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6.1 Der objektivistische Überhang der Kritischen Theorie

Karl Marx hatte mit seiner Zeitdiagnose sicherlich nicht Unrecht. Die Gesellschaft seiner Zeit war eine Gesellschaft der sozialen Spaltung und der autoritären Politik und Kultur. Dabei war das 19. Jahrhundert durchaus mit positiven Errungenschaften gestartet. Der Code Napoleon, der zwar mit der Ambivalenz eines Eroberungskrieges behaftet ist, hatte grundlegende bürgerliche Freiheiten über die Grenzen Frankreichs hinaus transportiert und damit juristisch die Grundlage für Individualität und Gleichheit gelegt. Was eigentlich als sozialer und politischer Progress gemeint war, verkehrte sich jedoch in sein Gegenteil. Die Freiheit wurde genutzt nicht so sehr in einem politischen Sinne, als vielmehr in einem ökonomischen Sinne, was – aus marxscher Sicht – in der Ausbeutung und Unterdrückung der Arbeiterklasse kulminierte. Marx begrüßte den politischen Fortschritt, ging aber davon aus, dass dieser nur dann seine Früchte ernten kann, wenn er durch den Umbau der Wirtschaft flankiert wird. Mit der Freisetzung der Wirtschaft aus religiösen und kulturellen Zusammenhängen war nämlich mit dem „Markt“ eine anonyme Instanz an deren Stelle getreten, die zwar allgemeinen Wohlstand versprach, faktisch aber den Reichtum ungleich verteilte. Die Pointe marxistischen Denkens besteht nun darin, dies nicht auf individuelle Handlungen oder Intentionen zurückzuführen. Die spielen eine Rolle nur innerhalb wirtschaftlicher und politischer Strukturen, die ein interessegeleitetes Handeln mit ökonomischem Erfolg honorieren. Mit anderen Worten: Nicht die Profitorientierung der Kapitalisten ist der Grund allen Übels, sondern eine Wirtschaftsordnung, die diese Profitorientierung goutiert. Autoren wie Mandeville, und in gemäßigterer Form Adam Smith, sind hierfür die entsprechenden Referenztheoretiker. Die Frage, die Marx dann beantworten musste, war: Wie genau goutiert der Kapitalismus diese Profitorientierung und welche Mechanismen treiben den Kapitalisten auch gegen mögliche moralische Skrupel dazu, eine solche Orientierung zu verfolgen, selbst dann, wenn sie mit sozialen (und inzwischen auch: ökologischen) Folgeproblemen behaftet ist? Letzteres war insofern wichtig, als es Marx darum ging, den Kapitalismus als Struktur sui generis zu verurteilen. Würde sich herausstellen, dass die Profitorientierung auf Kosten des sozialen Ausgleichs sich als eine Abweichung von einem ansonsten moralisch integeren Normalzustand analysieren lässt, stünde nicht der Kapitalismus in toto zur Disposition, sondern nur die korrumpierten Formen, die auf unmoralisches oder sogar kriminelles Verhalten Einzelner zurückzuführen wäre.

Marx beantwortet die Fragen mit dem Nachweis einer internen Dynamik des Kapitalismus, die in der Konkurrenzsituation des Marktes fundiert ist. Da der je einzelne Kapitalist [1], systemtheoretisch formuliert, einer undurchsichtigen Umwelt gegenüber steht und die Grenze zwischen beiden keinen hinreichenden Informationstransfer ermöglicht, ist der einzelne Kapitalist gezwungen, sein Unternehmen möglichst profitabel aufzustellen, um nicht durch andere Kapitalisten vom Markt verdrängt zu werden. Die Dramatik dieser Situation besteht darin, dass sie selbst von besonders erfolgreichen Kapitalisten nicht gesteuert werden kann. Dies wäre erst in einer Monopolsituation wenigstens teilweise möglich, wobei auch hier die Dynamik des Marktes nicht vollständig suspendiert ist, weil auch ein Monopolunternehmen die Konsumneigung der Marktteilnehmer nicht präjudizieren kann. Diese Konkurrenzsituation allein erklärt freilich noch nicht den Umstand, dass die Profitorientierung zwingend mit sozialen Anschlussproblemen behaftet ist. Der Fokus verschiebt sich daher auf die Frage, wie genau der Profit erzeugt und realisiert wird. Für Marx ist die Sache klar: Profit ergibt sich aus der Ausbeutung der Ware Arbeitskraft. Indem die Arbeiter diese Ware veräußern, offerieren sie eine Ware, die sich gegenüber allen anderen Waren dadurch auszeichnet, dass sie einen Mehrwert erzeugt. Salopp formuliert: Die Arbeiter verlieren bei diesem Deal grundsätzlich, weil sie notwendig weniger Lohn erhalten, als sie erarbeiten. Die Differenz zwischen erarbeitetem Mehrwert und Lohn wird zum Gewinn des Kapitalisten, der von diesem Gewinn seine Einkünfte bestreitet und – wenn er dies, wie Max Weber herausgearbeitet hat, in angemessen asketischer Art und Weise macht, so dass nicht der ganze Gewinn persönlich verausgabt wird – neue Investitionen tätigt. Die soziale Ungleichheit resultiert somit aus dem Umstand, dass durch den Einsatz der Ware Arbeitskraft ein immenser gesellschaftlicher Reichtum erzeugt wird, von dem jedoch die Arbeiter weniger erhalten, als sie beisteuern. Der größere Teil des Reichtums gehört der Kapitalistenklasse.

