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2.1.1 Analysekonzepte für Hochschul-Governance

Zur Beschreibung der Regulierung und komplexen Interdepenzbeziehungen im Hochschulsektor sind mittlerweile eine Vielfalt unterschiedlicher Konzeptualisierungen von Hochschul-Governance in die Diskussion eingebracht worden (Clark 1983; Neave 1984; Curry/Fisher (1986); Van Vught 1989; Becher/Kogan 1992; McDaniel 1997; Braun/Merrien 1999; Huisman/Kaiser 2002; De Boer et al. 2007a; Soguel/Jaccard 2008) [1]. Ziel dieser – zumeist als Heuristik angelegten Konzeptualisierungen – ist eine ländervergleichende Typologisierung unterschiedlicher Formen von Steuerung bzw. Governance-Mechanismen und deren Zusammenwirken innerhalb nationaler Hochschulund Wissenschaftssysteme. Zugleich fungieren diese Konzeptualisierungen auch als Grundlage für empirische Analysen der Veränderungen der Governance-Beziehungen im Kontext der NPM-Reformen (Braun/Merrien 1999; Amaral et al. 2002; Jansen 2007; Kehm/ Lanzendorf 2006; Paradeise et al. 2009).

Clarks (1983: 136) „triangle of coordination“ von Hochschulsystemen in unterschiedlichen Ländern wird als Ausgangspunkt zahlreicher Konzeptualisierungen von Regulierung und Hochschul-Governance gesehen (Braun/Merrien 1999a: 15; Hüther 2010: 108). Clark unterscheidet idealtypisch zwischen drei zentralen Koordinationsmechanismen in Hochschulsystemen (1983: 136): dem Staat und seiner auf hierarchische Steuerung angelegten Bürokratie; dem von Wettbewerbsmechanismen bestimmten Markt; und der Wissenschaft, welche Entscheidungen durch akademische Normen, Standards bzw. durch Abstimmungsprozesse in der akademischen Oligarchie herbeiführt.

Clark argumentiert, dass das Zusammenspiel und die Gewichtung dieser Koordinationsmechanismen im Dreieck Staat, Markt und akademischer Oligarchie innerhalb eines Hochschulsystems jeweils länderspezifische Konstellationen hervorgebracht haben. Auf der Basis dieses Koordinierungsdreiecks unterscheidet Clark drei Typen von Hochschulsystemen (Clark 1983: 142): a) das Staatsmodell, welches durch den umfassenden staatlichen Einfluss auf das Hochschulwesen geprägt ist und insbesondere die Strukturen in den ehemaligen kommunistischen Staaten beschrieb; b) das Marktmodell, das die geringe Einflussnahme des Staates, die starke Rolle des Marktes und die weitreichenden Entscheidungsbefugnisse der Hochschulleitungen besonders im amerikanischen Hochschulsystem abbildet; und c) das Professionsmodell, welches durch die starke Rolle der akademischen Selbstverwaltung geprägt ist und damit die Organisation im britischen Hochschulsystem charakterisiert (Clark 1983).

Das deutsche Hochschulsystem ist zum Zeitpunkt von Clarks Analyse durch eine Kombination umfassender staatlicher Regulierung und starker akademischer Selbstverwaltung charakterisiert, weswegen Clark es als „bürokratischoligarchisches Modell“ bezeichnet (Clark 1983: 159). Im Unterschied zum amerikanischen Hochschulsystem, dem im Hinblick auf das institutionelle Management und die Hochschulleitung eine stark formalisierte Struktur und hohe Entscheidungsmöglichkeiten attestiert werden, argumentiert Clark, dass das deutsche Hochschulsystem traditionell durch einen nur schwachen „weak middle layer“ im Hinblick auf die formale Organisation der Hochschulleitung und seine Kompetenzen für die Gesamtorganisation geprägt ist. Wettbewerbsund Marktmechanismen spielten in dieser traditionellen Konstellation der Hochschulsteuerung im deutschen Hochschulsystem kaum eine Rolle (Clark 1983: 160).

