Hormone und Sexualentwicklung des Körpers

Sie haben sicherlich bemerkt, dass Menschen dimorph sind, d. h.. es gibt zwei Standardausführungen: weiblich und männlich. Dieser Abschnitt beschreibt, wie die Entwicklung der weiblichen und männlichen Körpermerkmale durch Hormone gesteuert wird.

Sexuelle Differenzierung

Bei Säugetieren beginnt die Geschlechtsdifferenzierung mit der Befruchtung, bei der eine von zwei ver-schiedenen Arten von Zygoten erzeugt wird: entweder mit einem XX (weiblichen) Paar von Geschlechtschromosomen oder mit einem XY (männlichen) Paar. Die genetische Information auf den Geschlechtschromosomen bestimmt normalerweise, ob die Entwicklung in Richtung Frau oder Mann erfolgt. Aber seien Sie hier vorsichtig: Lassen Sie sich nicht wieder von der verführerischen Annahme „Mann-ist-Mann-und-Frau-ist-Frau“ einwickeln. Verfallen Sie nicht der Annahme, dass es zwei parallele, aber gegensätzliche genetische Programme der Sexualentwicklung gibt, eines für die weibliche Entwicklung und eines für die männliche Entwicklung. Wie Sie erfahren werden, verläuft die Sexualentwicklung nach einem gänzlich anderen Prinzip, nämlich dem, dass wir im Grunde alle genetisch programmiert sind, weibliche Körper zu entwickeln. Das genetisch männliche Geschlecht entwickelt nur dann einen männlichen Körper, wenn sein grundlegendes weibliches Entwicklungsprogramm außer Kruft gesetzt wird.

Fetale Hormone und die Entwicklung der Fortpflanzungsorgane Abbildung 14.6 veranschaulicht die Struktur der Gonaden sechs Wochen nach der Befruchtung. Beachten Sie, dass in diesem Entwicklungsstadium jeder Fetus unabhängig von seinem genetischen Geschlecht dasselbe Paar gonadaler Strukturen besitzt, die sogenannten Primordialgonaden (primordial bedeutet „von Anfang an vorhanden“). Jede Primordialgonade (undifferenzierte Gonade) hat eine äußere Hülle, den sogenannten Cortex, der das Potenzial besitzt, sich zu einem Eierstock zu entwickeln, und jede besitzt einen inneren Kern, die sogenannte Medulla, die das Potenzial hat, sich zu einem Hoden zu entwickeln.

Die Entwicklung eines Eierstocks und eines Hodens aus dem Cortex bzw. der Medulla einer Primordialgonade, wie sie sechs Wochen nach der Befruchtung vorhanden ist

Abbildung 14.6: Die Entwicklung eines Eierstocks und eines Hodens aus dem Cortex bzw. der Medulla einer Primordialgonade, wie sie sechs Wochen nach der Befruchtung vorhanden ist.

In der siebten Woche nach der Befr uchtung stößt das SRY Gen („Sex Determining Region on the Y Chromosome") auf dem Y-Chromosom der Männer die Synthese des SRY Proteins an (siehe Sekido & Lovell-Badge, 2013; Wu et al., 2012; aber siehe M’charek, 2014), und dieses Protein bewirkt, dass die Medulla jeder Primordialgonade wächst und sich zu einem Hoden entwickelt. Oltne das SRY Protein entwickeln sich die Cortexzellen der Primordialgonaden zu Eierstöcken. Wenn also einem genetisch weiblichen Fetus sechs Wochen nach der Befruchtung das SRY Protein injiziert wird, so führt das zu einer genetischen Frau

Die Entwicklung der inneren Genitalwege des männlichen bzw. weiblichen Fortpflanzungssystems aus den Wolff-Gängen bzw. den. Müller-Gängen

Abbildung 14.7: Die Entwicklung der inneren Genitalwege des männlichen bzw. weiblichen Fortpflanzungssystems aus den Wolff-Gängen bzw. den. Müller-Gängen.

mit Hoden. Wenn umgekehrt eine Substanz, die die Wirkung des SRY Proteins hemmt, in einen männlichen Fetus injiziert wird, so entwickelt sich ein genetischer Mann mit Eierstöcken. Solche gemischtgeschlechtlichen Individuen enthüllen auf drastische Weise die Schwäche der „mamawawa“-Annahme, also der Annahme, dass „männlich“ und „weiblich“ gegensätzliche, sich ausschließende Kategorien sind.