Die ist nach Marx deswegen aber nicht freier als die lohnabhängig Beschäftigten. Zwar haben sie, wie alle Subjekte, die Möglichkeit, sich ablehnend gegenüber der kapitalistischen Wirtschaftsordnung zu positionieren. Friedrich Engels ist ein Beispiel dafür. Innerhalb des Kapitalismus liegt es indessen nicht in ihrer Entscheidung, etwa die Löhne unabhängig von der Marktsituation zu erhöhen. Der Profit realisiert sich – dies kann in seiner Bedeutungfür die marxsche Kapitalismustheorie nicht unterschätzt werden – erst dann, wenn die Waren abgesetzt werden. Würde allein die Produktion der Waren den Profit erzeugen, würde dies die Handlungsspielräume des Kapitalisten erhöhen. Dies anzunehmen wäre allerdings ein unterkomplexes Bild der wirtschaftlichen Zusammenhänge. Weil die Unternehmen die Waren auf dem Markt tauschen müssen, sind sie darauf angewiesen, erstens die Bedürfnislage der Konsumentenseite zu berücksichtigen, zweitens die Waren gegenüber der Konkurrenz attraktiver zu machen. Dies kann gelingen durch eine verbesserte Qualität der Produkte, durch die Vergünstigung der Produkte oder durch die Entwicklung neuer Produkte. Alle drei Möglichkeiten sitzen in der Regel dem Einsatz neuer Technologien auf, so dass in der Dynamik des Kapitalismus ein technischer Fortschritt impliziert ist, der nicht (zentral) geplant wird, sondern daraus resultiert, dass je einzelne Kapitalisten letztlich gezwungen sind, gegenüber ihren Konkurrenten einen technischen Vorsprung zu erzielen, um eine marktdominante Position zu erreichen, oder wenigstens am Markt bestehen zu können. Für Marx ist es dabei eine ausgemachte Sache, dass der technische Fortschritt dazu führt, dass immer weniger Arbeitskraft eingesetzt werden muss. Die Folge ist Arbeitslosigkeit. Ironischerweise stimmen Marx und die Klasse der Kapitalisten dann darin überein, dass dies eigentlich ein glücklicher Umstand ist. Die Gründe sind freilich verschieden. Während Marx den technischen Fortschritt als Möglichkeit der Befreiung von notwendiger Arbeit begrüßt, stellen die Arbeitslosen für den Kapitalisten die Möglichkeit dar, niedrigere Löhne zu zahlen. Da die Ware Arbeitskraft wie alle anderen Waren der Marktsituation von Angebot und Nachfrage unterliegt, sinkt auch ihr Wert, wenn das Angebot die Nachfrage übersteigt.

