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1.2 Ziele der Arbeit und Gang der Argumentation

Die Arbeit beschäftigt sich am Beispiel der Verwaltungsleitung mit den Besonderheiten institutionellen Wandels an Hochschulen in Deutschland. Aufbauend auf den eingangs aufgeworfenen Fragen ergeben sich zwei Ziele für die Arbeit: Zum einen bietet die Arbeit eine empirisch geleitete Analyse der Entwicklung und insbesondere der jüngeren Veränderungen der Leitungsund Verwaltungsorganisation im deutschen Hochschulsektor sowie deren Implikationen für die Verwaltungsleitung. Insofern trägt die Arbeit zur Bearbeitung eines Forschungsdesiderates im Hinblick auf die Hochschulverwaltungsorganisation bei und arbeitet am Beispiel der Verwaltungsleitung die Spezifika einer sich in der Umbruchphase befindlichen Hochschulorganisation heraus. Zum anderen sind Veränderungen der Verwaltungsleitung aus organisationstheoretischer Sicht ein interessantes Beispiel, um institutionellen Wandel von Hochschulen von einem überwiegend professionell und behördlich gesteuerten „spezifischen Organisationstypus“ (Musselin 2007) zu einer stärker an korporativen Managementprinzipien orientierten „vollständigen“ Organisation (Brunsson/Sahlin-Andersson 2000) nachzuvollziehen.

Dabei bemüht sich die Arbeit um einen breiten Zugang unter Rückgriff auf unterschiedliche Konzepte aus der Organisationsund Verwaltungsforschung sowie mehrere Datenquellen. Hierzu gehört erstens eine historische Analyse der Genese der Stellung der Verwaltungsleitung in der Hochschulverwaltungsorganisation, zweitens eine deskriptive Analyse der rechtlichen Vorgaben der Verwaltungsleitung in den Landeshochschulgesetzen von 1971-2013, drittens Sekundäranalysen von Stellenanzeigen für Positionen der Verwaltungsleitung (1992-2008) sowie eine am Forschungsinstitut für öffentliche Verwaltung 2008 durchgeführte, deutschlandweite Befragung von Kanzlern und hauptamtlichen Vizepräsidenten an deutschen Hochschulen.

Zur Erarbeitung des Forschungsstandes diskutiert das Kapitel 2 zunächst verschiedene Konzepte der Hochschulgovernance-Forschung im Hinblick auf ihre Relevanz für die Verwaltungsorganisation. Anschließend werden Befunde aus der organisationsbezogenen Hochschulforschung zu den Besonderheiten und Veränderungen der Leitungsund Verwaltungsorganisation vor allem im deutschen Hochschulsektor gesammelt. Die Diskussion der Konzepte und empirischen Befunde legt dar, dass sich länderübergreifend sowohl die Steuerungsmechanismen und institutionellen Organisationsstrukturen im Hochschulsektor als auch das analytische Instrumentarium zur Beschreibung von Hochschulgovernance verändert haben.

Dabei beziehen sich die empirischen Analysen und Konzeptualisierungen für den Vergleich von Hochschul-Governance zwischen Hochschulsystemen überwiegend auf die unterschiedliche Konfiguration von Verfügungsrechten und Governancemechanismen zwischen Staat, Profession und Markt. Unterschiede auf der Ebene der Leitungsund Verwaltungsorganisation an Hochschulen werden damit kaum erfasst. Auch die organisationsbezogene Hochschulforschung hat sich bislang nur wenig mit den Spezifika der Verwaltungsorganisation oder den Veränderungen der administrativen Organisationsprozesse an Hochschulen beschäftigt. So ist die Verwaltungsleitung an deutschen Hochschulen und Veränderungen im Hinblick auf das Amt des Kanzlers bisher vor allem Gegenstand einer ausführlichen juristischen Aufarbeitung der Gesetzesveränderungen sowie biographischer Betrachtungen gewesen. Somit ergeben sich im Hinblick auf die Verwaltungsleitung empirische und konzeptionelle Lücken in der Forschung, an denen die Arbeit ansetzen möchte.

