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Hochschul-Governance im Wandel

Reformen des Hochschulsektors nach dem Leitbild des NPM und die Einführung von Managementstrukturen an Wissenschaftseinrichtungen sind mittlerweile Gegenstand umfangreicher Forschungen in der vergleichenden Hochschulforschung (Braun/Merrien 1999; Amaral et al. 2002; Jansen 2007; Paradeise et al. 2009). Für die oftmals als ländervergleichende Analysen der Managementreformen im Hochschulsektor angelegten Beiträge wurden auch neue Konzeptualisierungen von Hochschul-Governance entwickelt. Dabei ist es das Ziel dieser neueren Konzeptualisierungen, die mit der Einführung und länderund systemübergreifenden Diffusion des sogenannten „Management-Modells“ verbundenen Veränderungen in den kontinentaleuropäischen Hochschulsystemen nachzuvollziehen.

Aufbauend auf den oben angeführten Arbeiten von Clark (1983) und McDaniel (1996) entwickeln Braun/Merrien (1999a) eine Heuristik für Hochschul-Governance, die eine Differenzierung der Entscheidungsbefugnisse zwischen Staat und Hochschule in unterschiedlichen Bereichen der Hochschulentwicklung ermöglicht und auch die Reichweite dieser Entscheidungsbefugnisse differenziert thematisiert [1]. Gleichzeitig sollen mit Hilfe der Heuristik Unterschiede im gesellschaftlich-politischen Selbstverständnis der Hochschulsteuerung vergleichbar gemacht werden (Braun/Merrien 1999a: 21). Braun/Merriens Modell hat drei Dimensionen: Die ersten beiden Dimensionen unterscheiden idealtypisch zwischen enger und loser administrativer Kontrolle der Hochschulen durch den Staat einerseits im Hinblick auf die Verfahren (prozedurale Dimension) der Hochschulsteuerung und andererseits im Hinblick auf die Zielsetzung der Hochschulentwicklung (Braun/Merrien 1999a: 23ff.). Anknüpfend an McDaniel (1996) differenzieren die Autoren hinsichtlich der prozeduralen Dimension zwischen der Kontrolle für substantiell akademische Entwicklungsbereiche (Lehre, Studium, Studienplätze etc.) und der Autonomie über die hochschuleigenen administrativen Managementbereiche (Finanzen, Personal und Infrastruktur) (Braun/Merrien 1999a: 24). Die dritte Dimension des GovernanceModells von Braun/Merrien (1999a) stellt auf das gesellschaftspolitische „beliefsystem“ gegenüber der Organisation und Funktionsweise von Hochschulen innerhalb eines Landes ab. Sie führen damit eine bis dahin wenig beachtete Analyseebene der institutionellen Einbettung für die Analyse von HochschulGovernance ein.

Die Autoren argumentieren, dass sich länderübergreifend und im Zeitverlauf zwei unterschiedliche „belief-systems“ unterscheiden lassen, die maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der Hochschul-Governance haben: Hochschulen als „kulturelle Institutionen“ und Hochschulen als „öffentliche Dienstleistungseinrichtungen“ (Braun/Merrien 1999a: 11ff.). Den Autoren zufolge ist im Kontext der Managementreformen in den europäischen Hochschulsystemen das Leitbild einer „öffentlichen Dienstleistungseinrichtung“ zum dominanten „belief system“ der Hochschulorganisation avanciert (Braun/Merrien 1999a: 14). Dieses ist durch die Voroder Unterstellung einer eigenständig handlungsfähigen Hochschulleitung und Verwaltungsorganisation sowie eine starke Anbindung der Hochschulen an gesellschaftliche Erwartungen und wettbewerbliche Allokationsstrukturen geprägt. Die Autoren führen insofern die Einführung des neuen Managementmodells der Hochschulorganisation und Entwicklung managerialer Organisationsstrukturen an Hochschulen auch auf die zunehmende Dominanz kultureller Leitbilder in der Gesellschaft und der politisch-administrativen Ideologie der Hochschulsteuerung zurück (Braun/Merrien 1999a). Aufbauend auf den Einzelanalysen der Hochschul-Governance in sieben Ländern seit 1983 (UK; USA; Niederlande; Italien; Schweiz; Deutschland) argumentieren Braun/Merrien, dass es ungeachtet deutlicher Unterschiede im Timing, der politischen Legitimation und der Umsetzung auf der Organisationsebene in den kontinentaleuropäischen Hochschulsystemen zur Inkorporation des Management-Modells in das kulturelle Leitbild der Hochschul-Governance gekommen sei (Braun/Merrien 1999a: 25). Es wird konstatiert, dass es eine langsame Ablösung vom Verständnis von Hochschulen als kulturellen Institutionen gebe. An dessen Stelle tritt zunehmend ein utilitaristisches Verständnis von Hochschulen als öffentlichen Dienstleistungseinrichtungen, die stärker auf konkrete soziale und wirtschaftliche Ziele ausgerichtet werden (Braun/Merrien 1999a: 11).