Ungeachtet der Bedeutung, die Clarks Heuristik sowohl für eine übergreifende Analyse von Hochschulsystemen als auch für die Weiterentwicklung von Modellen zu Hochschul-Governance zuzuschreiben ist, verfügt das „triangle of coordination“ für eine differenzierte Analyse der institutionellen Ebene der Hochschulleitung nur über begrenzte Anwendbarkeit für die Analyse der Leitungsund Verwaltungsorganisation von Hochschulen. Die Hochschule als Organisation ist in Clarks Dreieck nicht als eine eigene Ebene der Handlungskoordination vorgesehen, weder im Hinblick auf etwaige Unterschiede in der akademischen Selbstorganisation noch im Hinblick auf die Struktur der Verwal tungsorganisation und der institutionellen Entscheidungsrechte (Hüther 2010: 109) [2]. Genau hier knüpfen andere Konzeptualisierungen von HochschulGovernance und die ländervergleichenden Analysen zur Umsetzung des NPM im Hochschulsektor an, z.B. mit der Einführung der Governance-Dimension „hierarchische Selbststeuerung“ (Lange/Schimank 2007; De Boer et al. 2008).

Van Vughts (1989, 1993) sowie McDaniels (1996) Systematisierungen und Analysen von Regulierungsstrukturen im Hochschulsektor nehmen in diesem Sinne die Unterschiede im Hinblick auf die Reichweite, Instrumente und Bereiche der staatlichen Einflussnahme auf die Hochschulentwicklung in den Fokus. Aufbauend auf der Konzeptualisierung von Curry/Fisher (1986) unterscheidet Van Vught idealtypisch zwei Modelle staatlicher Steuerung als extreme Pole auf einem Kontinuum: Auf der einen Seite das „Modell staatlicher Kontrolle“ und auf der anderen Seite das „Modell staatlicher Aufsicht“ (Van Vught 1989, 1993; Übers. d. A.). Während im „Modell staatlicher Kontrolle“, dem neben anderen kontinentaleuropäischen Staaten Westeuropas auch das der BRD zugeordnet wird, der Staat nahezu alle Bereiche der Hochschulentwicklung umfassend zu steuern versucht, überlässt der Staat im anglo-amerikanisch geprägten „Aufsichtsmodell“ den Hochschulen weitreichende Autonomie über wesentliche Bereiche der Hochschulentwicklung (Van Vught 1993: 27).

Diese idealtypische Unterscheidung zwischen den zwei Steuerungsmodellen nutzt Van Vught für seine Analyse der Hochschulsysteme (Van Vught 1993). Er konstatiert zu Beginn der 1990er Jahre, dass sich in den kontinentaleuropäischen Staaten ein Wechsel vom „Staatskontrolle-Modell“ zum „Staatsaufsichts-Modell“ abzeichnet, der an der Übertragung weiterreichender Entscheidungsrechte und institutioneller Autonomie an die Hochschulorganisation deutlich wird (Van Vught 1993: 28). Damit verbunden ist auch ein Ausbau des

„institutionellen Managements“ der Hochschulen (ebd.: 28). Unterschiede im Hinblick auf die als „institutionelles Management“ bezeichnete Ebene der Hochschulleitung und -verwaltung korrespondieren demnach mit der Form und Reichweite staatlicher Steuerung im jeweiligen Modell und werden im „Staatskontrolle-Modell“ als besonders schwach ausgewiesen. Die Ebene der Hochschulleitung und Verwaltungsorganisation und eine Differenzierung der Einflussund Entscheidungsbereiche der Hochschulleitung bleiben in dieser Typologisierung jedoch weitgehend außen vor.

