Die Funktionen des Bewusstseins

Fragen nach den Funktionen des Bewusstseins, versuchen zu klären, warum das Bewusstsein gebraucht wird und inwieweit es unsere Erfahrung bereichert. Dieser Abschnitt beschäftigt sich mit Vorstellungen von der Bedeutung des Bewusstseins für das Überleben der Menschheit und seiner sozialen Funktion.

Der Nutzen des Bewusstseins

Das menschliche Bewusstsein dürfte sich wahrscheinlich als Folge einer extremen Soziabilität, also Geselligkeit, der Urmenschen entwickelt haben, die sich wahrscheinlich ursprünglich zu Gruppen formiert haben, um sich zusammen gegen Raubtiere zu verteidigen oder um Ressourcen effizienter nutzen zu können. Wie dem auch sei, aus dem engen Zusammenleben in Gruppen erwuchsen neue Anforderungen an kooperative und kompetitive Fähigkeiten im Umgang miteinander. Die natürliche Selektion begünstigte diejenigen, die denken, planen und sich Alternativen vorstellen konnten, die sowohl die Bindung an die eigene Sippe als auch den Sieg über Feinde wahrscheinlicher machen. Diejenigen, die Sprache und Werkzeuge entwickelten, sicherten so ihr Überleben durch geistige Überlegenheit („survival of the fittest“) und gaben diese Eigenschaft an nachkommende Generationen weiter (Ramachandran, 2011).

Da das Bewusstsein aus der Evolution hervorging, sollte es uns nicht wundern, dass es eine Reihe von Funktionen umfasst, die dem Überleben unserer Spezies zu Gute kommen (Bering & Bjork-lund, 2007). Auch spielt das Bewusstsein bei der Konstruktion der persönlichen wie auch der gemeinsamen kulturellen Realität eine entscheidende Rolle.

Überlebenshilfe

Aus biologischer Perspektive betrachtet entstand das Bewusstsein möglicherweise, weil Menschen dadurch Informationen aus der Umwelt besser verstehen und aufgrund dieser Informationen die am besten geeigneten und effektivsten Handlungen planen konnten. Gewöhnlich überfluten uns sensorische Informationen. William James beschrieb die enorme Menge an Informationen, die auf unsere Sinne treffen, als „dröhnendes Wirrwarr“, das von allen Seiten auf uns einstürmt. Mithilfe des Bewusstseins können wir auf dreierlei Art und Weise diese Überfülle und dieses Gewirr verstehen und uns an die Umwelt anpassen.

DI Zum einen reduziert das Bewusstsein den Fluss an Reizen, indem es einschränkt, was wir wahrnehmen und worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. Diese restriktive Funktion des Bewusstseins verdeutlicht auch das Thema Aufmerksamkeit (siehe Kapitel 4). Unser Bewusstsein hilft uns dabei, einen Großteil der Informationen auszublenden, die für unsere unmittelbaren Ziele und Absichten irrelevant sind. Angenommen Sie machen einen Spaziergang, um einen Frühlingstag zu genießen; Sie erfreuen sich an blühenden Bäumen, singenden Vögeln und spielenden Kindern. Wenn sich Ihnen plötzlich ein knurrender Hund in den Weg stellt, nutzen Sie das Bewusstsein, um Ihre ganze Aufmerksamkeit auf diesen Hund zu lenken, und darauf, die Gefahr richtig einzuschätzen und zu handeln - alles andere wird ausgeblendet. Das einschränkte Funktionieren, betrifft auch Informationen, die aus dem Gedächtnis ausgewählt werden. Zu Beginn dieses Kapitels wurden Sie aufgefordert, sich an ein wichtiges Ereignis in der Vergangenheit zu erinnern. Sind Sie dieser Aufforderung gefolgt, haben Sie Ihr Bewusstsein eingesetzt, um Ihre mentale Aufmerksamkeit auf ein Ereignis in Ihrer Erinnerung zu richten.