Für die Klasse der Kapitalisten insgesamt bedeutet Arbeitslosigkeit aber immer auch die Gefahr sozialer Unruhen. Mit dem Auftauchen der Arbeiterbewegung wurde diese Gefahr deswegen besonders brisant, weil soziale Unruhen durch die Arbeiterbewegung eine politische Komponente erhalten, die den Kapitalismus in Frage stellt. Soziale Unruhen, die keine politische Zielrichtung haben, können zwar zu Zerstörungen oder Plündereien führen, gefährden aber das Gesamtsystem nicht. Dass es zur Entstehung einer Arbeiterbewegung kommen würde, sogar: kommen müsste, war für Marx eine prognostizierbare Angelegenheit. Das Subjekt entwickelt sein Bewusstsein schließlich vor dem Hintergrund seines gesellschaftlichen Seins, und im Fall der Arbeiter hatte die Geschichte es vorgesehen, dass diese ein revolutionäres Bewusstsein entwickeln, das die historische Mission der Arbeiterklasse vermittelt. Gegen die Chancen einer Revolution stehen allerdings von Marx konstatierte Herrschaftsmechanismen, die er mit der Aussage, dass die herrschenden Ideen die Ideen der herrschenden Klasse sind (Marx/Engels (1848/1959: 480) zusammenfasst. Anders formuliert: Die herrschende Klasse kann ihre ökonomisch dominante Position für einen politischen und kulturellen Transfergewinn nutzen, der ihr auch die Vormacht über die öffentlichen Debatten sichert. Der sozialen Ungleichheit folgt damit eine politische Ungleichheit, die das Gleichheitsversprechen der bürgerlichen Gesellschaft konterkariert. Im 19. Jahrhundert schlug sich dies unter anderem im preußischen Zensuswahlrecht und in den Sozialistengesetzen nieder, die auch strukturell eine gleiche politische Betätigung der Arbeiterbewegung aushebelten.

Was Marx analytisch gelingt, ist, Herrschaftsverhältnisse zu erklären, die unter der Ägide der bürgerlichen Gesellschaft eigentlich nicht vorgesehen waren. Indem er diese nicht auf individuelles Handeln oder allgemein anerkannte Legitimationsmuster zurückführt, sondern auf Strukturen, die hinter dem Rücken der Akteure operieren, gelingt ihm zugleich der normative Vorteil, die Überwindung der Herrschaftsverhältnisse nicht dadurch anstreben zu müssen, dass gegen die Herrschenden Gewaltexzesse verübt werden. Da diese letztlich gleichsam Opfer der Verhältnisse sind und im Zweifel gegen die eigene moralische Gesinnung agieren müssen, kommt es darauf an, die Strukturen zu ändern, und nicht, konkrete Menschen zu verurteilen. Gleiches gilt für die soziale Ungleichheit, die zwar auch nicht angedacht gewesen war, die aber nicht fundamental gegen die normative Legitimationsbasis der bürgerlichen Gesellschaft verstößt. Die Mehrwerttheorie lässt die wirtschaftsliberale These hinter sich, dass Armutsverhältnisse durch ein ökonomisch irrationales Handeln einzelner Subjekte bedingt sind, die es an Fleiß oder an ökonomischen Sachverstand haben mangeln lassen. Die Arbeiter können nur ihre Arbeitskraft verkaufen; sie sind bei diesem Verkauf von einer Marktsituation abhängig, die sie nicht kontrollieren oder steuern können. Der Reichtum, den sie durch ihre Arbeit generieren, gehört per Vertrag dem Käufer der Arbeitskraft. Selbst also, wenn die arbeitenden Subjekte fleißig sind, haben sie nicht mehr zu erwarten als den Lohn, der ihnen per Vertrag zugesichert ist. Ihr Fleiß kann bestenfalls dazu beitragen, den Fortbestand des Unternehmens, für das sie tätig sind, zu sichern, oder ihnen persönliche Aufstiegschancen zu eröffnen. Kurzum: Die Subjekte im Kapitalismus unterliegen ökonomischen Strukturmechanismen, die ihre Handlungsspielräume verkleinern, denn selbst dann, wenn ihnen Willensfreiheit und moralische Integrität zugeschrieben wird, bleiben sie, des ökonomischen Erfolges wegen, zu Handlungen genötigt, die möglicherweise zu sozialen Anschlussproblemen bei anderen Subjekten führen.

