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2.1.2 Südostasien in nachkolonialer Zeit

Zwischen 1946 und 1963 gewannen fast alle Staaten der Region ihre Unabhängigkeit. Ausnahmen waren das Sultanat Brunei (1984) und Ost-Timor, das nach dem Abzug der portugiesischen Kolonialherren (1975) von Indonesien besetzt und erst 2002 unabhängig wurde. Ungeachtet der variierenden Modi der Entkolonialisierung – gewaltsam erkämpft in Vietnam und Indonesien, ausgehandelt in Brunei, Malaysia, Singapur, den Philippinen, Laos und Kambodscha, oder politisch erzwungen wie in Burma – hinterließen die Kolonialmächte meist ethnisch, religiös oder sprachlich segmentierte Gesellschaften (Tab. 2.3). Den kulturell heterogenen Gesellschaften in der Region fehlte es jedoch an einer von allen gesellschaftlichen Gruppen akzeptierten Vision des Nationalstaates, zumal national erwachte Minderheiten vielerorts eigene, konkurrierende Ansprüche nationaler und territorialer Art stellten. Die nur lose integrierte Sozialordnung dieser Gesellschaften mit ihrer Inkongruenz von nationaler und politischer Einheit bildete so den Nährboden für die nach Erlangung der nationalen Unabhängigkeit vielerorts aufbrechenden Gewaltkonflikte. Die Sezessionsbestrebungen der im Wettstreit der Nationalismen unterlegenen Minoritäten sind mancherorts (Burma, Südphilippinen, Südthailand, West Papua) heute noch akut.

Im Unterschied zu nordostasiatischen Ländern wie China, Japan und Korea lag die Herausforderung weniger bei der Mobilisierung eines nationalen Bewusstseins zur Abwehr äußerer Gefahren, sondern vielmehr in der „Erfindung der Nation“ (Anderson 1983), die darüber hinaus auf den Widerstand partikularer Gruppen im Inneren stieß. Stärker noch als in anderen Teilen Asiens war Nationalstaatswerdung hier das Projekt politischer und intellektueller Eliten, dem die Vorleistungen eines gemeinsamen nationalen und kulturellen Bewusstseins fast vollständig fehlten. Von der einheimischen Intelligentia gestartete Versuche der „invention of traditions“ (Hobsbawm 2003) orientierten sich fast zwangsläufig an den historischen Erfahrungen, politischen Mythen und kulturellen Symbolen einzelner Bevölkerungsgruppen innerhalb der ethnisch-kulturell segmentierten Gesellschaften. Sowohl in Thailand als auch in Malaysia und Indonesien war die Idee einer malaiischen, indonesischen oder thailändischen Nation ein Projekt einzelner Eliten, dessen Ausgangspunkt durchweg eine ethnisch-kulturell definierte „imaginäre Gemeinschaft“ (Anderson 1983) bildete (Berger 2009, S. 32–41). Diese Eliten griffen freimütig auf Konstruktionen der westlichen Kolonialmächte zurück. So standen etwa die britischen Kolonialbehörden unfreiwillig Pate für das entstehende Narrativ einer nationalen malaiischen Identität: die im „Malay Reservation Act“ von 1913 vorgenommene Defini-

Tab. 2.3 Bevölkerung, Territorium und gesellschaftliche Heterogenität Südostasiens (um 2010)

Bevölkerung

Fläche (km2 )

Index der sprachlichen Fragmentierunga

Index der religiösen Fragmentierungb

Brunei

395.027

5.765

0,456

0,555

Indonesien

242.968.342

1.904.569

0,846

0,405

Kambodscha

14.453.680

181.035

0,157

0,277

Laos

6.368.162

236.800

0,678

0,584

Malaysia

28.274.729

329.847

0,758

0,584

Myanmar

53.414.374

676.578

0,521

0,447

Osttimor

1.154.625

14.874

0,897

0,238

Philippinen

99.900.177

300.000

0,849

0,333

Singapur

4.701.069

697

0,748

0,744

Thailand

67.089.500

513.120

0,753

0,266

Vietnam

89.571.130

331.210

0,234

0,690

Quelle: CIA World Factbook (Bevölkerung und Fläche 2014); Croissant et al. 2009 (Index der sprachlichen und religiösen Fragmentierung)

a Der Index der sprachlichen Fragmentierung präsentiert für jedes Land die linguistische Hetero-

