Ratzenhofers biologischer Emanatismus – das soziale Leben als Teil der natürlichen, organischen Welt

Im Zentrum steht einmal mehr der Begriff des Interesses und mit ihm der Sachverhalt, wonach Ratzenhofer zufolge auch das Interesse, welches die Mitglieder eines Sozialgebildes leitet, nicht mehr ist als eine höherstufige Verkörperung des physiologischen Interesses der Lebenserhaltung. Denn indem sich – die entscheidende Bestimmung gleich anfügend – "ein Organismus auf Grund seines angebornen Interesses aus seinem Keime entwickelt, so steht er alsbald der Außenwelt individualisiert und vereinzelt gegenüber, in welcher Lebenslage er weder seiner gattungsmäßigen Bestimmung nachzukommen, noch im allgemeinen sich zu erhalten vermag"; und so "zwingt das angeborne Interesse das Individuum, über seine Körper-Gefühlssphäre hinaus Beziehungen zu eröffnen und so im Vereine mit interessenverwandten Individuen Socialverbande zu bilden". "Die socialen Beziehungen, mithin die Socialgebilde sind daher" – wie es weiter heißt – "eine Consequenz unserer biologischen Entwicklung, der in ihr wirkenden Urkraft [der Kraft, die die "Entwicklungsformen der Schöpfung" überhaupt erhält; PUMB] und der differenzierenden Individuation. Die Selbsterhaltung, das physiologische Interesse, das Vervollkommnungsstreben unseres Individualund Socialinteresses, das Fortpflanzungsstreben unseres Gattungsinteresses zwingen zu socialen Beziehungen". [1] Und selbst der Umstand, dass die "socialen Erscheinungen immer mehr aus dem unmittelbaren Bereiche des physiologischen Interesses [herauswachsen]" und in ihrem Bestimmtsein durch die Kräfte des Bewußtseinslebens, und zuhöchst den Intellekt, "einen geistigen Inhalt [gewinnen]", darf uns nicht "vergessen" lassen, "dass dieser Inhalt doch stets den Kern seiner Wesenheit in jenem physiologischen Interesse hat". [2] Einzig dieses physiologische Interesse verhindert letztlich die Pervertierung der sich "vervollkommnenden Individuation", sprich: die Auflösung der Sozialgebilde in lauter "ungleiche" und im Endeffekt zum sozialen Leben nicht mehr befähigte Individuen.

Offenkundig geht Ratzenhofer davon aus, dass Individualität, das Verfolgen eigener Interessen, das Wahrnehmen von subjektiven Freiheiten, und Befähigung zum sozialen Leben sich gegenseitig ausschließen, sobald die Individualität ein bestimmtes Ausmaß erreicht hat. Dass wir als Individuen Teil einer sozialen Ordnung sein können und – wie Emile Durkheim dies in seiner Kritik an Herbert Spencer ausgedrückt hat – "die individuelle Freiheit daher [de facto; PUMB] immer und überall durch den sozialen Zwang begrenzt anzutreffen [ist]" [3], ist dem Denken Ratzenhofers völlig fremd. Ein "rein Soziales" [4], Inbegriff einer Sphäre "oberhalb [der] persönlichen Sphäre" und viel "weiterreichend" als diese [3], ein – wie es später in Die Regeln der soziologischen Methode heißt – "soziale[s] Leben", das ausdrücklich keine "Erweiterung des individuellen Daseins" ist, sondern "gegen seinen Ursprung zurück[zu]strömen und ihn so stark [zu] beeinflussen" vermag [6] – ein solcherart Soziales gibt es für Ratzenhofer nicht. Für ihn gilt vielmehr: Droht ein Sozialgebilde an der "Übertreibung" der Individuation "zu erkranken", so "tritt dem Differenzierungsprincip dasjenige der Gattungseinheit gegenüber, um die Differenzierung auf jenes Maß zu beschränken, welches den allgemeinen Bedürfnissen der Gattung und ihrer artgemäßen Verbände entspricht; denn die individuelle Vervollkommnung kann mit den Gesetzen der Natur, mit dem Wandel der Lebensbedingungen und mit den socialen Bedürfnissen der Art nicht in Widerspruch kommen". Mithin ist es der "Daseinskampf", der "diesen Gegensatz zwischen Individualund Socialinteresse [regelt]", mit dem Ergebnis, dass im Sozialen "jene Herstellung des Gleichgewichtes der widerstreitenden Kräfte zur Geltung [kommt], welche auch in der kosmischen, physikalischen und chemischen Welt waltet". [7] Denn ist der Daseinskampf im Begriffe auszumünden in einen "Vernichtungskampf", "so tritt [...] in der Entwicklung der Menschen die natürliche Consequenz ihrer wachsenden Intelligenz hervor: die wachsende Macht sozialer Beziehungen". Und gerade in ihr, verkörpert in der "Einsicht" des Menschen, "dass er seinem physiologischen und Individualinteresse viel mehr zu entsprechen [vermag], wenn er einerseits die Kräfte der Natur beherrscht und andererseits an die Stelle der gegenseitigen Vernichtung die gegenseitige Unterstützung setzt", "findet die artbildende Urkraft [...] die höchste Leistung". [8] Durch das Sozialinteresse wird der Daseinskampf "auf den Weg der Übereinkünfte [verwiesen]". [9]

