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2.2 Der Gedanke des Emanatismus

In direktem Zusammenhang mit Tönnies' Natur-Verständnis steht auch die zweite Erläuterung: Denn dass Tönnies in seiner Erkenntnisbegründung zwar prinzipiell einen vernunftkritischen Ansatz vertritt, in seiner Argumentation aber gleichzeitig Spuren metaphysischen Denkens erkennen 1ässt, sprich: den selbstwerdenden Geist stets auch als vorweltliche Erscheinungsursache begreift, führt unmittelbar zur Qualifizierung seiner Erkenntnistheorie als "emanatistisch". Doch was ist damit näherhin gemeint?

Grundsätzlich ist der Emanatismus bei Tönnies identifiziert mit dem Gedanken eines aus seinem Keime Werdenden. Dies gilt selbstverständlich für den sich zu sich selbst entwickelnden und dabei mit dementsprechend ausgerichteten "Anlagen und Tendenzen" ausgestatteten Geist; dies gilt indes ebenfalls für die Ausfaltung des Denkbaren aus der Natur. Schon diese erste Charakterisierung verweist auf die bei Tönnies in dieser Sache relativ unverbunden nebeneinander herlaufenden Argumentationslinien. Denn während er in bezug auf die Geistwerdung die Denkfigur einer pantheistischen Willensmetaphysik nahezu unverändert durchhält, gelangt er bei der Ausfaltung des Denkbaren zu einer Darstellung, in der – und dies bemerkenswerterweise gemäß seinem eigenen Anspruch – die Endstufe der emanatistischen Bewegung mehr und mehr bestimmt ist durch die Tendenz, sich in ihr Gegenteil zu verkehren, eine Gestalt nach dem Vorbild der "analytischen Erkenntnis" anzunehmen. [1] Und käme diese Tendenz zum Abschluss, träte tatsächlich ein, was Tönnies zufolge nicht zum Begriff des wissenschaftlichen Denken gehört: Das, was als Wirkliches gedacht werden kann, würde aus seinen natürlichen Bindungen heraus-, ja als ursprünglich Verbundenes aufgelöst, und das als Wirkliches Erkannte erwiese sich ausschließlich als Produkt eines – im Verständnis von Tönnies – "erinnerungslos" agierenden, der eigenen Herkunft entfremdeten Begriffsund Wortschematismus. Mitnichten jedoch ist – um gleich das andere Extrem anzuzeigen – die Willensmetaphysik und darin eingeschlossen die Geistwerdung für Tönnies mehr als eine Denkfigur. Seine Beschreibung der Geistwerdung ist kein Rückfall in einen vorkritischen Zustand, denn – wie er ausdrücklich festhält – "die Differenz in Bezug auf die selben Vorgänge [...], welche Subjecte die wirkenden, also die eigentlich wirklichen [...] Dinge seien, [...] kann [...] nur aus dem Denken sich ergeben" [2]; doch – so ist gleich fortzufahren – ist dies wiederum ein Denken, dessen "Principien" sich aus dem einen Willen hervorgebildet haben, "bis sie auf sich selber stehen und gänzlich von ihrem Ursprunge unabhängig zu sein scheinen". [3] Und einzig bei diesem Denken handelt es sich gemäß Tönnies um "wissenschaftliches Denken". Dass dessen Hervorbildung, das Werden des Geistes überhaupt, indes keineswegs so bruchlos erfolgt, wie aufgrund des bisher Gesagten zu vermuten, zeigt sich an der Ausfaltung der Natur und anschließend der Sozialwelt; denn in deren Zusammenhang erhält die Ausbildung des wissenschaftlichen Denkens, ja die Ausbildung von Vernünftigkeit überhaupt, erst ihre vertiefte und die Dynamik des Ausbildungsprozesses selbst mitberücksichtigende Fassung.

