Somatosensorisches System und Assoziationscortex

Die somatosensorischen Signale werden letztendlich zu der höchsten Ebene der somatosensorischen Hierarchie weitergeleitet, Gebiete des Assoziationscortex im präfrontalen Cortex und im posterioren Parietalcortex. Der posteriore Parietalcortex beinhaltet bimodale Neurone, die auf somatosensorische und visuelle Reize reagieren (siehe Rosenblum, 2013). Die visuellen und somatosensorischen rezeptiven Felder jedes dieser Neurone stehen in einer räumlichen Beziehung. Wenn beispielsweise das somatosensorische rezeptive Feld des Neurons auf der linken Hand liegt, dann grenzt das visuelle Feld dieses Neurons daran an. Bemerkenswert ist, dass sich, wenn die Hand bewegt wird, das visuelle rezeptive Feld des Neurons mitbewegt. Diese bimodalen Neurone haben Schendel und Robertson (2004) zu der folgenden interessanten Fallstudie motiviert.

Der Fall von W. M., der sein Skotom mit der Hand reduzierte

W. M. erlitt einen Schlaganfall in der rechten posterioren Zerebralarterie. Der Schlaganfall betraf große Gebiete des rechten Occipital- und Parietallappens und bedingte eine schwere linksseitige Hemianopsie (halbseitiges Skotom, halbseitiger Gesichtsfeldausfall). Wenn W. M. untersucht wurde, während er seine linke Hand im Schoß liegen hatte, konnte er 97,8 % der Reize im rechten Gesichtsfeld und nur 13,6 % der Reize im Unken Gesichtsfeld sehen. Wenn er jedoch untersucht wurde, während er seine linke Hand in sein linkes Gesichtsfeld ausstreckte. verbesserte sich seine Entdeckungsleistung un linken Gesichtsfeld signifikant.

Weitere Analysen erbrachten, dass diese verbesserte Leistung darauf zurückzuführen war, dass W. M- vor allem Objekte im linken Gesichtsfeld in der Nähe seiner linken Hand deutlich verbessert erkennen konnte. Bemerkenswert ist, dass dieses Gebiet mit verbesserter Sehleistung um seine linke Hand sogar erweittf werden konnte, wenn er einen Tennisschläger in sei ner linken Hand hielt.

Somatosensorische Agnosie

Es gibt zwei Hauptarten der somatosensorischen Agnosie: die Astereognosie, die Unfähigkeit, Objekte durch Berührung zu erkennen, und die Asomatognosie, die Unfähigkeit, Teile des eigenen Körpers zu erkennen. Fälle reiner Astereognosie - also ohne einfache sensorische Defizite - sind selten (Corkin, Milner & Rasmussen, 1970). Die Asomatognosie ist gewöhnlich unilateral, betrifft nur die linke Körperseite und ist gewöhnlich mit einer großflächigen Schädigung des rechten temporalen posterioren Parietallappens verknüpft (Feinberg et al., 2010). Der Fall von Tante Betty (Kiawans, 1990) ist ein Beispiel (siehe unten).

Eine Asomatognosie geht oft, wie im Fall von Tante Betty, mit einer Anosognosie einher, der Unfähigkeit neuropsychologischer Patienten, ihre eigenen Symptome zu erkennen. Tatsächlich ist Anosognosie ein häufiges Symptom vieler neurologischer Erkrankungen, d. h., viele neurologische Patienten mit schweren Verhaltensproblemen denken, dass ihr Verhalten eigentlich unproblematisch ist.

Die Asomatognosie ist häufig Teil eines kontralateralen Neglects, der sich darin zeigt, dass der Patient nicht auf Reize, die kontralateral zu einer rechtshemisphärischen Verletzung präsentiert werden, reagiert (siehe Kapitel 8 zum kontralateralen Neglect).

 
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