Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Philosophie arrow Erkenntnis und Gesellschaft
< Zurück   INHALT   Weiter >

6.2 Kritische Theorie und Subjektivität

Es darf nicht beschönigt werden: Der implizite Idealismus eines radikalkonstruktivistischen Subjekts droht, gegenüber gesellschaftlichen Herrschaftszusammenhängen naiv zu werden. Das logisch nicht hintergehbare Subjekt suggeriert ein Bild, nach dem das Subjekt jederzeit die Hoheit – wenn auch nur die epistemologische – über seine Umwelt hat. Nun lässt sich indessen kaum leugnen, dass in der Umwelt der Subjekte Ereignisse vorkommen, die das Subjekt nicht intendiert hat und auf die es keinen Einfluss hat. Dies betrifft die dingliche Umwelt – aber vor allem die soziale Umwelt. Wenn Gesetze erlassen werden, Firmen schließen oder sozialpolitische Wohltaten verteilt werden, sind dies Prozesse, die die Umwelt des Subjekts verändern, ohne dass das Subjekt als Akteur beteiligt gewesen sein muss. Genau dieses Verhältnis, dass das Subjekt auf diese Prozesse nur reagieren kann, macht den Charme eines objektivistischen Blicks und den daraus abgeleiteten passiven Status des Subjekts aus. Genau in diesem Verhältnis liegt auch die Schwierigkeit, die thematisiert werden muss, wenn das radikalkonstruktivistische Subjekt als fundierendes Prinzip für eine Kritische Theorie operationalisiert werden soll.

Wie bereits deutlich geworden ist, punktet ein solches Subjekt auf der normativen Seite. Es ist kein besonderer argumentativer Aufwand nötig, um zu explizieren, dass ein logisch nicht hintergehbares Subjekt mit dem Begriff der Emanzipation in Verbindung gesetzt werden kann. Wenn seine Kriterien den Prozess der Wahrnehmung und Handlung leiten, kann das Subjekt über eine rationale Anstrengung diese Kriterien weiterentwickeln oder modifizieren und damit eine andere Wirklichkeit erleben. Für den epistemologischen Nahbereich dürfte dieser Umstand auch für konträre Subjektvorstellungen unproblematisch sein. Pierre Bourdieu etwa vermutet genau hier den Ort einer Spontanität, die die deterministische Schlagseite seiner Habitustheorie korrigieren soll. Zur Disposition stehen solche Prozesse und Strukturen, die über den epistemologischen Nahbereich hinausgehen. Der Sinn einer objektivistischen Kritischen Theorie ist es, diesen Bereich einer Kritik unterziehen zu können. Diesen Sinn allerdings kann eine radikalkonstruktivistisch aufgestellte Kritische Theorie ebenfalls einlösen. Der Kern emanzipatorischen Denkens ist ja, das Subjekt zu befähigen, gesamtgesellschaftliche Verhältnisse mitzugestalten. Es wurde bereits argumentiert, dass es auf dem Boden des Radikalen Konstruktivismus möglich ist, konträre Subjekttheorien als epistemologische Konstrukte zu integrieren. Damit soll die Funktion erfüllt werden, gesellschaftliche Emanzipationshindernisse zu diagnostizieren. Im Fall einer Anbindung an die Kritische Theorie reicht das jedoch nicht aus. Es geht dann nämlich nicht mehr nur um einen analytischen Blick, sondern zugleich um dessen Verbindung mit einer emanzipatorischen Praxis. Dies ändert den Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. Aus dem radikalkonstruktivistischen Subjektverständnis heraus ist es theoretisch ausgeschlossen, von einem Durchgreifen der Gesellschaft auf das Subjekt inklusive dessen Entmündigung zu sprechen. Die Subjekte machen ihre Gesellschaft selbst. Die Idee etwa, dass mit den Medien eine Bewusstseinsverzerrung einhergeht, die von den Subjekten nicht durchschaut wird und die in der Konsequenz zu einem konformistischen Verhalten führt, wird unplausibel. Adorno selbst hat dies eingeräumt. Anlässlich einer Studie des Instituts für Sozialforschung, die die Reaktion der deutschen Bevölkerung auf die Hochzeit der niederländischen Prinzessin Beatrix untersuchen sollte, konstatiert er, dass die politische und gesellschaftliche Bedeutung der Hochzeit seitens der Rezipienten kritisch eingeschätzt wurde, und er resümiert: „Die Integration von Bewusstsein und Freizeit ist offenbar doch noch nicht ganz gelungen.“ (Adorno 1969/1998a: 655) Es kann hinzugefügt werden, dass sie auch nicht ganz gelingen wird, weil die Subjekte eben die Informationen seitens der Medien eigensinnig verarbeiten.

