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2.1 Hochschul-Governance

In den Sozialwissenschaften und im Bereich der vergleichenden Verwaltungsforschung hat sich in den letzten beiden Dekaden ein verstärktes Interesse an den Veränderungen staatlicher Regulierungsstrukturen und der (Selbst)Steuerung des öffentlichen Sektors entwickelt, das auch für den Aufstieg des Begriffs oder Konzepts „Governance“ ursächlich ist (Peters/Pierre 2003; Benz et al. 2007; Schuppert 2005). Auch die Analysen zur Organisation des Hochschulsektors sind in den letzten Jahren zumeist unter Rückgriff auf „Governance“ als analytischem Rahmen angelegt worden (Braun/Merrien 1999; Mora 2001; Kehm/Lanzendorf 2006; Jansen 2007, 2010). Zugleich zeigt sich, dass der Begriff Governance sowohl in den Sozialwissenschaften im Allgemeinen als auch im Hinblick auf den Hochschulsektor sehr unterschiedlich verwendet wird (Benz 2004: 12-19; Scott 1996: 114; Jaeger/Leszczensky 2008; Jansen 2010a). Doch wie begründet sich diese Fokussierung auf die „Governance-Perspektive“ und wie wird Governance als analytisches Konzept definiert?

Einschlägige Einführungen betonen, dass der vermehrte Rekurs auf Governance sowohl aus empirischen Veränderungen als auch aus einem analytischen Perspektivwechsel im Sinne eines breiteren Verständnisses gesellschaftlicher Koordinationsprozesse resultiert (Mayntz 2004; Benz 2004: 13). Dabei wird Governance ebenso als Bezeichnung des Forschungsgegenstandes wie auch als analytische Perspektive verwendet (Benz 2004: 13). So wird argumentiert, dass Governance eine Erweiterung der primär auf den Staat fokussierten Betrachtungsweise der Steuerung in staatsnahen Sektoren impliziert, wie sie zahlreiche Studien der Planungsund Implementationsforschung zu staatsnahen Sektoren maßgeblich geprägt hat (Mayntz 1983; 1996; Mayntz/Scharpf 1973; 1995). Hier wurde zunächst davon ausgegangen, dass sich Steuerungsakteure (zumeist der Staat) und Steuerungsobjekte (z.B. staatlich finanzierte Einrichtungen) klar trennen ließen und es im Sinne von Kontrolle und Regulierung eine direkte Steuerungswirkung gibt. Diese Vorstellung einer direkten Außensteuerung durch den Staat hat sich jedoch gerade für hochgradig durch Eigenlogik und Selbstreferentialität geprägte Bereiche wie den Wissenschaftssektor als wenig adäquat gezeigt (Mayntz 2004: 3).

Ein weiterer Impuls für die analytische Refokussierung von staatlicher Regulierung und Steuerung zu Governance resultierte aus der intensiven theoretischen Beschäftigung in den Sozialwissenschaften mit Institutionen. Verstanden als formale und informelle Sets von Regeln wird Institutionen eine wichtige Rolle bei der Herstellung politischer und gesellschaftlicher Ordnung zugeschrieben. So sind etwa die Entwicklung von politischen Programmen und deren Umsetzung auf der Organisationsebene abhängig von deren Einbettung in gesellschaftliche und historisch gewachsene Institutionen (March/Olsen 1989). Insofern spiegelt sich in der zunehmenden Verwendung der GovernancePerspektive auch ein erweitertes institutionelles Verständnis von Steuerung hinsichtlich der unterschiedlichen Formen gesellschaftlicher Koordination und Akteurskonstellationen wider (Mayntz 2004: 5; Altrichter et al. 2007: 11). Zum Beispiel wird konstatiert, dass sich Agenda-Setting, Regulierung und die Umsetzung von Entscheidungen im Wissenschaftsund Hochschulsektor zunehmend auf der Basis interagierender Policy-Levels mit unterschiedlichen, auch internationalen, privaten Akteuren sowie Netzwerken vollziehen, und dies oft jenseits nationalstaatlicher Regulierungsinstanzen (Enders 2004; King 2009).

Aufbauend auf diesen Überlegungen lässt sich Governance aus einer analytischen Perspektive verstehen als „Gesamtheit aller nebeneinander bestehenden Formen der kollektiven Regelung gesellschaftlicher Sachverhalte: von der institutionalisierten zivilgesellschaftlichen Selbstregelung über verschiedene Formen des Zusammenwirkens staatlicher und privater Akteure bis hin zu hoheitlichem Handeln staatlicher Akteure“ (Mayntz 2003: 72). Nach Arthur Benz bedeutet Governance unabhängig vom Anwendungsfeld „(1) Steuern und Koordinieren (oder auch Regieren) mit dem Ziel des Managements von Interdependenzen zwischen (in der Regel) kollektiven Akteuren. (2) Steuerung und Koordination beruhen auf institutionalisierten Regelsystemen, welche das Handeln der Akteure lenken sollen, wobei in der Regel Kombinationen aus unterschiedlichen Regel systemen (Markt, Hierarchie, Mehrheitsregel, Verhandlungsregeln) vorliegen. (…)“ (Benz 2004: 25).

Governance als analytische Perspektive verbreitert insofern den analytischen Fokus der Steuerung sowohl im Hinblick auf die Akteure und Interaktionsformen als auch hinsichtlich einer institutionalistischen Sichtweise, die Prozesse sozialer Koordination nicht nur als Interaktion rationaler Akteure, sondern auch als Bildung geteilter Normen und Standards versteht. So lassen sich im Hochschulsektor mit Gemeinschaft, Markt, Netzwerk, Verhandlung, Polyarchie und Hierarchie rudimentäre Governancemechanismen unterscheiden, die in den jeweiligen institutionellen Kontexten unterschiedlich ausgeprägt sind (Hüther 2010: 88-107). Zusammen ergibt sich somit innerhalb des Politikoder Organisationsfeldes der Wissenschaft ein Governance-System, das „alle Akteure, Institutionen und Prozesse umfasst, welche zur Entscheidungsfindung für die Verteilung von materiellen und immateriellen Werten beitragen (cf. David Easton)“ (Braun/Merrien 1999a: 10, Übers. d. A.). Doch wie wird Governance im Wissenschaftsund Hochschulsektor konzeptualisiert und wie werden die länderspezifischen Konfigurationen der Hochschulleitungsund Verwaltungsorganisation konzeptionell mit einbezogen?

 
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