Empirismus und Rationalismus – die erkenntnistheoretischen Grundlagen der Sozialwissenschaft

Mit Friedrich Paulsen begreift bekanntlich auch Tönnies den Gegensatz von "Empirismus und Rationalismus" als den "großen Gegensatz, der die Geschichte der Erkenntnistheorie überhaupt beherrscht" [1], und mit Friedrich Paulsen konzentriert sich auch sein Interesse auf die Form, in der dieser Gegensatz im 18. Jahrhundert historisch vorlag. Zudem interpretieren beide den für das erkenntnistheoretische Denken in diesem Zeitabschnitt zu konstatierenden Fortgang als ›Entwicklung hin zu Kant‹, wobei sie auch für die Ausgangsfrage: "woher alle unsere Erkenntniss stamme, ob aus den Sinnen, oder aus dem Verstande", schon von vornherein eine sozusagen salomonische Antwort vorsehen. Demnach gibt der Rationalismus die Notwendigkeit von Erfahrung ("Sensation") bei der Bildung von Erkenntnis zu und erachtet demgegenüber der Empirismus die Seele nicht als "leere, passive Tafel", sondern als eine "thätige Kraft", "welche durch Beziehung und Vergleichung aus den Sensationen erst Erkenntniss hervorbringt". [2] Tatsächlich soll es sich zwischen Empirismus und Rationalismus um verschiedene Ansichten über die wissenschaftliche Methode handeln, aufgehoben in der Frage, ob "Wissenschaft" oder, wohl besser, wissenschaftliche Erkenntnis durch "Vernunftschlüsse" oder durch "empirische Beobachtung gegebener Zusammenhänge entsteht". [3]

Auch bei der Diskussion um die leitenden Gesichtspunkte der wissenschaftlichen Forschung konzentriert sich Tönnies indes – im Unterschied zu Paulsen – wiederum vollumfänglich auf die Problematik der Erkenntnis-Herkunft, das Eingebundensein der Erkenntnis in die materialen Gehalte unseres Denkens und Empfindens. So wird Tönnies zufolge im Falle des Rationalismus, wo es darum geht, "durch Vernunftschlüsse den objectiv bestehenden Zusammenhang der Dinge auf[zu]fassen oder nach[zu]bilden" [4] - und wo es daher die "reine Vernunft" ist, welche mittels Erschließung der durch sich selber offenbaren Ursache aller Dinge, der "Bewegung", die "Thatsachen" richtiggehend "giebt" [5] -, die Erkenntnis gleichsam von außen, ›für‹ die Wirklichkeit hergestellt. Das "System der nach innerer Zusammengehörigkeit zu nothwendigen Urteilen verknüpften Begriffe, welches dem System der Dinge in ihrer objectiven Verknüpfung" entsprechen soll [4], beruht auf der Analysis der Begriffsinhalte sowie der Vergleichung dieser Inhalte mittels des Satzes vom Widerspruch. [5] Und da "die innere Zusammengehörigkeit der Begriffe sich beurteilen [lässt], ohne dass man aus den Begriffen herausgeht" [4], entspringt sämtliches Wissen mithin allein der überwirklichen, unverkürzten Vernunft. Im Falle des Empirismus, wo es darum geht, "das Gegebene [zu] beobachten und durch Vergleichung auf empirische Begriffe [zu] bringen" [4], kommt demgegenüber die Erkenntnis unmittelbar aus der Wirklichkeit selbst. Aus Beobachtungen werden Regeln zusammengestellt, welche ihrerseits, gesteigert zur Universalität, in ihrer Gesamtheit die Zusammenhänge des Gegebenen verkörpern sollen und dabei im Grunde nichts anderes sind als das Durchgängige im empirischen Material selbst. Systeme notwendig verknüpfter Begriffe, durch die allein erklärtermaßen kein Wissen über Tatsachen zu erlangen ist, sind für die Wissenschaften allenfalls tauglich als logisches Ideal, wogegen die Forschung den reinen Vernunftschlüssen ausdrücklich fernsteht und höchstens dazu kommt, aus zusammengestellten Regeln zu folgern. So gesehen besteht das Erkennen gerade darin, aus Regeln, deren allgemeine Geltung präsumiert wird, an gegebene Tatsachen die Erwartung anderer zu knüpfen, sich auf diese Weise ›einfindend‹ in die im Material selbst steckende Ordnung. Und im Gegensatz zum Rationalismus steht das Vorgehen des Empirismus bei Tönnies daher gleichsam unter dem Titel Erkenntnis ›aus‹ der Wirklichkeit.

  • [1] Vgl. Paulsen 1875: 4; sowie ergänzend Merz-Benz 1995: § 1a, Anm. 81. Zu den Ausführungen den Gegensatz von "Empirismus und Rationalismus" betreffend vgl. gesamthaft Merz-Benz 1995: § 2
  • [2] Paulsen 1875: 4; vgl. Tönnies 1979: XVf
  • [3] Paulsen 1875: 4
  • [4] Paulsen 1875: 5
  • [5] Tönnies 1880a: 66
  • [6] Paulsen 1875: 5
  • [7] Tönnies 1880a: 66
  • [8] Paulsen 1875: 5
  • [9] Paulsen 1875: 5
 
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