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5.1.1 Universitätsaufsicht und Universitätskanzler

Die ab dem 13. Jahrhundert einsetzende Verbreitung der Universitäten in Europa bedeutete einen explosionsartigen Anstieg auf über 100 Universitäten bis um 1700 (Cobban 1992: 1248; Riddle 1993). Während die ersten Universitätsgründungen ab dem 13. Jahrhundert zunächst vornehmlich unter Ägide der Kirche erfolgten, kam es ab dem 14. Jahrhundert auch immer öfter zu Universitätsgründungen durch weltliche Herrschaftsträger als Stifter und Träger (Wallentin 2009: 47). Die ersten, in deutschen Landen gegründeten Universitäten in Heidelberg (1386), Erfurt (1379), Köln 1388, Würzburg (1402), Leipzig (1409) und Tübingen (1477) knüpften dabei an eine schon bestehende europäische Universitätstradition an (Kluge 1958: 25).

Die Universitätsgründungen auf dem heutigen deutschen Territorium ab dem 14. Jahrhundert erfolgten zumeist auf der Basis einer landesherrlichen oder städtischen Stiftung (Gallas 1976: 42; Ellwein 1985: 23; 29ff.). Um als akademische Einrichtung anerkannt zu sein und römisches sowie kanonisches Recht lehren zu können, mussten sie jedoch durch den Papst bestätigt werden (Kahl 2004: 5). Mit dem Status einer Korporation gingen für die universitas wichtige Rechte und Freiheiten zur eigenständigen Regelung ihrer Angelegenheiten einher. Der Stifter übertrug der Universität Selbstverwaltungsrechte im Hinblick auf ihre Binnenorganisation und eine eigene Gerichtsbarkeit und sorgte für ein Einkommen bzw. Vermögen, das zumeist in Ländereien und Häusern bestand (Pleyer 1955: 10ff.). Damit war die innere Organisation der Universität als Korporation weitestgehend Angelegenheit der Mitglieder und wurde in universitätseigenen Statuten niedergelegt, für die sich die Landesherren als Stifter bisweilen jedoch Genehmigungsrechte vorbehielten (Pleyer 1955: 10). Die durch den Stifter überantworteten Ländereien und Höfe waren ein wesentlicher Bestandteil der wirtschaftlichen Grundlage der Universitäten. Neben den Studiengebühren deckten die Erträge aus der Bewirtschaftung der universitätseigenen Ländereien einen großen Teil der Kosten der Universität. Für die Vorlesungen wurden zumeist die Räumlichkeiten der Kirchen und Klöster genutzt oder sie fanden in Privatwohnungen statt. Daher gestaltete sich die Vermögensverwaltung der mittelalterlichen Universitäten als sehr übersichtlich und oblag insbesondere hinsichtlich der Besoldung des Personals im Wesentlichen der Selbstverwaltung der Korporation (ebda.: 15). Obschon die Universität als Korporation im Verhältnis zu ihrer Umwelt über weitgehende Freiheiten verfügte, trat sie als übergreifende Organisationsstruktur ansonsten kaum in Erscheinung.

Hinsichtlich der Hochschulaufsicht im Besonderen ergaben sich an den mittelalterlichen und früh-neuzeitlichen Universitäten mannigfache Konstellationen, die je nach Beteiligung und Verhältnis zwischen Landesherrn, Kirche und Stadt bei den Universitätsgründungen zu sehr unterschiedlichen Organisationsformen führten (Gerber 2004: 204; Kluge 1958: 32ff). Als Korporationen oblagen den Universitäten umfassende Freiheiten bei der Organisation der akademischen Angelegenheiten sowie eine sich aus der eigenständigen Bewirtschaftung des Stiftungsbzw. Körperschaftsvermögens ergebende Autonomie ihrer Versorgung. Die Stifter der mittelalterlichen Universitäten fungierten zunächst als Schutzherren, die ihre Aufsicht über die Universitäten zunächst im Hintergrund wahrnahmen. Das Visitationswesen, bei denen sich Beauftragte der Universitätsträger über die Entwicklung der Universität und ihrer Verwaltung vor Ort informierten, fungierte als zentrale Organisationform der Wahrnehmung der Universitätsaufsicht (Bornhak 1910: 51ff.; Zeeden/Lang 1984). Diese Visitationen, wie sie ab dem 16. Jahrhundert entweder durch den Kanzler oder aber eigens eingerichtete Visitationskommissionen durchgeführt wurden, umfassten sowohl die Vermögenskontrolle als auch den Lehrbetrieb der Universitäten (Pleyer 1955: 24). Parallel dazu kam es zum Aufbau der ersten kleinen Verwaltungsbehörden an den Höfen für das höhere Schulwesen, sogenannte Räte, als Nucleus einer sich sukzessive entwickelnden staatlichen Universitätsverwaltung (Bornhak 1900: 52; Pleyer 1955: 28ff.).