Innere Genitalwege Sechs Wochen nach der Befruchtung sind sowohl beim männlichen als auch beim weiblichen Geschlecht zwei vollständige Paare von Genitalwegen vorhanden. Beide Geschlechter besitzen männliche Wolff-Gänge, die sich zu den männlichen Genitalwegen entwickeln können (z. B-zur Glandula vesiculosa (Bläschendrüse), die die Flüssigkeit zur Ejakulation der Spermien enthält, und zum Ductus deferens (Samenleiter), durch den die Spermien zur Bläschendrüse wandern). Und sie besitzen weibliche Müller-Gänge, die sich zu weiblichen Gern talwegen entwickeln können (z. B. zum Uterus (Gebärmutter), dem oberen Teil der Vagina, und der Tuba uterina (Eileiter), durch die ein Ei von den Eierstöcken zum Uterus wandert, wo es befruchtet werden kann).

Im dritten Monat der männlichen Fetalentwicklung schütten die Hoden Testosteron und das Anti-Müller-Hormon aus. Wie ► Abbildung 14.7 veranschaulicht, stimuliert Testosteron die Entwicklung der Wolff-Gänge und das Anti-Müller-Hormon bewirkt, dass die Müller-Gänge degenerieren und die Hoden in das Scrotum (Hodensack) absinken. Da die Entwicklung der Wolff-Gänge vom Testosteron - und nicht von den Geschlechtschromosomen - angestoßen wird, entwickeln genetisch weibliche Organismen, denen während der kritischen Fetalperiode Testosteron injiziert wird, männliche Genitalwege zusammen mit ihren weiblichen Genitalwegen.

Die Differenzierung der inneren Genitalwege des weiblichen Fortpflanzungssystems (siehe ► Abbildung 14.7) wird nicht durch die Hormone der Eierstöcke kontrolliert. Die Eierstöcke sind während der Fetalentwicklung fast vollkommen inaktiv. Die Müller-Gänge entwickeln sich in jedem Fetus, der während der kritischen Fetalperiode nicht den von den Hoden gebildeten Hormonen ausgesetzt ist. Folglich entwickeln sowohl ein normaler weiblicher Fetus als auch ein weiblicher Fetus, dem die Eierstöcke entfernt wurden, und auch ein männlicher Fetus, dem die Hoden entfernt wurden, alle weibliche Genitalwege (Jost, 1972). Die Entfernung der Eierstöcke wird Ovariektomie genannt, die Entfernung der Hoden Orchidektomie (orchis ist griechisch und bedeutet „Hoden"). Die Gonadektomie oder Kastration ist die chirurgische Entfernung der Gonaden — entweder der Eierstöcke oder der Hoden.

Äußere Geschlechtsorgane Die Differenzierung der äußeren Geschlechtsorgane und der inneren Geschlechtsorgane (d. h. der Gonaden und der Genitalwege) unterscheidet sich grundlegend. Wie Sie gerade erfahren haben, entwickelt jeder normale Fetus separate Vorläufer für die männlichen (Medulla) und weiblichen (Cortex) Gonaden und für die männlichen (Wolff-Gänge) und weiblichen (Müller-Gänge) Genitalwege. Erst anschließend entwickelt sich nur ein einziges Paar - männlich oder weiblich. Im Gegensatz dazu entwickeln sich sowohl die männlichen als auch die weiblichen Genitalien - also die äußeren Geschlechtsorgane - aus demselben Vorläufer. Dieser bipotente Vorläufer der Genitalien und seine nachfolgende Differenzierung sind in ► Abbildung 14.8 veranschaulicht.

Die männlichen und weiblichen äußeren Geschlechtsorgane entwickeln sich aus einem bipotenten Vorläufer

Abbildung 14.8: Die männlichen und weiblichen äußeren Geschlechtsorgane entwickeln sich aus einem bipotenten Vorläufer.

Am Ende des zweiten Schwangerschaftsmonats besteht der bipotente Vorläufer der äußeren Geschlechtsorgane aus vier Teilen: der Glans, den Urethralfalten, den Lateralkörpern und den labioscrotalen Schwellungen. Erst danach beginnt die Differenzierung. Die Glans entwickelt sich beim männlichen Geschlecht zur Eichel oder beim weiblichen Geschlecht zur Klitoris, die Urethralfalten verschmelzen beim männlichen Geschlecht oder vergrößern sich beim weiblichen Geschlecht zu den kleinen Schamlippen, die Lateralkörper bilden beim männlichen Geschlecht den Penisschaft oder beim weiblichen Geschlecht die Klitorisvorhaut und die labioscrotalen Schwellungen bilden beim männlichen Geschlecht den Hodensack oder beim weiblichen Geschlecht die großen Schamlippen.

Die Entwicklung der äußeren Geschlechtsorgane wird, wie die Entwicklung der inneren Genitalwege, durch die An- oder die Abwesenheit von Testosteron kontrolliert. Wenn Testosteron im kritischen Stadium der Fetalentwicklung vorhanden ist, entwickeln sich aus dem bipotenten Vorläufer männliche äußere Geschlechtsorgane, wenn kein Testosteron vorhanden ist, verläuft die Entwicklung der äußeren Geschlechtsorgane in Richtung des weiblichen Geschlechts.

 
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