Der von Ferdinand Tönnies gegen die Ratzenhofersche "Erkenntnislehre der Soziologie" vorgebrachte Einwand

Was Tönnies bei Ratzenhofer "immer vermisst", ist "die logische Analyse der ›Sozialgebilde‹". Auch die – zugestandenermaßen – umfassende und von Ratzenhofer "mit ungewöhnlich reicher Kenntnis der Tatsachen" vorgenommene Beschreibung der Entwicklung der Sozialgebilde und der mannigfachen Formen der sozialen Differenzierung vermag daran nichts zu ändern. "Nirgendwo" – so heißt es dazu – "begegnen wir [bei ihm; PUMB] auch nur einem Versuche, ihr Wesen zu explizieren, und das Fundament sicherzulegen, daß sie nur dadurch sind, daß sie von ihren Subjekten gedacht werden, daß eben hierin ihr spezifisch menschliches Wesen enthalten ist, das sie mit allen Herden, Horden, Massen und Gruppen anderer Wesen nur im allgemeinsten Sinne vergleichbar macht". [1]

Diese Feststellung enthält bereits die nach Auffassung von Tönnies zentralen Bestimmungen sozialer Gebilde, und diese Bestimmungen wiederum bilden für ihn die Vorgabe, an der er Ratzenhofers Verständnis sozialer Gebilde gleichsam abmisst. Tönnies zufolge ist die alleinige Bestandsvoraussetzung sozialer Gebilde, von den zu ihnen gehörenden Subjekten gedacht zu werden; ein andersartiges Fundament, etwa die Physis oder die Psyche als je eigene Realitätssphären, besitzen sie nicht. Dies darf allerdings nicht dahingehend missverstanden werden, als würde sich die Existenz sozialer Gebilde im Akt ihres Gedachtwerdens erschöpfen. Soziale Gebilde sind vielmehr eigenständige geistige Gebilde, von den Menschen gemeinsam vorgestellt und – gleich vertraglichen Übereinkünften – als für den sozialen Zusammenhalt, für die "gegenseitige Bejahung" [2], die gegenseitige Akzeptanz der Mitglieder, verbindlich in Geltung gesetzt. [3] Dass sie insofern auch gewollt werden, macht ihren Bestand mit aus, doch sind sie mehr als bloße Willensäußerungen; es ist vielmehr so, dass der Wille sich in ihnen objektiviert, als geistiges und als solches seinen Bestand selbst sicherndes Gebilde. – All dies jedoch verkennt Ratzenhofer, weshalb er nach dem Urteil von Tönnies zu einer logischen Analyse der Sozialgebilde nicht fähig ist. Auch nach Darstellung von Tönnies geht Ratzenhofer zwar davon aus, dass "das soziale Leben der Menschheit" eine "psychologische Grundlage" besitzt, verkörpert durch ein eigentliches, als Erweiterung des "Gattungsinteresses" aufzufassendes "Sozialinteresse". Und zudem ist dieses Sozialinteresse – nach der Bestimmung Ratzenhofers – gleichzeitig eine Willensäußerung, indem mit ihm die gemäss dem Erfordernis des sozialen Zusammenhalts gelenkte "Lebensenergie der Individuums [...] zur That voranschreitet". [4] Doch – so fährt Tönnies fort – lassen Ratzenhofers eigene, "wenigstens den Ausdrücken nach, originalen Lehren von der Urkraft, die im All wirke, deren Ausfluß das Bewußtsein sei" und als deren Manifestation im weiteren auch das das Tätigsein auf allen Entwicklungsstufen der Schöpfung bestimmende interessengeleitete Streben angesehen werden müsse, ihn ›zurückfallen‹ auf ein biologistisches, die Eigenheiten des sozialen Lebens ganz und gar verkennendes Wirklichkeitsverständnis. [5] Und wie Tönnies später in seiner Rezension des Ratzenhoferschen Werks Soziologie. Positive Lehre von den menschlichen Wechselbeziehungen festhält – eine Aussage, die in der Rezension isoliert steht und deren Tragweite erst im vorliegenden thematischen Zusammenhang sichtbar wird –, "huldigt" Ratzenhofer nicht nur "einem klaren Determinismus", indem "er [...] nur als ›bedingte Willensfreiheit‹ die Fähigkeit gelten [läßt], die der Mensch habe, durch die Entwicklung seiner Anlagen zu höheren Interessen sich über die niedrigen Impulse zu erheben und zu einer weitsichtigeren Willensbetätigung voranzuschreiten". [6] Vielmehr "kennen" wir – gemäß einem von Tönnies angeführten Ratzenhofer Zitat – sogar die "Wirklichkeit, die wir in unserem Bewußtsein wissen, [zusammen] mit der Wirklichkeit in der Vorstellungswelt, [...] als Emanationen der Urkraft [...], die in uns physiologisch wirkt". [7]

