Drei sensomotorische Funktionsprinzipien

Bevor wir zu den Details des sensomotorischen Systems kommen, lassen Sie uns die drei sensomotorischen Funktionsprinzipien, die am Beispiel von Rhonelle eingeführt wurden, näher betrachten. Sie werden diese Prinzipien besser verstehen, wenn sie erkennen, dass diese auch die Arbeitsvorgänge einer jeden größeren effizienten Firma bestimmen - vielleicht, weil dies auch Systeme sind, die Output steuern und sich in einer kompetitiven Umwelt entwickelt haben. Diese Metapher kann Ihnen helfen, die Organisationsprinzipien des sensomotorischen Systems zu verstehen - und Metaphern helfen vielen Wissenschaftler dabei, über ihren Forschungsgegenstand kreativ nachzudenken.

Das sensomotorische System ist hierarchisch organisiert

Das sensomotorische System wird genau wie eine große, effiziente Firma durch Befehle gesteuert, die kaskadenartig die Hierarchieebenen nach unten laufen (siehe Graziano, 2009) - vom Assoziationscortex bzw.

dem Generaldirektor (der höchsten Ebene) zu den Muskeln oder Arbeitern (der niedrigsten Ebenen). Wie die Anordnungen, die vom Büro eines Generaldirektors ausgegeben werden, geben die Befehle des Assoziationscortex eher allgemeine Ziele als spezifische Handlungspläne vor. Weder der Assoziationscortex noch der Generaldirektor beschäftigen sich routinemäßig mit Details. Der Hauptvorteil dieser hierarchischen Organisation besteht darin, dass die höheren Ebenen der Hierarchie die Freiheit haben, komplexere Funktionen zu verrichten.

Das sensomotorische System und auch eine große effiziente Firma sind parallel organisierte, hierarchi-

Der Fall von Rhonelle, der rechtshändigen Kassiererin

Ich war von der Komplexität selbst der einfachsten Bewegungen von Rhonelle sehr beeindruckt. Während sie geschickt eine Tüte Tomaten auf die Waage legte, vollzogen sich in beinahe jedem Teil ihres Körpers koordinierte Anpassungsbewegungen. Zusätzlich zu den offensichtlichen Finger-, Hand-, Arm- und Schulterbewegungen verfolgten koordinierte Bewegungen des Kopfes und der Augen die Handbewegung zu den Tomaten. Außerdem vollzogen die Muskeln ihrer Füße, ihrer Beine, ihres Rumpfs und des anderen Arms Ausgleichsbewegungen, um das Gleichgewicht zu halten. Die Genauigkeit dieser Reaktionen wies darauf hin, dass sie zumindest teilweise durch die visuellen, somatosensori-schen und vestibulären Voränderungsmuster gesteuert wurden, die sie erzeugten. Die Bezeichnung sensomotorisch in der Überschrift dieses Kapitels betont den entscheidenden Beitrag des sensorischen Inputs für die Steuerung des motorischen Outputs.

Während Rhonelle mit ihrer linken Hand nach meinen Einkäufen griff, tippte sie mit der Rechten die Preise ein und scherzte gleichzeitig mit Rick, einem Kollegen. Ich war fasziniert davon, wie wenig von dem, was Rhonelle tat, unter ihrer bewussten Kontrolle zu stehen schien. Sie entschied ganz selbstverständlich, welche Artikel sie aufhob und wo sie diese hinstellte, ohne dass sie darüber nachzudenken schien, wie sie ihre Entscheidungen realisierte. Jede ihrer Reaktionen hätte von einer unendlichen Zahl an unterschiedlichen Kombinationen von Finger-, Handgelenk-, Ellbogen-, Schulter- und Körperbewegungen erzeugt werden können, und davon wählte sie irgendwie unbewusst eine aus. Übergeordnete Komponenten ihres sensomotorischen Systems - vielleicht ihr Cortex - schienen bewusste allgemeine Kommandos an die anderen Teile des Systems auszugeben, die dann unbewusst ein spezifisches Muster muskulärer Reaktionen zur Ausführung erzeugten.

Die Automatizität von Rhonelles Handlungen war nicht zu vergleichen mit den mühsamen, anstrengenden Bewegungen während ihrer ersten Tage an der Kasse. Irgendwie hat die Erfahrung die einzelnen Bewegungen zu reibungslosen Sequenzen integriert und damit einhergehend schien die Kontrolle ihrer Bewegungen von einem Modus mit bewusster Anstrengung auf einen ohne bewusste Kontrolle übertragen worden zu sein.

Plötzlich riss mich eine Stimme aus meiner Versunkenheit. „Entschuldigen Sie bitte, das macht 18,65 sagte Rhonelle mit einem Anflug von Vergnügen, weil sie mich beim Tagträumen erwischt hatte. Ich zahlte schnell meine Rechnung, murmelte „Dankeschön" und hastete aus dem Lebensmittelmarkt.

sehe Systeme, was bedeutet, dass die Signale zwischen den Ebenen über mehrere Bahnen fließen (siehe Cisek & Kalaska, 2010). Dieser parallele Aufbau ermöglicht es dem Assoziationscortex bzw. dem Generaldirektor, niedrigere Hierarchieebenen über mehr als einen Weg zu kontrollieren. Zum Beispiel könnte der Assoziationscortex direkt einen Lidschlussreflex hemmen, um das Einsetzen einer Kontaktlinse zu ermöglichen, so wie ein Generaldirektor eine Lieferung an einen wichtigen Kunden persönlich organisieren könnte.

Sensomotorische und Firmenhierarchien sind auch durch eine funktionelle Trennung charakterisiert. Das heißt, jede Ebene einer sensomotorischen bzw. einer Firmenhierarchie besteht normalerweise aus unterschiedlichen Einheiten (neuronalen Strukturen oder Abteilungen), von denen jede eine unterschiedliche Funktion erfüllt.

Zusammengefasst kann man sagen, dass das sensomotorische System - ebenso wie die in Kapitel 7 besprochenen sensorischen Systeme - ein paralleles, funktionell getrenntes, hierarchisches System ist. Der Hauptunterschied zwischen den sensorischen Systemen und dem sensomotorischen System besteht in der Hauptrichtung des Informationsflusses. In sensorischen Systemen verläuft der Informationsfluss hauptsächlich die Hierarchie hinauf, im sensomotorischen System verläuft der Informationsfluss hauptsächlich die Hierarchie nach unten.

 
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