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2.2 Hochschulund Verwaltungsleitung

Hochschulorganisationen vereinen das auf den Prinzipien kollegialer Selbstregulierung beruhende Kollegium und die auf bürokratischer Organisation beruhende Verwaltung. Insofern wird in den gängigen Beschreibungen auf den „janusköpfigen“ Modus der Hochschulorganisation verwiesen, der sich auch in ihrer Leitungsund Verwaltungsstruktur widerspiegelt (Kogan 1999: 265; Larsen et al. 2009: 6). Obwohl Hochschulen in der Literatur zumeist von anderen, umfassend bürokratisch organisierten Arbeitsorganisationen unterschieden werden, ist die Vorstellung von Universitäten als traditionell bürokratie-freien Organisationen eher ein „romantischer Mythos“ (Kogan 1999: 264). Vielmehr sind zahlreiche Vorgänge der akademischen Selbstverwaltung auf administrative Supportstrukturen angewiesen bzw. sind Resultat der öffentlichen Finanzierung von Verwaltungsvorgängen. Die Organisationsbereiche der Hochschulverwaltung, ihre Leitung und Mitarbeiter sind daher auf unterschiedliche Weise in hochschulische Entscheidungsprozesse eingebunden und insofern ein zwar oft unsichtbarer, aber gleichwohl wesentlicher Bestandteil der Hochschulorganisation (Stratmann 2011).

Die Leitungsund Verwaltungsorganisation der Hochschulen hat sich im Kontext des landesspezifischen Verhältnisses zwischen Staat und Hochschule entwickelt und unterscheidet sich je nach Hochschulsystem und Hochschultyp beträchtlich (Henkel/Little 1999; Amaral et al. 2002; Paradeise et al. 2009). Zur Typologisierung der Hochschulleitungsorganisation in den europäischen Hochschulsystemen unterscheidet Neave grob zwei Konstellationen: „monocephalic arrangement“ und „bicephalic arrangement“ (Neave 1988: 111). Der Typus des

„monocephalic arrangement“ ist durch eine umfassende Verantwortlichkeit des Hochschulleiters („executive head“) – sowohl für den akademischen Korpus als auch für die Hochschulverwaltung – gekennzeichnet. Das „bicephalic regime“ hingegen ist durch eine parallele oder duale Leitungsstruktur geprägt, bei der neben dem akademischen Hochschulleiter als Kopf der akademischen Selbstverwaltung ein Leiter der Hochschulverwaltung eine herausgehobene Rolle spielt (Neave 1988: 111):

„…In monocephalic systems this has resulted in a unified structure in which the head of the university is the head of both the academic and administrative hierarchy. In bicephalic systems, however, the role of the administrative hierarchy is more prominent. In these structures the rector, or equivalent, is the head of the academic hierarchy, elected by it. But this academic hierarchy is run parallel to an independent administrative hierarchy. This dual structure is to be found in most 'continental' structures of higher education (e.g. Norway, Sweden, Germany and the Netherlands) and has a long history in university governance (Neave 1988, 110). An important reason for the existence of a separate administrative chain of command alongside the academic hierarchy is the desire of national governments to ensure a certain degree of continuity and to provide some guarantee that the university is managed in accordance with public laws. The apex of the administrative hierarchy therefore is typically appointed by the state and is variously titled as Kanzler, Curator or Director.“ (Neave 1988: 111)

In Anlehnung an diese Unterscheidung lässt sich die traditionelle Leitungsund Verwaltungsorganisation in Deutschland dem „bicephalischen“ Modell zuordnen. Die Organisation der Hochschulund Verwaltungsleitung an deutschen Hochschulen ist dabei an weitreichende rechtliche Vorgaben in der Hochschulgesetzgebung gebunden, die Gegenstand einer umfangreichen rechtswissenschaftlichen Literatur und Diskussion sind (vgl. Flämig et al. 1996; Schuster 1996; Hartmer 2004; Thieme 2004; Pautsch/Dillenburger 2011: 36ff.).

Demnach ist die Entwicklung der Leitungsund Verwaltungsstruktur der Hochschulen in Deutschland wesentlich durch ein „janusköpfiges“ Organisationsprinzip geprägt gewesen (Oppermann 1996: 1010; Heß/Leuze 2005). In Anlehnung an die durch die Hochschulgesetzgebung festgelegte duale Rechtsstellung der Hochschulen als Körperschaften und als öffentliche Anstalten lässt sich auch im Hinblick auf die gesamtorganisatorische Verantwortung zwischen wissenschaftlicher Selbstverwaltung und staatlicher Ressourcenverwaltung unterscheiden (Kimminich 1996: 231). So sind Hochschulen in staatlicher Trägerschaft hinsichtlich der akademischen Selbstverwaltung von Forschung und Lehre als Selbstverwaltungskörperschaften organisiert, hinsichtlich ihrer Ressourcenverwaltung jedoch als der Ministerialverwaltung angegliederte unselbständige Anstalten (Oppermann 1996: 1012). Der Hochschule und ihren Verwaltungseinheiten sind in dieser Konstellation zwar zunehmend bedeutende Verwaltungsaufgaben übertragen worden; die Fachaufsicht und letzte Verantwortung liegt aber nach wie vor bei den Ministerien.

