Die logische Analyse sozialer Gebilde – jenseits von Physikalismus und Biologismus

Ferdinand Tönnies' Kritik an Gustav Ratzenhofer

Der Selbsteinschätzung von Tönnies zufolge scheint zwischen seiner Auffassung von Soziologie und derjenigen Gustav Ratzenhofers kein besonders enger Zusammenhang zu bestehen. Diesen Eindruck erweckt zumindest seine Rezension des Ratzenhoferschen Werks Die Sociologische Erkenntnis. Positive Philosophie des sozialen Lebens. [1] Oberflächlich betrachtet besteht diese Rezension primär in der bloß summarischen Darstellung einzelner bei Ratzenhofer konstatierter Gedankengänge, durchsetzt mit unvermittelten Zurückweisungen der als nicht erfüllt beurteilten erkenntnisund wissenschaftstheoretischen Begründungsansprüche; dass Ratzenhofer uns überhaupt erst den "Einblick in den Ursprung der menschlichen Wechselbeziehungen, in die Wesenheit der sozialen Kräfte und in die Gesetzlichkeit ihres Waltens" ermöglicht und mithin eine eigentliche "Erkenntnislehre der Soziologie" vermittelt [2] – so charakterisiert Tönnies dessen

Selbsteinschätzung –, wird – von einzelnen zustimmenden Äußerungen abgesehen – schlichtweg als nichtig erklärt. Die Thematik selbst und die Rigidität der Zurückweisungen zeigen allerdings bereits an, dass in der von Tönnies vorgebrachten Kritik mehr steckt als die üblicherweise zum Geschäft des Rezensenten gehörende Mängelrüge und demnach hinter der Fassade einer Gelegenheitsarbeit Entscheidendes zur Sprache kommt. Denn worum es Tönnies in Wahrheit geht, ist nichts Geringeres als die Distanzierung vom biologischen Emanatismus als der erkenntnistheoretischen, präziser noch: der erkenntniskritischen Grundhaltung der Soziologie – einem Standpunkt, von dem Tönnies fürchtet, er könnte fälschlicherweise in die Nähe seiner eigenen Ansichten gerückt oder sogar mit ihnen identifiziert warden. [3] Und nicht nur lässt unter diesem Gesichtspunkt die von Tönnies zu den Auffassungen Ratzenhofers vorgebrachte Argumentation effektiv ihren durchgehenden systematischen Zusammenhang erkennen. Vielmehr ist ihre Erörterung darüber hinaus geeignet, eine prinzipielle Klärung in Bezug auf Tönnies eigenen Erkenntnisansatz herbeizuführen.

