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2 Ratzenhofers emanatistische Erkenntnistheorie – mit einem Vorblick auf Tönnies

2.1 Ratzenhofer und Tönnies und ihr Verhältnis zu Schopenhauer

Ratzenhofers Erkenntnistheorie trägt charakteristische Züge einer emanatistischen Logik, und dasselbe gilt – konsequenterweise – für seine Theorie soziologischer Erkenntnis. [1] Sicherlich erreicht Ratzenhofers Erkenntnisbegründung nicht die Stringenz, wie sie anderen Standpunkten in der Entwicklungsreihe der emanatistischen Logik zukommt; dazu ist seine Erkenntnistheorie allzu sehr mit realistischen Elementen durchsetzt, etwa einem rein naturwissenschaftlichen Verständnis der geistigen Vorgänge sowie der Sinnesempfindungeт [2], und droht sein Begriff der Urkraft, verstanden als "physikalisches Prinzip der Weltentwicklung", unvermittelt zum letzten Grund einer eigentlichen Naturmetaphysik zu geraten. Doch ist er wiederum weit entfernt vom – man muss wohl sagen: quasi-emanatistischen – Determinismus eines Paul von Lilienfeld, bei dem die menschliche Gesellschaft, wie jede "Erscheinung" der Realität, nichts anderes ist als die besondere "Correlation" zweier "Principien": des "Princip der Causalität", gemäß dem jede Erscheinung das "Resultat einer vorhergegangenen Kraft" ist, und des "Princip der Zweckmässigkeit", gemäß dem "jede Kraft strebt sich kundzugeben innerhalb festbestimmter Grenzen, nach fest bestimmten Gesetzen". Diesen Vorbegriff der Realität vorausgesetzt, ist die Aufgabe der Sozialwissenschaft "die positive Erforschung derjenigen Gesetze", nach denen die "Kräfte" in der menschlichen Gesellschaft wirken [3] – eine Forschungstätigkeit, die indes primär darin besteht, den konstatierten Phänomenen die ihnen zugrundeliegenden Kräfte schlicht zuzuweisen bzw. jene zu beschreiben als Auftretensform dieser. [4]

Ungleich wichtiger und vor allem aufschlussreicher, auch und gerade was Tönnies angeht, ist dagegen Ratzenhofers Nähe zur Philosophie von Arthur Schopenhauer. Ratzenhofer nimmt selbst mehrfach auf Schopenhauer Bezug, um sich indes durchweg von diesem abzugrenzen. So sieht er im "angeborenen Interesse", welches bekanntlich auf die Urkraft zurückgeht, eine "reale Qualität, welche an den Lebensvorgängen untrüglich nachweisbar ist", in nichts vergleichbar mit einer – wie er sich ausdrückt – "mystische[n] Vorstellung wie z.B. [dem] Schopenhauer'sche[n] ›Wille[n]‹". [5] Bei der Beschreibung des "Einzelwillens" stimmt er "mit dem psychologischen Gedanken Schopenhauer's überein, dass die That von dem Charakter abhängt" zwar grundsätzlich überein, weist diesen "Ausspruch" indes als "unbestimmt" zurück; erst der "Interessenbegriff", Inbegriff der "Lebensenergie des Individuums" umfasse "alle Beweggründe zur That", und zudem müsse der "Wille [der Einzelwille; PUMB]", d.h. "die interessengemäß gestimmte Lebensenergie des Individuums, die [...] zur That voranschreite[t]", "durch einen complicierten psychologischen Vorgang [erst] eingeleitet werden". [6] Als "interessengemäß gestimmte Lebensenergie" erweist sich der Einzelwille allerdings unmittelbar als Ausdrucksform des Selbsterhaltungsstrebens, deren Modalitäten im weiteren durch besondere Aspekte des Bewusstseinsgeschehens bestimmt werden.

