Ratzenhofer und die Analogie von "organischen Geschöpfen" und "sozialen Gebilden"

Eine entscheidende Frage ist allerdings nach wie vor offen: Wodurch ist der von Ratzenhofer behauptete Entwicklungszusammenhang biologischer und sozialer Erscheinungen, der letzte Abschnitt der "Entwicklungsreihe der organischen Welt", an dessen Ende der menschliche "Intellect" steht, als solcher konstituiert? Als Antwort verweist Ratzenhofer zunächst auf die "Hauptmerkmale des Lebens im Individuum und in seinen socialen Einrichtungen im Vergleiche [besser: im Unterschied; PUMB] zur leblosen und bewußtlosen Natur". [1] "Organische Geschöpfe", bis hinauf zum Leben im Individuum, und "sociale Gebilde" sind sich insofern gleich, als 1) "organische Geschöpfe" und "sociale Gebilde" "durch innere Impulse bewegt werden" [1] und "die scheinbare Willkürlichkeit dieser Bewegungen [...] durch die Abhängigkeit von den Lebensbedingungen aufgehoben und in eine Bethätigung des Lebens zwischen innerem Drang und äußerem Zwang übergeführt [wird]" [3]; 2) die Körper, die "Individuen", sich vermehren – sei es, im Falle der Organismen, durch die "Variierung der Art" und mithin des "Artinteresses", sei es, im Falle der "socialen Gebilde", durch "Differenzierung" [4]; 3) jeder lebende Organismus und jedes soziale Gebilde ein "beschränktes Wachsthum" [4] hat und das Leben in ihnen auch wieder "erlischt" [6] bzw., im Falle der sozialen Gebilde, sich unter Umständen nicht "erneuern" kann und der "soziale Tod" sich einstellt [7]; 4) der Organismus ebenso wie das soziale Gebilde durch ein "Streben nach Individualisierung" [8] bestimmt ist, wobei – im Falle der sozialen Gebilde – "mit der Klarheit und Abgeschlossenheit der [die Menschen; PUMB] leitenden Ideen" auch die "Individualität" immer schärfer umgrenzt wird und immer ausgeprägter hervortritt [9]; 5) Organismen und soziale Gebilde gleichermaßen zur "Wahrnehmung" [10] befähigt sind – eine Befähigung, welche über die bloße Sinneswahrnehmung resp. das kollektive "Empfinden" von Mangelsituationen hinaus bis zur "Apperception und Ideenassociation" resp. zur "Voraussichtigkeit", der Vorstellung zu erwartender Wechselbeziehungen mit anderen sozialen Körpern gesteigert werden kann. [11]

Bei jedem einzelnen dieser "Hauptmerkmale" bestehen – so Ratzenhofer – "Analogien zwischen dem Werden, Vergehen und Aufbau organischer Geschöpfe und socialer Gebilde" [12], doch dürfen – wie gleich hinzuzufügen ist – diese Analogien nicht als formale Verhältnisähnlichkeiten im bekannten Sinne des Wortes verstanden warden. [13] Analogie meint im vorliegenden Fall vielmehr die Strukturgleichheit von Realitäten, "beruht" das, was organischen Geschöpfen und sozialen Gebilden gemeinsam ist, doch auf nichts anderem als "der Gleichheit der Gesetze [...], welche die Entwicklung der organischen Welt beherrschen". [12] Sozialgebilde und menschliches Individuum stehen indes nicht auf derselben Entwicklungsstufe, vielmehr werden jene durch dieses bzw. durch die "im Menschen wirkenden Factoren" hervorgebracht – doch auch dies wiederum nur in eingeschränktem Ausmaß. Denn vermittels eben dieser Faktoren wird die Höherstufigkeit der Sozialgebilde wieder zurückgenommen, reicht durch sie die organische Welt gleichsam in die Sozialgebilde hinein. Es ist die organische Welt, welche die Sozialgebilde richtiggehend aus sich entlässt, indem ihre Gesetze in der sozialen Welt fortwirken, diese gestaltend als ihre Ver-körperung. Im sozialen "Stoff" entfaltet sich – ganz in der Konsequenz des Ratzenhoferschen Physikalismus – der organische, der biologische "Stoff", und es sind die Energien der organischen Welt, welche auch die Energien der sozialen Welt ausmachen. Sozialgebilde sind mithin mehr als bloße Exemplare der die organische Welt beherrschenden Gesetze, gehören diese der organischen Welt doch selbst an, wenngleich von Wesensgleichheit lediglich in Bezug auf das organische und das soziale Leben gesprochen werden darf und auch sie wiederum zurückführt auf einen dem Leben noch vorgeordneten Grund. Leben allerdings heißt Leben im organischen Sinne, im Sinne der Selbsterhaltung von Organismen, was wiederum bestimmend ist für den Realitätscharakter der Sozialgebilde, womit im Endeffekt – über die Strukturgleichheit zweier Realitäten hinaus – eine Realität die andere wie von innen her durchsetzt. Das ist etwas anderes als ein Entwicklungsschritt in der Emanation der Urkraft. Ratzenhofer schreibt: "Jedes sociale Gebilde besteht aus Individuen, welche gleich den Zellen im Organismus Leben für sich haben"; und "diese Individuen wirken, abgesehen von ihrem besonderen Leben, an dem Leben der socialen Individualität mit, und zwar jedes nach der Aufgabe, die ihm innerhalb des Socialgebildes zufällt. So wie sich im einzelnen Geschöpfe die Zellen im Sinne des angebornen Interesses der Gattung und des Individuums entwickeln, erhalten und vermehren, absterben und ausscheiden, so auch wirken und leiden die Mitglieder eines Socialgebildes im Sinne des leitenden Interesses, welches sie in dem socialen Verbande zusammengeführt hat". [15]

  • [1] Ratzenhofer 1898: 108
  • [2] Ratzenhofer 1898: 108
  • [3] Ratzenhofer 1898: 109. Damit wird auch deutlich, dass Adaption und Variation bei Ratzenhofer – anders als bei Darwin – keineswegs blind verlaufen; vielmehr gehorchen sie von vornherein dem Prinzip, die vorfindlichen "Lebensbedingungen auszunützen" zur Vervollkommnung ihrer Träger, und zwar unabhängig davon, ob es sich um organisches Leben, individuelles Leben, einschließlich der Tätigkeit des Intellekts, oder um soziales Leben handelt. Selektion, wie sie beispielsweise in Gestalt des Daseinskampfs unter den "Gesellschafts-Individualitäten", vorab den "Staatsindividualitäten" geschieht und deren Ergebnis in der Etablierung derjenigen "Staatsindividualität" besteht, welche den Collectiv-Eigennutz am besten durchzusetzen vermag, kommt dagegen erst in zweiter Linie, sie erfolgt unter Bedingungen, wie sie durch Adaption und Variation vorgängig geschaffen wurden: als Selektion der Besten unter den Angepassten
  • [4] Ratzenhofer 1898: 109
  • [5] Ratzenhofer 1898: 109
  • [6] Ratzenhofer 1898: 110
  • [7] Ratzenhofer 1898: 110f
  • [8] Ratzenhofer 1898: 111; Hervorh. weggelassen; PUMB.
  • [9] Ratzenhofer 1898: 112
  • [10] Ratzenhofer 1898: 112; Hervorh. weggelassen; PUMB
  • [11] Ratzenhofer 1898: 112f
  • [12] Ratzenhofer 1898: 113
  • [13] Höffding 1924: 1ff
  • [14] Ratzenhofer 1898: 113
  • [15] Ratzenhofer 1898: 115f
 
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