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7. Das emanzipatorische Subjekt

Im europäischen Raum hat sich eine Sprachverwendung durchgesetzt, die einen objektivistischen Bezug zur Wirklichkeit suggeriert. Wenn dies aus konstruktivistischer Sicht zwar als eine Illusion bezeichnet werden muss, so hat diese Sprache dennoch ihr Gutes. Sie erlaubt einen Umgang mit der Wirklichkeit, der auf Gesetzmäßigkeiten abzielt und damit auf die Kontrolle der Wirklichkeit zum Zweck der Bedürfnisbefriedigung. Moralisch problematisch wird dies im Fall des Versuches, das Soziale unter eine entsprechende Kontrolle zu bringen, aber dies soll hier nicht weiter thematisiert werden. Der Hinweis auf die objektivistische Sprache soll vielmehr dazu dienen, auf das Dilemma aufmerksam zu machen, vor dem die konstruktivistisch aufgestellte Theorie steht: Sie muss ihre Axiome und Begriffe einer Sprache entlehnen, deren Impetus der konstruktivistischen Theorie widerspricht. Dies führt (zwangsläufig?) zu Missverständnissen und Unklarheiten. Es wäre andererseits vermessen, einen eigenen Sprachduktus zu entwickeln, der vermutlich noch weniger verständlich geraten würde, und der vor allem die Vorteile der tradierten Sprache kaum transportieren könnte. Insofern muss auch die Theorieentwicklung das Sprachdilemma reflektieren und dies hat Konsequenzen für den Status der Theorie.

Wie schon mehrfach bemerkt, beansprucht der Konstruktivismus keine Theorie zu sein, die einer objektiven Wirklichkeit gegenübersteht, die sie zu beschreiben und erklären sucht. Eine solche Wirklichkeit wird als subjektives Erleben reinterpretiert und damit entfällt der Anspruch, Wahrheiten und Gesetzmäßigkeiten zu eruieren. Dies zumindest, wenn ein klassischer Wahrheitsanspruch formuliert wird. Denn: Es wäre eine Selbsttäuschung, anzunehmen, der Konstruktivismus würde nicht seinerseits einen Wahrheitsanspruch dafür geltend machen, dass es keine objektive Wahrheit gibt. Wenn der Konstruktivismus als wissenschaftlich-philosophische Theorie konzipiert wird, kommt er um den Geltungsaspekt der Wahrheit nicht herum. Er muss davon ausgehen, dass die epistemologische Skepsis eine Wahrheitsfunktion erfüllt, und dass die daraus abgeleitete Subjektivierung von Beobachtungen konsistent durchgeführt wird. Im Kontrast zu konkurrierenden Theorieangeboten muss der Konstruktivismus als Wahrheit behaupten, die plausibleren Axiome zu verwenden, und damit deren Wahrheitsgeltung zu reduzieren. Kurzum: Der Konstruktivismus ist eine Theorieoption, die in einem gewissen Sinne in sich selbst inkonsistent ist. Er ist aber auch eine Theorieoption, die zur Annahme einer grundsätzlichen normativen Verwobenheit jeglicher Wissenschaft und Philosophie führt. Aus der normativen Position heraus kann der Konstruktivismus dann einen entscheidenden Vorteil für sich reklamieren. Er ist zweifelsohne undogmatisch aufgestellt, eben deshalb, weil er seinen impliziten Wahrheitsanspruch nicht explizit machen kann. Für die Idee der Emanzipation bietet er sich damit als Theorieoption in besonderer Weise an. Dennoch kann nicht deutlich genug betont werden, dass der Konstruktivismus mehr leisten soll, als eine rein normative Theorie zu generieren. Wenn er, wie im vorliegenden Fall, als Fundament einer Subjektphilosophie instrumentalisiert wird, und diese Subjektphilosophie zwischen Erkenntnisund Gesellschaftstheorie oszillieren soll, muss der Konstruktivismus auch als analytische Theorie aufstellbar sein. Hier ergeben sich die Schwierigkeiten, die bereits benannt wurden. Um sie zu umgehen (nicht: zu lösen!) bietet es sich an, die immanente Erkenntniskritik ernst zu nehmen und den Konstruktivismus als das zu begreifen, was er aufgrund seiner Selbstreflexivität ist: Ein Konstrukt unter anderen. Damit ist zweierlei gemeint. Erstens negiert der Konstruktivismus jegliche Ontologie und behauptet, dass jede Theorie ihren Gegenstand als Konstrukt hervorbringt. Mit anderen Worten: Auch konkurrierende Theorien werden als Konstrukte verstanden, die eine Wirklichkeit erst erzeugen. In diesem Umstand liegen ihre Anschlussfähigkeiten an den Konstruktivismus und ihr erkenntnisleitender Wert. Sie machen auf Gegenstandbezüge aufmerksam, die bei anderen Theorieoptionen erst gar nicht in den Fokus geraten. Zu denken ist etwa an die marxistische oder keynsianische Wirtschaftstheorie, die gegenüber dem Wirtschaftsliberalismus darauf hinweisen, dass der Kapitalismus möglicherweise permanent krisenanfällig ist. Zweitens kann der Konstruktivismus nicht mehr sein als eine Heuristik und auch dies auf zweierlei Weise. Zum einen ist er eine metatheoretische Heuristik, die einen relativierenden Umgang mit der Theorielandschaft anmahnt. Zum anderen ist er eine theoretisch-analytische Heuristik in dem Sinne, dass seine Konzentrierung auf das Subjekt seinerseits einen Gegenstandsbezug generiert, der zu Erkenntnissen führen kann, die durch andere Gegenstandsbezüge ausgeschlossen oder nicht angemessen berücksichtigt werden. Zu denken ist etwa an die Systemtheorie luhmannscher Provenienz, die das Subjekt vollständig invisibilisiert.