genität in Form des Diversitätsindex von Joseph Greenberg (1959), der die Wahrscheinlichkeit angibt, mit der zwei zufällig ausgewählte Bewohner eines Landes verschiedene Muttersprachen sprechen. Die möglichen Werte des Index liegen zwischen 0 und 1. Der Wert 0 gibt an, dass alle Bewohner eines Landes die gleiche Muttersprache haben, während bei einem Wert von 1 jede Person eine andere Muttersprache hätte (Gordon 2005). Der Greenberg-Index entspricht mathematisch Douglas Raes und Michael Taylors Fraktionalisierungsindex: 1-Σ (pi ) (Rae und Taylor 1970, S. 22 f.), wobei pi hier den prozentualen Anteil darstellt, den eine Sprache i an der Gesamtbevölkerung hat.

bDer Index der religiösen Fragmentierung verwendet die gleiche Formel und entspricht der

gleichen Logik.

tion der Malaien anhand von Abstammung („Rasse“), Sprache (Malaiisch) und Religion (Islam) wurde von den malaiischen Eliten übernommen und zum Definitionsmerkmal der nationalen Gemeinschaft der Malaien.

Für die Staatsbildung in Südostasien hatten innergesellschaftliche Konflikte eine herausragende Bedeutung (Slater 2010). Allerdings wirkten sie dort, wo sie langanhaltend mit militärischer Gewalt ausgetragen wurden (z. B. in Burma, den Philippinen und Indonesien) anders als in den Ländern, denen es gelang, die vorliegenden Konflikte relativ rasch zu institutionalisieren und in friedliche Bahnen zu lenken (Slater 2010; Vu 2010). Entsprechend lässt sich die politische Entwicklung in der Region in den ersten Jahrzehnten nach Ende des Zweiten Weltkriegs als Phase der von oben gelenkten, oftmals gewaltsamen Nationsbildung charakterisieren (Brown 1994). So war Südostasien

Abb. 2.1 Gewaltkonflikte in Südostasien (1945–2008). Anmerkung: Zusammengestellt nach Daten der CONIS („Conflict Information System“) Datenbank an der Universität Heidelberg. Die CONIS Datenbank wertet ausschließlich Informationen aus öffentlich zugänglichen Nachrichtenquellen qualitativ aus und bereitet sie zum Zwecke einer Ereignisdatenanalyse auf. Der Datensatz umfasst mehr als 700 Konflikte weltweit in der Zeit 1945 bis 2008. Das für CONIS entwickelte dynamische Konfliktmodell umfasst insgesamt fünf Stufen. Die erste Stufe („Disput“) markiert die Artikulation eines Interessengegensatzes, die zweite („gewaltlose Krise“) die Drohung mit Gewalt. Die dritte Stufe („gewaltsame Krise“) beinhaltet die punktuelle, begrenzte Anwendung von Gewalt, in der vierten („begrenzter Krieg“) wird Gewalt geplant eingesetzt, ohne aber das Ziel zu verfolgen, den Gegner vollständig niederzuwerfen. Es geht eher darum, den Gegner durch massive Gewalt zum Einlenken zu bewegen. Die fünfte Stufe („Krieg“) ist schließlich die systematische Anwendung von Gewalt mit dem Ziel, den Gegner niederzuwerfen und ihm den eigenen Willen aufzuzwingen (Croissant et al. 2009). Für die Auswertung wurden die Konfliktklassen 4 und 5 zusammengefasst (Summe der innerstaatlichen und zwischenstaatlichen Konflikte pro Jahr in den inzwischen insgesamt elf Staaten Südostasiens). Quelle: eigene Zusammenstellung nach Informationen der CONIS Datenbank (CONIS 2014)

in dieser Zeit durch ein im internationalen Vergleich hohes Niveau an bewaffneten Konflikten geprägt. Dabei überlappten sich häufig ethno-nationalistische Konflikte mit ideologisch motivierten Aufständen (Malaysia, Thailand, Laos). Erst nach dem Ende oder Abflauen der Stellvertreterkriege während des Kalten Krieges in Laos (1960–1973), Vietnam (1958–1975) und Kambodscha (1970–1991) flaute das regionale Konfliktgeschehen ab (Abb. 2.1). Zwar war um die Jahrtausendwende – auch bedingt durch die politischen Erschütterungen während der demokratischen Transition in Indonesien (1998/1999) – eine Zunahme ethno-nationalistischer und religiöser Gewalt in der Region zu erkennen. Allerdings handelte es sich um ein vorrübergehendes Phänomen, das den grundlegenden Trend nicht umgekehrt hat.