Dies habe zu Veränderungen der Erwartungen und Legitimation für die Kernprozesse von Universitäten sowie zu einer Verlagerung gestalterischer Kompetenzen geführt, die auf der institutionellen Ebene der Hochschulen zum Ausgangspunkt für die Umgestaltung der Organisationsstrukturen geworden sind (Braun/Merrien 1999a: 25). Braun/Merrien problematisieren jedoch, dass es der Entwicklung einer „corporate identity“ der Hochschulen bedürfte, um die in der Organisationsumwelt eingeführten Marktmechanismen und die damit anvisierte interne Binnenorganisation als Organisation überhaupt möglich zu machen. In dieser Hinsicht konterkarieren jedoch aus Sicht der Autoren die spezifisch akademischen Produktionsmechanismen der Hochschulorganisation die Entwicklung einer solchen „corporate identity“ innerhalb von Hochschulen (Ebd.: 26).

Braun/Merrien (1999a) argumentieren, dass vor allem hinsichtlich der Reorganisation der Leitungsund Verwaltungsorganisation die Wirkmächtigkeit, aber auch die Umsetzungsprobleme des Managementmodells in der Hochschulorganisation beobachtbar sind (Braun/Merrien 1999a: 28). Insbesondere in den kontinentaleuropäischen Ländern Westeuropas, die traditionell durch Strukturen des bürokratisch-oligarchischen Modells der Hochschul-Governance charakterisiert gewesen waren, scheint sich die Reform von Hochschulleitungsund Verwaltungsstrukturen Braun/Merrien zufolge als Reform der „Zwei-Schritte“ beschreiben zu lassen:

„(...) In the first instance universities develop a kind of mixed authority – deliberately or as the outcome of the veto power of actors (…) – which often does not create the specific hierarchical authority needed to attain the status of a corporate actor. Only after another reform, as happened in the Netherlands, can this hybrid construction be modified and a new, more hierarchical order be established.” (Braun/Merrien 1999: 246)

Unabhängig vom Erfolg dieser Veränderungen der Binnenorganisation und den damit verbundenen Konflikten vermutet Braun (1999), dass sich mit einer zunehmend als korporativem Akteur gedachten und konfigurierten Hochschulorganisation im Zeitverlauf auch veränderte Rollenverständnisse in der Hochschulund Verwaltungsleitung ergeben werden (ebd.: 246).

Gornitzka/Maassen (2000) entwickeln aus einer ähnlichen Perspektive auf die Veränderungen der Hochschul-Governance eine Konzeptualisierung von Steuerung im Hochschulsektor. Für ihre Analyse des Wandels der Hochschulsteuerung in den europäischen Ländern unterscheiden die Autoren vier Steuerungsmodelle des Hochschulsektors: „The sovereign, rationality-bounded steering model, The institutional steering model, The corporate-pluralist steering model, The supermarket steering model“ (Gornitzka/Maassen 2000: 270-72). Die Unterschiede zwischen diesen vier Modellen beziehen sich auf das Steuerungsverständnis des Staates gegenüber dem Hochschulsektor, die Formen bzw. Instrumente der Bewertung, Entscheidung und Interaktion zwischen Staat und Hochschule sowie dominante Organisationsformen der Hochschulen und die damit verbundenen Entscheidungskompetenzen der Hochschulleitungen (Gornitzka/Maassen 2000: 270-72). Anhand dieser Differenzierung von Steuerungsmodellen konstatieren die beiden Autoren, dass länderübergreifend eine Richtungsänderung hin zum „supermarket-steering model“ beobachtet werden kann (ebda.: 283).