Es lässt sich natürlich kritisieren, dass Marx mit derartigen Strukturen rechnet, es kann aber nicht zwingend ausgeschlossen werden, dass seine Analysen einen gewichtigen Teil moderner Gesellschaften treffen. Es geht dann aus der Sicht des Radikalen Konstruktivismus nicht so sehr darum, mit empirischen Mitteln die marxsche Theorie zu verifizieren oder zu falsifizieren. Beides dürfte möglich sein, je nachdem, welche empirischen Daten herangezogen werden. Dem Begriff des Kapitalismus ist inhärent, dass dieser durch die Prinzipien konstituiert wird, die Marx benennt: Vertragsfreiheit, Verkauf der Arbeitskraft, Konkurrenzsituation und Profitorientierung. Aus Sicht des Radikalen Konstruktivismus ist theoretisch zu eruieren, ob sich die Annahme emergenter Strukturen in Form von Herrschaftsverhältnissen und sozialer Ungleichheit aus diesen Konstituentien ableiten und begründen lässt. Und in der Tat ist nicht zu sehen, dass eine solche Ableitung auf Inkonsistenzen oder Inviabilitäten stößt. Es ist widerspruchsfrei denkbar, dass der Kapitalismus als eine Wirtschaftsform gedacht werden muss, die als Emanzipationshindernis gelten muss. Allein, eine solche Herangehensweise war nicht die von Marx. Er beanspruchte, eine objektive Wirklichkeit zu beschreiben – und er war nicht eben bescheiden darin, seine Analyse mit dem Prädikat der Wahrheit aufzuladen. Als objektive Analyse verstanden, kann Marx dann allerdings nicht anders, als dem Subjekt eine subordinäre Stellung zuzuweisen. Wenn es objektive Strukturen gibt, die eine von subjektiven Intentionen entkoppelte Operativität mit der Tendenz zur Verselbstständigung aufweisen, bleibt für die Idee eines epistemologisch hoheitlichen Subjekts kein Platz. Es hängt theoretisch zusammen: die Idee eines gesellschaftlich vermittelten Bewusstseins und die Idee objektiver Herrschaftsverhältnisse. Dies bedeutet nicht, dass Marx eine emanzipative Absicht abzusprechen wäre. Seine Strukturbeschreibung soll zweifelsohne dem Ziel dienen, diese Strukturen kritisieren zu können. Und da sich theoretisch ein Zusammenhang zwischen konstituierenden Begriffen und strukturellen Herrschaftsverhältnissen denken lässt, trägt Marx zur Idee der Emanzipation bei, die Aufmerksamkeit auf mögliche Hemmnisse für sich emanzipierende Subjekte zu lenken. Während also die Kapitalismustheorie von Marx in ihren Grundzügen weiterhin ihre Berechtigung haben mag, kann kein Zweifel daran bestehen, dass das geschichtsphilosophische Pfand des klassischen Marxismus nicht ausgezahlt wurde. Die Hoffnung auf eine revolutionäre Arbeiterbewegung war zwar nicht völlig falsch gewesen, hatte aber nicht eine hinreichende Menge der Arbeiterklasse erreicht. Nach der Bewusstseinstheorie von Marx hätten indessen alle Arbeiter und Arbeiterinnen erkennen müssen, dass sie erstens ausgebeutet werden, sich zweitens deswegen ihrer historischen Mission widmen müssen. Stattdessen akzeptierten sie den Ausbruch des 1. Weltkrieges, den sie als organisierte Arbeiterbewegung sicherlich hätten verhindern können und müssen. Dieses Scheitern der marxistischen Geschichtsphilosophie und Bewusstseinstheorie machte eine Neujustierung der Kritischen Theorie nötig. Versucht wurde eine solche Neujustierung an verschiedenen Orten; prominent geworden ist das Projekt unter dem Label „Kritische Theorie“, des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt. Zunächst war es noch mit klassisch ökonomischen Fragestellungen beschäftigt. Mit dem Amtsantritt von Max Horkheimer als neuem Direktor, der Veröffentlichung der Frühschriften von Marx und schließlich mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich jedoch die theoretische und politische Ausrichtung. Nach dem zweiten großen Scheitern der Arbeiterbewegung, die den Faschismus nicht hatte aufhalten können, musste ein analytisches Instrumentarium gefunden werden, das in der Lage war, die Akzeptanz einer ausbeutenden und autoritären Gesellschaft zu erklären.