Die relative Beruhigung des regionalen Konfliktgeschehens seit den 1980er Jahren ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Konfliktmindernd wirkte neben dem Rückgang

Tab. 2.4 Entwicklungsindikatoren der Staaten Südostasiens (1975–2012)

Human Development Index (HDI)

Pro-Kopf-Einkommen (BNI) (in USD zu Preisen von 2005)

Armutsquotea 2004–2007

1975

2012

1980

2012

Brunei

0,855

53.527b

45.690

Myanmar

0,498

1817

Indonesien

0,468

0,629

1413

4154

29

Kambodscha

0,533

0,543

846

2095

26

Laos

0,423

0,543

954c

2435

44

Malaysia

0,615

0,769

5109

13.676

2

Ost-Timor

0,5612

967d

5446

37

Philippinen

0,654

0,654

2815

3752

23

Singapur

0,725

0,895

15.285

52.613

Thailand

0,614

0,6904

2396

7722

2

Vietnam

0,617

0,617

9154

2970

21

Quelle: Angaben zusammengestellt nach UNDP (2005, 2011)

aAnteil der Bevölkerung in Prozent, der mit 1,25 USD oder weniger am Tag auskommen muss.

b1985.

c1990.

d 2000.

externer Interventionen durch die Großmächte und der Abnahme zwischenstaatlicher Spannungen innerhalb der ASEAN (Dosch 1997) vor allem der Umstand, dass sich Teile Südostasiens zu einer neuen Wachstumsregion entwickelten, was innergesellschaftlich konfliktdämpfend wirkte und regionalpolitisch die Kooperation zwischen den Staaten stärkte. Insbesondere Singapur, aber auch Indonesien, Thailand, Malaysia und Vietnam, nach Einleitung seiner Erneuerungspolitik („Doi Moi“) im Jahre 1986, konnten anhaltend hohe Wachstumsraten erzielen (vgl. Tab. 2.4). Die Folgen waren effektive Armutsbekämpfung und Einkommenssteigerungen, Bildungsexpansion, Urbanisierung, die Verbreiterung der städtischen Mittelschichten und kultureller Wandel.

Politische Auswirkungen dieser Entwicklung konnten nicht ausbleiben. Während die Region noch Mitte der 1980er Jahre durchgängig autokratisch regiert wurde, kam es in den folgenden Jahren zu Systemwechseln von der Diktatur zur Demokratie. Beginnend mit dem Sturz von Präsident Ferdinand Marcos auf den Philippinen (1986) gaben die autoritären Regime in Thailand (1992) und in Indonesien (1998–1999) den gesellschaftlichen Demokratisierungsforderungen nach. Darüber hinaus kam es unter Aufsicht der Vereinten Nationen in Kambodscha (1993) und in Ost-Timor (2002) zur Einführung von Demokratie (Shin und Tusalem 2009).

Die politische Entwicklung der letzten Jahre hat jedoch Hoffnungen auf einen möglichen Triumph der liberalen Demokratie in der Region enttäuscht. Weiterhin wird die Mehrzahl der Staaten autokratisch regiert. Zudem haben die genannten Demokratisierungsprozesse meist nicht zur liberalen Demokratie geführt. In den Philippinen ist eine fragile und „defekte“ Demokratie entstanden, in der politische Gewalt an der Tagesordnung ist, das Militär nur eingeschränkt der Kontrolle durch die demokratisch legitimierten Institutionen unterliegt, der Rechtsstaat schwach ist und bürgerliche Freiheitsrechte unzureichend geschützt werden (Croissant und Merkel 2010). In Thailand gipfelte die Krise der Demokratie 2006 in einem Militärputsch gegen Premierminister Thaksin Shinawatra. Obwohl das Land zwischenzeitlich zur zivilen Regierung zurückkehrte, gipfelten die Krisensymptome im Mai 2014 erneut in der Machtübernahme der Generäle (vgl. Kap. 12). In Kambodscha scheiterte der kurzzeitige Demokratisierungsprozess bereits Ende der 1990er Jahre und die hochgradig fragile und defekte Demokratie wurde von einem neuen autoritären Regime abgelöst. Einzig in Indonesien scheint das demokratische System einigermaßen gefestigt, wenngleich auch hier nicht von einer konsolidierten und krisenresistenten liberalen Demokratie gesprochen werden kann (Mietzner 2015). In Singapur und Malaysia konnten die autoritären Eliten ihren Herrschaftsanspruch bislang verteidigen. Auch die burmesische Demokratiebewegung erwies sich bislang als zu schwach, um den unbedingten Machtwillen der Militärs zu überwinden. Allerdings ist hier, im Unterschied etwa zu den kommunistischen Einparteiensystemen in Laos und in Vietnam, ein politischer Liberalisierungsprozess zu beobachten, der zwar (bislang) keine demokratische Transformation gebracht hat, unzweifelhaft aber neue politische Betätigungsmöglichkeiten und bürgerliche Freiheiten ermöglichte (vgl. Kap. 8).