Gornitzka/Maassen (2000) argumentieren, dass dieses „supermarketsteering model“ durch ein Steuerungsverständnis des Staates als „bookkeeper“ geprägt sei, dessen Eingriffe in die Entwicklung des Hochschulsektors sich nur auf das Wesentliche beschränken und durch eine weitergehende Dezentralisierung der Entscheidungsrechte in der Hochschulentwicklung charakterisiert ist (Gornitzka/Maassen 2000: 272). Dominante Organisationsformen im stärker durch Wettbewerbsstrukturen konfigurierten Hochschulsektor würden sich demnach stärker an denen korporativer Organisationen orientieren. Zugleich verweist der Beitrag von Gornitzka/Maassen (2000) darauf, dass mit der Orientierung am Marktbzw. Management-Modell der Hochschule keineswegs ein Rückzug des Staates oder Wegfall staatlicher Steuerungsaktivitäten einhergehen muss. Vielmehr, so die Beobachtung der Autoren, greift der Staat selbst in zunehmendem Maße auf wettbewerbliche Steuerungsformen zurück und orchestriert insofern die daraus resultierenden Veränderungen in der Interaktion zwischen Staat, Hochschule, Profession und gesellschaftlicher Umwelt. Dabei würden im Vergleich der Hochschulsysteme hinsichtlich der Wahl und Konfiguration wettbewerblicher Steuerungsinstrumente deutliche Differenzen in der jeweiligen Hochschul-Governance sichtbar (ebda.: 283). Die Autoren stellen fest, dass die Rekonfiguration des Zusammenspiels zwischen Staat und Hochschulen in vielen Ländern mitunter von Ungleichzeitigkeiten zwischen einer managerial geprägten politischen Rhetorik und dem nach wie vor umfassenden Einsatz staatlicher Regulierungsinstrumente geprägt sei (ebd.: 284). Insofern konstatieren die Autoren, dass Managementreformen im Hochschulbereich länderübergreifend zur Entwicklung hybrider Steuerungsansätze führen.

Ähnlich wie Braun/Merrien (1999a) rekurrieren auch Bleiklie/Kogan (2007) auf den institutionellen Wandel der gesellschaftspolitischen Leitideen der Hochschulorganisation. Sie argumentieren, dass sich Hochschul-Governance gegenwärtig aus zwei institutionalisierten Leitideen speist, deren Institutionalisierung in formalen Strukturen und organisationalen Praktiken länderspezifisch variieren. Zum einen charakterisieren sie die Leitidee der Hochschule als „republic of scholars“, bei der die akademische Freiheit und die institutionelle Autonomie der Hochschule inhärent miteinander verbunden seien. Entscheidungsprozesse auf der Organisationsebene der Hochschulen werden im Kontext dieser Leitidee im Wesentlichen durch unabhängige Wissenschaftler gefällt (Bleiklie/Kogan 2007: 477). Zum anderen sehen sie die Leitidee der Hochschule als „stakeholderorganization“, die durch eine umfassende Entscheidungsfreiheit der Hochschulund Verwaltungsleitung für ihre Organisation charakterisiert ist. Im Kontext dieser Leitidee obliege es insbesondere der Hochschulleitung, die akademische Freiheit der Wissenschaftler mit den unterschiedlichen Interessen gesellschaftlicher Stakeholder in Einklang zu bringen. Daraus resultieren – gesellschaftlich und organisational zunehmend akzeptiert – stärker hierarchisierte Entscheidungsstrukturen in der Hochschulleitung mit dem Ziel, strategische Entscheidungen besser fällen und umsetzen zu können (ebda.: 477).