Der Fokus der Kritischen Theorie richtet sich schnell auf die Kultur als Vermittlerin zwischen dem gesellschaftlichen Sein und dem Bewusstsein. Ein Durchschlagen des gesellschaftlichen Seins auf das Bewusstsein fand offensichtlich nicht statt, und mit der Kultur konnte an die These von Marx angeknüpft werden, dass die herrschenden Ideen die Ideen der herrschenden Klasse sind. Die Ausbreitung von Rundfunkmedien machte diese These dabei nur plausibler. Die großen Medienkonzerne waren schließlich in der Hand von Kapitalisten, die selbstverständlich kein Interesse an der Verbreitung revolutionären Gedankengutes hatten. Das allein stellt jedoch nicht das Problem dar, immerhin verfügten auch oppositionelle Gruppen über Medien. Die Kritische Theorie sah das Problem darin, dass insbesondere die neuen Medien die grundlegenden Bewusstseinsstrukturen derart verzerren, dass im Ergebnis konformistische Subjekte übrig bleiben.

Die marxsche These, dass in der Warenförmigkeit Fetischismen verborgen sind, die ein rationales Operieren des Bewusstseins verzerren, wird nicht aufgegeben, aber dramatisiert. Zusätzlich zu den Verzerrungen durch den Warenund Geldfetisch kommt die tiefgreifende Manipulation des Denkens durch die Medien, die nicht allein auf der Ebene der Inhalte stattfindet, sondern das rationale Denken vollends blockiert. In der Nachkriegsperiode der Prosperität wird diese Manipulation durch die sozialpolitische Integration der Arbeiterklasse erleichtert, die in Deutschland zum einen damit beschäftigt war, den gestiegenen Wohlstand zu genießen, zum anderen die Schuldfrage am Holocaust auch mit Verdrängung beantwortete, Darüber hinaus darf nicht vergessen werden, dass sich die Systemalternative in der Sowjetunion als Schreckensgespenst entpuppt hatte, gegen das die Westdemokratien allemal vorzuziehen waren.

Es sind also mehrere Prozesse, die zusammenkommen und sich gegenseitig in ihrer Tendenz dahingehend verstärken, die Reproduktion der kapitalistischen Gesellschaft zu garantieren. Waren die Arbeiter bei Marx durch ihr gesellschaftliches Sein noch mit der erhöhten Chance ausgestattet, eine oppositionelle Haltung einzunehmen und sich damit gegen die Gesellschaft in ihrer aktuellen Verfasstheit zu stellen, lässt der Fokus auf die Kultur dies nicht mehr zu. Adorno und Horkheimer vermuten eine Totalintegration in die bestehenden Strukturen und sehen die Möglichkeiten für Emanzipationsbemühungen eher skeptisch. Sie betonen zwar, dass rational-aufklärerisches Denken die conditio sine qua non für eine freiheitliche Gesellschaft ist, finden aber keine Subjekte mehr, denen ein solches Denken zuzuschreiben wäre.

