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1.5 Die "Urkraft" als Möglichkeitsbedingung der Erkenntnis – auch der soziologischen

Auf den Begriff des Interesses kommt es gerade an: Denn auch das Interesse, welche die Mitglieder eines Sozialgebildes leitet, ist nicht mehr als eine höherstufige Verkörperung des physiologischen Interesses der Lebenserhaltung, um in letzter Konsequenz zurückzugehen auf die Urkraft; auch das soziale Interesse entspringt der Urkraft und ist eine Äußerung des jeder "Erscheinungsform [...] anhaftenden Interesses an der zugehörigen Entwicklung". [1] Wie alle "lebenden Geschöpfe" sind bekanntermaßen auch die sozialen Gebilde "Emanationen der Urkraft, welche in ihnen in artgemäßer [fast könnte man sagen: ›sozio-biologischer‹; PUMB] Form gebunden ist, durch welche unter fortgesetztem Kraft-(Stoff-)Wechsel ein Theil dieser Urkraft als Leben thätig ist." [2] Was Ratzenhofer in Die Sociologische Erkenntnis über die Entfaltung des Sozialinteresses schreibt, ist nichts anderes als eine vorgezogene Erläuterung und Illustration des in seinem ein Jahr später erschienenen Werk Der Positive Monismus beschriebenen letzten Abschnitts der "positiven Entwicklungshypothese" [3], der "synthetischen Ausnützung" der Naturgesetze zuhanden der Erklärung der "Welt, [ihres] Werden[s] und alle[r] Erscheinungen". [4] Mit seinem Begriff der Erscheinungen, darunter auch und gerade der "Denkelemente der Erscheinungswelt", als hervorgegangen aus dem Wirken der "actuellen und potentiellen Energien" [5] und ebenso dem Verzicht auf die Kategorien der "Substanz" und der "Materie" sucht Ratzenhofer sich vom metaphysischen Denken möglichst zu befreien [6], wobei er insbesondere darauf insistiert, sein Verständnis einer "positiven Synthese" der Welterscheinungen habe mit den "alten Phantasien der Metaphysik" nichts mehr gemein. [7] Vielmehr soll – wie er immer wieder betont – seine Erklärung allein "hypothetischen" Charakter besitzen [8], als Hypothese aber eine "befriedigende" sein, "da wir durch sie im stande sind, einen bestimmten Ausgangszustand für die Beurtheilung der weiteren Entwickelung zu denken". [9] Kommt hinzu, dass – so ist ebenfalls festzustellen – das "Urkraft-Prinzip" es aufgrund seiner "Einfachheit" erlaubt, "die Entwicklungsstadien des Weltsystems als bloße Modificationen des Princips selbst" aufzuzeigen [10] oder, wie es adäquater heißen muss: kritisch aufzuweisen, frei von "willkürlichen Beimischungen" und insofern "sogar der berechtigten Dichtung eines Absoluten [...] verwandt" [11], wodurch sein "philosophischer Vorzug" weiter erhöht wird. [10] Das "einzige Positive" sind die in der Natur "zur Erscheinung kommenden Energien". [13] Zur Natur aber zählt auch und gerade "unser Bewusstsein als die einzige subjective Wirklichkeit", mitsamt "unserer Vorstellungswelt" [14]; und zum "Bewusstseinsorganismus" gehört überdies das "in ihm wirksam[e] [...] Erstreben", ohne das die Vorstellungen unbearbeitet blieben, ja nicht einmal als "Erinnerungen" festgehalten würden. [15] Dieses "Erstreben" als Teil des Bewusstseinsorganismus ist seinerseits so etwas wie eine besondere Energiemodalität, darauf ausgerichtet, bestimmte Erscheinungsmodalitäten, die Inhalte unserer Vorstellungswelt, als Teil einer anderen Erscheinungsmodalität, des Bewusstseins, wiederum erstehen zu lassen. Und folgerichtig ist "die Vorstellung einer Urkraft, welche diesen Energien ausübend zu Grunde liegt, [...] die einzig zulässige und denkmögliche transcendente Vorstellung über die Wesenheit des Dinges an sich" [13], der Welt, wie sie ist und sein