Die Veränderungen der Hochschul-Governance in den europäischen Ländern seit Mitte der 1990er Jahre charakterisieren Bleiklie/Kogan daher als einen Wandel gesellschaftspolitischer Leitideen hin zur „stakeholder-organization“ und zeichnen diesen anhand der unterschiedlichen Ebenen von HochschulGovernance nach (Bleiklie/Kogan 2007: 478-479): 1. die veränderte Rolle der staatlichen Instanzen durch die Einführung von „macro steering mechanisms“, die auf eine stärkere Bestimmung der Ziele und Arbeitsformen wissenschaftlicher Einrichtungen abzielen; 2. die Etablierung managerialer Infrastrukturen, in deren Kontext die traditionell duale Organisation administrativer und kollegialer Entscheidungsstrukturen zumeist in einer hierarchisch konfigurierten Entscheidungsorganisation integriert wird; 3. die institutionalisierte Einbindung gesellschaftlicher Interessensgruppen in übergeordnete Aufsichtsgremien; 4. die Stärkung von Leitungsämtern an Hochschulen durch die Übertragung exekutiver Entscheidungskompetenzen im Hinblick auf Finanzen und Personal (Bleiklie/Kogan 2007: 479). Um die Veränderung dieser Leitbilder und deren unterschiedlichen Einfluss auf die Entwicklung der Hochschul-Governance umfassend zu verstehen, sei es nach Bleiklie/Kogan (2007) notwendig, innerhalb der Hochschulsysteme nach den spezifischen Akteurskonstellationen und den damit verbundenen Adaptionsprozessen im Sinne institutionalisierter „knowledgeregimes“ zu fragen (Bleiklie/Kogan 2007: 487). Als „knowledge-regime“ beschreiben die Autoren die Institutionalisierung des Zusammenwirkens von formaler Regulierung, materiellen Anreizstrukturen und solchen gesellschaftspolitischen Leitbildern, die die Entwicklung der dominanten Organisationsformen innerhalb eines Hochschulsystems wesentlich beeinflussen.

Die durch veränderte Anreizstrukturen, Organisationsformen und gesellschaftspolitische Zuschreibungen deutlich werdende Orientierung in den kontinentaleuropäischen Hochschulsystemen am Leitbild der „stakeholderorganization“ beschreiben Bleiklie/Kogan (2007: 480) als einen umfassenden „regime-change“. Zugleich ist es jedoch ein wesentliches Anliegen ihres Beitrages, die bisweilen sehr unterschiedlichen Umsetzungen und Adaptionsprozesse eines solchen neuen „knowledge-regimes“ in nationalen Politiken und auf historisch gewachsenen Modellen der Hochschulorganisation in den Ländern herauszuarbeiten. Dementsprechend argumentieren die Autoren, dass der Diskurs zu organisationalen Leitbildern in nationalen Hochschulreformpolitiken und die konkrete Übertragung von Selbstentscheidungsrechten auf die institutionelle Ebene der Hochschulen zeitlich und inhaltlich sehr divergieren können (Bleiklie/Kogan 2007: 484ff.). Bleiklie/Kogan gehen daher davon aus, dass sich der Wandel von Hochschul-Governance in den einzelnen Hochschulsystemen zumeist als „Sedimentation“ und nicht als Umsetzung vollzieht, bei dem die Unterschiede zwischen gesellschaftspolitischen Erwartungen und institutionellen Routinen auf der Organisationsebene zu Ambiguitäten in der Organisationspraxis führen (Bleiklie/Kogan 2007: 482):

„One may assume that new ideals are layered on top of existing ones in a process of sedimentation. Institutions are therefore faced with a number of expectations, based partly on traditional and partly on more recently adopted ideals. The structural and behavioural implications are therefore much more ambiguous and thus leave room for different interpretations and struggles as part of the implementation process.“ (Bleiklie/Kogan 2007: 482)

Auch an der Konzeptualisierung von Hochschul-Governance durch Bleiklie/Kogan und dessen Wandel wird deutlich, dass die Autoren bei der Analyse von Veränderungen auf eine Differenzierung unterschiedlicher institutioneller Ordnungskontexte abstellen. Zudem verweisen sie im Hinblick auf die institutionelle Ebene der Hochschule darauf, dass das Leitbild einer managerialen „stakeholder-organization“ auch mit einer zunehmenden Aufhebung der institutionellen Trennung zwischen akademischer Selbstverwaltung und staatlicher Hochschulverwaltung einhergeht.