Mit einem Wort: Die Rede von der "Urkraft", welche in der "biologischen Entwicklung" ebenso wie in den "sozialen Beziehungen" zur Wirkung gelangt, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Ratzenhofer vom Gedanken, wonach das biologische und das soziale Leben je besondere Verkörperungen oder gar Widerspiegelungen der allumfassenden Gesetzlichkeiten der Schöpfung sind, weit entfernt ist. Im Geltungsund Wirkungsbereich des physikalischen Prinzips der Weltentwicklung liegend und doch unberührt durch dieses erscheinen die Bestimmungsgründe des sozialen Lebens vielmehr unmittelbar als Emanationen der Gesetzlichkeiten der Bio-Sphäre, und folgerichtig gehen die "Wesenheiten" des sozialen Lebens vollständig in den Entäußerungen des "physiologischen Interesses" auf. [10] "Nur aus den Anlagen [...], welche dem Menschen von der Natur durch seine Artentwicklung zukommen, [können] wir die socialen Erscheinungen ursächlich [erklären]". [11] Und mithin zielt die von Ratzenhofer verfolgte naturgesetzliche Betrachtungsweise keineswegs auf die Erfassung des sozialen Lebens mittels eigens zu diesem Zweck gebildeter und in ihrer abstraktiven Geltung auch unmittelbar auf den fraglichen Gegenstand bezogener Allgemeinbegriffe, sondern worum es geht, ist einzig die Einordnung des sozialen Geschehens unter die Gesetzlichkeiten der natürlichen, organischen Welt.

  • [1] Ratzenhofer 1898: 117f
  • [2] Ratzenhofer 1898: S. 118; vgl. ergänzend S. 114 f
  • [3] Durkheim 1981a: 40
  • [4] Durkheim 1981a: 41
  • [5] Durkheim 1981a: 40
  • [6] Durkheim 1984: 186
  • [7] Ratzenhofer 1898: 121
  • [8] Ratzenhofer 1898: 121; vgl. Ratzenhofer 1899: 122
  • [9] Ratzenhofer 1899: 121
  • [10] Insofern ›verbirgt‹ sich in Ratzenhofers Physikalismus tatsächlich eine Evolutionsbiologie, welche allerdings – wie sogleich hinzuzufügen ist – nicht für sich steht, sondern als solche dem Positiven Monismus eingepasst ist – und bleibt
  • [11] Ratzenhofer 1898: 11
 
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