Aktuell (Frühjahr 2014) lassen sich drei Gruppen von politischen Regimen in der Region unterscheiden:

1. Die Gruppe der „elektoralen Autokratien“ (Schedler 2006) besteht aus Kambodscha, Malaysia, Singapur und (seit den Wahlen von 2010 und 2012) Myanmar. Hier koexistieren formal demokratische Institutionen mit autoritären politischen Praktiken. Während die Bedeutung von Wahlen als Mechanismus zur Besetzung von politischen Führungspositionen anerkannt wird, missbrauchen die Machthaber ihre Führungsposition, um die eigene Machtstellung gegen politische Kontrahenten abzusichern, indem Oppositionsparteien systematisch benachteiligt werden, die freie Entfaltung von Zivilgesellschaft behindert wird, die Medien gegängelt und politischer Dissens auch repressiv unterdrückt wird (Case 2009; Karbaum 2008). Während jedoch im kompetitiven Autoritarismus Malaysias die Opposition zumindest die Möglichkeit hat, die Vielparteienkoalition der „Barisan Nasional“ („Nationale Front“) innerhalb der Wahlarena herausfordern zu können (Levitsky und Way 2010, S. 318 ff.), gibt es in Singapur keine politische Kraft, welche die hegemoniale Stellung der regierenden

„People's Action Party“ (PAP) bedrohen könnte. Im Hinblick auf den Grad des erlaubten und möglichen Wettbewerbs zwischen Regierungspartei(en) und Opposition liegt das politische Regime von Premierminister Hun Sen und seiner „Kambodschanischen Volkspartei“ (CPP) zwischen diesen beiden Formen des elektoralen Autoritarismus. Wenngleich die regierende CPP ein begrenztes Maß an politischer Konkurrenz erlaubt, hat ihre Herrschaft im Laufe der letzten Dekade zunehmend hegemoniale Züge angenommen (Levitsky und Way 2010, S. 336). In die entgegengesetzte Richtung weist die jüngste politische Entwicklung in Myanmar. Die Abhaltung von (unfreien und unfairen) Parlamentswahlen im November 2010 deutet darauf hin, dass die regierenden Generäle eine Transition zum militärisch dominierten „elektoralen Autoritarismus“ anstreben. Bei den Nachwahlen von 2012 konnte die Partei der Oppositionsikone Aung San Suu Kyi („Nationale Liga für Demokratie“) jedoch 43 der insgesamt 46 zur Wahl stehenden Mandate gewinnen, was darauf hinweist, dass politischer Wettbewerb zwar eingeschränkt, aber möglich ist (vgl. Kap. 8).

2. Die Gruppe der „geschlossenen Autokratien“ (Diamond 2002) umfasst Brunei, Laos, Vietnam und, seit Mai 2014, auch Thailand. Diese Regime erlauben keinen (begrenzten) politischen Wettbewerb. Dies gilt insbesondere für die kommunistischen Einparteiensysteme in Laos und Vietnam sowie für das monarchisch/dynastisch-autoritäre Regime in Brunei.

3. Die Gruppe der „defekten Demokratien“ besteht aus den Philippinen, Indonesien und Osttimor. Von 1992 bis 2006 und zwischen 2008 und 2014 gehörte auch Thailand zu dieser Gruppe. Hinsichtlich der Stabilität und Qualität dieser jungen Demokratien bestehen erhebliche Unterschiede. Entsprechend variieren auch die Einschätzungen in der Forschungsliteratur (Croissant und Bünte 2011, S. 4).

Die skizzierten Prozesse und Entwicklungen haben die politikwissenschaftliche Forschung nachhaltig geprägt. Vor allem die Politische Ökonomie der südostasiatischen Entwicklungsstaaten und die Ursachen von Autokratie und Demokratie waren in den vergangen etwa zwei Jahrzehnten prägende Themen auf der Forschungsagenda, wie die nachfolgenden Ausführungen verdeutlichen.

 
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