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6. Das Subjekt als Kritische Theorie

Wenn es um Emanzipation geht, ist der Schritt nicht weit zum Projekt der Kritischen Theorie. Diese hatte sich, von Marx bis Habermas, immer darum bemüht, den Kontakt zum aufklärerischen Denken zu halten, und die kritischen Impulse der Aufklärung gegen die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft zu wenden. Die feudalen Herrschaftsstrukturen und -mechanismen hatten sich zur Zeit eines Karl Marx bereits aufgelöst oder waren dabei, sich aufzulösen. Wie aber schon mehrfach konstatiert, waren an deren Stelle nicht die einstigen Ideale realisiert worden. Es etablierten sich im 19. Jahrhundert keine Gesellschaften, die ernsthaft als gleiche, gerechte oder friedliche Gesellschaften zu charakterisieren gewesen wären. Dies zumindest nicht aus Sicht der Kritischen Theorie. Zwar räumte auch Marx ein, dass sich eine formale Rechtsgleichheit durchsetzte, die auch im Sinne eines humanistischen und herrschaftskritischen Denkens zu begrüßen war. Ihr fehlte indessen eine materielle Absicherung, ohne die die Inanspruchnahme gleicher Rechte zwar nicht ausgeschlossen, aber dennoch – empirisch betrachtet – erschwert wird. Der Umstand, dass Armutsverhältnisse, Kriege und autoritäre Gesellschaftsverhältnisse kontinuierten, musste also erklärt werden. Die liberale Sichtweise, deren normative Bedeutung keineswegs geschmälert werden sollte, trägt wenig dazu bei. Sie zeichnet ein harmonisches Bild der Gesellschaft. Soziale oder politische Verwerfungen erklärt der Liberalismus in der Regel als temporäre Erscheinungen, die zudem auf ein irrationales Verhalten des homo oeconomicus zurückgeführt werden. In Europa konnte es auch zeitweilig so scheinen, als läge der Liberalismus damit richtig. Im 20. Jahrhundert erlebte die Arbeiterschaft eine gewaltige Wohlstandsentwicklung, die vormals aus der Gesellschaft exkludierten Bevölkerungsgruppen die Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichte. Politisch brachen im 20. Jahrhundert durch die Studentenproteste autoritäre Denkmuster auf, und die Gesellschaften konnten sich weitergehend demokratisieren und pluralisieren. Zwei Hinweise stören indessen die liberale Erzählung. Erstens gibt es Gründe für die Annahme, dass die Wohlstandsentwicklung in Europa mitnichten ein quasi natürlicher Prozess war, der sich durch die Freisetzung ökonomischer Rationalität im Sinne des Kapitalismus ergeben hätte. Die Geschichte kann auch erzählt werden als erfolgreicher Kampf der Arbeiterbewegung, die es vermocht hatte, ihre Interessen durchzusetzen, wobei ihr in Westeuropa die Systemkonfrontation sicherlich zu Hilfe kam. Zweitens stellt sich die Wohlstandsentwicklung nicht universell dar; es gibt diesbezüglich ebenfalls Gründe für die Annahme, dass die europäische Reichtumsentwicklung zulasten der sogenannten Dritten Welt realisiert wurde. Kurzum: Die liberale Erzählung gerät in den Verdacht, die Verhältnisse kontrafaktisch zu beschönigen.

Ganz anders die Kritische Theorie, die an der Verurteilung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft festgehalten hatte. Sie erzählt die Geschichte der europäischen Gesellschaften als Geschichte der Ausbeutung und Unterdrückung, gegen die sie sich dann explizit wendet. Der kritische Maßstab blieb dabei immer die Idee einer mit sich selbst versöhnten Subjektivität bzw. die Idee der Emanzipation von nicht legitimierten Herrschaftsansprüchen und von ökonomischer Ausbeutung. Es sollte bereits deutlich geworden sein, dass der oben umrissene Subjektbegriff seinerseits in dieser Denktradition steht und damit eine Nähe zur Kritischen Theorie hat. Die folgenden Ausführungen sollen diese Nähe ausloten. Den Wiederholungscharakter in Kauf nehmend, wird dazu noch einmal komprimiert das Denken der klassischen Kritischen Theorie rekapituliert. Der Fokus liegt dabei auf dem objektivistischen Überhang, der sich aus der Perspektive des Radikalen Konstruktivismus ergibt. Anschließend wird es dann darum gehen, zu eruieren, inwieweit sich ein radikalkonstruktivistisches Subjekt als zentraler Begriff einer Kritischen Theorie anbietet, bzw. welche Modifikation er innerhalb dieses Paradigmas anstößt.

 
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