Veränderte Ansichten über die Bedeutung des Hippocampus für das Gedächtnis

Die Untersuchungen von Patienten mit Amnesie sind interessant und informativ, aber wesentlichen Einschränkungen unterworfen. Viele wichtige Fragen über die neuronalen Grundlagen einer Amnesie können nur durch kontrollierte Experimente beantwortet werden. Zum Beispiel ist es, um die spezifischen Strukturen des Gehirns zu identifizieren, die an verschiedenen Formen des Gedächtnisses beteiligt sind, notwendig, präzise Läsionen in verschiedenen Strukturen zu setzen und zu kontrollieren, was und wann die Probanden lernen sowie wie und wann ihre Erinnerungsleistung getestet wird. Da solche Experimente am Menschen nicht durchführbar sind, hat man beträchtliche Anstrengungen unternommen, um Tiermodelle für die beim Menschen durch eine Hirnschädigung verursachte Amnesie zu entwickeln.

Die ersten Berichte vom Fall H. M. in den 1950er-Jahren lösten eine gewaltige Anstrengung aus, ein Tiermodell für seine Störung zu entwickeln, um sie so einer experimentellen Analyse unterziehen zu können. In den ersten Jahren war dieses Unterfangen ein niederschmetternder Fehlschlag. Läsionen in Strukturen des medialen Temporallappens erzeugten bei Ratten, Affen oder anderen Tieren keine schwere anterograde Amnesie.

Rückblickend gab es zwei Gründe für die Anfangsschwierigkeiten, ein Tiermodell für die mediale Tem-porallappenamnesie zu entwickeln. Erstens war es anfangs nicht klar, dass sich H. M.s anterograde Amnesie nicht auf alle Formen des Langzeitgedächtnisses erstreckte. Seine Störung war spezifisch für explizite Langzeiterinnerungen, wohingegen die meisten Gedächtnistests an Tieren, die in den 1950er-Jahren und 1960er-Jahren zum Einsatz kamen, größtenteils implizite Gedächtnistests waren (z. B. klassische und operante Konditionierung). Zweitens wurde fälschlicherweise angenommen, dass die amnestischen Auswirkungen von Läsionen des medialen Temporallappens im Wesentlichen, wenn nicht sogar vollständig, auf eine Hippocampusschädigung zurückzuführen sind. Daher haben sich die meisten Versuche, Tiermodelle für die mediale Temporallappenamnesie zu entwickeln, auf Hippocampusläsio-nen konzentriert.

 
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