Gnade findet dagegen Schopenhauers Verständnis der "Freiheit des Willens", bei der es sich – wie Ratzenhofer festhält – "nicht darum handelt, ob der Wille frei sei, sondern ob man frei wollen kann". [7] – Das mit Abstand Bedeutsamste an Ratzenhofers Verhältnis zu Schopenhauer ist jedoch das, was nicht zur Sprache kommt: die Beziehung von Kraft, verstanden als Urkraft, und Wille, verstanden als Weltwille. Denn tatsächlich macht Ratzenhofer nichts Geringeres als die von Schopenhauer vorgenommene Subsumtion des Begriffs der Kraft unter den Begriff des Willens rückgängig. Galt Schopenhauer der Wille als Genus und die Kraft bzw. die Kräfte als Species, so erachtet Ratzenhofer wiederum die Kraft als Genus und den Willen bzw. die Willen – Einzelwille und Sozialwille – als seine Species. Und auch die von ihm hierfür gegebene Begründung kommt einer Umkehrung des zentralen Arguments von Schopenhauer gleich: Wie für Ratzenhofer die Urkraft, die wirkt und sich auswirkt im Interesse, als eine "reale Qualität [...] an den Lebensvorgängen untrüglich nachweisbar" sein soll [5], in letzter Konsequenz sogar am "Transcendentalinteresse" als dem ›Subjekt‹ der Erkenntnis, ist für Schopenhauer der (Welt-)Wille, verkörpert im Leib des erkennenden Subjekts, für dieses das unmittelbar Bekannte und Gewisseste, das es gibt, und dasselbe gilt für sämtliche Körper, sind doch auch sie nichts anderes als der Objekt gewordene Wille. Und sieht Schopenhauer die Naturkräfte als unbekannte Größen, als qualitaes occultae, ist für Ratzenhofer der Wille nichts als eine "mystische Vorstellung". [9] All dies ist für Ratzenhofer kein Thema – und auch nicht für Tönnies. In seiner Rezension von Die Sociologische Erkenntnis hält Tönnies zwar fest, "die Bedeutung des Erstrebens für alles Erkennen" werde bei Ratzenhofer "ungefähr im Sinne der Schopenhauerschen Lehre vom Primat des Willens hervorgehoben" [10], geht darauf aber nicht weiter ein. Und auch in der Frage der Willensfreiheit begnügt er sich mit der Bemerkung, Ratzenhofer huldige einem "klaren Determinismus" und lasse die "Fähigkeit" des Menschen, "durch die Entwicklung seiner Anlagen zu höhern Interessen sich über die niedrigen Impulse zu erheben und zu einer weitsichtigeren Willensbetätigung vorzuschreiten", nur als "›bedingte Willensfreiheit‹" gelten. [11] Ratzenhofers Einzelwille wird von Tönnies lediglich erwähnt und zu Ratzenhofers "Lehre vom Sozialwillen" heißt es summarisch, diese enthalte "gute Elemente, wenn sie auch weder so neu, noch so vollständig und epochemachend [sei], wie der Verf. [wähne]; vollständig am allerwenigsten". [12]