Dieses dualistische Organisationsprinzip ist auch an der Hochschulleitung sichtbar. Dem Rektor oder Präsidenten, als dem durch die Selbstverwaltung der Hochschule gewählten akademischen Oberhaupt der Hochschule, steht für die Verwaltungsleitung ein zumeist durch das Ministerium ernannter Kanzler oder leitender Verwaltungsbeamter zur Seite (Schuster 1996: 840ff.). Die im Hochschulrahmengesetz (HRG) festgeschriebenen Richtlinien für die Leitungsstrukturen der deutschen Hochschulen sahen dabei eine eng an die akademische Selbstverwaltung gebundene Hochschulleitung vor, zu der neben dem Rektor bzw. Präsidenten auch die gewählten Vizerektoren bzw. -präsidenten sowie – im Falle einer kollegialen Hochschulverfassung – der leitende Verwaltungsbeamte gehören. Im Hinblick auf die Wahl, Entscheidungsbefugnisse und Zusammensetzung der Hochschulleitung wird zwischen monokratischer und kollegialer Hochschulleitung unterschieden (Hartmer 2004: 197). Monokratische Grundtypen sind die Rektorenund Präsidentenverfassung, kollegiale Grundtypen sind die Rektoratsund die Präsidialverfassung. Ein wesentliches Merkmal der von einem Präsidenten geführten Hochschulleitung besteht in der Möglichkeit, dass für das Amt des Präsidenten auch Personen rekrutiert werden können, die vorher nicht Mitglied der jeweiligen Hochschule gewesen sind. Die LHG beinhalten jedoch durchaus unterschiedliche Vorgaben zur Leitungsund Verwaltungsorganisation, die sich im Zuge der Deregulierung des HRG seit 1998 noch weiter differenziert haben (Sandberger 2011).

Das Amt des Kanzlers als Verwaltungsleitung wird in den Betrachtungen zur Hochschulverwaltungsorganisation in erster Linie auch als „historisches Erbe“ des Kurators verstanden, das sich im Kontext der preußischen Universitätsverwaltung entwickelte (Heß 2000; Breitbach 2005; Wallerath 2004). Die Stellung des Hochschulkanzlers in der Hochschulorganisation und seine Aufgaben als Verwaltungsleitung sind Gegenstand umfangreicher wissenschaftsrechtlicher Betrachtungen (Meusel 1978; Ludwig 1984; Epping 1993; Neese 1999; Horst/Bußmann 2003; Horst/Neyses 2007; Knauff 2007). Diese Analysen verweisen auf die unscharfe Ausgestaltung der Kompetenzen des Kanzlers in der Landeshochschulgesetzgebung. Übergreifend obliegen dem Hochschulkanzler sowohl die institutionelle Leitung der Hochschulverwaltung und die Dienstaufsicht über das nichtwissenschaftliche Personal als auch die Funktion des Haushaltsbeauftragten. Die Kompetenzen, Weisungsgebundenheit und Anbindung des Kanzlers gegenüber der Hochschulleitung korrespondieren dabei mit der jeweiligen Leitungsverfassung. In der traditionellen Konstellation der Hochschulorganisation in Deutschland wurde der Kanzler als Beamter auf Lebenszeit durch das Ministerium ernannt. Auch aufgrund dieser – im Gegensatz zum Präsidenten oder Rektor – langen Amtszeit ist der Kanzler in umfassender Weise in die Entwicklungen der Hochschulorganisation eingebunden. Durch den hohen Abstimmungsbedarf mit dem Ministerium fungiert der Kanzler zudem auch in vielen Belangen als der zentrale Ansprechpartner. Insofern wurde konstatiert, dass dem Kanzler in dieser Konstellation eine sehr entscheidende Position zukommt. So haben Beschreibungen den Hochschulkanzler als institutionellen „Makler“ (Heß 2000: 339) oder „Grenzgänger“ charakterisiert (Wallerath 2004: 218).

Spätestens seit Ende der 1990er Jahre ist es, ähnlich wie in anderen Ländern, in Deutschland zu umfassenden Reorganisationsprozessen der Hochschulleitungsstrukturen und Hochschulverwaltungsorganisation gekommen (De Boer 1998; Lange/Schimank 2007; Sandberger 2011), die auch mit Veränderungen für die Verwaltungsleitung und das Amt des Kanzlers verbunden waren (Breitbach 2005: 127; Battis 2009; Knauff 2007). Dabei sind diese Veränderungen der Hochschulleitungsorganisation sowie des Hochschulmanagements und die Besonderheiten der Entscheidungspraxis der Hochschulleitung mittlerweile Gegenstand einer umfangreicher gewordenen Forschung und Literatur. Welche Veränderungen sind dies und wie hat sich die vergleichende Hochschulforschung damit beschäftigt?

Um diese Frage zu beantworten, zielt der folgende Überblick zur Forschung darauf ab, zentrale Fragestellungen und Ergebnisse der Hochschulforschung zu den empirischen Veränderungen der Hochschulund Verwaltungsleitung sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern zusammenzuführen. Dafür werden zunächst in Kapitel 2.2.1 Beiträge diskutiert, die sich mit den Entwicklungen der formalen Organisationsstrukturen beschäftigen. Daran anschließen werden im Kapitel 2.2.2 die Beiträge erörtert, die sich primär auf das Profil und die Organisationspraxis der Hochschulund Verwaltungsleitung konzentrieren.

 
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