Dahingehend erörtert die Arbeit in Kapitel 3 zentrale, von der Organisationsforschung vorgestellte Veränderungsdiagnosen zur Hochschulorganisation. Die Diskussion macht deutlich, dass sich hinter der jüngst in organisationstheoretischen Beiträgen aufgeworfenen These von Hochschulen als „vollständiger“ (Brunsson/Sahlin-Andersson 2000) oder „agenthafter“ Organisationen (Krücken/Meier 2006; Meier 2009) durchaus unterschiedliche theoretische Perspektiven verbergen. Der dieser Arbeit zugrunde gelegte Ansatz der neoinstitutionalistischen Organisationsforschung versteht die Entwicklung von Hochschulen zu agenthaften oder vollständigen Organisationen als institutionellen Wandel, der maßgeblich durch die Veränderungen gesellschaftlicher Zuschreibungen bedingt wird. Allerdings ist angesichts der neoinstitutionalistischen Lesart der institutionellen Einbettung von Hochschulen als „besondere[n] Organisationen“ (Meyer/Rowan 1977; Musselin 2007) davon auszugehen, dass institutioneller Wandel mit Ungleichzeitigkeiten bei der Sozialisierung von Normen und der Adaption formaler Organisationsmodelle verbunden ist. Insofern stellt sich die Frage, inwiefern sich die Hochschulentwicklung am Beispiel der Verwaltungsleitung hinsichtlich ihrer unterschiedlichen institutionellen Elemente differenziert analysieren lässt.

Hierfür wird in der Arbeit auf das Konzept „institutioneller Logiken“ (Friedland/Alford 1991; Thornton et al. 2012) aus dem organisationssoziologischen Neoinstitutionalismus als Forschungsheuristik zurückgegriffen, deren zentrale Annahmen und Konzepte es zunächst zu klären gilt. Institutionelle Logiken werden dahingehend als institutionalisierte Legitimitätsansprüche und übergreifende Ordnungsprinzipien verstanden, die die Entwicklung kultureller Zuschreibungen, formaler Modelle und Organisationspraktiken innerhalb der Gesellschaft oder eines spezifischen Organisationsfeldes orchestrieren (Thornton et al. 2012: 2). Dabei erweitert der Ansatz institutioneller Logiken die stark auf isomorphe Anpassungsprozesse abstellende Fokussierung früher Beiträge institutionellen Wandels (Meyer/Rowan 1977; DiMaggio/Powell 1983), um so hybride Übergänge innerhalb eines Organisationsfeldes herausarbeiten zu können.

Aufbauend auf dieser Forschungsheuristik wird argumentiert, dass sich Veränderungen der Hochschulorganisation als institutioneller Wandel von einer akademisch-bürokratischen Logik der Hochschulverwaltung zu einer postbürokratischen Logik des Hochschulmanagements verstehen lassen. Dabei verbinden sich mit beiden institutionellen Logiken im Hinblick auf die Verwaltungsleitung jeweils unterschiedliche kulturelle Zuschreibungen, formale Strukturen und Organisationspraktiken, die nachfolgend konzeptualisiert werden. Für die Analyse institutionellen Wandels am Beispiel der Verwaltungsleitung ergeben sich drei unterschiedliche Ebenen, die es in den Kapiteln 5-7 zu analysieren gilt:

1. Historische Entwicklung der Verwaltungsleitung

2. Formale Stellung der Verwaltungsleitung

3. Berufliches Profil der Verwaltungsleitung

Zunächst wird in Kapitel 5 die historische Genese einer eigenständigen Verwaltungsorganisation in der Universitätsgeschichte nachvollzogen. Anhand der Beschreibung der Stellung der Hochschulverwaltungsleitung in den jeweiligen Entwicklungsphasen lässt sich der Wandel unterschiedlicher Organisationsprinzipien der hochschulischen Selbstorganisation nachvollziehen. Diese Veränderungen spiegeln dabei sowohl das wechselhafte Verhältnis zwischen Staat und wissenschaftlicher Korporation wider als auch einen emergenten Konstruktionsprozess der Hochschule von einer privilegierten Gemeinschaft zu einer im Hinblick auf Leitungsorganisation und Verwaltung zunehmend als vollständig verstandenen Organisation. Demnach lässt sich – angefangen mit dem religiösen Würdenträger als Universitätskanzler der mittelalterlichen Universitäten, dem Kurator als Organ einer sich langsam ausdifferenzierenden staatlichen Kulturverwaltung und dem Hochschulkanzler als Leiter der Hochschulverwaltung – eine historische Entwicklung nachzeichnen, die spätestens seit der Einführung des Amtes des hauptamtlichen Vizepräsidenten für Haushalt und Personal als eine umfassende Integration der Verwaltungsleitung in die Hochschulorganisation charakterisiert werden kann.