Die Konsequenz insgesamt ist, dass die Kontinuität auch solcher gesellschaftlicher Verhältnisse, die seitens der Kritischen Theorie als nicht legitimationsfähig angesehen werden, durch ein Zustimmungsverhalten seitens der Subjekte zu erklären ist. Es ist nicht die Präponderanz verselbstständigter Strukturen, die den jeweiligen gesellschaftlichen Status Quo reproduziert, sondern es sind die Subjekte, die die Strukturen akzeptieren. Die Kritische Theorie wird damit im Sinne von Jürgen Habermas zur Demokratietheorie. Die analytische Frage danach, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse zu beschreiben und erklären wären, verbindet sich mit der normativen Frage, ob diese Verhältnisse eine Legitimationsbasis in den Einstellungen und Interessen seitens der Bevölkerung haben. Daran schließt sich die wiederum analytische Frage an, aus welchen Gründen die Bevölkerung die gesellschaftlichen Verhältnisse legitimiert. Die klassische Kritische Theorie würde diese Frage in der Tendenz damit beantworten, dass dem gesellschaftlichen Verblendungszusammenhang inhäriert, seine eigene Legitimationsbasis zu generieren, indem er eine rationale und argumentative Urteilsfähigkeit der Subjekte unterläuft. Dies führt dazu, dass die Subjekte gegen ihre objektiven Interessen votieren. Problematisch ist diese Erklärung deswegen, weil wiederum mit einem Durchgreifen gesellschaftlicher Instanzen auf die epistemologische Hoheit der Subjekte gerechnet wird. Wird diese hingegen ernst genommen, müssen auch die Gründe ernst genommen werden, die die Subjekte dazu motivieren, ihre Zustimmung zu erklären. Wenn also autoritäre Strukturen kontinuieren, ist zu fragen, welche Überzeugungen oder Interessen mit diesen Strukturen unterstützt werden.

Nun wäre es sicherlich empirisch naiv, eine solche Zustimmung grundsätzlich als argumentativ gestützte Zustimmung zu begreifen, oder, mit anderen Worten: als intendierte Zustimmung. Es ist theoretisch denkbar und empirisch nicht unwahrscheinlich, dass Verhältnisse akzeptiert werden deswegen, weil die betroffenen Subjekte entweder gar nicht darüber reflektieren oder aber mit Argumenten reflektieren, die inkonsistent sind oder nicht viabel. Dies zu konstatieren war immer ein Anliegen der Kritischen Theorie. Um dies zu erklären, muss aber nicht auf Strukturen verwiesen werden, die hinter dem Rücken der Subjekte aktiv sind. Der Einsatzpunkt für eine radikalkonstruktivistische Kritische Theorie liegt darin, dass die Konstrukte der Subjekte auf ihre Rationalisierungsfähigkeit hin untersucht werden – und dies zunächst unabhängig von Medieneinfluss oder Warenfetischismen. Normativ leitet sich daraus ein Plädoyer für eine Bildungspraxis ab, die die Subjekte in die Lage versetzt, rationale Konstrukte prozessieren zu können. Weil dabei ein Zusammenspiel aus normativen Aspekten und Interessenorientierungen zugrunde gelegt werden muss, und normative Aspekte keinen Letztbegründungsstatus für sich reklamieren können, gibt es auch nicht nur eine einzige Rationalität, die letztlich von allen Subjekten anzuerkennen wäre. Die demokratisch erwünschte Vielfalt rationalisierungsfähiger Weltbilder bleibt also nicht nur erhalten, sie ist auch theoretisch zu erwarten – und mit ihr das ständige Dissensrisiko.