Im Prinzip ist die Ausfaltung der Natur zu verstehen als Hervorbildung von immer differenzierteren Wirkungsverhältnissen innerhalb des ursprünglichen Ganzen: Stets steht das Zusammenwirken der einzelnen Kräfte dabei unter dem Primat der Erhaltung dieses Ganzen; und einzig aus dem Beitrag an die Einheit aller Wirkkräfte bemisst sich auch der Sinn der einzelnen Tätigkeit. Dieses Prinzip bestimmt auch und gerade die Hervorbildung des Sozialen. Seine besondere Ausprägung besitzt es in der Entwicklung und Ausgestaltung von Gemeinschaft, wobei hier die Substituierung naturhafter Kausalitäten durch solche des Geistes, verstanden als "Gesinnung", im Vordergrund steht. In den verschiedensten Gestalten, Phantasie, Glaube, Dichtung, Denkgewohnheit, erfüllt die Gesinnung das Bewusstsein und gibt dem Wirken des Geistes die Richtung vor. Und im Zuge dieser Substituierung geht auch der Sinn organischer Selbsterhaltung über an das Gewissen, an die höchste Stufe des sich Innewerdens der Verpflichtung gegenüber der Erhaltung des Sozialverbandes. Notwendig ist indes spätestens an dieser Stelle auch der Hinweis auf eine terminologische Unklarheit bei Tönnies: die zweifache Bedeutung von "Natur". Denn einmal erscheint die Natur – oder die causa – als Wirken im Sinne des eigentlich Wirklichen, als das, was als Wesenszug alle Stufen der sich entfaltenden Welt durchzieht; das andere Mal, wenn es um die inhaltliche Festlegung der einzelnen Grundbegriffe geht, spricht Tönnies dagegen von Natur im real-physiologischen Sinne. Die naturhaften Zusammenhalte der letzteren Art, unmittelbar verstanden als Blutsbande, werden im Zuge der Entwicklung von Gemeinschaft ersetzt durch soziale Bindungen – diese sind gleichsam die sublimierte Fassung jener –, doch von der Entfaltung naturhaften Wirkens ist in beiden Fällen zu sprechen.

Besonders anschaulich wird dieser Übergang von Tönnies beschrieben bei der Herausbildung des "natürlichen Rechts": So bleibt die Gemeinschaft "als Einheit des Differenten" auch dann erhalten, wenn die direkten "Berührungen" zwischen den Menschen, wie sie vermittelt sind durch Familienbande oder den ›Überorganismus‹ der Hauswirtschaft, verschwinden, nur ist das Verbindende nunmehr die "Gesinnung", welche, "als eigener Wille einer Gemeinschaft, [das ist], was [...] als Verständnis (consensus) begriffen werden soll". [4] Die naturhafte, sprich: physiologische Verkörperung des Gemeinschaftswillens weicht einer geistigen, doch auch diese ist unmittelbar Trägerin der Einheit des Differenten. Und "natürliches Recht" ist demzufolge "alles, was dem Sinne eines gemeinschaftlichen Verhältnisses gemäß, was in ihm und für es einen Sinn hat [...]". [5] Einen Bruch erfährt die Entwicklung der Sozialformen mit dem Übergang von Gemeinschaft zu Gesellschaft. Denn Gesellschaft ist gerade nicht mehr bestimmt durch den Gedanken der Einheit des Differenten, sondern umgekehrt durch den Gedanken der Einheit trotz Differenz. In der Gesellschaft finden "keine Tätigkeiten statt, welche aus einer apriori und notwendigerweise vorhandenen Einheit abgeleitet werden" [6], sondern die Einheit der Gesellschaft kann es nur geben "durch Fiktion der Subjekte; welche aber nicht anders möglich ist, als indem zugleich ein gemeinsames Subjekt und dessen Wille fingiert oder gemacht wird". [6] Nur unter einem vorgestellten gemeinsamen Zweck, nach dessen Erfüllung sie in ihrem Handeln fortwährend trachten, verbinden sich die einzelnen Individuen zu den Sozialformen der Gesellschaft oder, anders gesagt – die Logik dieses Verbundenseins akzentuierend –: nur unter einem abstrakten Begriff, ja, in Gestalt eines abstrakten Begriffs, verbindet sich das atomisierte Einzelne, für sich genommen ein rein Zufälliges, zu einer Einheit. Und in dieser Hinsicht gehorcht die "Theorie der Gesellschaft" bei Tönnies denn auch tatsächlich einer analytischen Logik. Dies darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir im Gesellschaftsbegriff als solchem keinem rein analytischen Standpunkt begegnen, sondern eher einem Emanatismus, der auf die Zukunft projiziert ist. Mehr als dem Gesellschaftsbegriff immanente Gestaltungsgesichtspunkte sind vom analytischen Denken nicht betroffen. Die Gesellschaft insgesamt ist vielmehr zu begreifen als die Einheit, auf die die aus der Gemeinschaft gleichsam Herausgefallenen wieder zustreben, mithin als die Endstufe der Emanationsbewegung im Ganzen. Dafür spricht auch, dass das Verhältnis von einzelnem und Gesellschaft nicht dem Dualismus von Inhalt und Form gehorcht, sondern die Gesellschaft in letzter Konsequenz zu verstehen ist als von den einzelnen gedachte oder, präziser, als Bewusstseinsinhalt mitgeführte abstrakte, "zukünftige, herankommende Lust". Denn für sich gesehen ist "Lust" etwas Irrationales. "Lust" ist der Tönniessche Begriff für das von den Menschen in ihrem gesellschaftlichen Tun als unhintergehbare Gemeinsamkeit immer schon unterstellte: der "oberste Zweck, welcher das Gedankensystem eines Menschen beherrscht" und das repräsentiert, "was alle ersehnen und wünschen", und daher auf das Tun der Menschen wirkt als allumfassende verbindende Kraft. [8] In diesem Sinne ist Gesellschaft nichts anderes als die Verkörperung des "Glücks" [8], welches wir zwar in gesellschaftlichem Handeln zu erreichen streben, dem aber selbst – und das erscheint nur beim ersten Hinsehen paradox – eigentlich nichts Gesellschaftliches anhaftet. Denn gesellschaftlich sind bloß die Operationalisierungen des Glücks sowie die zu seiner Erreichung vorgenommenen Verbindungen zweckhaften Tuns, während das Glück selbst ebenso unerklärlich, d.h. durch das Denken unerreichbar ist wie der Grund, aus dem alles Wirkende und damit all das, was unsere Erscheinungswelt ausmacht, ursprünglich herkommt; entsprechend der Zukunftsprojektion der Emanation ist in Bezug auf die Herstellung von Gesellschaft das Glück das eigentlich Wirkliche, auf das hin das gesellschaftliche Tätigsein selbst erst seine Bestimmung und seinen Sinn erhält.