Skeptisch äußert sich Tönnies auch bezüglich der mit dem Ratzenhoferschen Wirklichkeitsverständnis verbundenen wissenschaftsphilosophischen Konsequenzen. Insbesondere beschäftigt ihn die von ihm zitierte Aussage Ratzenhofers, wonach aufgrund der Tatsache, dass "die menschlichen Wechselbeziehungen das Gebiet realer Erkenntnis sind, in welchem sich die Lehrsätze der Kosmogonie bis zu jenen der physiologischen Psychologie geltend machen, [...] die Naturwissenschaften im umfassendsten Sinne [...] die wissenschaftliche Grundlage der Soziologie sein [müssen]". [8] Offensichtlich – und zu Recht – erachtet es Tönnies als Mangel, dass Ratzenhofer weder über einen Begriff naturwissenschaftlicher Erkenntnis, noch über einen Begriff von Naturwissenschaft als solcher verfügt. Was er unter Naturwissenschaft versteht, schwankt vielmehr zwischen Einzelwissenschaft und allumfassender metaphysischer Grundwissenschaft. Tatsächlich sind die von Ratzenhofer genannten Disziplinen der Chemie, Physik, Biologie, Zoologie, Psychologie und Soziologie allesamt Naturwissenschaften im Sinne gegenstandsspezifisch festgelegter Einzelwissenschaften. Ebenso sicher ist aber, dass die Aussage, wonach "der wissenschaftliche Ausgangspunkt der Soziologie" in der "Identität der Wirklichkeit, die wir in unserem Bewusstsein wissen, mit der Wirklichkeit in der Vorstellungswelt" liegt – und zwar aufgrund der gemeinsamen Emanation dieser Wirklichkeiten aus der Urkraft –, in den Bereich der Metaphysik gehört. [9] Dies veranlasst Tönnies schließlich zur rhetorischen Frage: "Ist dies auch – Naturwissenschaft?". [10]

Welches ist nun der entscheidende Einwand, den Tönnies gegen Ratzenhofers Begriff soziologischer Erkenntnis vorbringt? Und welches ist der systematische Gehalt dieses Einwands? Die Antwort erfolgt auf der Grundlage von Ratzenhofers Biologismus sowie seines letztlich ungeklärten Wissenschaftsverständnisses. Gemäß Ratzenhofer soll sich die Urkraft, das physikalische Prinzip der Weltentwicklung, mitsamt dem ihr "anhaftenden Interesse" durch alle Sphären der Wirklichkeit hindurch bis hinauf zum sozialen Leben, zu den sozialen Gebilden und schließlich zu den "transcendenten Ideen" unverändert erhalten. Indes gerät die Trennung zwischen dem formalem Prinzip und der Materie seiner Verwirklichung zusehends diffuser, um sich im Endeffekt aufzulösen, wofür der Begriff des "anhaftenden Interesses" verantwortlich zeichnet. Denn dieses Interesse, Inbegriff des Interesses am Bestehen der Wirklichkeit, an ihrer Erhaltung und mithin – in einem späteren Stadium der Weltentwicklung – der Lebens-Erhaltung, verlangt nach einem materialen Ausdruck, was dazu führt, dass die Bestimmungsmacht über die jeweilige Wirklichkeitssphäre von dem diese Macht verkörpernden Prinzip an die besonderen Gegebenheiten dieser Wirklichkeitssphäre selbst übergeht. Auf diese Weise gewinnt das Prinzip der Weltentwicklung unversehens eine biologische Fassung und nimmt Ratzenhofers Argumentation biologistische Züge an – und kommt es der Urkraft letztlich zu, als physiologische Determination des den einzelnen Menschen in seinem Tätigsein bestimmenden Interesses auch das Wesen der Sozialgebilde selbst auszumachen. Und in der Tat: erwiese sich diese letztlich metaphysische Voraussetzung als zutreffend, wäre die von Tönnies angemahnte logische Analyse der spezifischen Bestehensbedingungen der Sozialgebilde überflüssig.