Den Konstruktivismus auf eine Heuristik zurückzunehmen, hat Folgen für das konstruktivistische Subjekt. Dieses kann auch nicht mehr sein als eine Heuristik oder vielleicht besser: eine kontrafaktische Annahme. Dies war indessen auch bereits in der Ideengeschichte eine ausgemachte Sache. Humes radikaler Empirismus hat die Idee einer Subjektivität als Substanz zerstört, und Kant hat dem Rechnung getragen, indem er das Subjekt als Idee gerettet hat. Mehr kann es nicht sein. Einmal den Konstruktivismus beiseite gelassen, geht es letztlich um den Menschen, der mehr ist als eine reine Erkenntnisfunktion. Der Begriff des Subjekts reduziert den Menschen auf seine kognitiven Operationen und produziert damit ein verzerrtes Bild auch dann, wenn die kognitiven Operationen so gedacht werden, dass sie Emotionen, Affekte, etc. integrieren. Die Frage ist dann: Wieso sollte überhaupt eine Rekonstruktion des Subjektbegriffes unternommen werden?

Die Antwort auf diese Frage fällt nicht schwer. Als Subjekt ist der Mensch im Rahmen der Ideengeschichte zum Akteur sui generis avanciert. Insbesondere in der politischen Philosophie kann der epistemologische Subjektbegriff instruiert werden, um demokratische Verhältnisse einzufordern. In öffentlichen Diskursen soll es schließlich um Angelegenheiten gehen, die übersubjektiv anschlussfähig sind. Dabei spielen private Dispositionen nur dann eine Rolle, wenn das Subjekt ihnen eine entsprechende Bedeutung zumisst. Anders formuliert: Im öffentlichen Diskurs geht es um die öffentliche Seite des Subjekts und die wird mit einem kognitivistisch reduzierten Subjekt hinreichend erfasst. Gleiches gilt für den Begriff der Emanzipation. Hier spielen zwar auch die privaten Zusammenhänge eine Rolle, innerhalb derer das Subjekt sich zu emanzipieren hätte. Emanzipation ist aber ein Begriff, der auf die kognitive Seite des Subjekts verweist. Es geht darum, Konstrukte zu generieren, die einen autonomen Umgang mit Fremdansprüchen ermöglichen. Dass diese Konstrukte auch emotional erlebt werden (müssen), ist dabei selbstverständlich. Andersherum bietet der konstruktivistische Subjektbegriff eine erhöhte Chance dafür, Emanzipation überhaupt argumentativ absichern zu können. Ein Subjekt, das logisch nicht hintergangen werden kann, hat gleichsam a priori die Fähigkeit, Fremdansprüche selektiv und eigensinnig zu verarbeiten. Offen bleiben muss dabei, wie sich emanzipatorische Konstrukte inhaltlich konkretisieren ließen. Emanzipation, so viel lässt sich immerhin sagen, ist ein offener und letztlich unabgeschlossener Prozess, dem die regulative Idee zugrunde liegt, die epistemologisch koinzidierte Hoheit über die Wirklichkeit in eine praktische Hoheit zu transformieren. Der heuristische Sinn des konstruktivistischen Subjektbegriffes liegt dann darin, die Möglichkeit der Emanzipation zu begründen und sie gegen Emanzipationshindernisse in Stellung zu bringen. Dass zu diesem Zweck alternative Theorieangebote ihren Platz innerhalb einer solchen Heuristik finden, ist bereits dargelegt worden.