Von Bedeutung ist diese Verschränkung von analytischer und emanatistischer Logik auch und gerade für das Verständnis des in der Gesellschaft erst vollends hervortretenden Denkens – ein Thema, das uns geradewegs zum zentralen Punkt der Tönniesschen Vernunftkritik führt: Das Denken und, präziser noch, das wissenschaftliche Denken repräsentiert – so haben wir gesehen – die letzte Stufe der Umbildung der Empfindungstätigkeit. Es ist die verwickeltste aller psychischen Tätigkeiten, diffizil im Bestand und stets gefährdet, in die Gesamtheit der übrigen psychischen Tätigkeiten zurückzufallen. Zu seinen wichtigsten Charakteristika zählen die Fähigkeit zur Reflexion sowie die vollständige Ablösung vom Empfundenen respektive vom Gedachten, mithin das Freiwerden von jeglichen Inhalten; exemplarisch ist letzteres ausgedrückt in der Entwicklung des (Kür-)Willens vom "Bedacht" zum "Belieben" und schließlich zum "Begriff". Gerade in seiner ausgebildetsten Form, als Rationalismus in der Handhabung von Begriffen, sprich: als Vermögen, "gegen die Vielfachheit und Wandelbarkeit der Erfahrung einfache und konstante Schemata auszubilden" [10], bleibt daher das Denken auf den reinen Ordnungsfaktor beschränkt und damit dem eigentlich Wirklichen ferner denn je. Allerdings erscheint das Denken auch in dieser relativen Verselbständigung nach wie vor als in die Emanationsbewegung einbezogen, als ein Moment des sich in der Entwicklung von Gesellschaft manifestierenden – in kürwillentlicher Form manifestierenden – einen Willens. Damit enthält, aufs Ganze gesehen, die "Idee des aus seinem Keime werdenden Geistes" indes nichts Geringeres als eine "Geschichte" des Erkenntnisvermögens, in der der Rationalismus gezeigt wird im Hervorgehen aus seinen arationalen Vorstufen. Jede Dogmatisierung des Rationalismus ist Tönnies fremd – ein Gedanke, dem im Übrigen auch Paulsen äußerst abgeneigt war – und ebenso wenig besteht der Ansatz zu einer Hypostasierung des Vernunftvermögens. Denn zwar entspricht – wie früher bereits angedeutet – der Rationalismus der ausgebildeten Vernunft, nicht aber dem Inbegriff von Vernünftigkeit. – Vernünftigkeit bemisst sich bei Tönnies vielmehr allein nach dem Verhältnis des Denkens zu den übrigen Willenskräften; und mithin handelt – bezogen auf die Sozialwelt – eben derjenige vernünftig, der einen der Willensentwicklung möglichst adäquaten Beitrag zur Erhaltung des willentlichen Zusammenwirkens, und das muss heißen: zur Erhaltung des für die jeweilige Sozialform konstitutiven einen Willens leistet. Prinzipiell gibt es für Tönnies damit zwei Höhepunkte der Vernünftigkeit, von denen der erste verkörpert wird durch die optimale Wahrung der Einheit des Differenten – der Wahrung von Gemeinschaft –, während der andere seinen Ausdruck findet in der bestmöglichen Vereinheitlichung des Differenten – der Schaffung von Gesellschaft; diesem entspricht der Zustand, in dem sich das Denken gegenüber den übrigen Willenskräften verselbständigt hat, ohne von ihnen gänzlich abgelöst zu sein, jenem dagegen der Zustand der höchstmöglichen Entfaltung des Denkens im Willen. Ihren ersten Höhepunkt findet die Vernünftigkeit demnach im Inbegriff des gewissenhaften, ihren zweiten dagegen in der Höchstform des zweckrationalen Tuns.

