Die Wurzeln des Altruismus

Im Mai 2008 erschütterte ein Erdbeben, das auf der Richterskala den Wert 8.0 erreichte, die chinesische Provinz Sichuan. Die Medien waren voller Bilder von den Verwüstungen, die das Erdbeben verursacht hatte. Die Medien enthielten aber auch Fotos von Menschen, die ihr Leben riskierten, um das anderer zu retten. Menschen aus China und anderen Teilen der Welt trafen in der Provinz Sichuan aufeinander, in der Hoffnung, Überlebende zu finden und ihnen helfen zu können. Auch in anderen Krisen sehen wir vergleichbare Heldentaten. Zum Beispiel meldete sich nach dem verheerenden Nuklearunfall in Fukushima im März 2011 eine Gruppe japanischer Seniorinnen und Senioren über 60 für den Freiwilligendienst; sie wollten jüngere Freiwillige vor den Gefahren nuklearer Strahlung schützen.

Wie können wir erklären, dass Menschen sich prosozial verhalten? Der Forscher Daniel Batson (1994) geht von vier motivationalen Kräften aus. die

Menschen dazu anhalten, zum Wohl der Gesellschaft zu handeln:

■ Altruismus. Handeln aufgrund eines Motivs, anderen etwas Gutes zu tun, wie im oben angeführten Beispiel mit den Senioren und Seniorinnen, die sich für den Freiwilligendienst in Fukushima gemeldet haben, tun jüngere Freiwillige zu schützen.

■ Egoismus. Prosoziales Verhalten wird ausschließlich im eigenen Interesse gezeigt; Hilfe wird geleistet, um im Gegenzug eine ähnliche Gefälligkeit (beispielsweise einer Bitte nachzukommen) oder eine Belohnung (zum Beispiel Geld oder Lob) zu erhalten.

■ Kollektivismus. Prosoziales Verhalten wird gezeigt, um einer bestimmten Gruppe Gutes zu tim; Menschen leisten Hilfe, um die Bedingungen in ihrer Familie, Verbindungen unter Studierenden, politischen Parteien mid so weiter zu verbessern.

■ Prinzipien. Prosoziales Verhalten wird gezeigt, um moralischen Prinzipien zu entsprechen; eine Person verhält sich prosozial aufgrund einer religiösen oder ethischen Richtlinie.

Es wird deutlich, wie jedes dieser Motive in verschiedenen Situationen zum Tragen kommen kann.

Dasselbe prosoziale Verhalten kann mehr als nur einem Motiv dienen. Zum Beispiel ermuntern viele Fachhochschulen und Universitäten Studierende inzwischen, am service learning zu partizipieren: „eine pädagogisch eingebundene Aufgabe, bei der Studierende die akademischen Lernziele durch ein ehrenamtliches Engagement erreichen, das anderen nützt“ (Jay, 2008, S. 255). So halfen etwa Studierende in einem gerontologischen Einführungskurs einer städtischen Behörde, Informationen bezüglich Rechtsfragen zu erheben, die für ältere Erwachsene relevant waren (Anstee et al., 2008). Da eine Beteiligung den Erfahrungshorizont der Studierenden erweiterte, könnten wir dies dem Egoismus zurechnen (die Belohnung besteht in einem größeren Lerneffekt). Ihre Beteiligung war aber auch für die älteren Erwachsenen und die städtische Behörde vorteilhaft, sodass es auch legitim wäre, diese Form des Lernens dem Kollektivismus zuzurechnen. Tatsächlich hoffen Pädagoginnen und Pädagogen, die service learning unterstützen, dass die dadurch vermittelten Werte die Studierenden motivieren, sich ihr Leben lang prosozial zu verhalten (Tomkovick et al., 2008).

Innerhalb der Motive für prosoziales Verhalten wurde die Existenz von Altruismus lange Zeit kontrovers diskutiert. Um dies zu verstehen, müssen Sie sich an die Diskussion evolutionärer Kräfte in diesem Kapitel erinnern. Der evolutionären Perspektive zufolge besteht das Hauptziel des Lebens darin, sich zu reproduzieren, um die eigenen Gene weiterzugeben. Inwieweit macht Altruismus vor diesem Hintergrund Sinn? Warum sollten Sie Ihr Leben riskieren, um anderen zu helfen? Auf diese Frage gibt es zwei Antworten, abhängig davon, ob die anderen Familienmitglieder oder Fremde sind.

Aus der Forschung

Versuchspersonen hatten in einem Experiment die Gelegenheit, für sich und Verwandte, mit denen ihre Gene zu 50 Prozent (zum Beispiel Brüder oder Eltemteile), zu 25 Prozent (zum Beispiel Großeltern, Onkel und Nichten) oder zu 12,5 Prozent (zum Beispiel Cousinen) übereinstimmten, Geld zu verdienen (Madsen et al., 2007). Um das Geld zu verdienen, mussten die Versuchspersonen in einer schmerzhaften physischen Position verweilen: Je länger sie in der Position blieben, desto mehr Geld schlugen sie für sich und ihre Verwandten heraus. Die Versuchspersonen kehrten über mehrere Tage hinweg in das Versuchslabor zurück, sodass für jede Verwandtschaftskategorie Ergebnisse gesammelt werden konnten. Bis zum Ende des Durchgangs wussten Versuchspersonen nicht, wie lange sie die schmerzhafte Position gehalten hatten. Die Ergebnisse wiesen einen deutlichen Einfluss genetischer Übereinstimmung nach. Insgesamt stieg mit der genetischen Übereinstimmung das Aushalten des Schmerzes an. Dasselbe Muster fand sich bei Studierenden der Universität London sowie Angehörigen zweier Zulu-Stämme in Südafrika.