kann. Ratzenhofer vertritt damit eine Erkenntnistheorie, welche bestimmt ist durch das Zusammenfallen von Realgrund und Erkenntnisgrund. Die Vorstellung einer Urkraft und des in ihr begründeten Prinzips der Entwicklung ist die Möglichkeitsbedingung der Erkenntnis, d.h. der Erklärung der Welt und ihrer Erscheinungen als Emanationen der Urkraft. Die "Urkraft, wie sie die Grundlage der realen Erscheinungen ist [,] [kann] als die einzig annehmbare Grundlage transcendenter Ideen gelten". [17] Es ist nicht das Denken, das die Bildung von Begriffen ermöglicht, sondern die reale Abhängigkeit, ja die reale Bedingtheit der Welterscheinungen, wie sie zurückgeht auf das alles durchdringende und bis ins Kleinste durchwirkende Energie-Prinzip. Die Urkraft ist der absolute, allumfassende Begriff, der die Welterscheinungen als Erscheinungsformen der Energien sozusagen aus sich hervortreibt, indem er jedem einzelnen Ding oder Vorgang eine, seine Gestalt verleiht. Die Urkraft macht die Dinge und Vorgänge begreifbar als aus sich entlassen, als Teil alles dessen, was sie geschaffen hat und an Verwirklichungen (noch) zu wirken vermag bzw. vermöchte. Und das Denken seinerseits macht, dass das "einzige Positive", "die zur Erscheinung kommenden Energien" [18], in den einzelnen Begriffen, den Begriffen der Wissenschaft und mithin in der höchsten Form seiner Durchschaubarkeit, zu sich kommt. So "[lehrt] die positive Erkenntnis, daß der Urkraft-Begriff den Naturerscheinungen und den transcendenten Ideen entspricht. [19]

  • [1] Ratzenhofer 1898: 28; Hervorh. weggelassen; PUMB
  • [2] Ratzenhofer 1898: 24. Bezeichnenderweise spricht Ratzenhofer davon, die Urkraft sei in den lebenden Geschöpfen "in artgemäßer Form gebunden", wirkend in den besonderen Realitäten, den Individuen oder den Sozialgebilden, und durch diese, womit "ein Theil der Urkraft als Leben thätig" werde. Die Feststellung, wonach Ratzenhofer mit seinem Urkraftprinzip die "Lehre" von der "Allbelebtheit der Welt" vertrete (Gramzow 1904: 59f.), ja den "alten hylozoistischen Bewegungen" erneut Gestalt verleihe (Gramzow 1904: 30), ist daher unzutreffend. Ratzenhofer begreift die Urkraft erklärtermaßen als "physikalisches Prinzip der Weltentwicklung", der Entwicklung des belebten ebenso wie des unbelebten Teils der Welt. Vgl. hierzu auch die Ausführungen in Anm. 26).
  • [3] Ratzenhofer 1899: 116-123
  • [4] Ratzenhofer 1899: 19, 18
  • [5] Ratzenhofer 1899: 22 u. 23
  • [6] Ratzenhofer 1899: 4ff., bes. 8-14
  • [7] Ratzenhofer 1899: IX. Ratzenhofer nimmt sogar für sich in Anspruch, mit seinem Positiven Monismus einem neuen Verständnis von Philosophie zum Durchbruch zu verhelfen, ja ein solches überhaupt erst möglich zu machen. Denn indem die Philosophie, entsprechend ihrem eigenen, überkommenen Selbstverständnis, in Gestalt der Metaphysik "etwas begrifflich feststellen wollte, was sie ohne Naturwissenschaft nicht kann, nämlich eine vergleichsweise Erklärung der Erscheinungswelt", hat sie sich um "alles Ansehen" gebracht (Ratzenhofer 1899: 5). Bricht die Philosophie jedoch "mit ihrer Vergangheit […] und [postuliert sie] eine neue Begriffswelt […], welche aus der Einsicht in die Naturgesetzlichkeit abgeleitet wird und unserer Erscheinungswelt zu Grunde gelegt werden kann, ohne sich je von den Thatsachen der Erfahrung weiter zu entfernen, als es der wissenschaftlichen Zulässigkeit von Hypothesen entspricht", dann tritt sie von neuem – und diesmal mit der geforderten sicheren Grundlage, sprich: als "positivistische Methode" – in ein dialektisches Verhältnis zu den Naturwissenschaften (Ratzenhofer 