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3.1 Hochschulen in der Organisationsforschung

Zur Analyse der Besonderheiten der Hochschule als Organisation und ihres Wandels greifen hochschulsoziologische Arbeiten auf einen mittlerweile breiten Kanon theoretischer Konzepte aus der Organisationsforschung und Entscheidungstheorie zurück (Musselin 2007: 64ff; Kezar/Eckel 2004). Einschlägige Einführungen verweisen dahingehend auf unterschiedliche Phasen, Traditionen bzw. Paradigmen der theoretischen Konzeptualisierung der Organisation der Hochschulen (Peterson 2007; Kehm 2012): das „kollegiale Organisationsmodell“ (Millett 1962), das „politische Organisationsmodell“ (Baldridge 1971), das „bürokratisch-professionelle Organisationsmodell“ (Mintzberg 1979) oder das anarchische Organisationsmodell“ (Cohen/March 1986). Mit der Herausstellung spezifischer Funktionsweisen und Organisationsstrukturen in diesen organisationstheoretischen Beiträgen wurden Hochschulen jeweils als Paradebeispiel für einen „spezifischen“ Organisationstypus konzeptualisiert (Musselin 2007). Ohne Anspruch auf Vollständigkeit lassen sich die in der klassischen Organisationsforschung entwickelten zentralen Charakteristika der Hochschulorganisation im Hinblick auf den hier relevanten Aspekt der Formalund Entscheidungsstrukturen wie folgt zusammenfassen.

Als besonderes Charakteristikum von Hochschulen als „professionellen Bürokratien“ (Mintzberg 1979) und „lose gekoppelten Organisationen“ (Weick 1976) ist deren dezentrale Konfiguration sowie die geringe Durchgriffsstärke der Organisationsspitze von Hochschulen betont worden (Mintzberg 1979a: 58). Ein wesentlicher Grund hierfür wurde in der im Vergleich mit anderen Organisationen hohen Autonomie der Wissenschaftler als Organisationsmitglieder und den wissenschaftlichen Gemeinschaften als „Produzenten“ gesehen. Koordination und Entscheidungen über wichtige Aspekte in Lehre und Forschung in der wissenschaftlichen Profession vollziehen sich an Hochschulen im Wesentlichen auf der dezentralen Ebene der Fachbereiche bzw. entlang distinkter intellektueller Fachgemeinschaften (Whitley 1984: 21ff.). Aus dieser charakteristischen „Bodenschwere“ der Hochschulorganisation (Mintzberg 1979: 59) resultiert eine breite Verteilung der Organisationsgewalt und weitgehende Einschränkung bei der Durchsetzung gesamtorganisatorischer Entscheidungen. Weick argumentiert, dass gerade die hohe Dezentralisierung und damit verbundene lose Kopplung zwischen den Organisationsbereichen der Hochschule die notwendige Flexibilität verleiht, um mit Veränderungen in der Umwelt angemessen umgehen zu können (Weick 1976: 4). Die Schwierigkeit der Durchsetzbarkeit von Entscheidungen – insbesondere an Hochschulen in Deutschland – ergibt sich insbesondere auch aus der besonderen Konstellation der Beschäftigungsbedingungen (Hüther/Krücken 2011), denn Professoren entscheiden weitestgehend selbst über die Rekrutierung von Wissenschaftlern sowie die Berufung von Professoren und stehen in einem nur sehr eingeschränkt weisungsgebundenen Verhältnis zur Hochschulleitung.

Als weiteres zentrales Charakteristikum der Hochschulorganisation verweisen Beiträge aus der Organisationsforschung auf das komplexe Verhältnis zwischen Hochschulen als Institutionen und ihrer Umwelt. So wird argumentiert, dass Universitäten als gesellschaftliche Schlüsselinstitutionen durch eine umfassende Einbettung in unterschiedliche institutionelle Umwelten und Erwartungskontexte charakterisiert sind (Meyer/Rowan 1977; Frank/Meyer 2007). Im Hinblick auf die Zunahme gesellschaftspolitischer Erwartungen können Hochschulen zugespitzt formuliert als „festgefahrene Gemischtwarenläden“ verstanden werden (Schimank 2001), die mit immer neuen, unterschiedlichen organisatorischen sowie kulturellen Erwartungen und multiplen Zielsystemen umgehen müssen. Diese Einbindung in unterschiedliche institutionelle Umwelten und komplexe gesellschaftliche Erwartungskontexte (Dill/Sporn 1995; Sporn 1999) hat sich im Rahmen der Modernisierungsbemühungen des Hochschulsektors durch das Hinzukommen neuer Akteure und Netzwerkverbindungen eher noch verstärkt (Bleiklie et al. 2011). Dies erschwert sowohl die für formale Organisationen wichtige klare organisatorische Grenzziehung als auch die Entwicklung übergreifender gesamtorganisatorischer Ziele. Zudem wird unter Verweis auf systemtheoretische Ansätze argumentiert, dass Hochschulen mit Bildung und Wissenschaft zu zwei unterschiedlichen gesellschaftlichen Funktionsbzw. Teilsystemen gleichzeitig gehören (Stichweh 1994: 174ff., 2004: 2). Insofern rekurrieren Hochschulen und ihre Leitungsmitglieder auf unterschiedliche kommunikative Codes, um heterogenen und bisweilen konfligierenden Missionen oder Zielen zu entsprechen.

