Erholung der Funktion nach einer ZNS-Schädigung

Wie sich beim erwachsenen Menschen nach einer Schädigung des ZNS Funktionen erholen können, ist ein kaum verstandenes Phänomen. Dies ist größtenteils so, weil solche FunktionsVerbesserungen meist bescheiden oder nicht existent sind (siehe Teuber, 1975). Das passt nicht zu dem Bild, das Unterhaltungsmedien vermitteln, nämlich dass viel Anstrengung ein positives Ergebnis garantiert. Eine andere Schwierigkeit bei der Untersuchung von Genesung nach ZNS-Schädigungen ist, dass es auch kompensatorische Veränderungen gibt, die leicht mit einer Genesung verwechselt werden können. Zum Beispiel könnte eine Besserung in der ersten oder zweiten Woche nach einer Schädigung auf der Rückbildung eines cerebralen Ödems (Gehirnschwellung) basieren und nicht auf der tatsächlichen Rückbildung der neuronalen Schädigung selbst. Auch könnte eine allmähliche Besserung in den Monaten nach einer Schädigung den Erwerb neuer kognitiver und neuer Verhaltensstrategien widerspiegeln (d. h., die Substitution von Funktionen und nicht die Wiedererlangung verlorener Funktionen). TYotz dieser Schwierigkeiten ist eindeutig, dass die Erholung von Funktionen am wahrscheinlichsten ist, wenn die Läsionen klein und der Patient jung ist (siehe Marquez de la Plata et al., 2008; Yager et al., 2006).

Die sogenannte kognitive Reserve (annähernd gleichbedeutend mit Bildung und Intelligenz) spielt wahrscheinlich für die Verbesserungen, die nach einer Hirnschädigung auflreten und nicht auf einer echten Erholung der Hirnfunktionen beruhen, eine Rolle. Kapur (1997) führte eine biografische Studie an Ärzten und Neurowissenschaftlern mit einer Hirnschädigung durch und beobachtete in überraschendem Ausmaß Veränderungen, die als kognitive Erholung angesehen werden könnten. Allerdings legen seine Ergebnisse nahe, dass die beobachteten Besserungen nicht auftraten, weil diese Patienten tatsächlich ihre verlorenen kognitiven Funktionen wiedererlangt hatten, sondern weil es ihnen ihre kognitive Reserve ermöglichte, Aufgaben auf alternative Weise zu bewältigen. Kognitive Reserve kann auch erklären, warum gebildete Menschen weniger anfällig für die Auswirkungen eines altersbezogenen Gehirnabbaus sind (siehe Barulli & Stern, 2013).

Trägt die adulte Neurogenese zu einer Erholung nach einer Gehimschädigung bei? Bei adulten Labortieren gibt es eine Zunahme in der Migration von Stammzellen hin zu nahegelegenen geschädigten Arealen (siehe

► Abbildung 11.19) und einige davon entwickeln

Gesteigerte Neurogenese im Gyrus dentatus nach einer Schädigung

Abbildung 11.19: Gesteigerte Neurogenese im Gyrus dentatus nach einer Schädigung. Die linke Abbildung zeigt (1) eine elektrolytische Läsion des Gyrus dentatus (geschädigte Neurone sind türkis gefärbt) und (2) die resultierende Zunahme in der Bildung neuer Zellen (rot gefärbt), von denen sich viele zu reifen Neuronen entwickeln (dunkelblau gefärbt). Die rechte Abbildung zeigt den vergleichbaren Kontrollbereich in der unversehrten Hemisphäre, der die übliche Anzahl neuer Zellen (rot gefärbt) aufweist (mit freundlicher Genehmigung von Carl Ernst und Brian Christie. Department of Psychology, University of British Columbia, Canada).

sich zu Neuronen, die einige Monate überleben können (siehe Machado et al., 2015: Sun, 2015). Dieser Befund wurde für einen Patienten bestätigt, der eine Woche nach einem Gehirnschlag verstarb (siehe Minger et al.. 2007). Allerdings gibt es keine Belege dafür, dass Stammzellen im menschlichen Gehirn von den Orten ihrer Entstehung im Hippocampus und im Bulbus olfaktorius in weiter entfernte geschädigte Areale wandern. Auf alle Fälle gibt es bisher keine direkten Belege, dass Stammzellen zur Erholung nach ZNS-Schädigung beitragen.

 
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