Allerdings – und dies ist gleichsam die Kehrseite des vorliegenden Sachverhalts – kontrastiert Tönnies' vernunftkritisches Programm auffallend deutlich mit seiner logischen Durchführung. Die Geschichte der Erkenntnis ist im Auseinanderhervorgehen der Grundbegriffe von Gemeinschaft und Gesellschaft zwar exemplarisch vorgezeichnet, doch fehlt jeder Ansatz zu einer weitergehenden Reflexion. Dass Tönnies kein ausgeprägt erkenntnistheoretisches Interesse besaß, ist gerade an dieser Stelle ausdrücklich zu bedauern. Sicherlich läuft auch der Versuch, die Selbstwerdung des Geistes und mithin die Entwicklung der Vernunft aus der Unvernunft selbst noch vernunftkritisch aufweisen zu wollen, gleichsam als Erklärung des Unerklärlichen, unmittelbar Gefahr, sich in einem Selbstwiderspruch zu verfangen. Indes vermag doch die gewordene Vernunft sich ihrer Geschichtlichkeit gewahr zu werden, und was dieses Gewahrwerden letztlich begründet, das zumindest müsste auf den Begriff gebracht werden. "Der dumme Wille hat – wüsste man nur wie – das vernünftige Bewußtsein erzeugt, das ihn zu überwinden berufen ist" – mit dieser höhnischen Feststellung hat Wilhelm Windelband die Erkenntnisbegründung Arthur Schopenhauers charakterisiert [11]; doch könnten diese Worte durchaus auch auf -Tönnies bezogen sein. Denn sie mögen vielleicht ein wenig übertrieben und daher ungerecht sein, sie sind aber ohne Zweifel bestens geeignet, das hier angezeigte offene Problem der Vernunftkritik auf seinen Nenner zu bringen.

  • [1] Für die Unterscheidung von analytischer und emanatistischer Erkenntnistheorie und insbes. Erkenntnislogik vgl. Lask, 1923a: 28-30; Lask 1923b: 63, Anm. ***; Merz[-Benz] 1990: 243 ff. Vgl. hierzu insbesondere Kap. 3 im dritten Beitrag dieses Bandes "Erkenntnis diesseits und jenseits der Kantianismus – Ferdinand Tönnies' Weg zu einer ›Methode, die mit der Schöpfung der Dinge selber übereinstimmt‹".
  • [2] Tönnies, 1979, S. XVII
  • [3] Tönnies, 1979, S. XVIII
  • [4] Tönnies 1979: 17
  • [5] Tönnies 1979: 17. Zur Entstehung der sozialen Gemeinschaft vgl. im weiteren meinen Aufsatz "Die Entstehung der sozialen Gemeinschaft als Entnaturisierung der Natur – ein Aspekt der Begriffstheorie von Ferdinand Tönnies" (Merz-Benz 1990).
  • [6] Tönnies 1979: 34
  • [7] Tönnies 1979: 34
  • [8] Tönnies 1979: 95
  • [9] Tönnies 1979: 95
  • [10] Tönnies 1979: 93
  • [11] Windelband 1911: 384
 
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