Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Erziehungswissenschaft & Sprachen arrow Von der Hochschulverwaltung zum Hochschulmanagement
< Zurück   INHALT   Weiter >

2.2.1 Hochschulund Verwaltungsleitung im Wandel

Vor dem Hintergrund der eingangs diskutierten Transformationsprozesse der Hochschul-Governance in den europäischen Hochschulsystemen fragen zahlreiche Beiträge der vergleichenden Forschung nach den daraus resultierenden Veränderungen der Formalstrukturen und Organisationspraktiken der Hochschulund Verwaltungsleitung (Scott 1996; Askling/Kristensen 2000; Gumport/Sporn 1999; Sporn 1999; Mora 2001; Amaral et al. 2002, 2003; Deem/Reed 2008; Middlehurst 2004; Paradeise et al. 2009; Meek et al. 2010; Larsen et al. 2009; Locke et al.2011). Darüber hinaus haben sich auch durch hochschulpolitische Organisationen beauftragte Studien in vergleichender Weise mit den Formalstrukturen der Leitungsorganisation an europäischen Hochschulen beschäftigt (Estermann/Nokkala 2009; Estermann et al. 2011; De Boer/File 2009; De Boer et al. 2010). Insbesondere für die Entwicklung in den kontinental-europäischen Hochschulsystemen, in denen die zentrale Leitungsebene der hochschulischen Selbstorganisation traditionell schwach ausgebildet war und Entscheidungskompetenzen vor allem bei den Kollegialorganen der dezentralen Ebene der Fachbereiche lagen, konstatieren diese Studien in Bezug auf die zentrale Leitungsebene der Hochschulen eine durch Reorganisation und stärkere Hierarchisierung von Entscheidungsstrukturen charakterisierte manageriale (Re)Konfiguration der Hochschulleitungsorganisation.

Neben der Übertragung von Entscheidungskompetenzen lässt sich die Stärkung des institutionellen Managements der Hochschulen auch am Ausbau der formalen Leitungsund Verwaltungsorganisation festmachen. Hierzu gehören u.a. die Etablierung von Hochschulräten, das Hinzukommen neuer Leitungsfunktionen sowie der Ausbau der administrativen Supportstrukturen der Hochschulleitung. Die Etablierung neuer Leitungsfunktionen wie Vizepräsidenten, ProVice-Chancellors und Direktoren, die als (beratende) Mitglieder der Hochschulleitungen zunehmend Einfluss auf unterschiedliche Aspekte der Hochschulorganisation sowie die administrativen Strukturen der Hochschulverwaltung bekommen, impliziert eine stärkere Differenzierung von Leitungsaufgaben (Woodfield/Kennie 2007; Smith et al. 2007; Logue 2010). So zeigt z.B. Logue (2010) in ihrer Analyse der Leitungsstrukturen an fünfhundert zur „Association of Commonwealth Universities“ zugehörigen Hochschulen, wie es seit dem 19. Jahrhundert zur Expansion der Hochschulleitungen und zur Inkorporation neuer Aufgabenbereiche kam. Dahingehend konstatiert Logue einen deutlichen Ausbau und eine Ausdifferenzierung von Leitungspositionen, die für unterschiedliche Bereiche der Finanzierung und des Marketings in der Hochschulleitung zuständig sind. Auch Smith et al. (2007) und Smith/Adams (2008) verweisen in ihren Studien zur Leitungsorganisation im britischen Hochschulsystem darauf, dass es zwischen 1960 und 2005 zu einem starken Ausbau der Hochschulleitungen kam (Smith et al. 2007: 16).

Ein weiterer wesentlicher Impuls für die Rekonfiguration der Leitungsund Verwaltungsorganisation von Hochschulen resultiert aus dem zunehmenden Einfluss externer Stakeholder im Zuge der Etablierung von Hochschulräten (De Boer 1998a; Maassen 2002; Mayntz 2002; Rytmeister/Marshall 2007; Hüther 2009). Ungeachtet der sehr unterschiedlichen Zusammensetzungen, Wahlmodi und Aufgaben von Hochschulräten sind diese zumeist mit der „strategischen Ausrichtung“ der Hochschule betraut und durch ihre Kontrolle der mit der Hochschulleitung beauftragten Gremien auch in zunehmendem Maße an wichtigen Personalund Ressourcenentscheidungen der Hochschule beteiligt.