Die unmittelbare Aufsicht über die Universität wurde im Mittelalter zumeist einem hohen geistlichen Würdenträger als Konservatoren oder Universitätskanzler übertragen (Gerber 2004: 204ff.; Bornhak 1900: 174). Das Amt des Universitätskanzlers entstand dabei in Anlehnung an das kirchliche Amt des „cancellarius“, der als klerikaler Würdenträger die Geschäfte innerhalb eines klerikalen Organisationsbereiches führte (Lückerath 2007: 297) [1].Obschon das Amt des Universitätskanzlers nicht als geistliches Amt angelegt war, bedeutete die Wahrnehmung durch einen Vertreter des Bischofs, dass sich der Universitätskanzler im Hinblick auf seine Aufsichtsfunktion auf die „päpstliche Autorität“ stützen konnte (Gerber 2004: 204). Aufgabe des Kanzlers bzw. seines Vizekanzlers war es im Wesentlichen, für ordnungsgemäße Abläufe in der Universität zu sorgen und zugleich als Schutzherr die universitäre Freiheit der Universität zu sicherzustellen. Insofern der Universitätskanzler nicht vor Ort residierte, wurde mitunter auch ein Professor der Universität als procancellarius bzw. Vertreter bestimmt (Pleyer 1955: 13). Allerdings wuchsen schon bald bei den jeweiligen Landesherren als Stiftern der Universitäten stärkere Ansprüche, sowohl über die Ernennung des Kanzlers zu bestimmen als auch über die Vorgänge und die Entwicklung der Universität unterrichtet zu sein (Gerber 2004: 205). Zudem hatten sich die meisten Stifter das Recht zur Genehmigung der Universitätsstatuten sowie die Kontrolle des Vermögens vorbehalten.

Im Kontext der Reformation und spätestens ab dem 16. Jahrhundert vollzieht sich dann eine sukzessive Zurückdrängung der Kirche und ihres Einflusses als Träger der Universitäten, die durch die Etablierung einer umfassenden Oberaufsicht durch die Landesherren begleitet wird (Gallas 1976: 44). Sowohl bestehende Universitäten als auch zahlreiche Neugründungen erfolgen nunmehr zumeist in „weltlicher“ Trägerschaft damit unter einer deutlich strafferen landesherrlichen Universitätsaufsicht (Pleyer 1955: 10). Dies hatte zunächst auch materielle Gründe, denn bei der Säkularisierung von Kirchenbesitz profitierten häufig die Universitäten, da ihnen ehemals kirchliche Güter, mitunter sogar ganze Dörfer, übertragen wurden (Wallentin 2009: 57). Aus diesem Wandel in der Universitätsaufsicht erwuchs auch die Notwendigkeit zu einer größer und systematisch angelegten Vermögensverwaltung der Universitäten, die im weiteren Verlauf durch das planmäßige Visitationswesen gewährleistet wurde und eine stärkere Kontrolle der Universitäten bedeutete (Gallas 1976: 48). Die in größeren Anständen stattfindenden Visitationen umfassten eine anhand von Fragekatalogen durchgeführte Begutachtung der jeweiligen Universität durch sogenannte Visitationskommissare, die mit einem Visitationsdecret abgeschlossen wurden (Kluge 1958: 55ff.). Damit oblag die Verwaltung des Vermögens der ab dem 17.-18. Jahrhundert stärker als Anstalten geführten Universitäten nunmehr weitestgehend den landesherrschaftlichen Verwaltungseinheiten. Unter diesem stärkeren Zugriff des aufstrebenden absolutistischen Staates und dessen Anspruch auf eine umfassende, auch die akademischen Inhalte betreffende Universitätsaufsicht wurde die universitäre Selbstverwaltung erheblich einschränkt.

  • [1] Die Bezeichnung Kanzler lässt sich nach Lückerath etymologisch auf cancellarius zurückführen und meint „innerhalb der Gerichtsschranke Tätige (...) als Mittler von Antragsstellern, Parteivertretern“ (Lückerath 2007: 292ff.). In seiner lexikalischen und etymologischen Analyse argumentiert Lückerath, dass sich Kanzler vom lateinischen cancelli im Sinne von „Gitter, Einzäunung, Schranken“ ableitet und verweist auf die sich daraus ableitenden amtlichen Komposita wie „Kanzleivorsteher, (...) Erzkanzler, Reichskanzler, (...) oder Ordenskanzler“ (ebd.: 293). Unter Rückgriff auf das spätantike Amtsmodell des cancellarius wurde zuerst unter den Karolingern in Italien und im westfränkischen Reich ab dem 9. Jahrhundert das Amt des archicancellarius als Vorsteher der Kanzlei etabliert, die für die formelle Bearbeitung von Regierungsdokumenten des Hofes zuständig waren. Während diese Ämter zunächst von hohen Würdenträgern des Klerus ausgeübt wurden, kam es später zu einer sukzessiven Ausdifferenzierung: Die eigentlichen Kanzleigeschäfte wurden zunehmend durch einen Laien, den protonotarius als Vizekanzler geführt, während der Bischof als Kanzler vor allem als offizieller Vertreter für bestimmte Regierungsgeschäfte fungierte, worunter z.B. die Übergabe und Vergabe von amtlichen Dokumenten wie Diplomen fiel. Hernach überlebte der Titel Kanzler und wurde im politischen Kontext der aufstrebenden Territorialund Stadtstaaten für sehr unterschiedliche Funktionen wiederbelebt, oft als Bezeichnung für einen engen Vertrauten des Monarchen (vgl. Lückerath 2007: 296ff.).
 
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