Tönnies' zufolge macht dagegen eine emanatistische Wirklichkeitsbegründung die "Erscheinungen" der sozialen Wirklichkeit höchstens "im allgemeinsten Sinne vergleichbar", nämlich insofern, als die Sozialgebilde ebenso wie "alle Herden, Horden, Massen und Gruppen" aus Menschen bestehen. [10] Als solche sind – wie Tönnies nicht müde wird zu betonen – die Sozialgebilde jedoch "nur dadurch [...], dass sie von ihrem Subjekten gedacht werden". [10] Und selbst wenn (auch) die Sozialgebilde zu begreifen sind als Verkörperungen der einen, gleichbleibenden Urkraft, in der Terminologie von Tönnies – etwas vorgreifend gesagt – : des all-einen, als Grund noch des Bewegtseins der Natur zu begreifenden Willens, bringen sie doch die Urkraft nicht nur je für sich in besonderer, eigenständiger Weise zum Ausdruck – das wäre zu wenig gesagt –, sondern lassen die Urkraft in je besonderer, eigenständiger Weise real werden. Deshalb bedürfen (auch) die Sozialgebilde, in "ihrem spezifisch menschlichen Wesen" [10], bestehend als von Menschen gedacht, durchaus der logischen Analyse. Entscheidend ist: Nach dem spezifischen Ausdruck, den die Urkraft in ihrer Verkörperung als Bewußtseinsorientierung erhält, eignet ihr nichts Physiologisches mehr, ist sie vielmehr – wie Tönnies dies in seinem Hauptwerk Gemeinschaft und Gesellschaft beschrieben hat – unmittelbar ein Modus geistiger Tätigkeit: ein "System von Gedanken, welche ein Mensch als seinen Apparat im Kopfe trägt, um damit die Wirklichkeiten aufzufassen und anzufassen" [14], und mithin ein besonderes, in seiner Konstitution höchst eigenständiges und nur aus sich heraus begreifbares Wirklichkeitsmoment. Was indes nach wie vor erläuterungs-, um nicht zu sagen: klärungsbedürftig ist, ist das zwischen Urkraft bzw. Wille und Bewusstseinsorientierung bestehende Vermittlungsverhältnis oder – wie Tönnies dies in seinem Brief an Friedrich Paulsen vom 30.10.1879 ausdrückte, als er das Ursprungsmotiv seiner Soziologie zu versinnbildlichen suchte – der Vorgang, im Zuge dessen "die Vernunft" und mit ihr das Vermögen, Sozialgebilde zu denken, "von unten, [nachdem sie] aus dem Herzen oder dem Willen entsprungen war", "den Menschen [...] nach oben, nämlich zu Kopfe gestiegen [ist]". [15]

  • [1] Tönnies 1929 [1902]: 325; erste Hervorh. v. mir; PUMB
  • [2] Tönnies 2000 [1907]: 480f.; Tönnies 1979: 3f
  • [3] Tönnies 1981: 10; Tönnies 1979: XXXII
  • [4] Ratzenhofer 1898: 260f
  • [5] Tönnies 1929 [1902]: 324f
  • [6] Tönnies 1929 [1908]: 349
  • [7] Tönnies [1929] 1902: 325; Hervorh. v. mir; PUMB.) Dieses von Tönnies ohne Quellenangabe verwendete Zitat findet sich im besprochenen Werk Die Sociologische Erkenntnis auf Seite 82
  • [8] Tönnies 1929 [1902]: 324; Ratzenhofer 1898: 11 u. 10
  • [9] Zur Quelle dieses von Tönnies nicht nachgewiesenen Ratzenhofer-Zitats vgl. die vorstehende Anm. 121
  • [10] Tönnies 1929 [1902]: 325
  • [11] Tönnies 1929 [1902]: 325
  • [12] Tönnies 1929 [1902]: 325
  • [13] Tönnies 1929 [1902]: 325
  • [14] Tönnies 1979: 93
  • [15] Tönnies/Paulsen 1961: 62; vgl. Merz-Benz 1995: § 1a
 
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