Es bleibt bei dieser Ausrichtung der Kritischen Theorie der Verdacht oder sogar Vorwurf, sich gegenüber der Wirkmächtigkeit von Strukturen unkritisch zu positionieren. Indem auf die subjektiven Konstrukte abgezielt wird, geraten sie nicht in einer angemessenen Weise in den Fokus. Wie oben bereits dargelegt, trifft dieser Vorwurf jedoch nur zum Teil. Auf dem Boden einer radikalkonstruktivistisch aufgestellten Kritischen Theorie sind Strukturanalysen, die ein konträres Subjektverständnis beanspruchen, nicht ausgeschlossen. Die derart eruierten Ergebnisse der Gesellschaftsanalyse werden allerdings zu einer Teilwahrheit reduziert. Sie können in den Prozess der Kritik integriert werden, vor allem aber dienen sie einer heuristischen Anleitung dafür, subjektive Konstrukte zu beobachten. Analysen zum Medienverhalten (etwa Kuhn 2000), die einen Zusammenhang zwischen eskapistischen Medienangeboten und politischem Desinteresse diagnostizieren, sensibilisieren dafür, den Zusammenhang zwischen Medienverhalten und emanzipatorischen Orientierungen zu hinterfragen. Die Frage wäre dann aber nicht: Was machen die Medien mit den Subjekten?, sondern andersrum: Was machen die Subjekte mit den Medien? Und was macht dieses Verhalten dann wiederum mit den Subjekten?

Der Vorteil ist der normative Impetus, die Subjekte nicht entmündigen zu müssen. Zugleich werden sie dadurch zum Adressaten Kritischer Theorie, die ihren Adressaten, wie gesehen, verloren hatte. Sie sind für die Perpetuierung nicht legitimationsfähiger Verhältnisse verantwortlich. Diese Verantwortung wird bestenfalls dadurch eingeschränkt, dass den Subjekten öffentlich-relevante Informationen intendiert vorenthalten werden. Jedoch auch dann gilt, dass die Subjekte aufgefordert sind, sich möglichst umfassend zu informieren. Wird dies durch andere Subjekte erschwert oder sogar unmöglich gemacht, ist klar, dass ein solches Verhalten zu kritisieren ist. Wichtiger freilich als die Einholung von Informationen ist der rationale Umgang mit diesen. Wenn etwa über Kriminaldelikte berichtet wird und daraus die Forderung nach schärferen Gesetzen abgleitet wird, muss geprüft werden, ob schärfere Gesetze überhaupt Kriminalität verhindern können, und wenn ja, ob das Sicherheitsbedürfnis das Freiheitsbedürfnis übersteigen soll. Es kommt also auf die Subjekte an, was bedeutet: Es gibt keine Demokratie ohne Demokraten. Demokratische Verhältnisse sind nicht dann stabil, wenn die Institutionen reibungslos funktionieren. Sie sind dann stabil, wenn die Subjekte sich demokratischen Werten verpflichten und entsprechend im öffentlichen Raum agieren. Kritisches Denken ist dann seinerseits dazu aufgerufen, für emanzipatorische Werte zu werben und die Subjekte dazu zu motivieren, die je eigenen Gesellschaftskonstrukte auf ihren emanzipatorischen Gehalt hin zu überprüfen und gegebenenfalls weiterzuentwickeln.

Die Rückbindung Kritischer Theorie an ein konstruktivistisches Subjekt verschafft dieser also wieder einen Adressaten, nimmt ihr aber unleugbar die Schärfe der Strukturkritik. Die Rückbindung bringt die Kritische Theorie in eine Position, von der aus ein normativer Maßstab der Kritik leichter gefunden werden kann. Sie verwässert aber genau damit jene Verhältnisse, die aus Sicht der klassischen Theorie objektiv auf den Subjekten lasten. Der normative Maßstab verliert auf diese Weise seinen klassisch-kritischen Einsatzpunkt. Es ist jedoch eine Frage der Entscheidung, für die mit der Option für den Radikalen Konstruktivismus die Würfel bereits gefallen sind. Der Primat einer radikalkonstruktivistischen Kritischen Theorie liegt auf dem normativen Ideal der Emanzipation, das durch ein logisch nicht hintergehbares Subjekt rationalisierungsfähig wird. Erst daraus abgeleitet geht es dann um Emanzipationshindernisse, und hier sind die Arbeiten der Kritischen Theorie nach wie vor eine heuristische Inspiration. Diese darf in ihrer analytischen Anwendung aber nicht so weit getrieben werden, dass ein Objektivismus erreicht wird, der im Umkehrschluss die Idee der Subjektivität, wie sie hier diskutiert wird, wieder desavouiert. Die Hoffnung ist, dass auf diese Weise der dogmatische Impetus, der der Kritischen Theorie nicht abzusprechen ist, aufgebrochen wird, und eine demokratische politische Praxis instruiert wird, die approximativ auf das Ideal der Emanzipation ausgerichtet ist.

 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften