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3.3.3 Institutionelle Logiken

Das Konzept institutioneller Logiken ist ein mittlerweile breit diskutierter theoretischer Ansatz zur Analyse institutionellen Wandels (vgl. Thornton/Occasio 2008; Thornton et al. 2012; Lounsbury/Boxenbaum 2013) [1]. Es geht maßgeblich auf einen Aufsatz von Friedland/Alford (1991) zurück, in dem die Autoren die Formierung von Interessen bei übergreifenden institutionellen Ordnungen theoretisch zu fassen versuchen. Dahingehend problematisieren sie den in neoinstitutionalistischen Analysen bisweilen unklaren Mechanismus und Ablauf von isomorphen Anpassungsprozessen von Organisationen an neue Moden und Modelle. Sie argumentieren, dass westliche Gesellschaften durch übergeordnete institutionelle Ordnungen – Staat, Demokratie, Markt, Religion und Familie – umfassend geprägt sind. Jeder institutionellen Ordnung sind demnach spezifische Praktiken, kulturelle Symboliken und organisatorische Regelvorstellungen inhärent, welche zusammengenommen eine jeweils spezifische institutionelle Logik konstituieren (Friedland/Alford 1991: 248).

„Each of the most important institutional orders of contemporary Western societies has a central logic – a set of material practices and symbolic constructions – which constitutes its organizing principles and which is available to organizations and individuals to elaborate.“ (Friedland/Alford 1991: 248)

Die diesen institutionellen Ordnungen inhärenten Prinzipien und symbolischen Referenzen sorgen für ein geteiltes Verständnis der Angemessenheit organisationaler Praktiken und haben als Legitimationsbasis einen strukturierenden Einfluss auf die Einstellungen und Interaktionsformen von Individuen sowie Organisationen (Friedland/Alford 1991). Als idealtypische Vorstellungen und legitime Überzeugungen werden institutionelle Logiken insofern als übergeordnete Kategorisierungen verstanden, welche die Formen des Organisierens und die Interaktion von Akteuren maßgeblich determinieren. Demnach umfassen institutionelle Logiken spezifische Überzeugungsmuster, Begründungszusammenhänge und für selbstverständlich gehaltene Annahmen, die durch Akteure reproduziert werden und als übergreifende Organisationsprinzipien für Stabilität bzw. Wandel sorgen.

Dieses makro-strukturelle Verständnis institutioneller Logiken von Friedland/Alford (1991) als gesellschaftlich übergreifenden Institutionen wurde u.a. durch Thornton/Ocasio (1999; 2002; 2008) stärker auf die Analyse institutionellen Wandels innerhalb organisationaler Felder bezogen. Thornton/Ocasio definieren institutionelle Logiken wie folgt:

„Institutional logics are socially constructed, historical patterns of material practices, assumptions, values, beliefs, and rules by which individuals produce and reproduce their material subsistence, organize time and space, and provide meaning for social reality.“ (Thornton/Ocasio 1999: 804)

„Institutional logics define the norms, values and beliefs that structure the cognition of actors in organizations and provide a collective understanding of how strategic interests and decisions are formulated. Shifts in institutional logics can affect which conditions are viewed as problematic and how they can be addressed by change in strategy and structure of an organization.“ (Thornton/Ocasio 2002: 82)

Aus der Verbindung von idealtypischen Prinzipien (normativ), einem Interpretationsschema (symbolisch-kognitiv) und materiellen Praktiken (strukturell) konstituieren sich institutionelle Logiken und strukturieren so die Entwicklung von Präferenzen sowie Handlungsweisen von Akteuren und die Gestaltung von Organisationen. „Perhaps the core assumption of the institutional logics approach is that interests, identities values, and assumptions of individuals and organizations are embedded within prevailing institutional logics. Decisions and outcomes are a result of the interplay between agency and institutional structure“ (Thornton/Ocasio 2008: 103). Demnach unterstellt der Ansatz institutioneller Logiken eine gegenseitige Abhängigkeit von Akteurspräferenzen bzw. Identitäten auf der einen und strukturellen Zwängen bzw. Anreizen auf der anderen Seite, welche im Sinne einer „embedded agency“ verstanden wird (Thornton/Ocasio 2008: 103ff.). Die Formierung von Interessen und die Wahrnehmungen von Akteuren in Bezug auf Ressourcen und organisationale Praktiken, so die Annahme, erfolgt nur innerhalb spezifischer institutioneller Kontexte bzw. Logiken. Damit tragen institutionelle Logiken nicht nur zur Stabilität organisationaler Settings bei, sondern strukturieren als kognitive Orientierungsrahmen auch neue Sichtweisen auf Probleme und fungieren somit als Auslöser für (organisationale) Innovationen und institutionellen Wandel (Thornton/Ocasio 2008: 108).

Von zentraler Bedeutung für den Ansatz institutioneller Logiken ist die Annahme eines „inter-institutional system“ auf der gesellschaftlichen Makro-Ebene und der darauf aufbauenden konzeptionellen Unterscheidung zentraler gesellschaftlicher Teilsektoren mit ihren je spezifischen Sets von Ordnungsprinzipen, die als institutionelle Logiken verstanden werden (Thornton/Ocasio 2008: 102ff; Thornton et al. 2012: 52ff.). Die Wahrnehmung und Konstruktion von Legitimität durch Akteure, so die Argumentation, vollzieht sich insofern nicht überall homogen, sondern ist maßgeblich von der jeweiligen institutionellen Logik abhängig. In Anlehnung an Friedland/Alford (1991) unterscheiden Thornton et al. sechs idealtypische Kategorien institutioneller Ordnungen: „Corporation“; „Profession“, „Market“, „State“, „Religion“ und Family“ (Thornton et al. 2005: 128

& 168ff.; Thornton et al. 2012: 52ff.). Demnach ist auf der gesellschaftlichen Makro-Ebene jede dieser institutionellen Ordnungen charakterisiert durch eine institutionelle Logik als Bündel an Normen sowie kulturellen und strukturellen Praktiken. Für jede der sechs institutionellen Ordnungen bzw. Logiken werden zentrale Kategorie-Elemente („sources of legitimacy, sources of authority; sources of identity; basis of norms, basis of attention, basis of strategy; control mechanisms“) bestimmt, die nach Annahme der Autoren als Ausgangspunkt einer Analyse des Zusammenwirkens mit gesellschaftlichen Teilbereichen dienen kann (Thornton et al. 2012: 56). Fraglich ist dabei, inwiefern diese von Thornton et al. (2012) postulierte Taxonomie von sechs institutionellen Ordnungen bzw. Logiken tatsächlich erschöpfend ist und derartige konzeptionelle Grenzziehungen analytisch sinnvoll sind. So könnte man z.B. argumentieren, ob Wissenschaft oder Jurisprudenz, die von den Autoren unter Profession subsummiert werden, nicht eigenständige weitere institutionelle Ordnungen bzw. Logiken ausmachen.

Zudem wird argumentiert, dass sich institutionelle Logiken der gesellschaftlichen Makro-Ebene auch in dominante institutionelle Logiken in spezifischen Organisationsfeldern übersetzen (Thornton/Ocasio 2008: 106ff.; Thornton et al. 2005: 128). Demnach lässt sich die Stabilität und Veränderbarkeit institutioneller Logiken auch hinsichtlich spezifischer Industriesektoren oder organisationaler Felder, wie z.B. hinsichtlich des Hochschulsektors, analysieren. Dabei sind institutionelle Logiken innerhalb organisationaler Felder auch mit „archetypischen“ Vorstellungen für die Gestaltung und Funktionsweise von Organisationen verbunden, die sich auch in entsprechende Erwartungen und Strukturen an „legitime“ Organisationspraxis übersetzen (Greenwood/Hinnings 1993; Thornton et al. 2005: 128). Genau diese Fokussierung der neoinstitutionalistischen Organisationsforschung auf die Formierung bzw. den Wandel institutioneller Logiken von Kultursektoren bzw. organisationalen Feldern ist für den Gegenstand dieser Arbeit besonders relevant. Doch wie wurde institutioneller Wandel innerhalb spezifischer Organisationsfelder analysiert und welche institutionellen Logiken sind dabei konzeptionell unterschieden worden?

Mittlerweile findet sich eine breite Vielfalt an Arbeiten, die unter Rekurs auf das Konzept der institutionellen Logiken Veränderungen auf der Ebene organisationaler Felder analysiert haben, wie z.B. das wissenschaftliche Verlagswesen (Thornton/Ocasio 1999; Thornton 2004), Architektur und Buchhaltungs wesen (Thornton et al. 2005), Gesundheitssektor (Scott et al. 2000; Kitchener 2002), der Finanzsektor (Havemann/Rao 1997; Lounsbury 2002, 2007; Misangyi et al. 2008), aber auch Verwaltungsorganisationen (Meyer/Hammerschmid 2006; Szücs 2011) und der Hochschulsektor (Townley 1997; Gumport 2000; Bastedo 2009; Weik 2012). Offensichtlich werden professionsbasierte Organisationen wie Hochschulen, Krankenhäuser, aber auch Architekturbüros oder Rechtsanwaltskanzleien als besonders sinnvolle empirische Organisationsfelder für die Analyse institutioneller Logiken angesehen. Zumeist erfolgt in diesen Studien die Herausarbeitung unterschiedlicher bzw. konfligierender institutioneller Logiken innerhalb eines Organisationsbereichs und deren Charakterisierung nach elementaren Kategorien anhand von Interviews oder Dokumentenanalysen, deren Entwicklung und Auswirkungen auf die Strukturen und das Verhalten von Organisationen zumeist anhand der Analyse von Verlaufsund Ereignisdaten, inhaltsanalytischer Verfahren oder interpretativer Untersuchungsdesgins nachgegangen wird (vgl. Thornton/Ocasio 2008: 109ff.).

Die Analysen verdeutlichen dabei, dass organisationale Felder durch jeweils unterschiedliche bzw. konfligierende Logiken beeinflusst werden (Lounsbury 2007; Kraatz/Block 2008; Greenwood et al. 2010; Dunn/Jones 2010; Pache/Santos 2013a; 2013). Daher wird davon ausgegangen, dass es in bestimmten historischen Phasen in einem Organisationsfeld zum Nebeneinander koexistierender bzw. Aufeinandertreffen konkurrierender institutioneller Logiken kommen kann. Dies impliziert, dass das Aufeinandertreffen und der Rückgriff von Akteuren auf unterschiedliche institutionelle Logiken innerhalb eines organisationalen Feldes Widersprüche und Adaptionen hervorbringt, die sich – wenn überhaupt – erst im Zuge längerer Institutionalisierungsprozesse aufgelöst bzw. sedimentiert werden.

So zeigen z.B. Scott et al. (2000), dass Gesundheitsorganisationen durch mehrere institutionelle Logiken – die medizinische Profession, den Staat und den Markt – umfassend geprägt sind, jedoch organisatorisch eine manageriale Logik zunehmend dominiert. Thornton (2004; 2004a) zeigt in ihrer Analyse der Organisationsstrukturen und strategischen Ausrichtung von Wissenschaftsverlagen in den USA zwischen 1950 und 1990, wie sich institutioneller Wandel von einer professionellen Logik der Herausgeber zu einer Markt-Logik vollzogen hat. Thornton argumentiert, dass die zunehmende Dominanz einer Markt-Logik im Organisationsfeld der Wissenschaftsverlage mit Veränderungen der Binnenorganisation von einer funktionalen zu einer divisionalen Struktur sowie einer am Aufkauf anderer Herausgeberfirmen orientierten Wachstumsstrategie korrespondiert (Thornton 2004: 95ff.).

Eine besondere Rolle für den veränderten Rekurs bzw. für die Entwicklung institutioneller Logiken innerhalb eines organisationalen Feldes wird in den Analysen solchen Akteuren und Berufsgruppen zugeschrieben, die aus anderen Organisationsbereichen in ein etabliertes Feld hineinkommen und zur Veränderung institutioneller Logiken bzw. zur Konstitutierung einer neuen institutionellen Logik beitragen (Fligstein 1987; DiMaggio 1991; Scott et al. 2000; Lounsbury 2001, 2007). Es wird argumentiert, dass spezifisches Wissen wie z.B. ein anderes Managementwissen oder veränderte berufliche Selbstverständnisse zur Problematisierung etablierter Sichtweisen und damit zur Infragestellung der „gängigen“ Organisationspraxis führen können.

Anhand der Veränderungen von Corporate-Governance-Modellen und der Organisation von großen Industriebetrieben in den USA analysiert Fligstein (1987; 1990) sogenannte „logics of control“. Er identifiziert drei unterschiedliche „logics of control“, die sowohl die übergreifenden Konzeptionen der Entwicklung von Corporate Governance als auch die Organisation der Firmen bestimmt haben: das Manufaktur-, das Marketingund das Finanzkonzept. Diese unterscheiden sich gerade nicht in ihrer spezifischen funktionalen bzw. divisionalen Organisation und Finanzierungsform, sondern hinsichtlich ihrer Besetzung der Leitungsebene. Auf der Basis eines umfassenden Datensamples von 100 US-amerikanischen Firmen kann er zeigen, dass es zwischen 1919 und 2001 von der Dominanz der Manufakturlogik über die Marketinglogik zur Dominanz einer finanzmarktbasierten Logik gekommen ist (Fligstein 1987). Während in den frühen Jahren des industriellen Aufstiegs der großen amerikanischen Industriebetriebe Ingenieure und Unternehmer zumeist als Vorstände fungierten, sind es zwischen 1960 bis 1980 insbesondere Führungskräfte aus dem Marketing, die den Sprung in die Top-Leitungsebene des Vorstands vollziehen. Seit Ende der 1980er Jahre lässt sich dann der Aufstieg von Vorständen mit einem beruflichen Hintergrund im Finanzbereich beobachten (Fligstein 1987: 44). Dieser Wandel des professionellen Hintergrunds der Vorstände korrespondiert mit umfassenden Veränderungen der Corporate Governance dieser Unternehmen und dem „Siegeszug“ des zunehmend dominanten Organisationsprinzips der „divisonalen Organisation“ (Fligstein 1987: 56). Fligstein erklärt diesen Wandel durch das Zusammenspiel von intra-organisationalen Machtspielen, Rekonfigurationsund Reorganisationsprozessen auf dem Markt, staatlichen Regulierungen und dem beruflichen Selbstverständnis der Leitungsinhaber. Einen wichtigen Auslöser für den organisationsfeldübergreifenden Rekurs auf jeweils neue Logiken sieht Fligstein daher in den beruflichen Hintergründen der Vorstände und ihren beruflichen Selbstverständnissen für die Leitung von Organisationen: „Executive's views on how to best run the corporation were selectively influenced by their experience in the corporation“ (Fligstein 1987: 55). Logiken werden also hier auf die Einstellungen, Hintergründe und Selbstverständnisse von individuellen Akteuren bezogen.

In ähnlicher Weise analysiert DiMaggio Veränderungen in der Organisation amerikanischer Museen (DiMaggio 1991). Aufbauend auf einer umfangreichen Studie zur Organisation von Museen zwischen 1920 und 1940 argumentiert DiMaggio, dass institutioneller Wandel der Museen maßgeblich aus der veränderten Profilen und Ausrichtung der Direktoren bzw. Leiter der Museen resultierte: statt einer elitären Gruppe von Kuratoren und Künstlern dominieren zunehmend professionelle Kulturund Kunstmanager. Insofern diese zunehmend häufiger tertiäre Studienund Fortbildungsprogramme für Kulturund Kunstwissenschaft sowie Museumsmanagement durchlaufen haben, entwickelt diese neue Gruppe alternative und stärker korporativ orientierte Organisationsformen für Ausstellungen und damit auch für die Gesamtorganisation der Museen (DiMaggio 1991: 269ff.). DiMaggios Arbeit zeigt, wie die Koexistenz zweier alternativer Leitungsund Organisationslogiken durch das Aufkommen neuen Organisationswissens und professioneller Vereinigungen geprägt wurde und letztendlich auch zu organisationalem Wandel geführt hat. Mit dem Aufstieg von sogenannten „management-professionals“ als primär auf die umfassende Organisation, Positionierung und Finanzierung ausgerichteten Mitarbeitern in die Leitung würden auch Veränderungen in der Aufbauorganisation und Leitungsstruktur der Kultureinrichtungen korrespondieren. Ähnlich wie in Fligsteins Arbeiten fungieren die professionellen Hintergründe und Wissensbestände der „neuen“ Museumsmanager hier als zentrale Elemente für die Übertragung gesellschaftlicher Zuschreibungen und Erwartungen an die Organisation.

Lounsbury untersucht die Genese und Auswirkungen konfligierender Logiken im amerikanischen Bankensektor seit Beginn des 20. Jahrhunderts (Lounsbury 2002; 2007). Er argumentiert, dass die Organisationsund Serviceformen der großen amerikanischen Banken zwischen 1950 und 1980 einen tiefgreifenden Wandel durchlaufen haben, in dessen Verlauf es zur Ablösung einer regulatorischen Logik und zur Dominanz einer Marktlogik gekommen sei (Lounsbury 2002: 256). Lounsbury führt diesen institutionellen Wandel u.a. auf Veränderungen des beruflichen Hintergrunds und Professionalisierungsprozesse der Bankmanager zurück, die sukzessive neue Standards und Finanzierungsmodelle eingeführt hätten. Anhand eines umfangreichen Datensamples zeigt er, dass die Etablierung einer professionellen Vereinigung (American Finance Association) sowie die Einführung neuer Studienprogramme im Bereich Finanzen an den Hochschulen neben den gesetzlichen Reformen wichtige Katalysatoren für diese Veränderungen gewesen sind (Lounsbury 2002: 257-258). Lounsbury verortet institutionelle Logiken demnach auf der Ebene des organisationalen Felds, das durch die Entwicklung einer zunehmend einflussreichen Berufsvereinigung und durch spezialisierte Ausbildungsprogramme neu strukturiert wurde.

In der Zusammenschau dieser Beiträge wird deutlich, dass die veränderte Wirkung institutioneller Logiken und ein damit verbundener institutioneller Wandel auf unterschiedliche Auslöser und Mechanismen zurückgeführt werden. Zumeist wird im Hinblick auf den Zusammenhang zwischen feldspezifischer Logik und dominanten Organisationsprinzipien anscheinend implizit davon ausgegangen, dass es einen evolutionären Prozess gibt, bei dem der Einfluss wichtiger bzw. neuer institutioneller Akteure einer (Re)Definition zentraler Merkmale der Organisation und Produktionsmechanismen innerhalb eines organisationalen Feldes vorrausgeht. Unklar ist jedoch, inwiefern dieser Zusammenhang auch in die andere Richtung möglich ist. So wäre z.B. zu fragen, inwiefern veränderte Organisationsprinzipien von Verwaltungsorganisationen in die Handlungspraxis von Führungskräften und Mitarbeitern tatsächlich übernommen werden. Insbesondere im Bereich des im OECD stark regulierten öffentlichen Sektors mit einer traditionell am Status quo orientierten Personalpolitik sind Veränderungen auch immer stark auf den Wandel staatlicher Reformpolitik zurückzuführen und damit zunächst nur als exogen induzierter Wandel der Organisation denkbar. Genau in diese Richtung stoßen Studien, die sich unter Verwendung des Ansatzes institutioneller Logiken mit beruflichem Wandel als Folge der tiefgreifenden Reformen im öffentlichen Sektor beschäftigen (Thomas/Davies 2005; Meyer/Hammerschmid 2006; Meyer et al. 2014;

Szücs 2011).

So untersuchen z.B. Meyer/Hammerschmid (2006) anhand einer Studie zu österreichischen Bundesministerien, inwiefern der Wandel von der bürokratischen Logik zur Managementlogik als zentralem Ordnungsprinzip auch zur Veränderung des beruflichen Selbstverständnisses von Führungskräften in unterschiedlichen Bereichen der öffentlichen Verwaltung in Österreich geführt hat (Meyer/ Hammerschmid 2006: 1002). Sie kommen dabei zu gemischten Er-gebnissen: Nur eine Minderheit der befragten Führungskräfte stimmt mit dem durch die Autoren entwickelten Einstellungen der managerialen Rollen vollständig überein. Vielmehr kommt es trotz der umfangreichen organisatorischen Veränderungen der NPMReformen in den österreichischen Ministerien zu hybriden Konstellationen, in denen bestimmte Aspekte des beruflichen Werdegangs und Selbstverständnisses sehr eng an der durch Meyer/ Hammerschmid (2006) als managerial beschriebenen Rolle des „public manager“ orientiert sind, andere hingegen noch sehr stark am Rollenbild des bürokratischen „Staatsdieners“ (Meyer/Hammerschmid 2006: 1007).

Darüber hinaus verweisen Studien darauf, dass institutionelle Logiken wie zum Beispiel Bürokratie, Markt oder Profession innerhalb eines organisationalen Feldes historisch emergent sind und bestimmte kulturelle Praktiken in unterschiedlichen historischen Phasen verschiedene Bedeutungen haben (vgl. Thornton/Ocasio 2008: 108ff.). Institutioneller Wandel von Organisationen und die Ablösung dominanter institutioneller Logiken sind insofern in starkem Maße durch den historischen Kontext geprägt und zumeist nur über eine längere historische Perspektive verfolgbar (Thornton/Ocasio 2008: 108). Dem beruflichen Profil und der Einstellung von Leitungspersonen wird dabei eine wichtige Rolle als Ideengeber und Übersetzer institutioneller Logiken zugesprochen.