McDaniels (1996, 1997) Verständnis von „Paradigms“ der HochschulGovernance fokussiert sich auf das Zusammenspiel zwischen Hochschule und Staat sowie auf die unterschiedlichen Bereiche der Einflussnahme auf die Hochschulentwicklung. Hierbei unterscheidet McDaniel einerseits zwischen dem Grad der Zentralisierung (Verantwortung liegt ausschließlich bei staatlichen Instanzen) und Dezentralisierung (Verantwortung liegt vornehmlich bei den Hochschulen) [3] sowie andererseits nach dem Grad der Einflussnahme auf fünf unterschiedliche Bereiche der Hochschulentwicklung: Finanzen; Managementangelegenheiten; Lehre; Personal; Studierendenangelegenheiten (McDaniel 1996: 146ff.) [4]. Alle ressourcenbezogenen Bereiche der Hochschulentwicklung werden bei McDaniels Konzeptualisierung unter „institutionellem Management“ subsumiert (McDaniel 1997: 87). Der auf dieser Konzeptualisierung aufbauende Vergleich zwischen Hochschulsystemen in Europa auf der Basis eines europaweit versendeten Fragebogens führte zur Offenlegung deutlicher Variationen sowohl bezüglich der Zentralisierung der Steuerung als auch hinsichtlich der Verantwortlichkeiten in unterschiedlichen Bereichen der Hochschulentwicklung (McDaniel 1996: 147ff.). Im Hinblick auf Unterschiede der formalen Organisation des institutionellen Managements und somit auch der Hochschulverwaltungsleitung bietet McDaniels Konzeptualisierung jedoch keine analytischen Differenzierungsmöglichkeiten.

In der Zusammenschau dieser „frühen“ Konzeptualisierungen (Clark 1983; Van Vught 1989; Neave 1988; Goedegebuure et al. 1994; McDaniel 1996) lässt sich zunächst eine in allen Ansätzen verwendete Unterscheidung zwischen unterschiedlichen Ebenen der Steuerung bzw. Governance der Hochschulen ausmachen. Dabei beschränken sich diese Ansätze weitestgehend auf eine Beschreibung des Zusammenspiels und der Konfiguration von Entscheidungsrechten zwischen Staat und Hochschule (Gornitzka/Maassen 2000: 269). Die Ebene der formalen Organisation der Hochschulleitung und -verwaltung bleibt damit weitestgehend ausgeblendet. Darüber hinaus verstellt der eher technokratische Fokus dieser Ansätze auf die formale Verteilung von Entscheidungsrechten den Blick auf die institutionelle Einbettung von Hochschul-Governancestrukturen in dominante politisch-ideologische Grundverständnisse bzw. Rationalitäten auf der gesellschaftlichen Makroebene.

  • [1] Für einen Überblick vgl. Braun/Merrien 1999a: 15ff; Kezar/Eckel 2004; Ferlie et al. 2008: 324ff
  • [2] Clark argumentiert in einer späteren Arbeit, dass die Konfiguration des institutionellen Managements als eine zunehmend wichtige Ebene der (unternehmerischen) Hochschule zu sehen sei und daher bei einer ländervergleichenden Analyse die Ebene der Hochschule qua „Organization“ als eine vierte Dimension der Koordination ergänzt werden müsste (Clark 1998: 137)
  • [3] Auf der Basis der Gesetzgebung in den jeweiligen Hochschulsystemen unterscheidet McDaniel die Reichweite staatlicher Steuerung („Centralization“) auf einer vierstufigen Skala von „centralized“ bis „predominantly decentralized“ (McDaniel 1997: 75)
  • [4] Unverständlicherweise wird der Bereich der Forschung in McDaniels Differenzierung außen vorgelassen, obschon dieser für die Konstellation in Deutschland deutliche Unterschiede zu Lehre bzw. Studierendenangelegenheiten im Hinblick auf staatlichen Einfluss und Steuerungsambitionen staatlicher Instanzen aufweisen dürfte
 
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