Als erstes steht die Auseinandersetzung mit Ratzenhofers "Erkenntnislehre der Soziologie" an (1.), mit seiner Bezugnahme auf Auguste Comte (1.1.), insbesondere mit seinem Anspruch, Comtes System "positivistischer Wissenschaft" zum Abschluss gebracht zu haben (1.2.), mit den von Ratzenhofer und Comte vertretenen unterschiedlichen Fassungen des Verhältnisses von Soziologie und Biologie (1.3.), mit Ratzenhofers Verständnis der Analogie von "organischen Geschöpfen" und "sozialen Gebilden" (1.4.) sowie mit dem von ihm aufgestellten Prinzip der "Urkraft" als der Möglichkeitsbedingung der Erkenntnis schlechthin, mithin auch der soziologischen (1.5.). Darauf folgt als zweites die Erörterung von Ratzenhofers emanatistischer Erkenntnistheorie, einschließlich eines Vorblicks auf Tönnies (2.), und dazu gilt es zunächst zu klären, in welchem Verhältnis Ratzenhofer und Tönnies zu Schopenhauer stehen (2.1.), wonach die Aufmerksamkeit Ratzenhofers biologischem Emanatismus als der Grundlage (auch) des Begriffs der "socialen Erscheinungen" gehört (2.2.). Wiederum einen Schritt weiter gehend kann nunmehr – als drittes – festgestellt werden, welches der entscheidende Einwand ist, den Tönnies gegen die Ratzenhofersche "Erkenntnislehre der Soziologie" vorbringt, womit der bisher verfolgte Argumentationsgang zu einem einstweiligen Abschluss kommt (3.). Welches aber ist die Position von Tönnies? Inwiefern unterscheidet sich sein Erkenntnisansatz von Ratzenhofers biologischem Emanatismus? Und vor allem: Was versteht Tönnies unter der von ihm gegenüber Ratzenhofer angemahnten "logischen Analyse der Sozialgebilde"? Die Beantwortung dieser Fragen ist Gegenstand des vierten und letzten Kapitels. Der Weg führt über die Gegenüberstellung der für Ratzenhofer und Tönnies leitenden Grundintentionen wissenschaftlicher Arbeit: Sucht Ratzenhofer eine Erkenntnislehre zu entwickeln, in der die "Socialen Erscheinungen" ebenso wie die soziologischen Begriffe Auftretensformen der weltbildenden "Urkraft" darstellen (4.1.), gilt Tönnies' Interesse einer "eigentlich soziologische[n] Ansicht der Tatsachen des menschlichen Zusammenlebens", realisiert in Gestalt eines Systems von Grundbegriffen der reinen Soziologie als einem "Knochengerüst der Geschichte" (4.2.). Im Zentrum steht dabei das Verhältnis von Sozialgebilde und menschlichem Willen, welches seinerseits der Schlüssel zur logischen Analyse der Sozialgebilde ist (4.3.). Tatsächlich trägt – wie sich schlussendlich zeigt – die von Tönnies angestrebte logische Analyse der Sozialgebilde die Züge einer emanatistischen Erkenntnistheorie, doch von einem biologischen Emanatismus kann keine Rede sein. Dies herauszustellen war für Tönnies' von größter Bedeutung, denn was er unbedingt zu vermeiden suchte, war in den Ruch des Biologismus zu geraten (4.4.).

  • [1] Tönnies 1929 [1902]; Ratzenhofer 1898
  • [2] Tönnies 1929 [1908]: 348; Tönnies 1929 [1902]: 324; Hervorh. v. mir; PUMB. Der Begriff "Soziologie" besitzt bei Ratzenhofer eine zweifache Bedeutung, was Tönnies sowohl in seiner Rezension der "Sociologischen Erkenntnis", als auch in seiner sechs Jahre später verfassten Rezension von Ratzenhofers postum erschienenem Werk Soziologie. Positive Lehre von den menschlichen Wechselbeziehungen korrekt wiedergibt. Unter Soziologie versteht Ratzenhofer zum einen "die philosophische Grundlage für die Wissenschaften der menschlichen Wechselbeziehungen" (Ratzenhofer 1898: 6; Hervorh. v. mir; PUMB; vgl. Ratzenhofer 1907: 2, Anm.**); insofern ist die Soziologie die "Erkenntnislehre der Soziologie". Zum anderen ist die Soziologie für Ratzenhofer die "Lehre" der Soziologie, die "eigentliche Soziologie" (Tönnies 1919 [1908]: 348), welche "die Phänomene der menschlichen Wechselbeziehungen klassifizieren, die Faktoren der sozialen Entwicklung ermitteln und das Wirken der Naturgesetzlichkeit im allgemeinen, der soziologischen Gesetzlichkeit im besonderen, innerhalb derselben konstatieren" soll (Ratzenhofer 1907: 2).
  • [3] Insofern trifft auf Tönnies tatsächlich zu, was Ratzenhofer in einem Brief an Ludwig Gumplowicz beklagt hatte: "daß die Menschen in fremden Werken nur sich selber suchen" (Lohberger 1964: 180), wobei Tönnies bei Ratzenhofer gerade das sucht, was zu Missverständnissen seiner eigenen Gedanken Anlass geben könnte
 
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