Zudem machen die Beiträge deutlich, dass die Interpretationen und Selbstverständnisse von Individuen als Organisationsmitgliedern eine wesentliche Analyseebene bei der Interpretation von Bewahrung und Wandel institutioneller Logiken darstellen. Insofern wird davon ausgegangen, dass sich Entscheidungen und Ergebnisse individuellen sowie organisationalen Handelns im Wechselspiel zwischen institutioneller Umwelt und den gesellschaftlich geteilten institutionellen Regeln bzw. Logiken vollziehen. Mit dieser Annahme setzt sich der theoretische Ansatz institutioneller Logiken von der inhärenten Argumentation prominenter Beiträge innerhalb des soziologischen Neoinstitutionalismus von Meyer/Rowan (1977) und DiMaggio/Powell (1983) ab, dass die Struktur der Agentur überlegen sei (Thornton/Occasio 2008: 103). Folgt man den Beiträgen zu institutionellen Logiken, so wird deutlich, dass Individuen und Organisationen als Akteuren eine partielle Entscheidungsautonomie zugewiesen wird, die jedoch aufgrund der durch umfangreiche institutionelle Regeln geprägten Sozialstruktur als umfassend begrenzt verstanden wird (Thornton et al. 2012: 7).

Institutionalisierungsund Ablösungsprozesse institutioneller Logiken werden in den Analysen zumeist als sedimentierter Übergang und seltener als radikaler Wandel beschrieben, wobei es auf der Organisationsebene im Zeitverlauf zumeist zum Nebeneinander institutioneller Elemente kommt. Erst der Blick auf das Zusammenspiel bzw. die Wechselwirkungen zwischen gesellschaftspolitischen Überzeugungen, organisatorischen Strukturen und sozialisierter Handlungspraxis der Akteure ermöglicht ein umfassendes Verständnis für die Genese und die Durchsetzung institutioneller Logiken (Thornton/Ocasio 2008: 106).

Für die Analyse institutionellen Wandels der Hochschulorganisation in den verbleibenden Kapiteln dieser Arbeit ergeben sich daraus zwei wichtige konzeptionelle Annahmen, die für das weitere Vorgehen der Arbeit untersuchungsleitend sind: Erstens, wird davon ausgegangen, dass die Entwicklung des Hochschulsektors und die Organisationspraxis an Hochschulen durch spezifische institutionelle Logiken geprägt sind. Dahingehend wird vermutet, dass die umfassenden Reformen der Governance-Strukturen eine Konstituierung oder Veränderung der institutionellen Logik der Hochschulorganisation implizieren könnte, deren Formierung und Effekte es auf unterschiedlichen institutionellen Ebenen zu analysieren gilt. Zweitens, wird davon ausgegangen, dass institutionelle Logiken der Hochschulorganisation mit spezifischen Erwartungen an die Praktiken der Leitungund Verwaltungsorganisation sowie beruflichen Identitäten korrespondieren. Daher ist es für die Analyse institutionellen Wandels der Hochschulorganisation am Beispiel der Verwaltungsleitung notwendig, zentrale Elemente der institutionellen Logik(en) im organisationalen Feld des Hochschulsektors herauszuarbeiten und Implikationen für die Organisationspraxis der Hochschulverwaltungsleitung sowie das berufliche Profil des Kanzlers idealtypisch zu kategorisieren.

  • [1] Sowohl die programmatischen Darstellungen bei Thornton/Occasio (2008) und Thornton et al. 2012 als auch die theoretischen Diskussionen in den einzelnen Fallstudien legen nahe, dass institutionelle Logiken vor allem als konzeptioneller Analyserahmen und weniger als theoretische Figur verstanden wird. Eine umfassendere Diskussion hinsichtlich der theoretischen Definition(en) institutioneller Logiken findet sich bislang nur vereinzelt (Friedland 2012; Waldorff/Johansen 2014). Zudem eine Abgrenzung bzw. Unterscheidung von institutionellen Logiken zu ähnlichen theoretischen Konzepten wie z.B. „field frames“ (Snow/Bendford 1988; Lounsbury et al. 2003), „conception of control“ (Fligstein 1987) oder „orders of worth“ (Boltanski/Thevenot 2006) schwierig zu sein
 
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