1899: 6). Und dann wird auch die Naturwissenschaft wieder anerkennen, "daß ohne eine philosophische Synthese ihre eigene Arbeit unvollendet bleibt" (Ratzenhofer 1899: 7). – Geschieht dagegen nichts von all dem, dann bleibt – wie es an anderer Stelle heißt – "die Naturwissenschaft ewig kurzsichtig, und die Vernunftwissenschaft an sich ist stets schemenhaft" (Ratzenhofer 1899: 19). Als eine solchermaßen "ewig kurzsichtige" Wissenschaft erscheint die Ratzenhofersche Soziologie bei Arthur F. Bentley und Albion W. Small, deren Darstellungen Ratzenhofers Bild in der amerikanischen Soziologie maßgeblich geprägt haben. Zu nennen ist hier insbesondere Smalls General Sociology. An Exposition of the Main Development in sociological Theory From Spencer to Ratzenhofer – ein Werk von großem Einfluss. Und auch das Bild, welches Robert E. Park und Ernest W. Burgess in ihrer Introduction to the Science of Sociology von Ratzenhofer und seiner Soziologie vermitteln, ist nicht dazu angetan, an diesem Sachverhalt etwas zu ändern. Bentley hält Ratzenhofer zwar zugute, seiner Soziologie oder, präziser, der von ihm entwickelten soziologischen Betrachtungsweise komme eine besondere Qualität zu – eine Qualität, die er mit so berühmten Vertretern seines Faches wie Simmel und Durkheim gemeinsam habe: "we may call it observational coherence in the material, the social, facts, permitting a unified study of it in its own right" (Bentley 1926: 251). Was allerdings für diese Kohärenz verantwortlich ist, ja sie als solche ausmacht, geht aus den gemäß Bentley für die Ratzenhofersche Soziologie bestimmenden kategorialen Grundlagen – "the systematic working out of social evolution and social process in terms of groups of men interacting on each other as groups rather than as individuals" (Bentley 1926: 251) – sowie den dazugehörigen sozialen Faktoren, etwas zeitgemäßer ausgedrückt: Variablen soziologischer Erklärung(en), gerade nicht hervor. Dazu hätte es des Eingehens auf den "positiven Monismus" bedurft, der indes – wie Bentley sich ausdrückt – "is now only part of the history of an older type science" (Bentley 1926: 252). Mit diesem Urteil – und mag es für sich noch so zutreffend sein – wird jede Möglichkeit, Einsicht in die soziologische Betrachtungsweise Ratzenhofers zu gewinnen, von vornherein ausgeschlossen. Auch Harry Elmer Barnes sieht in seinem Werk Soziologie und Staatstheorie die Soziologie Ratzenhofers, den er immerhin unter die bedeutenden soziologischen Klassiker einreiht, ausschließlich mit den Augen von Bentley (Barnes 1927: 93). Albion W. Small sieht in Ratzenhofers Soziologie gar den Endpunkt einer Entwicklung – einer Entwicklung hin zu einer bestimmten Form soziologischer Erklärung: "Our thesis is that the central line in the path of methodological progress, from Spencer to Ratzenhofer, is marked by gradual shifting of effort from analogical representation of social structures to real analysis of social process" (Small 1905: ix). Gemeint ist eine Analyse, bei der das, was die Bedeutung und den Wert menschlichen Lebens ausmacht, fassbar wird in Begriffen der überund untergeordneten Faktoren der Entwicklung und Hervorbildung der Welterscheinungen, darunter auch und gerade der sozialen Tatsachen. "We want especially an explanation that will guarantee its proportional place to the factor human purposes" (Small 1905: 188). Um dies zu leisten, müsste indes auch darstellbar gemacht werden können, und zwar in Kategorien soziologischer Theorie, wie sich der Faktor human purposes im Zuge der Entwicklung des Sozialen und durch diese hervorbildet, wie die