Wird von Herbert Marcuse abgesehen, der mit seiner marxistisch-freudianischen Analyse der Triebstrukturen ein Moment gefunden zu haben glaubte, an das emanzipatorische Bestrebungen anschließen können, zeichnet sich die Kritische Theorie nach Adorno und Horkheimer eher dadurch aus, dass sie sich mit einer pessimistischen Gesellschaftsdiagnose zufrieden gibt. Dem reiht sich auch Adornos Versuch ein, über die Kunst einen Ausweg zu finden, da er einen Kunstbegriff anbietet, der sich einer konkreten politischen Praxis entzieht, wie die Vertreter der Studentenbewegung 1968 anmerkten. Nun spricht nichts dagegen, dass sich eine Kritische Theorie rein negativ aufstellt. Dies zumal dann, wenn es gute Gründe dafür gibt. Bereits Marx hatte auf eine utopische Konkretisierung einer nachkapitalistischen Gesellschaft verzichtet, mit den Argumenten, dass erstens eine wissenschaftliche Analyse des Kapitalismus keine Auskunft darüber geben kann, wie eine nachkapitalistische Gesellschaft organisiert ist. Zweitens stehe der Versuch, eine Utopie zu formulieren, immer unter dem Verdacht, dass (das) letztlich nur eine Verlängerung des Status Quo sein kann, weil das Bewusstsein in den Status Quo eingebunden ist. Die Kritische Theorie folgt diesen Argumenten und fügt hinzu, dass die total vereinnahmten Subjekte auch kaum imstande sind, eine qualifizierte Utopie zu entwickeln. Wenn das Denken radikal auf Affirmation präjudiziert ist, steht zu erwarten, dass es die utopischen Entwürfe ebenfalls sein werden. Es bleibt eine düstere Diagnose der Gesellschaft, die sicherlich ihre Berechtigung hat. Die Autoren der Kritischen Theorie hatten es mit dem europäischen Faschismus, dem amerikanischen Monopolkapitalismus und mit dem korrumpierten Versuch einer Alternative in der Sowjetunion zu tun. Zwischen diesen Gesellschaften blieb wenig Platz für Optimismus, zumal der einstige Agent der Emanzipation kaum mehr aktiv war. Die Arbeiterklasse hatte teilweise ihren Weg in den Faschismus angetreten, der übrige Teil war einer repressive Logik zum Opfer gefallen. Auch nach dem 2. Weltkrieg ging es kaum besser weiter. Zu denken ist an den Vietnam-Krieg, die atomare Aufrüstung, die Elendsverhältnisse in der südlichen Hemisphäre. Aus Sicht der Kritischen Theorie fügen sich die Entwicklungen, die positiv zu begrüßen wären, in diese düstere Analyse ein. Die Wohlstandssteigerung in den kapitalistischen Gesellschaften war der Motor der Integration der Arbeiterklasse, die dafür ihre Abkehr von revolutionären Zielen bekundete. Es braucht hier nicht zu interessieren, ob diese Einschätzungen plausibel sind. Sie alle bekunden eine Passivität des Subjekts angesichts einer übermächtig gewordenen Gesellschaft. Zwar hält die Kritische Theorie am Emanzipationsversprechen fest. Da sie jedoch ein Subjektverständnis aufgibt, das ein solches Versprechen einlösen könnte, gerät dieses Versprechen in eine scheinbare Sackgasse. Die Kritik, die sich aus der Perspektive des Radikalen Konstruktivismus aufdrängt, ist, dass durch den objektivistischen Überhang eine theoretische Weichenstellung vorgenommen wird, die ihre Stärke in einer kompromissund tabulosen Kritik der Gesellschaft haben mag, die aber zugleich aus epistemologischer Sicht problematisch ist. Ideengeschichtlich knüpft die Kritische Theorie an Erkenntnistheorien an, wie sie etwa im angelsächsischen Empirismus, bei Leibniz oder Spinoza formuliert sind. Gemeinsam ist ihnen, dass sie das Subjekt als abgeleitete Entität begreifen. Für die Gesellschaftstheorie mag dies ein komfortables Theoriemanöver sein, weil sich damit ihr Gegenstand eindeutig, und von unzähligen subjektiven Sinnsetzungen entlastet, in den Fokus schiebt, der mit einem logisch nicht hintergehbaren Subjekt bestenfalls einen sekundären Status haben kann. Wird das Subjekt von vornherein als passives und sozial präjudiziertes Subjekt konzipiert, können verobjektivierte Strukturen in den Blick genommen werden, die durch die Sinnsetzungen der verschiedenen Subjekte nicht mehr nachhaltig irritiert werden.

Es ist also nicht primär der Begriff der Emanzipation, der die Kritik an der Kritischen Theorie motiviert. Emanzipation kann auch die Kritische Theorie denken, mit ihr bleibt das vorliegende Projekt einer Subjektkonstruktion in der emanzipativen Absicht auch verbunden. Überdies gilt: Wenn sich die Theorieaxiome der Kritischen Theorie als bessere Argumente herausstellen würden, müsste auf die radikalkonstruktivistische Subjektstellung verzichtet werden. Dann wäre die Idee eines logisch nicht hintergehbaren Subjekts eben unhaltbar. Dass dies nicht der Fall ist, wurde oben bereits versucht zu demonstrieren. Aus dem Versuch leitet sich die Kritik ab, dass die Kritische Theorie einem objektivistischen Blick aufsitzt, der epistemologisch nicht überzeugend ist und normativ betrachtet in das Dilemma führt, dass Emanzipation zu einem bodenlosen Begriff wird. Die Frage ist: Lässt sich das mithilfe eines radikalkonstruktivistischen Subjektsbegriffes ändern?

  • [1] Oder aus heutiger Sicht besser: Jedes einzelne Unternehmen
 
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