert die Geschichte dennoch, dass beide Prinzipien, das der Wissenschaft und das der Demokratie, in Europa seit der Aufklärung eine gemeinsame Entwicklung genommen haben. Die Durchsetzung der Demokratie ging immer auch einher mit der Freisetzung der Wissenschaft aus religiösen und politischen Zusammenhängen. Dies ist kein Beweis, aber doch ein Indiz für die These, dass sich Wissenschaft und Demokratie als Pendant darstellen lassen.

Um es zusammenzufassen: Der Sinn der Wissenschaften ist es nicht so sehr, ein (objektives) Bild einer (objektiven) Wirklichkeit zu erstellen. Vielmehr ist der Sinn, insbesondere der Sozialund Geisteswissenschaften, um ein Verständnis des Sozialen bemüht zu sein, wobei das Soziale durch die wissenschaftlichen Theorien, Begriffe und Methoden überhaupt erst konstituiert wird. Wissenschaftliche Beschreibungen konkurrieren dabei mit Alltagsbeschreibungen, religiösen Beschreibungen oder auch politischen Beschreibungen. Ihr zentraler und für die Demokratie unverzichtbarer Beitrag liegt darin, Beschreibungen vorzuschlagen, die einer rationalen Überprüfbarkeit standhalten müssen. Wenn es um Transparenz, als eine Bedingung für herrschaftsfreie Kommunikation, geht, bietet sich die Idee der Wissenschaftlichkeit an prädestinierter Stelle an, um dieses Ideal möglichst weitgehend zu realisieren. Vollständige Transparenz wird dabei möglicherweise oder auch sicher nicht zu erreichen sein. Dies spielt insofern keine Rolle, als wissenschaftliches Arbeiten mit diesem Ideal als regulativer Idee einen Vorbildcharakter entfalten kann, der in der Lage ist, öffentliche Diskurse rational, d. h. mit guten Argumenten, zu führen. Dazu zählt dann unter anderem auch, dass veranschaulicht werden kann, wie sich aus den normativen Hintergrundannahmen konsistent Theorien und Methoden ableiten lassen, und wie sich aus derart eruierten Forschungsdesigns normative Anschlussfolgerungen begründen lassen. Wenn deutlich wird, dass sich aus spezifischen normativen Orientierungen spezifische wissenschaftliche Begriffe, Methoden und nicht zuletzt spezifische Fragestellungen ergeben, und die daraus resultierenden empirischen Daten dann weitergehende Folgerungen ermöglichen, wird ein rationales Argumentationsspiel prozessiert. Für die Demokratie ist dies ein entscheidender Beitrag, der aus einer Perspektive der Emanzipation auch bedeutsamer einzuschätzen ist, als ein wertfreies Beschreiben einer objektiven Wirklichkeit, dem immer auch eine Naturalisierung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse inhäriert.

 
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