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2 Forschungsstand: Governance und Leitung von Hochschulen

Die Leitungsund Verwaltungsorganisation von Hochschulen hat sich vor dem Hintergrund distinkter „Modelle“ der Steuerung und Koordination von Wissenschaftsund Hochschulsystemen und des spezifischen Verhältnisses zwischen Staat, Profession und der Hochschule als Institution entwickelt (Clark 1983; Goedegebuure et al. 1994; Henkel/Little 1999; De Boer/File 2009). Wie in den meisten Wissenschaftssystemen fungiert auch in Deutschland der Staat durch seine Finanzierung als wichtigster Förderer der Hochschulentwicklung. Die 394 Hochschulen in Deutschland – 112 Universitäten mit Promotionsrecht, 226 Hochschulen sowie 56 Kunstund Musikhochschulen – sind überwiegend in staatlicher Trägerschaft bzw. in Form anderer Trägermodelle organisiert (Sandberger 2005). Ungeachtet eines deutlichen Wachstums ist der Anteil privater Hochschulen im deutschen Hochschulsektor eher gering und auf spezifische Bereiche der Hochschulbildung fokussiert (Stifterverband 2010).

Die Steuerung bzw. Steuerbarkeit von Wissenschaft bzw. von Hochschulen als der dominanten Organisationsform von Wissenschaft ist ein zentrales Thema der Wissenschaftsund Organisationsforschung. Sowohl grundlegende Arbeiten der Wissenschaftssoziologie (z.B. Merton 1949) als auch die durch die Planungsund Steuerungsdebatten der 1970er Jahre geprägte empirische Wissenschaftsforschung (vgl. Van den Daele et al. 1979) verweisen auf die Ambiguität und Grenzen politischer Steuerung im Hochschulund Wissenschaftssektor aufgrund ihrer spezifischen wissenschaftlichen Produktionsbedingungen (Braun 1997). Steuerung von Wissenschaftseinrichtungen, so das Credo, ist nur durch den umfassenden Einbezug der akademischen Selbststeuerung in die Gestaltung der wissenschaftlichen Produktionsbedingungen zu gewährleisten. Einige Beobachter gehen davon aus, dass Wissenschaft grundsätzlich durch ein endogenes Governance-Defizit charakterisiert sei (Gläser/Lange 2007: 438).

Parallel zu den sozialund verwaltungswissenschaftlichen Veränderungsdiagnosen zur Transformation moderner Staatlichkeit und den Auswirkungen der Modernisierungspolitiken im öffentlichen Sektor hat sich mittlerweile auch im Hinblick auf den Wissenschaftssektor eine intensive wissenschaftliche Beschäftigung mit der Entwicklung der komplexen Interdependenzbeziehungen im Hochschulbereich entwickelt. Es wurde argumentiert, dass sich spätestens seit Anfang der 1990er Jahre in vielen westeuropäischen OECD-Ländern ein Wandel der Governancestrukturen im Hochschulsektor vollzogen hat, der auch mit umfassenden Veränderungen der Leitungsund Verwaltungsorganisation korrespondiert (Braun/Merrien 1999; De Boer et al. 2007a). Ungeachtet der unterschiedlichen Entwicklungen sei es länderübergreifend zumeist zu einer Stärkung der Organisationsautonomie und Selbststeuerung von Hochschulen gekommen. Für die Hochschulund Organisationsforschung verbinden sich mit diesen Transformationsprozessen wichtige theoretische und empirische Fragen nach den Implikationen dieses Wandels für die Konfiguration und Funktionsweise von Hochschulen als „spezifische[n] Organisationen“ (Musselin 2007).

Doch was sind die Besonderheiten der deutschen Hochschulund Verwaltungsleitungsorganisation? Welche Veränderungen der Hochschulund Verwaltungsleitung werden in der Forschung analysiert und auf welches Verständnis von Wandel wird zurückgegriffen? Diesen Fragen nachgehend, ist es Ziel dieses Kapitels, zentrale Konzepte der Forschung zu Hochschul-Governance sowie der organisationsbezogenen Hochschulforschung im Hinblick auf die Veränderungen der Hochschulund Verwaltungsleitungsorganisation zu diskutieren. Dabei sollen mögliche Forschungslücken aufgezeigt und im Zwischenfazit die Leitfragen für die Arbeit entwickelt werden. Die Darstellung des Forschungsstandes erfolgt in zwei Schritten. Zunächst werden in Kapitel 2.1 Konzepte zur Analyse von Hochschul-Governance im Hinblick auf ihren Bezug zur Hochschulleitungsund Verwaltungsorganisation diskutiert und die empirischen Implikationen des Governancewandels für die Hochschulleitung und -verwaltung herausgearbeitet. In einem zweiten Schritt wird in Kapitel 2.2 ein Überblick zu Beiträgen gegeben, die sich mit den Spezifika und Veränderungen der Hochschulund Verwaltungsleitung in Deutschland beschäftigt haben.

Die Diskussion der Beiträge in der Forschung macht deutlich, dass Veränderungen der Regulierungsstrukturen und der Hochschulorganisation auch mit analytischen Erweiterungen der Governance-Dimensionen korrespondieren. Im Unterschied zu den frühen Arbeiten zur Steuerung von Hochschulen von Clark und Van Vught verdeutlichen neuere, ländervergleichende Konzeptualisierungen von Hochschul-Governance die gewachsene Bedeutung des institutionellen Managements der Hochschulorganisation und die damit verbundenen Veränderungen der Leitungsund Verwaltungsorganisation. Zugleich verweisen die empirischen Befunde darauf, dass Wandel von Hochschul-Governance und Hochschulorganisation durch länderspezifische Pfadabhängigkeiten geprägt ist. Die Einführung wettbewerblicher und hierarchischer Steuerungsformen geht dabei mit umfassenden Anpassungsprozessen einher. Allerdings impliziert die Fokussierung auf Fragen der Umsetzung eines neuen Steuerungsmodells, die sich in vielen Beiträgen zur Hochschul-Governance findet, eine gewisse Engführung, welche die Herausarbeitung längerfristiger Veränderungen und hybrider Konstellationen erschwert. Daher, so das Zwischenfazit, ist für die Analyse der Hochschulverwaltungsorganisation ein breiter angelegtes Verständnis institutionellen Wandels notwendig.

Zudem verdeutlicht die Darstellung des Forschungsstandes, dass die Umsetzung von Managementreformen und die Auswirkungen neuer GovernanceStrukturen auf Forschung und Lehre zwar umfassend erforscht werden, Entwicklungen im Hinblick auf die Verwaltungsorganisation bislang aber nur selten Gegenstand der vergleichenden Hochschulforschung gewesen sind. So gibt es zur Verwaltungsleitung [1] – abgesehen von einer umfangreichen juristischen Beschäftigung mit den gesetzlichen Grundlagen für die Organisation der Hochschulverwaltung und die Stellung der Verwaltungsleitungen – bislang kaum weitergehende Analysen.

  • [1] 5 „Verwaltungsleitung“ wird hier, wie auch in den anderen Kapiteln der Arbeit, als Oberbegriff für die unterschiedlichen Bezeichnungen für die administrative Leitungsfunktion an Hochschulen und damit insbesondere das Amt des Kanzlers, leitenden Verwaltungsbeamten und hauptamtlichen Vizepräsidenten für Haushalts-, Personal,und Verwaltungsangelegenheiten verwendet
 
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