verschiedenen Aspekte dieses Faktors auseinanderhervorgehen, der Faktor sich gleichsam ausdifferenziert, wie etwa – um nur auf einen Punkt hinzuweisen – das, was in der Blutliebe als dem bestimmenden Faktor der Blutsbande wirkt, nach und nach die Gestalt genuin sozialer Faktoren annimmt, Faktoren der Socialization (Small 1905: 192). Von all dem ist bei Small nirgends die Rede. Fest steht jedoch: Um auch nur darüber befinden zu können, ob und, wenn ja, in welcher Weise eine solche Analyse mitsamt der dazugehörigen Form soziologischer Erklärung auf der Grundlage der Soziologie von Ratzenhofer möglich ist, ist die Klärung von Ratzenhofers Begriff soziologischer Erkenntnis unabdingbar. Geschieht dies nicht, bleibt die Wissenschaft Soziologie "kurzsichtig". Der Vollständigkeit halber sei schließlich hinzugefügt, dass Smalls Artikel "Ratzenhofer's Sociology" im wesentlichen in einer Übersetzung der Einleitung des gleichnamigen Werks von Ratzenhofer besteht (Small 1908). Bei Park und Burgess wird Ratzenhofers Begriff des "Interesses" schließlich umstandslos mit dem Begriff des handlungsleitenden Interesses gleichgesetzt oder – etwas weiter gefasst – des Interesses, wie es bestimmend ist für das menschliche Verhalten – und dies noch dazu unter Bezugnahme auf Small. "In the writings of Ratzenhofer and Small human interests are postulated as both the unconscious motives and the conscious ends of behavior." Dass bei Ratzenhofer die Bedeutung des "Interesses" bekanntlich weit über den Bereich der Wissenschaft hinausreicht, bis hin zum Interesse, welches der "Urkraft" "inhärent" ist, ist für Park und Burgess kein Thema (Park/Burgess 1921: 496). Gesamthaft ist daher festzuhalten, dass Ratzenhofer, als Folge der Rezeption seiner Werke durch Bentley, Barnes, Small, Park und Burgess und andere, in der amerikanischen Soziologie zwar den Status eines Klassikers erlangte (vgl. hierzu auch Oberhuber 2001: 19), diese Rezeption aber unter höchst einseitigen Gesichtspunkten erfolgte und zudem durch eklatante Missverständnisse belastet war
  • [8] Ratzenhofer 1899: 5ff
  • [9] Ratzenhofer 1899: 30
  • [10] Ratzenhofer 1899: 129
  • [11] Dieser Zitatteil entstammt einem längeren Zitat Ratzenhofers aus Friedrich Albert Langes Geschichte des Materialismus von 1887 (Ratzenhofer 1899: 130).
  • [12] Ratzenhofer 1899: 129
  • [13] Ratzenhofer 1899: 13
  • [14] Ratzenhofer 1899: 10. Unter der "Vorstellungsund Außenwelt" versteht Ratzenhofer die Gesamtheit der sinnlich erfahrbaren Objekte außerhalb unseres Bewußtseins, mithin diejenigen real bestehenden Dinge und Vorgänge, die Inhalt unserer Vorstellungen werden und daraufhin unsere Vorstellungswelt bilden können (Ratzenhofer 1898: 66, 68, 82 u. 111).
  • [15] Ratzenhofer 1898: 74f
  • [16] Ratzenhofer 1899: 13
  • [17] Ratzenhofer 1899: 14
  • [18] Ratzenhofer 1899: 13; Hervorh. weggelassen; PUMB
  • [19] Ratzenhofer 1899: 15. An dieser Stelle sieht sich Ratzenhofer nunmehr doch veranlasst, sich gegen seine Charakterisierung als "Jünger Comte's" zu verwahren. Wohl habe er "einige Merkmale seines [Comes; PUMB] Gedankenganges angenommen" und "[verehre] den Grundzug seiner ersten Werke als Einleitung zur sociologischen Erkenntnis und zum positiven Denken". Doch sei Comte diesem "Grundzug" "zu sehr untreu" geworden, als dass er noch als "Schöpfer" derjenigen Soziologie, mit welcher das System positivistischer Wissenschaft zum Abschluss gekommen sei, anerkannt werden könne. Diese Ehre nimmt Ratzenhofer für sich selbst in Anspruch (Ratzenhofer 1899: Anm.).
 
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