Dass Tönnies sich zu all dem nicht weiter verlauten lässt, auf die angesprochenen Sachverhalte nicht näher eingeht, ist einigermaßen erstaunlich, selbst wenn man in Rechnung stellt, dass seine Auseinandersetzung mit Ratzenhofer im Rahmen einer Rezension geschieht. Tatsächlich ist der Zusammenhang von Wille, Willensfreiheit und Determinismus für Tönnies' eigene Willenstheorie von zentraler Bedeutung – Stichwort: Wille[n], "gedacht [...] als Ursachen oder als Dispositionen zu Tätigkeiten" [13] -, und auch Ratzenhofers kritische Feststellung an die Adresse Schopenhauers, der Wille müsse, um in eine Tätigkeit auszumünden, "durch einen complicierten psychologischen Vorgang [erst] eingeleitet werden" [14], ist grundsätzlich in seinem Sinne. Vollends erstaunen muss allerdings, dass auch Tönnies das Verhältnis von Kraft und Wille mit keinem Wort erwähnt, wo es für ihn hierzu doch Anlass genug gegeben hätte. Denn immerhin verwendet er in seiner eigenen Willenstheorie den Begriff des "Urwillens" [15], der nebst der besonderen Bestimmung, die er ihm verleiht, eindeutig Bezüge zur Schopenhauerschen Willenstheorie erkennen last. [16] Vor allem aber ist es der für Tönnies' Erkenntnistheorie zentrale Gedanke des "biologischen Spinozismus Schopenhauers" [17], der buchstäblich an den Kern von Schopenhauers und Ratzenhofers Erkenntnisbegründung rührt. [18] Der Begriff eines Denkens, das selbst in seiner höchstentwickelten Gestalt, als Intellekt, befähigt, autonom, nach von ihm selbst gesetzten ideellen Maßstäben agierend, in seinem Ursprung und seiner Geschichte gleichzeitig hinabführt zur rein vegetativen, unmittelbaren Empfindung, dem "empfundenen inneren Gesammtzustand" als der causa sui des Erkenntnisvermögens [19], sich auf diese Weise einordnend in Wirkungszusammenhänge der allumfassenden Natur – wer wie Tönnies einen solchen Begriff des Denkens vertritt, sieht sich zu einer Auseinandersetzung mit Schopenhauer und Ratzenhofer doch geradezu genötigt. Warum ist Tönnies hier untätig geblieben? Die Vermutung liegt nahe, dass er vermeiden wollte, durch eine erneute Erörterung des Verhältnisses von Biologie, Psychologie und Soziologie an nur schwer zu durchschauende und mitunter zu Missverständnissen Anlass gebende Problemsachverhalte seines eigenen Begriffs soziologischer Erkenntnis zu erinnern bzw. erinnert zu werden. Denn zu vieles an der Erkenntnisbegründung Ratzenhofers könnte als konsequente Weiterführung der erkenntnistheoretischen Argumente von Tönnies begriffen werden – vor allem anderen der für Ratzenhofer kennzeichnende biologische Emanatismus.

  • [1] Vgl. hierzu die vorstehende Anm. 24) sowie Lask 1923: Erster Teil, bes. 28ff. u. 61ff
  • [2] Ratzenhofer 1899: 10f
  • [3] Lilienfeld 1873: 23ff
  • [4] Vgl. etwa Lilienfeld 1873: 20
  • [5] Ratzenhofer 1898: 33
  • [6] Ratzenhofer 1898: 260f.; Hervorh. v. mir; PUMB
  • [7] Ratzenhofer 1898: 305
  • [8] Ratzenhofer 1898: 33
  • [9] Die Feststellung, wonach es sich bei dem "allen Manifestationen der Urkraft inhärente(n) Interesse" um "Schopenhauers ›Wille‹ in positivistischer Maskierung" handle, ist daher viel zu pauschal, um weitergehende Einsichten in das Denken Ratzenhofers zu eröffnen (Stagl 1997: 84).
  • [10] Tönnies 1929 [1902]: 325
  • [11] Tönnies 1929 [1908]: 349. Diese Bemerkung findet sich seiner Rezension von Soziologie. Positive Lehre von den menschlichen Wechselbeziehungen, könnte sich aber ohne weiteres auch auf den Sachverhalt der "Willensunfreiheit" bzw. des "bedingten Determinismus" in Die Sociologische Erkenntnis beziehen (Ratzenhofer 1898: 323).
  • [12] Tönnies 1929 [1902]: 326
  • [13] Tönnies 1979: 73 u. 75
  • [14] Ratzenhofer 1898: 260
  • [15] Tönnies 1979: 75
  • [16] Merz-Benz 1995: 265ff., 448
  • [17] Tönnies 1887: 301
  • [18] Merz-Benz 1995: 28, 83, 122, 150, 166
  • [19] Tönnies 1979: XVI
 
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