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3 Hochschulorganisation und institutioneller Wandel

Hochschulen sind die dominierende Organisationsform staatlich finanzierter Wissenschaftsproduktion und fungieren auch gesellschaftlich als Schlüsselinstitutionen (Frank/Meyer 2007: 28; Parsons 1971: 244) [1]. Ungeachtet einer Vielfalt nationaler Modelle im Hinblick auf Rechtsformen, Finanzierung und Aufgabendifferenzierung rekurrieren Hochschulen weltweit auf universale akademische Organisationsprinzipien (Clark 1972). Die Entscheidungsprozesse an den Hochschulen sind dabei sowohl durch den Modus kollegialer Selbstregulierung geprägt als auch durch das bürokratische Organisationsprinzip beeinflusst (Mintzberg 1979). Nicht zuletzt diese Besonderheiten haben Hochschulen als Organisationen zu einem zentralen Gegenstand in der sozialwissenschaftlichen Governanceund Organisationsforschung avancieren lassen (vgl. Kezar/Eckel 2004; Brown et al. 2010).

In der klassischen Organisationsforschung sind Hochschulen u.a. als „organisierte Anarchien“ (Cohen et al. 1972), „lose gekoppelte“ (Weick 1976) oder „professionelle“ (Mintzberg 1979) Organisationen konzeptualisiert worden. Solche aus der empirischen und theoretischen Beschäftigung mit der Konfiguration, Entscheidungspraxis und den Arbeitsbedingungen resultierenden Beschreibungen machen deutlich, dass es sich bei Hochschulen um „spezifische“ Organisationen handelt, die sich von anderen Organisationstypen, insbesondere von korporativen Organisationen deutlich unterscheiden (Musselin 2007).

Neuere Beiträge in der Organisationsforschung argumentierten jedoch, dass die in nahezu allen OECD-Ländern beobachtbaren Veränderungen der Hochschulorganisation eine Entwicklung hin zu strategischen, rationalisierten, vollständigen oder agenthaften Organisationen implizieren könnte (Brunsson/SahlinAnderson 2000; Krücken/Meier 2006; Whitley 2008, 2012; Ramirez 2006; Meier 2009; De Boer et al. 2007a). Die Entwicklung formaler Entscheidungsstrukturen und der Ausbau differenzierter Leitungsund Managementrollen an Hochschulen werden in diesen Beiträgen als ein wichtiges Element für die Herausbildung agenthafter und vollständiger Organisationen gesehen. Doch wie wird dieser institutionelle Wandel konzeptionell begründet? Wie lässt sich am Beispiel der Verwaltungsleitung die Entwicklung von Hochschulen zu vollständigen oder agenthaften Organisationen aus organisationstheoretischer Sicht plausibilisieren? Anknüpfend an eine kurze Charakterisierung der spezifischen Elemente und unterschiedlichen Typologisierungen von Hochschulen in der klassischen Organisationsforschung ist es Ziel dieses Kapitels, Konzeptionen zur

„Organisationswerdung“ von Hochschulen zu diskutieren und anhand des Konzepts institutioneller Logiken einen Analyserahmen für institutionellen Wandel der Hochschulorganisation zu entwickeln.

Die Diskussion der Beiträge macht deutlich, dass sich mit der These von Hochschulen als strategischen, vollständigen oder agenthaften Organisationen durchaus divergierende theoretische Perspektiven verbinden, bei denen sich grob zwei alternative Lesarten für Wandel unterscheiden lassen: einerseits ein konfigurativer Ansatz, der die Entwicklung strategischer bzw. korporativer Organisationen ähnlich wie in anderen Bereichen des öffentlichen Sektors auf Anpassungsprozesse und auf die Rekonfiguration von Entscheidungsrechten und Formalstrukturen bezieht; andererseits ein institutionalistischer Ansatz, der institutionellen Wandel der Hochschulorganisation als einen (Re)Konstruktionsprozess gesellschaftlicher Zuschreibungen und Akteurswerdung als ein global diffundierendes „script“ für die Hochschulorganisation versteht.

Die Diskussion der Konzepte legt jedoch nahe, dass zur Analyse institutionellen Wandels der Hochschulorganisation auf der gesellschaftlichen und der organisationsstrukturellen Ebene ein Zusammendenken beider Perspektiven notwendig ist. Zudem kann davon ausgegangen werden, dass der institutionelle Wandel eines Archetypus (Greenwood/Hinnings 1993; Kirkpatrick/Ackroyd 2003) angesichts der durch die organisationstheoretische Forschung herausgearbeiteten spezifischen Funktionsweise und der institutionellen Einbettung von Hochschulen Ungleichzeitigkeiten und hybride Konstellationen impliziert.

Daher wird für die Analyse institutionellen Wandels der Hochschulorganisation an deutschen Hochschulen auf das Konzept „institutioneller Logiken“ (Thornton/Ocasio 2008; Thornton et al. 2012) aus dem organisationssoziologischen Neoinstitutionalismus als Forschungsheuristik zurückgegriffen, deren zentrale Annahmen es zunächst zu klären gilt. Dabei wird herausgearbeitet, dass institutionelle Logiken als gesellschaftlich konstruierte Legitimitätsansprüche innerhalb eines organisationalen Feldes verstanden werden können, so ist z.B. die moderne Hochschulorganisation mit spezifischen formalen Organisationsmodellen, kulturellen Symbolen und Identitäten verbunden (Thornton et al. 2012: 2). Der Rekurs auf das Konzept der institutionellen Logiken impliziert insofern eine auf das Organisationsfeld der Hochschulen bezogene Analyse der gesellschaftlichen Zuschreibungen an die Hochschulorganisation sowie deren Institutionalisierung in formalen Strukturen und Organisationspraktiken. Aufbauend auf diesem Konzept wird daher argumentiert, dass sich institutioneller Wandel der Hochschulorganisation als Übergang von einer akademischbürokratischen Logik der Hochschulverwaltung zu einer postbürokratischen Logik des Hochschulmanagements verstehen lässt. Am Schluss des Kapitels erfolgt eine idealtypische Gegenüberstellung beider institutionellen Logiken am Beispiel der Verwaltungsleitung und den damit korrespondierenden Elementen.

  • [1] „Hochschule“ wird unter Verweis auf die zumeist indifferente Verwendung von „universities“ in der englischsprachigen Literatur hier als Oberbegriff sowohl für forschungsstarke Universitäten als auch ähnlich wissenschaftlich orientierte tertiäre Bildungseinrichtungen verwendet. Dies gilt wohl wissend, dass sich damit in den jeweiligen Ländern sowie zwischen Hochschultypen vielfältige Differenzen im Hinblick auf die Organisation und Fokussierung auf unterschiedliche Bereiche in Forschung und Lehre verbinden
 
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