Dass mit dem Wandel auf der Ebene der Hochschulleitungsund Verwaltungsorganisation auch Veränderungen im Verhältnis zwischen Fachbereichen und Gesamtorganisation einhergehen, zeigen Arbeiten, die sich mit der Situation der Fachbereichsleitungen beschäftigen (Briggs 2001; Hancock/Hellawell 2003; Clegg/McAuley 2005; De Boer/Goedegebuure 2009; Meek et al. 2010; Scholkmann 2011). Die Fachbereichsebene wird in der anglo-amerikanischen Hochschulforschung als akademisches „middle-management“ verstanden (Meek et al. 2010; Hancock/Hellawell 2003). In den anglo-amerikanischen Hochschulsystemen, den Niederlanden, den skandinavischen Ländern, aber auch an einigen Hochschulen in Deutschland wird dabei die Etablierung eines Leitungsmodells beobachtet, das Dekane zunehmend in die Hochschulleitung einbezieht. Diese müssen nunmehr nicht nur von den Fakultäten gewählt, sondern auch von der Hochschulleitung bestätigt werden. Diese Entwicklung impliziert nicht nur eine stärkere Integration der Hochschulorganisation, sondern auch eine Veränderung des formalen Verhältnisses zwischen den Dekanen und ihren Peers (Amaral et al. 2002: 288).

Einige Studien fragen auch nach den Implikationen der ManagementReformen für die Arbeit und Struktur der akademischen Selbstverwaltung (De Boer 1998; Langer 2006; Mignot Gerard 2003). Es wird konstatiert, dass mit der Hierarchisierung von Entscheidungsstrukturen und der Stärkung der Hochschulleitungen eine Verkleinerung der akademischen Gremien und veränderte Wahlmechanismen korrespondieren, die einen Verlust an Entscheidungskompetenzen der dezentralen Entscheidungsgremien implizieren. Jedoch wird auch festgestellt, dass der Wandel auf der Leitungsund Entscheidungsebene durch noch stärker informell agierende kollegiale Gremienpolitik überlagert wird (Musselin/Mignot Gerard 2002). So zeigt Mignot Gerard (2003) auf der Basis einer umfassenden Studie zu den französischen Universitäten, dass die Stärkung und Reorganisation der Hochschulleitungen keineswegs per se zu einer Schwächung, sondern zu einer veränderten Rolle der akademischen Gremien als Kontrollinstanz geführt hat.

Die Organisation und die Mitarbeiter der Hochschulverwaltungen sind in der vergleichenden Hochschulforschung bislang nur selten Gegenstand der Forschung gewesen (Rosser 2004: 317; Banscherus et al. 2009: 5). Eine wachsende Reihe an Beiträgen macht jedoch darauf aufmerksam, dass der Wandel der Leitungsund Verwaltungsorganisation an europäischen Hochschulen auch mit Reorganisationsprozessen und der Professionalisierung der administrativen Supportstrukturen einhergeht (Rhoades/Sporn 2002; Gumport/Sporn 1999; Gornitzka/Larsen 2004; Krücken et al. 2010; Whitchurch 2004, 2008; Zellweger Moser/Bachmann 2010; Schneijderberg/Merkator 2013). Die vormals für die Umsetzung von Entscheidungen konfigurierten Abteilungen der Hochschulverwaltung werden dabei zunehmend durch Organisationseinheiten ergänzt, die mit der Entwicklung von Managementinstrumenten, der Beratung von Wissenschaftlern und der Interaktion mit externen Stakeholdern der Hochschulen beauftragt sind (Whitchurch 2008; Zellweger Moser/Bachmann 2010). Daher verweisen einige Arbeiten auf eine Ausdifferenzierung administrativer Organisationseinheiten durch die Etablierung neuer und nicht unmittelbar zur RoutineAdministration gehörender Managementpositionen zwischen Hochschulverwaltung und akademischer Selbstverwaltung, wie z.B. Studienprogrammentwicklung, Studierendenberatung, Qualitätssicherung oder Technologietransfer (Whitchurch 2008; Krücken et al. 2010; Schneijderberg/Merkator 2013). Die etablierten Organisationsstrukturen der Hochschulverwaltung werden damit von fluideren institutionellen Strukturen überlagert und führen zu einer Auflösung der internen und externen Grenzziehungen der Hochschulorganisation (Whitchurch 2008). Dass sich mit dieser Zunahme von Aufgaben und Organisationsbereichen der so reorganisierten Hochschulverwaltung auch Rekonfigurationsprozesse des Hochschulpersonals verbinden, zeigen Studien, die sich empirisch mit der Entwicklung von wissenschaftlichem und administrativem Personal beschäftigen (Rhoades/Sporn 2002; Gornitzka/Larsen 2004; Blümel et al. 2010). Sowohl der Ausbau der Leitungsstrukturen als auch die Veränderungen der Verwaltungsorganisation deuten demnach auf eine Entwicklung hin, die eine stärkere Integration von bis dato eher getrennten akademischen und administrativen Organisationsund Entscheidungsbereichen zu einer stärker managerial konfigurierten Leitungsund Verwaltungsorganisation zur Folge hat. So konstatieren Reed et al. (2002: xix)