Die Konzeptualisierung von Governance im Wissenschaftsund Hochschulsektor, wie sie die Mitglieder der DFG Forschergruppe „Governance der Forschung“ entwickelt haben, baut auf den oben diskutierten Konzepten zur Hochschul-Governance auf und erweitert diese (De Boer et al. 2007a; Kehm/Lanzendorf 2006; Lange/Schimank 2007). Der in diesem Rahmen entwickelte „Governance-Equalizer“ zielt weniger auf eine Typologisierung der unterschiedlichen Ausprägungen der Steuerung in der Dichotomie zwischen Hochschule und Staat ab, sondern versucht, die unterschiedlichen „GovernanceDimensionen“ und Governance-Formen zwischen Staat, Organisation und Profession innerhalb des Hochschulsystems einzubeziehen und diese in ihren regionalen und zeitlichen Variationen schematisch analysierbar zu machen (Schimank et al. 1999: 180; Lange/Schimank 2007). Die Autoren unterscheiden daher fünf Governance-Mechanismen:

1. Die „staatlich-rechtliche Regulierung bzw. „staatlich-administrative Regulierung“ bezieht sich auf die staatliche Gesetzgebung sowie die Eingriffspraxis staatlicher Akteure durch Verordnungen und Genehmigungen in Bezug auf alle administrativen Aspekte von Organisation, Finanzierung, hochschulischem Personal sowie von Forschung und Lehre. Der den Gesetzen und der Praxis staatlicher Verordnungen inhärente GovernanceMechanismus ist insofern die Hierarchie.

2. Als „konkrete und substanzielle Außensteuerung von Hochschulen“ werden sowohl hierarchische als auch nichthierarchische Formen der Koordination durch gesellschaftliche, u.a. durch den Staat beauftragte Akteure verstanden, mit denen staatliche Instanzen und gesellschaftliche Gruppen Einfluss auf die Entwicklung der Hochschulen nehmen. Hierunter fassen die Autoren sowohl die sogenannten „buffer institutions“ wie Hochschulräte oder Akkreditierungsagenturen als auch die unterschiedlichen Varianten der durch die Ministerien angewandten Kontraktsteuerung, z.B. Zielvereinbarungen.

3. Unter „Konkurrenzdruck innerhalb und zwischen Hochschulen“ wird die Anwendung wettbewerblicher Anreizstrukturen z.B. im Hinblick auf Ressourcen, Personal und Studenten auf der interund intra-organisatorischen Ebene des Hochschulsektors verstanden.

4. Die „akademische Selbstverwaltung“ umreißt die Gestaltung der akademischen Gremien, der wissenschaftlichen peer groups und der disziplinären Gemeinschaften durch professionelle Selbstregulierung.

5. „Hierarchische Selbststeuerung“ oder „Managementselbststeuerung“ bezieht sich auf die Entscheidungsbefugnisse sowie die formale Struktur der Leitungsorgane im Hinblick auf die hochschulische Binnenorganisation und Hochschulverwaltung. Der hier gekennzeichnete Governance-Mechanismus ist Hierarchie.

Für De Boer et al. (2007a) ergeben sich aus der Gestaltung dieser fünf Governance-Dimensionen innerhalb von Hochschulsystemen jeweils unterschiedliche empirische Ausprägungen von Hochschul-Governance nationaler Hochschulund Wissenschaftssysteme, die sich im Zeitverlauf verändern. Veränderungen innerhalb einer Governance-Dimension z.B. die Rücknahme rechtlicher Regulierung implizieren in diesem Zusammenhang nicht zwangsläufig Rekonfigurationen einer anderen Governance-Dimension, wie es frühere Konzeptualisierungen nahegelegt haben.

