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Die "Idee des aus seinem Keime werdenden Geistes"

Ferdinand Tönnies' emanatistische Erkenntnistheorie

Wer je einmal einen Blick in eines der Tönniesschen Werke geworfen hat, der wird sich unwillkürlich – und zu Recht – fragen: Tönnies' Erkenntnistheorie, gibt es eine solche überhaupt? Und in der Tat: Eine ausgearbeitete Erkenntnistheorie findet man bei Tönnies nicht, was aber nicht heißt, dass er sich zu diesem Gegenstand nicht geäußert hätte. Denn obschon seine Intention stets primär der Ausarbeitung der Soziologie als Wissenschaft galt, stand für ihn der Gedanke, dass eine solche Wissenschaft ein erkenntnistheoretisches Fundament besitzen muss, ja mit diesem Fundament auch ihr Charakter festgelegt wird, nie in Frage. Bereits in seiner ersten größeren wissenschaftlichen Arbeit nach der Dissertation – der vierteiligen Artikelserie über die Philosophie von Thomas Hobbes [1] – konzentriert sich sein Interesse auf die in den Bestimmungen von "Begriffswissenschaft" und "Tatsachenwissenschaft" angelegten Theorien des Erkennens, wobei die gewonnenen Einsichten ihrerseits die Grundlage bilden, von der aus er seinen Begriff einer "Social-Wissenschaft" zu entwickeln sucht. [2] Mit diesen Bemühungen von Tönnies geht nichts Geringeres als die Begründung eines eigenständigen erkenntnistheoretischen und wissenschaftstheoretischen Standpunktes einher, und diesen Standpunkt sichtbar zu machen, ist das Ziel der folgenden Ausführungen. Fest steht auch das Verfahren: Es gilt, Tönnies' Intention dergestalt nachzufolgen, dass nicht nur das von ihm Bedachte, sondern darüber hinaus auch das ungefragt Mitgedachte in den Blick gerät, auf dass die einzelnen Argumente systematisch zusammengestellt und philosophiegeschichtlich verortet werden können. Tönnies' Erkenntnistheorie gleichsam in problemgeschichtlicher Perspektive darzustellen kommt im Endeffekt einer Gratwanderung gleich: Denn weder darf angesichts der philosophiegeschichtlichen Relevanz der Argumente das Originale an Tönnies' Denken verkannt werden, noch sollte andererseits der Blick zu sehr in der Immanenz seines Denkens verhaftet bleiben. Ich habe deshalb Tönnies' erkenntnistheoretisches Programm an den Anfang meiner Ausführungen gestellt, die Grundzüge seiner Erkenntnistheorie je für sich ebenso wie in ihrem Aufeinanderbezogensein beschreibend – ein Schritt, an den sich eine in drei Punkte gegliederte Erläuterung schließt.

  • [1] Tönnies 1879; Tönnies 1880a; Tönnies 1880b; Tönnies 1881
  • [2] Vgl. Tönnies 1880a: 56ff. u. 64ff.; Merz-Benz 1995: 77f
 
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