Aufgrund dieser auch in empirischen Untersuchungen herausgearbeiteten Zielambiguitäten und -unsicherheiten als einem zentralen Merkmal der Hochschulorganisation hat die entscheidungstheoretische Organisationsforschung Hochschulen als „organisationale Anarchien“ konzeptualisiert (Cohen et al. 1972; Cohen/March 1986). Es wird argumentiert, dass angesichts der Fluktuation und des unvollkommenen Wissens über die jeweiligen Arbeitskontexte und Umweltbedingungen – sowohl auf Seiten der Administration als auch auf Seiten der an der Selbstverwaltung beteiligten Wissenschaftler – Entscheidungsprozesse innerhalb der Hochschule kaum einer rationalen Vorgehensweise folgen, sondern eher zufällig getroffen werden (Cohen et al. 1972: 16).

Aus organisationstypologischer Perspektive wird auch auf die ambivalente Verortung von Hochschulen als „hybriden Organisationen“ hingewiesen, die sich als „Interessenorganisationen“ und als „Mitgliedsorganisationen“ verstehen lassen (Zechlin 2012). Im Hinblick auf ihre Leitung und Binnenorganisation verbinden Hochschulen nämlich sowohl Elemente der durch interne Mitgliedsinteressen bestimmten und daher bottom-up strukturierten Organisationsformen von „Mitgliedschaftsorganisationen“ (wie z.B. Parteien oder Sportvereinen) als auch Elemente der durch externe Ansprüche determinierten und damit top-down strukturierten Organisationsform von „Arbeitsorganisationen“ (wie z.B. Betrieben oder öffentlichen Verwaltungen). Zudem werden durch die starke Stellung der akademischen Selbstverwaltung und die in vielen kontinentaleuropäischen Ländern umfassende staatliche Regulierung des Hochschulsektors zentrale Aspekte der Finanzierung, Infrastruktur und des Hochschulpersonals nicht durch die Organisation bzw. deren Leitung entschieden (Schimank 2001).

Deutlich wird in dieser kurzen Zusammenschau organisationstheoretischer Betrachtungsweisen, dass Hochschulen zumeist als Organisationen ohne Zentrum und Spitze verstanden worden sind (Krücken/Röbken 2009: 340). Es wird argumentiert, dass Hochschulen als Institutionen kaum als steuernde Akteure agieren – weder gegenüber ihren professoralen Mitgliedern noch gegenüber den Fachkollegien oder dem Staat (Clark 1983: 140). Damit ergeben sich deutliche Unterschiede zwischen Hochschulen und anderen, vertikal stärker integrierten und hierarchisch strukturierten Organisationen, wie Großunternehmen oder Staatsbürokratien (Krücken 2006: 12). So verwundert es kaum, dass der Struktur und Funktionsweise von Leitung und Verwaltung in den klassischen organisationstheoretischen Konzeptualisierungen von Hochschulen kaum eine wichtige Rolle beigemessen wurde.

Angesichts der Veränderungen der Governance im Hochschulund Wissenschaftssektor und der damit einhergehenden Transformationsprozesse auf der institutionellen Ebene der Organisation und Leitung von Hochschulen argumentieren aber einige Autoren, dass sich Hochschulen als soziale Institutionen oder spezifische Organisationstypen in vieler Hinsicht korporativen Organisationen als emergenten Organisationsformen annähern (Meier/Schimank 2010; Gumport 2000: 73; Engwall 2008). Hochschulen, so die These einiger Beiträge, würden sich ähnlich wie andere Organisationen des öffentlichen Sektors zunehmend zu vollständigen, strategischen oder agenthaften Organisationen entwickeln (Brunsson/Sahlin-Andersson 2000; Krücken/Meier 2006; Ramirez 2006; De Boer et al. 2007a; Whitley 2008; Meier 2009). Damit werden zentrale Charakteristika der oben angeführten Konzeptualisierungen der Hochschule als Institution zumindest in Frage gestellt (Wilkesmann/Schmid 2012). Indem die meisten Beiträge in „rationalisierten“ Entscheidungsund hierarchisierten Leitungsstrukturen mit klaren organisatorischen Grenzen sowie „professionellem“ Führungspersonal wichtige Indizien für eine Entwicklung von Hochschulen zu v. Organisationen sehen (Brunsson/Sahlin-Andersson 2000: 727; Krücken/Meier 2006: 251), wird dabei offensichtlich ein wichtiger Zusammenhang zwischen Organisationswerdung und den Veränderungen der formalen Struktur der Organisationsleitung gesehen. Doch was sind die zentralen Erklärungen und Konzepte für diesen Transformationsprozess der Hochschule als strategischer, vollständiger oder agenthafter Organisation?

 
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