Der "biologische Spinozismus Schopenhauers"

Damit ist die "tiefere Erklärung" des von Hume entdeckten psychologischen Gesetzes für Tönnies aber noch keineswegs beendet. Vielmehr macht Tönnies durchaus auch Angaben darüber, von welcher Art der Schlüssel ist, den der Geist in seiner Entwicklungsgeschichte vorfindet. Entsprechend der physiologischen Betrachtungsweise – so beginnt, in zusammengefasster Form, seine Argumentation in der "Vorrede zur ersten Auflage" von Gemeinschaft und Gesellschaft – entspringt alles Wissen prinzipiell einem dumpfen unvermittelten Empfinden. Was dem Geist in seinem Ursprungsstadium begegnet, ist "der empfundene innere Gesammtzustand" [1], und aus ihm wächst nach und nach, parallel zum Wachstum des Geistes, alle Erkenntnis hervor: als eine Folge von sich stets besondernden Empfindungen. Den empfundenen inneren Gesamtzustand nennt Tönnies "das absolute A priori", und "dieses kann nur gedacht werden als die Existenz der gesammten Natur durch allgemeine und dunkle Beziehungen [kausale Wirkungsverhältnisse; PUMB] auf sich involvirend". [2] Das heißt aber weiter, dass alles besondere Wissen, das sich aus diesem empfundenen Grundzustand hervorbildet, konstituiert ist in Kausalverhältnissen, in Kausalverhältnissen, die in stets klarerer und differenzierterer Gestalt erscheinen, bis schließlich im Endeffekt die Kategorie der Kausalität in reiner Form hervortritt. Auf diese Weise wächst die Kausalität und mithin die Tatsache, dass wir uns alles Sein und Geschehen nur denken können als wirkend und bewirkt werdend, dem Geist, und zuhöchst dem Verstand, als dessen "Struktur" richtiggehend zu. [3] Und was der Geist demnach in sich vorfindet, sind die Modifikationen der Ausdifferenzierung von Kausalverhältnissen aus ihrem all-einen Anfang. Diese Modifikationen strukturieren die gesamte Geschichte der Erkenntnis, und ihnen gemäß denkt sich der Geist folglich auch die äußere Wirklichkeit. Sogar die Erkenntnisauffassungen des Empirismus und des Rationalismus gehen samt und sonders in diese übergeordnete Erkenntnisauffassung ein. Unverkennbar ist Tönnies in diesem Teil seiner Erkenntnisbegründung geprägt durch die Philosophie Spinozas, und zwar des frühen Spinoza. Er wird geleitet von der – später, in Philosophische Terminologie in psychologisch-soziologischer Absicht, von ihm noch spezifizierten – Vorstellung eines allgemeinsten Begriffs, eben des Begriffs der Natur als des absoluten Apriori (der Natur als der causa sui), der nichts ist als bloßes kausales Wirken, und aus dem alle besonderen Begriffe als seine Modifikationen hervorgehen. [4] Wiederum ist aber auch der Einfluss Schopenhauers mit im Spiel. Denn zum einen geschieht das Hervorwachsen des Geistes ja in einem physiologischen Kontext und ist – wichtiger noch – das, was hinter den Kausalbewegungen steht, sie als Bewegungen erst ausmacht, der Wille. Und so sind denn letztlich auch die Erkenntnisvoraussetzungen bedingt durch den Willen und erscheint, was uns als Wirkliches begegnet, als dessen Modifikationen. Spätestens hier wird – zumindest beispielhaft – deutlich, was der Schopenhauersche Einfluss bei Tönnies bewirkt hat; denn orientierte sich dieser zu Anfang in seinem Verständnis des Willens am Vorbild der Hobbesschen Affekttheorie, so schwenkt er bald darauf – etwa ab 1882 – um auf die Position Schopenhauers und gerät der Willensbegriff von Hobbes für ihn später zu einem Teil des Schopenhauerschen Willensbegriffs. [5]

Auf dem Hintergrund des soeben – zumindest in seinen Grundzügen – beschriebenen Sachverhalts, wird deutlich, was Tönnies meint, wenn er im Jahre 1886 – also noch in der Entstehungszeit von Gemeinschaft und Gesellschaft – von einem "biologischen Spinozismus Schopenhauers" als dem Inbegriff der ihm vorschwebenden Erkenntnisbegründung spricht. [6] Dass die Erkenntnis den Modifikationen des aus dem Geisteswachstum zu erfahrenden Willens gehorcht und daraufhin auch die äußere Wirklichkeit – und für Tönnies insbesondere die Sozialwelt – begriffen wird als sich aufstufend in Kausalverhältnissen, die bedingt sind durch die als Entäußerung des Willens verstandenen Dispositionen des Bewusstseins: der Motivation, bedeutet allerdings darüber hinaus noch die Einlösung eines weiteren, von Tönnies in einem mit dem biologischen Spinozismus Schopenhauers genannten Postulats: des Postulats nämlich, dass Erkenntnis "nach der Methode der Schöpfung" geschehen soll. Denn was im Bewusstsein wie in jedem Wirklichkeitsmoment zutage tritt, ist der Weltwille, und wer sich seiner Modifikationen zu versichern weiß, der verfügt über den Schlüssel zur Erkenntnis der Wirklichkeit überhaupt, der weiß um denjenigen Erkenntnisgrund, welcher in Wahrheit nichts anderes ist als der Wirklichkeitsgrund selbst. Gefunden hat Tönnies dieses Postulat in Hobbes' Leviathan [7], doch realisiert hat er es mit den Mitteln Schopenhauers, Spinozas und – was die Physiologie des Geisteswachstums im engeren Sinne betrifft – der Darwinschen Evolutionstheorie.

  • [1] Vgl. Tönnies 1979: XVI
  • [2] Tönnies 1979: XVI
  • [3] Vgl. Tönnies 1979: XVII
  • [4] Vgl. Tönnies 1906: 62
  • [5] Vgl. Merz-Benz 1995: § 5d; sowie Tönnies 1882: 244
  • [6] Vgl. Tönnies 1887: 301
  • [7] Vgl. Tönnies 1887: 300f.; sowie erläuternd Merz-Benz 1995: Teil II, bes. §§ 5a und 5i
 
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