ES Zweitens erfüllt das Bewusstsein eine selektive Speicherfunktion. Selbst innerhalb der Kategorie von Informationen, die für aktuelle Belange relevant sind, mit denen sie sich gerade bewusst beschäftigen, sind nicht alle ständig gleichermaßen relevant. Nach der Begegnung mit dem knurrenden Hund halten Sie vielleicht inne und sagen sich: „Ich möchte mich daran erinnern, dass ich an diesen Häusern nicht wieder entlanggehe." Das Bewusstsein ermöglicht es, Informationen selektiv zu speichern bzw. sich einzuprägen, Ereignisse und Erfahrungen als relevant oder irrelevant bezüglich der persönlichen Bedürfnisse einzuordnen, indem einige ausgewählt, andere wiederum ignoriert werden. Kapitel 7 wird sich mit Speicherprozessen beschäftigen und zeigen, dass nicht alle im Gedächtnis gespeicherten Informationen bewusst verarbeitet werden. Dennoch haben bewusste Erinnerungen andere Eigenschaften und beanspruchen andere Bereiche des Gehirns als andere Erinnerungsarten.

EB Eine dritte Funktion des Bewusstseins befähigt uns, Handlungen zu unterbrechen, nachzudenken und auf der Grundlage unseres Vorwissens Alternativen in Erwägung zu ziehen sowie uns verschiedene Konsequenzen auszumalen. Diese Planungsfunktion oder exekutive Kontrollfunk-tion ermöglicht uns, starke Wünsche und Begierden zu unterdrücken, wenn sie mit moralischen, ethischen oder praktischen Erwägungen nicht vereinbar sind. Mit dieser Funktion des Bewusstseins lässt sich die Strecke für den nächsten Spaziergang festlegen, sodass sie nicht an dem knurrenden Hund vorbeiführt. Da das Bewusstsein uns einen großen zeitlichen Rahmen für mögliche Aktionen bietet, können wir unsere Kenntnisse der Vergangenheit und unsere Erwartungen für die Zukunft abrufen, um aktuelle Entscheidungen zu treffen. Aus all diesen Gründen bietet uns das Bewusstsein ein großes Potenzial, um flexibel und angemessen auf die wechselnden Anforderungen des Lebens zu reagieren.

Persönliche und kulturelle Konstruktion der Realität

Keine zwei Menschen interpretieren eine Situation auf die genau gleiche Weise (Higgins & Pittman, 2008). Unsere persönliche Konstruktion der Realität ist unsere ureigene Interpretation einer gegebenen Situation und basiert auf unserem allgemeinen Wissen, unseren Erfahrungen. Erinnerungen an vergangene Erlebnisse, auf augenblicklichen Bedürfnissen, Werten, Einstellungen und künftigen Zielen. Jeder Mensch beachtet gewisse Merkmale der Umgebung intensiver als andere, weil sich seine persönliche Wirklichkeitskonstruklion aus einer Auswahl prägender Erlebnisse und Ereignisse herausgebildet hat. Wenn unsere persönliche Konstruktion der Realität relativ stabil bleibt, weist auch unser Selbstkonzept zeitliche Kontinuität auf.

Die individuellen Unterschiede bei der persönlichen Konstruktion der Realität sind noch größer, wenn Menschen in unterschiedlichen Kulturen aufwuchsen, in unterschiedlichen Umwelten innerhalb einer Kultur lebten oder sich unterschiedlichen Anforderungen im Leben ausgesetzt sahen. Aber auch das Umgekehrte trifft zu: Weil die Menschen einer Kultur oft die gleichen Erfahrungen machen, weist ihre Konstruktion der Realität auch Ähnlichkeiten auf. Kulturelle Konstruktionen der Realität sind Arten und Weisen, wie die meisten Mitglieder einer speziellen Gruppe von Menschen über die Welt denken. Wenn ein Mitglied einer Gesellschaft eine persönliche Konstruktion der Realität entwickelt, die mit der kulturellen Konstruktion im Einklang steht, wird diese bestärkt und stärkt gleichzeitig die kulturelle Konstruktion. Kapitel 12 wird genauer auf die Beziehung zwischen persönlichem und kulturell geprägtem Selbstempfinden eingehen.

 
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