„This 'De-differentiation' of previously separate and autonomous institutional spheres within higher education can be interpreted as a strategic and operational response to the continuous political demand for more integrative, efficient and effective managerial control within a sector well-known for its profligacy, indulgency an inertia.“

Auch in Bezug auf den deutschen Hochschulsektor wurden die Konfiguration und Veränderungen der Leitungsorganisation auf der institutionellen Ebene von Hochschulen in den letzten Jahren vermehrt zum Gegenstand der sozialwissenschaftlichen Hochschulforschung (Nickel 2007; Röbken 2006, 2006a; Hüther 2010; Bogumil/Heinze 2009; Scholkmann 2011; Kleimann/Bieletzki 2010). Mit der Deregulierung der Organisationsbestimmungen im HRG 1998 sind weitreichende Reformen der Organisation der Hochschulleitungsstrukturen in Gang gesetzt worden. Dabei ist auch die Zusammensetzung und das Kompetenzgefüge der Hochschulleitung sowie die Rekrutierung von Leitungsmitgliedern an vielen Hochschulen in Bewegung geraten.

Nullmeier (2001) kennzeichnet unterschiedliche Dimensionen der Professionalisierung von Leitungsstrukturen: die Verberuflichung, Qualifizierung, Spezialisierung, Verwissenschaftlichung sowie die Steigerung der Attraktivität von Leitungspositionen. Hierzu gehören u.a. die Veränderungen der Auswahl von Hochschulleitungsmitgliedern und die Verlängerung der festgelegten Amtszeiten. Durch die Integration weiterer hauptamtlicher Vizepräsidenten/innen bzw. Rektoren/innen und die Einführung des Ressortprinzips kommt es zu einer Erweiterung und stärker nach Aufgabenverantwortlichkeiten differenzierten Hochschulleitung (Müller-Böling/Fedrowitz 1998; Knauff 2007, 2008; Sandberger 2011).

Auf der Basis einer Analyse der Landeshochschulgesetze (LHG) zeigt Otto Hüther (2010), dass es im Hinblick auf die Zusammensetzung, Rekrutierung sowie Entscheidungsund Sanktionspotentiale der Hochschulleitung zu deutlichen Verschiebungen und einer stärkeren Hierarchisierung der Leitungsund Verwaltungsorganisation gekommen ist. Besonders deutlich wird dies an der Stärkung der zentralen Hochschulleitung gegenüber den Professoren und der akademischen Selbstverwaltung (Hüther 2010: 430). In den formalen Bestimmungen der LHG finden sich jedoch auch zahlreiche Aspekte, die als eine stärkere Differenzierung der Leitungsund Entscheidungsorganisation an Hochschulen in Deutschland verstanden werden können.

Ferner gingen mit der Novellelierung der LHG auch Veränderungen der Stellung des Kanzlers einher, die in Beiträgen aus Sicht des Hochschulund Verfassungsrechts erörtert wurden (Neese 1999; Horst/Bußmann 2003; Horst/Neyses 2007; Knauff 2007; Battis 2009; Knopp 2010; Franke 2010). Zwei Aspekte werden in diesen rechtswissenschaftlichen Beiträgen besonders ausführlich diskutiert: zum einen die Implikationen der sich aus den Reformen der LHG ergebenden Veränderungen für die Stellung und Kompetenzen für den Kanzler und zum anderen die sich aus der zunehmenden Befristung der Amtszeit des Kanzlers ergebenden dienstrechtlichen Implikationen. In einigen Bundesländern ist das Amt des Hochschulkanzlers vor dem Hintergrund einer formalen Ressortaufteilung der Hochschulleitung in ein neu eingeführtes Amt des hauptamtlichen Vizepräsidenten für Finanzen und Personal übergegangen (Neese 1999; Knauff 2007). Daher fragen einige Beiträge zugespitzt, inwiefern die Funktion des Hochschulkanzlers in einer neu strukturierten Leitungsorganisation zum „Auslaufmodell“ geworden ist (Battis 2009). Darüber hinaus gibt es jedoch zum Amt des Kanzlers und zu den Implikationen des Organisationswandels an Hochschulen für die Verwaltungsleitung bislang keine umfassenderen sozialwissenschaftlichen Analysen. Dies korrespondiert mit der generellen Beobachtung dieses Überblicks zum Forschungsstand, dass die formalen Strukturen der Hochschulverwaltungsorganisation bisher nur sehr selten Gegenstand der Hochschulforschung in Deutschland gewesen sind.

 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften