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3.2 Hochschulen als Organisationen

Wie die Verwendung unterschiedlicher Labels und Umschreibungen der Organisationswerdung schon erahnen lässt, verbergen sich hinter der These der Hochschule als „strategischer“, „vollständiger“ oder „agenthafter“ Organisation durchaus unterschiedliche Lesarten. Dabei rekurrieren die Autoren auf unterschiedliche theoretische Zugänge in ihrer Beschäftigung mit Organisationen. Grob lassen sich dabei in der Literatur zwei alternative Lesarten unterscheiden: ein konfigurativer Ansatz sowie ein neoinstitutionalistischer Ansatz der „Organisationswerdung“ von Hochschulen. Um die feinen Unterschiede dieser Lesarten der Organisationswerdung von Hochschulen herauszuarbeiten, wird die Argumentation einzelner Beiträge im Folgenden kurz vorgestellt und dabei jeweils nach der damit verbundenen Konzeptualisierung von Wandel gefragt.

3.2.1 Konfigurativer Ansatz: Hochschulen als korporative oder strategische Akteure

Einige Beiträge im Bereich der mit Hochschulen befassten Wissenschaftsund Organisationsforschung gehen der Frage nach, inwiefern mit den Reformen im Wissenschaftsund Hochschulsystem in den meisten OECD-Ländern eine Entwicklung zu „korporativen“ oder „strategischen“ Organisationen“ korrespondiert (Braun 1999; Whitley 2008, 2012; Engwall 2008). Wie die folgende Diskussion dieser Beiträge zeigt, wird Organisationswerdung in dieser Lesart auf die Übertragung und Entwicklung wirtschaftlicher, personeller und strategischer Verfügungsrechte sowie eigenständiger Formalstrukturen bezogen. Damit verbindet sich ein situativ-funktionales Verständnis organisationalen Wandels, bei dem die Entwicklung von Hochschulen zu Organisationen als Rekonfiguration organisationaler Verfügungsrechte und Entscheidungsstrukturen verstanden wird.

Anhand einer Analyse der Veränderungen der staatlichen Regulierung in den europäischen Hochschulsystemen argumentiert Dietmar Braun, dass die Umsetzung der Managementreformen auf eine Entwicklung von Hochschulen als korporativen Akteuren hinauslaufe (Braun 1999: 240). Es wird deutlich gemacht, dass im Zentrum des organisatorischen Wandels der Hochschulorganisation deren formal-organisatorische Abkopplung von professionellen Selbstorganisationsprinzipien sowie staatlicher Planungsbürokratie stehe. Damit verbinde sich das Bemühen, durch die Einführung unterschiedlicher Instrumente und Formalstrukturen an Hochschulen die Entwicklung „kohärenter Zielsysteme“ herbeizuführen (Braun 1999: 253). Der Staat behalte dabei zwar die Entscheidungsmacht über die universitären Rahmenziele, jedoch würde der Hochschulleitung in vielen Hochschulsystemen zunehmend eine weitergehende Gestaltungshoheit für deren Umsetzung eingeräumt. Braun argumentiert, dass Hochschulen – insbesondere den Hochschulleitungen – damit zunehmend „strategische Kompetenzen zweiter Ordnung“ sowohl über Inhalte als auch Ressourcen zugewiesen werden (Braun 1999: 254). Daher handele es sich bei den Reformen der Leitungsund Entscheidungsprozesse z.B. an den Hochschulen in Deutschland und der Schweiz keineswegs um punktuelle Anstrengungen zur Verbesserung der Organisationsstrukturen, wie es sie seit den sechziger Jahren immer wieder gegeben hat. Vielmehr ziele dieser in Gang gesetzte Wandel an Hochschulen, so Braun, auf eine grundsätzliche Abkehr vom traditionellen Selbstverwaltungsmodell der Hochschulen ab, das sukzessive durch ein an Managementprinzipien orientiertes Organisationsmodell abgelöst werden soll (Braun 1999: 255). Aus organisationstheoretischer Sicht ergibt sich hieraus für Braun, dass damit eine grundsätzlich neue Konzeptualisierung von Hochschulen als Organisation anvisiert wird.

In ähnlicher Weise diskutiert Richard Whitley in einem die Hochschulreformen in Europa analysierenden Aufsatz, inwiefern die umfassenden Veränderungen der Finanzierung, der institutionellen Governance und der Übertragung binnenorganisatorischer und personeller Selbstständigkeit zu einer Loslösung der Hochschulen von den staatlichen Behörden und zur Etablierung einer semiautonomen Organisation mit eigenen Strategien, administrativen Apparaten und Praktiken geführt hätten (Whitley 2008: 23). Dies werfe die Frage auf, inwiefern Hochschulen zu korporativen oder strategischen Akteuren avancieren und damit den Charakteristika privatwirtschaftlicher Organisationen ähnlicher werden. Dabei zeigen sich Whitley zufolge jedoch deutliche Grenzen und Differenzen bei der Entwicklung von Hochschulen zu strategischen Akteuren, die er insbesondere auf die unterschiedliche politisch-ökonomische Konfiguration von Autoritätsbeziehungen in den nationalen Hochschulsystemen der OECD-Länder zwischen Staat, akademischer Profession und Hochschulorganisation zurückführt (Whitley 2008: 24). Um diese unterschiedlichen Entwicklungsgrade strategischer Akteurswerdung länderübergreifend analysieren zu können, schlägt Whitley zwei zentrale Dimensionen vor:

„For universities to become strategic actors with distinctive organisational capabilities and knowledge, they would have to develop two sets of collective capabilities. First, to exercise discretionary authority over the acquisition, use and disposal of human and material resources; and secondly to generate particular kinds of problem solving routines and knowledge that are organisationally specific.“ (Whitley 2008: 24)

Eigenständige Verfügungsrechte („authority over the acquisition, use and disposal of human and material resources“) sowie die Etablierung organisationseigener Routinen und formaler Strukturen („particular kinds of problem solving routines and knowledge“) versteht Whitley demnach als zwei notwendige Dimensionen, die als Indiz für die Entwicklung von Hochschulen zu strategischen Akteuren gesehen werden, und die es länderbzw. organisationsspezifisch zu analysieren gilt. Im Ergebnis konstatiert Whitley, dass – ungeachtet eines offensichtlichen Trends zu einer stärkeren organisationalen Selbstständigkeit von Hochschulen – der Entwicklung von Hochschulen zu strategisch agierenden Organisationen enge Grenzen gesetzt seien. Diese Grenzen resultierten einerseits aus den inhärenten Produktionsmechanismen von Forschung und andererseits aus der zumeist starken Rolle des Staates im Hinblick auf Finanzierung und Steuerung des Wissenschaftssystems:

„As putative strategic actors, then, they may develop some organization-specific problem solving routines in managing resources, attracting high quality staff and students, and raising funds through the employment of managerial professionals to carry out these tasks, but these competences rarely extend to the management of research and teaching activities.“ (Whitley 2008: 26)

Engwall diskutiert in ähnlicher Form die Angleichungsprozesse von Hochschulen an korporative Organisationen (Engwall 2008). Er unterscheidet drei zentrale Elemente, die Hochschulen bislang von korporativen Organisationen unterschieden hätten: a) gemeinsame Ziele der Organisation, durch deren Umsetzung in Produkte und Dienstleistungen Profit erwirtschaftet wird; b) „Ownership“ im Hinblick auf zentrale Organisationsressourcen; und c) eine Binnenorganisation, welche im umfassendem Sinne durch klare administrative Hierarchien gekennzeichnet ist (Engwall 2008: 3-4).

Am Beispiel der öffentlich finanzierten Hochschulen in Schweden argumentiert Engwall, dass insbesondere die Einführung von Zielsystemen und Kontraktsteuerung und die damit verbundene Etablierung von Hochschulstrategien, Maßnahmen zur Leistungsmessung durch Benchmarking, Rankings und hochschulinternen Controllings sowie die Reorganisation der Hochschulen nach klaren Hierarchien eine Annäherung der Hochschulen an korporative Organisationen nahe legen würde (Engwall 2008: 12-13).

Diese Entwicklungen dürften jedoch, so Engwall, konzeptionell und empirisch nicht darüber hinweg täuschen, dass den „Angleichungsprozessen“ von Hochschulen an private, wettbewerbsfähige Organisationen deutliche Grenzen gesetzt seien (Engwall 2008: 19). Aufgrund der auf Reputation abstellenden Praxis der Forschung und der mitunter quer zu den formalen Strukturen der Organisation verlaufenden Entscheidungsprozesse der Profession unterscheiden sich die Entscheidungsund Funktionsweise von Universitäten auch in einer stärker managerial konfigurierten Hochschulorganisation deutlich von denen in anderen korporativen Organisationen. Ungeachtet einer „Explosion“ von Kennzahlen, Rankings und Audit-Instrumenten im Hochschulbereich würden sich Ergebnisse von Universitäten eben nicht in klare Erfolge für die Hochschule umrechnen lassen. (Engwall 2008: 15).

Die Argumentation von Braun, Whitley und Engwall macht deutlich, dass hier organisationaler Wandel und Organisationswerdung im Sinne einer formalen Rekonfiguration von Entscheidungsrechten verstanden wird. Organisationswerdung von Hochschulen ließe sich insofern an der Umsetzung von Entscheidungsrechten und funktional wirksamen Organisationspraktiken festmachen. Allerdings konstituieren sich Organisationen nicht nur über die situative Festlegung von Handlungszielen und -Kompetenzen rationaler Akteure, sondern, so das Argument neoinstitutionalistischer Beiträge, eben auch durch deren Einbezug in kulturelle Wertesysteme und Erwartungsstrukturen, die die Gestaltung von Organisationen maßgeblich beeinflussen (Meyer/Rowan 1977; Zucker 1977). Dass die Entwicklung von Hochschulen zu agenthaften Organisationen daher nicht nur als Adaptionsbzw. Rekonfigurationsprozess von Entscheidungsrechten, sondern darüber hinaus auch als (Re-)Konstruktion gesellschaftlicher Zuschreibungen verstanden werden kann, ist das Argument einiger Beiträge unter Bezug auf Konzepte aus der neoinstitutionalistischen Organisationsforschung (Brunsson/Sahlin-Andersson 2000; Krücken/Meier 2006; Ramirez 2006; De Boer et al. 2007a).

 
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