Es geht also um nicht mehr und nicht weniger als die Anbindung an eine klassische Denkfigur, ohne die seit der Aufklärung erfolgten Modifikationen zu leugnen und zu invisibilsieren. Die gesellschaftliche Entwicklung seit der Aufklärung hat deren Denken in eine naive und hilflose Position gebracht. Die einstigen Hoffnungen haben sich nicht derart erfüllt, dass umstandslos an einem emphatischen Subjektbegriff festgehalten werden könnte. Dennoch werden dadurch die einstigen Hoffnungen nicht diskreditiert, und es ist vielleicht nicht naiv, aber dennoch fahrlässig, im normativen Denken vor den Entwicklungen seit der Aufklärung zu kapitulieren. Es lässt sich ein Subjektbegriff finden, der an die einstigen Ideale anzuknüpfen vermag. Zwar muss er sich zu diesem Zweck weit in die Formalität zurückziehen. Von dort kann er aber eine kritische Betrachtung der gesellschaftlichen Verhältnisse in Gang setzen, die gerade dann umso nötiger erscheinen muss, je mehr ein klassisches Subjektverständnis naiv und hilflos zu werden droht.

Der Spagat zwischen einer analytischen und einer normativen Heuristik, der mit dem hier diskutierten Subjektbegriff anvisiert wird, bleibt selbstverständlich ein schwieriger und ergebnisoffener Prozess. Der moderne Ausdifferenzierungsprozess, der mit dem Begriff der dreistrahligen Vernunft bei Kant oder den verschiedenen Wertsphären bei Weber zum Ausdruck gebracht wird, und der damit einhergehende Verlust einer Letztbegründungsmöglichkeit normativer Aussagen machen diesen Spagat zu einem grundsätzlichen Problem. Modernes Denken pendelt zwischen einer idealistisch überhöhten Kritik und einem kritiklosen Empirismus – und dieser Pendelschlag sollte auch nicht zum Stillstand gebracht werden. Beides ist nötig! Die Versuche, beides in Verbindung zu setzen, bleiben Versuche, die kaum abschließend zu lösen sind. Es trotzdem zu versuchen dient dazu, kritisches Denken zu perpetuieren und einen Beitrag zum öffentlich-demokratischen Diskurs zu leisten. Wie genau sich vor dem Hintergrund der hier gewählten Theorieoption des Radikalen Konstruktivismus insbesondere die analytische Heuristik durchführen lässt, muss gesonderten Untersuchungen vorbehalten bleiben. Die ersten Überlegungen, die im vorliegenden Rahmen angeschoben werden konnten, erwecken jedoch die Hoffnung, dass dies nicht unmöglich ist, zumal es mit der Theorieoption des Konstruktivismus ohnehin nicht darum gehen kann, eine objektive Wirklichkeit objektiv zu beschreiben. Wenn mit dem Konstruktivismus die ehrwürdige Tradition emanzipatorischen Denkens fortgeschrieben werden kann, ist dies allemal ein Grund, sich mit dem Konstruktivismus auseinanderzusetzen.

 
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