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2 Ferdinand Tönnies' erkenntnistheoretische Argumentation: drei Erläuterungen

2.1 Der Begriff der Natur

Die erste Erläuterung bezieht sich auf das im Begriff der Natur bzw. der causa – oder wie früher ebenfalls angemerkt: der Natur als Inbegriff des Wirklichen – zu konstatierende Zusammenfallen von Erkenntnisgrund und Erscheinungsursache. Denn nicht nur umfasst die Natur mitsamt ihren Ausdifferenzierungen den Erkenntnisgrund als logische Norm, "als notwendige Form unseres Denkens" [1], sondern sie repräsentiert auch – gleichsam als ein Erbe des Hobbesschen Versuchs, die Schöpfung methodisch nachzustellen – die Verwesentlichung dessen, was die empirische Wirklichkeit in ihrer Substanz ausmacht. Nicht dass mit diesem Begriff der Natur die Vorstellung einer auf sich selbst stehenden ›höheren‹ Wirklichkeit oder gar die abbildhafte Vorwegnahme der Mannigfaltigkeit der Tatsachen verbunden wäre – solches anzunehmen steht Tönnies, der die für die gesamte Nach-Hegelsche Philosophie bis hin zu den Neukantianern verbindliche Grundauffassung von der Unhintergehbarkeit der uns gegebenen Wirklichkeit im Prinzip durchaus teilt, völlig fern. Dennoch enthält die Natur bei Tönnies neben dem bloßen Ordnungsfaktor der Erfahrung stets gleichzeitig das Wesensmerkmal des zu Erfahrenden, mithin das, was zwar selbst nicht erfahrbar ist, uns das Seiende aber erst als solches und die Welt erst als Kumulation zusehends differenzierterer Kausalverhältnisse überhaupt denken lässt. Denn dass uns die Welt erscheinen muss als Geflecht von sich durch die Sphären des Mechanischen, des Organischen sowie des Psychischen hindurchziehenden Tendenzen des Aufeinander-Wirkens, hat seine Ursache allein in der causa, und keineswegs entspringt diese Festlegung einer logischen Deduktion, sondern dem Bestimmtsein der causa an und für sich. Genau dies ist letztlich gemeint, wenn Tönnies die Philosophie – quasi ›dennoch‹ – als "empiristisch" qualifiziert: "in dem Verstande" nämlich, "nach welchem alles Sein als Wirken, Dasein als Bewegung und die Möglichkeit, Wahrscheinlichkeit, Nothwendigkeit der Veränderungen als eigentliche Wirklichkeit aufgefasst werden muss, das Nicht-Seiende [...] als das wahrhaft Seiende, also durch und durch auf dialektische Weise"; und wie es weiter heißt "fordern und ergänzen" daher die "empiristische und die dialektische Methode einander" [2], denn jede empirische Feststellung der Wirklichkeit ist bereits im Vorhinein in bestimmter Weise gerichtet, gerichtet auf die Feststellung der Wirklichkeit als eines Vermittlungszusammenhangs der Ver-Wirklichung natürlicher Kausalitäten.

Zu Tönnies' Verständnis von Natur passt daher nahtlos – zumindest was die Differenz ihrer Bestimmungskomponenten angeht – die zweifache Bedeutung der Materie bei Schopenhauer: rein erkenntnistheoretisch als "kategorienhaftes Gewebe", auf die Bestimmung der Wirklichkeit gewendet als dasjenige, wodurch der Wille, der das innerste Wesen der Dinge ausmacht, Stufe um Stufe sichtbar wird. Anders als bei Schopenhauer erscheint bei Tönnies indes – zumindest dem Anspruch nach – auch die zweite Bedeutung erkenntniskritisch gebrochen, denn für ihn ist die Natur, wiewohl sie die transzendentalen Voraussetzungen sowohl für die Erkennbarkeit als auch für das Bestehen der Wirklichkeit enthält, kein Wirkliches und auch kein Seiendes. Doch ist umgekehrt trotz dieses Unterschiedes auch für Tönnies die Kategorie bzw. der Grundbegriff nichts Totes, keine bloß logische Form, sondern immer auch der Ort des eigentlich Wirklichen und Lebendigen. Und schließlich rückt gerade aufgrund des auch in transzendentaler Einstellung zu konstatierenden Ineinanderfließens von logischen und metaphysischen Bestimmungsmerkmalen der selbst werdende Geist bei Tönnies ungewollt zumindest in die Nähe des sich selbst verwirklichenden Begriffs bei Hegel. Wichtiger als diese bloß angedeutete Gemeinsamkeit sind indes die sich aus Tönnies' Naturbegriff ergebenden Konsequenzen für sein Verständnis von Geschichte. Denn wie Schopenhauer sieht auch er im naturhaften Wirken das eigentliche Wirkliche, während das Konkrete, Einzelne, Zufällige, sich nur als dessen Ausgestaltung und daher als im konstitutiven Sinne sekundär erweist. Wer die Wirklichkeit erkennen will nach der ihr eigenen Beschaffenheit, der muss sie folglich vom Primären her angehen, also der causa, und mithin geraten die Geschehnisse der Geschichte ebenso zu Exemplaren von Naturgesetzlichkeiten wie die Bewegungen der Körper. Beispielhaft für diese Auffassung ist insbesondere Tönnies' Argumentation gegen Heinrich Rickert, in der er die Existenz einer geschichtlichen Wirklichkeit und deren Eignung als Objekt einer besonderen Wissenschaft gar nicht bestreitet, aber stets darauf pocht, dass nur die Erfassung derjenigen Kausalgesetze, wie sie im historischen Geschehen ihre Ausprägung finden, uns letztlich zur Erkenntnis dieser Wirklichkeit hinführt. Mithin bleibt ihm der Rickertsche Begriff einer "fertigen", neutralen, d.h. noch gänzlich unbearbeiteten, und in diesem Sinne empirischen Wirklichkeit ebenso verborgen wie die daraufhin erst mögliche Konzipierung des wissenschaftlichen Erkennens als beruhend auf – logisch gesehen – entweder individualisierender oder generalisierender Abstraktion. [3]

  • [1] Tönnies 1979: 62
  • [2] Tönnies 1979: XX
  • [3] Vgl. hierzu insgesamt Tönnies 1902; Bickel 1981; Merz-[Benz] 1990: § 5a
 
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