Aus biologisch-evolutionärer Perspektive ist Altruismus dann möglich, wenn der Gesamtnutzen des altruistischen Verhaltens positiv ist. Altruistisches Verhalten bringt helfenden Personen mehr Kosten als Nutzen, mag sich aber langfristig positiv auf den Fortpflanzungserfolg Helfender oder mit ihnen verwandter Personen auswirken. Das Konzept reziproker Altruismus wurde von Trivers (1971) eingeführt und beschreibt Altruismus bzw. Hilfsbereitschaft als eine evolutionäre adaptive Strategie. Personen, die in einer Gemeinschaft leben, die zukünf tige Interaktionen sehr wahrscheinlich macht, 0 fen sich, da eine Art von Reziprozität antizip>ert werden kann. Bei Familienmitgliedern macht altru istisches Verhalten Sinn, weil dadurch - selbst wenn man sein eigenes Überleben durch die Hilfe gefährdet — dem generellen Überleben des eigenen Genpools geholfen wird (Burnstein, 2005). Untersucht wurde in diesem Zusammenhang, in welchem Maße altruistische Verhaltensweisen von genetischen Überlappungen beeinflusst werden.

Weil die Versuchspersonen Schmerz aushielten, um ihren Verwandten Geld zukommen zu lassen, trifft auf ihr Verhalten die Beschreibung von Altruismus zu. Andere Studien legen nahe, dass Menschen am ehesten zur Hilfe bereit sind bei Menschen, denen sie sich emotional nahe fühlen, einschließlich ihres Freundeskreises (Korchmaros & Kenny, 2006; Stewart-Williams, 2007). Bei den meisten Menschen ist die engste emotionale Bindung eigenen Nachkommen vorbehalten. Aus diesem Grund trägt auf emotionaler Nähe basierendes Hilfeverhalten indirekt dazu bei, den eigenen Genpool zu sichern.

Aber wie steht es um nicht verwandte Personen? Der Fokus auf emotionaler Nähe macht nachvollziehbar, weshalb Menschen sich engsten Freundinnen und Freunden gegenüber altruistisch verhalten. Aber warum sollten ältere Erwachsene in Japan ihr Leben riskieren, um das anderer zu retten? Trägt das Konzept des reziproken Altruismus auch gegenüber Bekannten und Fremden? Verhalten sich Menschen altruistisch, weil sie auf gewisse Art und Weise erwarten, im Gegenzug altruistisches Verhalten von anderen zu erhalten? Ich rette dich vor dem Ertrinken und erwarte, dass du mich retten wirst, falls ich jemals ertrinken sollte. Nicht vergessen werden sollte, dass das Konzept des reziproken Altruismus nicht alle Facetten der Kooperation bei sozialen Arten erklären kann. So erwarteten zum Beispiel die älteren Erwachsenen in Japan nicht, dass gerettete Fremde im Gegenzug einen ähnlich altruistischen Akt ausführen würden. Um Handlungen dieser Art zu erklären, wird davon ausgegangen, dass hier indirekte Reziprozität vorliegt: Menschen handeln altruistisch, weil sie glauben, dass sie in der Zukunft selbst einen Nutzen durch altruistische Akte haben könnten. Um es einfacher auszudrücken: „Ich kratze deinen Rücken, und eine andere Person wird meinen kratzen“ (Nowak & Sigmund, 2005, S. 1291).

Es gibt häufig auch eine soziale Komponente, wenn Menschen Nichtverwandten gegenüber altruistisch handeln. Die Empathie-Altruismus-Hypothese geht von einer besonderen Beziehung aus: Wenn man einer anderen Person empathisch gegenübersteht, wecken diese Gefühle altruistische Motive, Hilfe zu leisten (Batson, 1991). Die Forschung stützt diese Hypothese. Zum Beispiel sollten die Versuchspersonen in einem Experiment Lose einer Tombola entweder einer ganzen Gruppe oder Einzelnen innerhalb der Gruppe zuteilen (Batson et al., 1999). In einer Experimentalbedingung lasen die Teilnehmer jedoch eine persönliche Nachricht eines vermeintlichen Gruppenmitglieds; die Nachricht besagte, dass diese Person gerade nach einer langjährigen Liebesbeziehung verlassen wurde. Wenn Versuchspersonen Empathie entwickelten, gaben sie der verlassenen Person ein paar Lose zusätzlich.

Welche sozialen Kräfte veranlassen Menschen - wie diese Rettungskräfte nach dem tödlichen Erdbeben in Sichuan - ihr Leben zum Wohle anderer aufs Spiel zu setzen?

Bei Menschen und anderen Spezies konnten weitreichende Verbindungen zwischen Empathie und Altruismus nachgewiesen werden (de Waal, 2008).

Dieser Abschnitt hat verschiedene Gründe aufgeführt, weshalb Menschen sich prosozial oder altruistisch verhalten. Der nächste Abschnitt beschreibt ein klassisches Forschungsprogramm, welches aufzeigt. wie sehr die Bereitschaft der Menschen zu helfen - ihre Fähigkeit, prosozialen Motiven zu folgen - von Situationsvariablen abhängt.

 
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