Zudem führt Jansen in einer späteren Konzeptualisierung der Forschergruppe weitere Governance-Mechanismen wie „intellectual coordination by scientific community“, „collective action supported by scientific entrepreneurs“ und „cultural orientation/self-conception of research institutions“ ein, mit denen die Genese inhärenter Normen und gesellschaftspolitischer Leitbilder innerhalb des Wissenschaftssystems konzeptualisiert und in die Analyse von HochschulGovernance einbezogen werden soll (Jansen 2010: 5ff.; Jansen 2007a: 116, 120ff.). Damit wird auch die Entwicklung von institutionalisierten Zuschreibungen thematisiert wie z.B. die Trennung zwischen universitären und außeruniversitären Forschungsbereichen als eine spezifische Pfadabhängigkeit oder die Entwicklung von Forschungsparadigmen durch epistemische Gemeinschaften (Haas 1992; Knorr Cetina 1999), denen in der Tat auch Steuerungswirkung auf Hochschul-Governance zuzusprechen ist. Im Hinblick auf eine eher akteursbezogene Aufgliederung von Hochschul-Governance wird zudem die „Europäische Ebene“ eingeführt (Jansen 2010: 5). Ohne dass diese internationale Ebene systematisch in die Governance-Konzeptionen eingebunden wird, verweist diese Erweiterung auf mindestens zwei zentrale Aspekte der neueren Entwicklungen von Hochschul-Governance: Zum einen auf die zunehmende Überlagerung nationaler Regulierungsstrukturen durch europäische Vorgaben – z.B. im Bereich der Forschungsförderung (Groß et al. 2010) und zum anderen auf die gewachsene Bedeutung von Standardsetzung internationaler Organisationen für Entwicklungen im Hochschulwesen (Weymann/Martens 2005; Basett/Maldonado 2009).

Nicht nur die Autoren und Mitglieder der Forschergruppe „Governance der Wissenschaft“, sondern auch eine Reihe weiterer Beiträge haben diese Heuristik des „Governance-Equalizers“ genutzt, um die Umsetzung der NPM-Reformen im Hochschulsektor und seine Implikationen für Hochschul-Governance zu analysieren (Kehm/Lanzendorf 2006; Lange/Schimank 2007; Kamm/Köller 2010; Jansen 2010; De Boer/File 2009; De Boer et al. 2010). Analytisch wird dabei anhand der oben diskutierten Governance-Dimensionen zumeist eine grobe Ausgangssituation innerhalb eines nationalen Hochschulsystems in den 1980er Jahren skizziert und dann nach zentralen Veränderungen seit Beginn der NPMReformen gefragt.

In der Gesamtschau der auf den Governance-Equalizer rekurrierenden Beiträge ergeben sich für die Hochschul-Governance in den westeuropäischen Hochschulsystemen deutliche Verschiebungen hin zur Etablierung eines Managementmodells (Lange/Schimank 2007: 542). Dies betrifft die GovernanceDimension der Außensteuerung durch externe Stakeholder, die Etablierung wettbewerblicher Strukturen sowie die Stärkung bzw. den Ausbau hierarchischer Selbststeuerung. Der Abbau detaillierter Rechtsvorschriften und staatlicher Regulierung korrespondiert dabei mit einer breiteren Einbeziehung gesellschaftlicher Akteure in die Hochschulsteuerung (De Boer/File 2009: 10-12). Zugleich wird in den meisten untersuchten Hochschulsystemen in Europa eine Stärkung der institutionellen Autonomie von Hochschulen – insbesondere im Hinblick auf Leitungsund Binnenorganisation und die Budgetierung – konstatiert, die sich u.a. auch im erweiterten Entscheidungsspielraum der Hochschulleitungsmitglieder widerspiegelt (Lange/Schimank 2007; De Boer/File 2009: 12-13; De Boer et al. 2010: 9-13; Estermann/Nokkala 2011). Den Hochschulen ist damit eine größere Freiheit über die eigenverantwortliche Entwicklung ihrer Binnenorganisation eingeräumt worden. Estermann et al. zeigen in ihrer Studie, dass in der Hochschulgesetzgebung in 18 von 28 untersuchten Ländern mittlerweile eine weit entwickelte Organisationsautonomie etabliert ist. Damit ist es den Hochschulen weitestgehend selbst überlassen, angemessene Strukturen der Selbstorganisation zu entwickeln (Estermann et al. 2011: 24).