Die daran anknüpfende Analyse in Kapitel 6 arbeitet anhand der Vorgaben für die Verwaltungsleitung in den Landeshochschulgesetzen (LHG) von 1971-2013 die organisatorische und dienstliche Stellung der Verwaltungsleitung sowie deren Veränderungen im Zeitverlauf heraus. Die Analyse zeigt, dass die aus den Gesetzesvorgaben seit 1971 übergreifend deutlich werdende akademisch-bürokratische Logik der Hochschulorganisation durch ein Leitungsmodell mit einer monokratischen Rektorenoder Präsidentenverfassung und eine bisweilen ambivalente Stellung der Hochschulverwaltungsleitung charakterisiert war. Die ambivalente Stellung der Verwaltungsleitung kommt darin zum Ausdruck, dass der Kanzler nach den Vorgaben in den LHG einerseits als neutraler Haushaltsbeauftragter fungierte, andererseits aber der Verantwortungsbereich für die administrativen Leitungsaufgaben formal nicht umfassend festgelegt war. Somit verkörperte die Stellung des Kanzlers die inhärente Spannung der akademisch-bürokratischen Logik der Hochschulorganisation und damit ein Element der „Unvollständigkeit“ der Hochschule als „normale“ Organisation.

Spätestens mit Beginn der 1990er Jahre zeichnet sich in den LHG-Vorgaben für die Verwaltungsleitung eine Entwicklung ab, die aufgrund der übergreifend eingeführten Mitgliedschaft des Kanzlers oder hauptamtlichen Vizepräsidenten in die kollegiale Präsidialverfassung durch eine stärker rationalisierte Entscheidungsstruktur und eine umfassendere Verantwortung der Verwaltungsleitung für die institutionelle Leitung der Hochschulverwaltung charakterisiert ist. Zusammen mit der Befristung und den nunmehr auch stärker auf Managementund Leitungserfahrung in anderen Organisationsfeldern abstellenden qualifikatorischen Voraussetzungen für das Amt der Verwaltungsleitung verweisen diese an der Konstruktion als handlungsfähige Organisation ausgerichteten Veränderungen auf den zunehmenden Rekurs auf eine post-bürokratische Logik der Hochschulorganisation.

In einem dritten Schritt der Analyse werden unter Kapitel 7 der Werdegang, das Tätigkeitsprofil und das berufliche Selbstverständnis von Kanzlern und hauptamtlichen Vizepräsidenten analysiert. Dafür greift die Analyse auf Ergebnisse der Befragung von Kanzlern und hauptamtlichen Vizepräsidenten sowie eine Inhaltsanalyse von Stellenanzeigen für die Verwaltungsleitung in der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ zurück. Es zeigt sich, dass das Tätigkeitsprofil sowie das berufliche Selbstverständnis der Kanzler zum gegenwärtigen Zeitpunkt nach wie vor durch beide Logiken der Hochschulverwaltung und des Hochschulmanagements geprägt sind. So lässt sich parallel zur managerialen Reorganisation des Amtes eine Pluralisierung der Studienhintergründe der Verwaltungsleitung durch eine deutliche Zunahme von Amtsinhabern mit einem wirtschaftswissenschaftlichen Studienund Berufshintergrund in jüngeren Geburtsjahrgängen und Amtszeiten konstatieren. Das berufliche Selbstverständnis der Verwaltungsleitung ist jedoch durch das Nebeneinander bürokratischer und eher managerialer Einstellungstypen geprägt.

Das Kapitel 8 fasst die zentralen Ergebnisse der Arbeit zusammen und erörtert daraus sich ergebende Forschungsperspektiven.

 
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