Die Umsetzung von NPM-Reformen in der Governance des deutschen Hochschulsektors hat sich im westeuropäischen Kontext vergleichsweise spät vollzogen (De Boer et al. 2008: 51; Lange/Schimank 2007). Dennoch konstatieren die Beiträge einen umfassenden Wandel der Governance-Strukturen im deutschen Wissenschaftsund Hochschulsektor. Dies wird besonders gut sichtbar an der schwächeren staatlichen Detailregulierung und der Stärkung hierarchischer Selbstregulierung (De Boer et al. 2008: 47; Lange/Schimank 2007: 538). Mittlerweile sehen die seit 1998 novellierten Landeshochschulgesetze (LHG) deutlich erweiterte Autonomierechte der Hochschulen sowie substanzielle Veränderungen bezüglich der Leitungsund Verwaltungsorganisation vor (Ziegele 2005: 112; Kamm/Köller 2010: 667; Lange/Schimank 2007: 539; Jaeger/Leszczensky 2008). Auch im Hinblick auf die Lehre hat sich der Staat substanziell aus der Regulierung curricularer Vorgaben zurückgezogen und die Qualitätssicherung im Sinne gesellschaftlicher Außensteuerung der Hochschulen auf die neu eingerichteten Evaluierungsund Akkreditierungsagenturen verlagert (Serrano-Velarde 2008).

Dieser Rückzug des Staates in Deutschland aus vielen Belangen der Hochschulregulierung geht mit einer Stärkung der Außensteuerung durch sogenannte Hochschulkontrakte einher (König 2007a). Auch die mittlerweile umfassende Etablierung von Hochschulräten an deutschen Hochschulen wird als eine Stärkung der Außensteuerung verstanden (Lange/Schimank 2007: 539). Mit der Einführung der Hochschulräte bzw. Kuratorien als sogenannten „bufferinstitutions“ wird eine intensivierte Mitgestaltung gesellschaftlicher Umweltakteure leitend, die nunmehr die strategische Entwicklung der Hochschulen bestimmen und als Aufsichtsgremium der Hochschulleitung fungieren sollen (Mayntz 2002; Bogumil et al. 2007; Lange 2009; Hüther 2009).

Vor allem hinsichtlich der Governance-Dimension der hierarchischen Selbststeuerung durch die Hochschulund Verwaltungsleitungsorganisation haben sich im Kontext der Hochschul-Governance merkliche Veränderungen ergeben (Lange/Schimank 2007: 541). Die konstatierte Stärkung der hierarchischen Selbststeuerung der Hochschulen umfasst dabei sowohl die Übertragung von Entscheidungskompetenzen in Sach-, Finanz-, Personalund Organisationsfragen als auch den Ausbau der formalen Leitungsund Verwaltungsstrukturen (Hüther 2010; Krücken et al. 2010). Doch inwiefern sind diese Veränderungen der Hochschulund Verwaltungsleitungsorganisation in der Forschung analysiert worden?

Bevor im Folgenden ein Überblick über jene Forschungsbeiträge der vergleichenden Hochschulund Verwaltungsforschung gegeben wird, die sich mit der Hochschulund Verwaltungsleitung beschäftigen, gilt es zunächst, die Besonderheiten dieses Leitungsamtes – insbesondere für den deutschen Kontext – zu skizzieren.

  • [1] Unter Rekurs auf Berdahl (1990) arbeiten Dietmar Braun und Francois-Xavier Merrien in ihrer Konzeptualisierung von Hochschul-Governance mit einer Unterscheidung zwischen „substantive autonomy“ (Autonomie im Hinblick auf Zielsetzung und Programmentwicklung) und „procedural autonomy“ (Autonomie im Hinblick auf die Umsetzung) (Braun/Merrien1999a: 21)
 
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