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5.1.2 Universitäre Selbstverwaltung und die Rolle des Universitätskanzlers

Die Verfassungen der mittelalterlichen und neuzeitlichen Universitäten orientierten sich sowohl an übermittelten Gewohnheiten als auch an konkreten Vorbildern anderer Universitäten. Um als Universität gelten zu können und die zu diesem Zeitpunkt sehr mobilen Scholaren anziehen zu können, musste sich eine neue Universität an den Statuten der europäischen Vorläufer orientieren (Kluge 1958: 20ff). So wurde bei der Gründung der Universitäten in deutschen Landen häufig explizit auf die Statuten schon bestehender Universitäten verwiesen (Gerber 2004: 204). Grundsätzlich wurde die mittelalterliche und neuzeitliche Universitätsorganisation in den deutschen Gebieten in enger Verwandtschaft zum Pariser Modell der Magister-Universität gesehen (Kluge 1958: 25; Pleyer 1955: 8). Allerdings hat die Organisation an den mittelalterlichen Universitäten nur wenig mit dem modernen Verständnis und den institutionellen Bedingungen der akademischen Selbstverwaltung gemein (Thieme 2004: 23). Selbstverwaltung der Universitäten bezog sich im Wesentlichen auf die eigenständige Organisation der akademischen Angelegenheiten. Überdies waren die mittelalterlichen Universitäten auf die Erklärung sowie Erhaltung der kirchlichen Glaubensund Weltordnung ausgerichtet (Klostermann 1997: 99). Denn mit der Anerkennung der Universitäten verband die Kirche auch den Anspruch auf die „oberste Lehraufsicht“ (Wallentin 2009: 46)

Kern der mittelalterlichen Universitätsorganisation waren die vier Fakultäten und Nationen oder später Kollegien, die jeweils eine Korporation für sich innerhalb der Korporation bildeten: mit eigenem Vermögen, eigenen Rechten und Pflichten. Diese waren insbesondere hinsichtlich ihrer akademischen Angelegenheiten weitestgehend eigenständig. Daher konnte im 14. Jahrhundert kaum von einer Gesamtuniversität gesprochen werden. Vielmehr fungierte in vielen Universitäten „die Mehrheit als Oberhaupt“ (Kluge 1958: 9). Dies änderte sich erst mit dem Aufkommen des Rektorenamtes. Mit der Einführung des Amtes des Universitätsrektors als gewähltem Vorstand der Nationen etablierten sich die zentralen Strukturelemente eines universalen Hochschulleitungsmodells an deutschen Universitäten (Kluge 1958: 10-11) [1]. Der Rektor als Kopf und Repräsentant der Korporation Universität wurde durch die Mitglieder der Universitätsversammlung oder durch den Universitätsausschuss für ein halbes Jahr gewählt (Roellecke 1996: 15ff.). Neben der Verantwortung für akademische Angelegenheiten war der Rektor auch damit betraut, Entscheidungen bei Streitigkeiten zwischen Universitätsangehörigen zu treffen. Als Bindeglied und als Beratungsorgan des Rektors fungierte der Senat, zu dem neben den Dekanen der Fakultäten auch die Prokuratoren der Nationen gehörten. Mit dem Ausbau der korporativen Strukturen der akademischen Selbstverwaltung bekam dieses Gremium zunehmend mehr Befugnisse. Für die Zusammenarbeit und Koordination zwischen den Fakultäten waren der Rektor und der akademische Senat zuständig.

Damit wurden die Grundstrukturen der akademischen Selbstverwaltung schon in der frühen Phase der Universitätsentwicklung entwickelt und finden sich bis heute in deren interner Entscheidungsorganisation wieder. Nicht zuletzt aufgrund ihrer Größe gab es nur ein sehr geringes Spektrum an administrativen Aufgaben im heutigen Sinne. Die Universitätsverwaltung umfasste einen nur sehr kleinen Apparat, der insbesondere die studentischen Angelegenheiten, das Gebührenwesen („Quästur“) sowie die Räumlichkeiten der Universität verwaltete (Oldiges 1993: 648). Über eine weitergehende selbstständige Verwaltungsorganisation verfügten die mittelalterlichen Universitäten jedoch nicht (Oldiges 1993: 648). Doch wie funktionierte die Interaktion zwischen Universität und Universitätskanzler?

Die konkrete Ausgestaltung des Amtes des Universitätskanzlers hing davon ab, wie die jeweiligen Träger und lokalen Gewalten ihre Rolle gegenüber der Hochschule festlegten (Gerber 2004: 204). Zumeist wurde das Amt des Kanzlers einem hohen geistigen Würdenträger übertragen, der nicht am Universitätsort

„residierte“ (Pleyer 1955: 13). Daher wurde zumeist ein Stellvertreter des Kanzlers aus dem Kreise der Professoren als „procancellarius“ ernannt. Dem Universitätskanzler oblag die Aufsicht über das Prüfungswesen und die Erteilung der Lizenzen für die Promotion (ebda.: 13). Zudem war es auch Aufgabe des Kanzlers, die institutionellen und akademischen Freiheiten der Universität als Korporation sicherzustellen sowie richterliche Entscheidungen im Falle schwerer Delikte von Mitgliedern der Universität zu treffen (Lückerath 2007: 299). Der Kanzler fungierte demnach als Bindeglied und Vermittler zwischen Universität, der Kirche bzw. weltlichem Oberhaupt, was er neben seinen repräsentativen Funktionen zumeist durch „Beratung“, weniger durch Weisung tat (Boehm 1966: 195; Boockmann 1989: 33). Idealtypisch musste der Kanzler damit sowohl ein Vertrauensverhältnis zu den Universitätsmitgliedern entwickeln als auch den staatlichen Instanzen seine loyale Aufsichtsfürsorge versichern.

Das Recht zur Ernennung des Universitätskanzlers wurde bei den deutschen Universitäten in zunehmendem Maße durch den Landesherrn beansprucht, was als ein Anzeichen für den zunehmenden Einfluss der weltlichen Aufsichtsgewalt über die Universitäten gesehen wurde (Gerber 2004: 205ff.; Pleyer 1955: 22). Der Übergang zur Ernennung des Universitätskanzlers durch den Landesherren war jedoch historisch ein schleichender Prozess, der bei den kirchlichen Universitäten in Deutschland mit dem Beginn des 15. Jahrhunderts einsetzte und erst Ende des 18. Jahrhunderts flächendeckend an den meisten deutschen Universitäten vollzogen war (Lückerath 2007: 300). Während dem Universitätskanzler der mittelalterlichen Universitäten eine repräsentative Schutzund Aufsichtsfunktion im Namen der Kirche zukam, fungierten die Kanzler am Übergang zur Neuzeit zusehends als personifizierte staatliche Universitätsaufsicht (Gerber 2004: 206).

Um dem zunehmenden Einfluss der Landesherren entgegenzuwirken, reagierten die Universitäten auf die „Umformung“ des Amtes des Universitätskanzlers durch eine Stärkung der Rektorenverfassung: Der Rektor wurde durch die neugefassten Bestimmungen nunmehr eindeutig zur Leitung der Universität bestimmt (Gerber 2004: 206). Zudem wurden Dekane durch die Universität als sogenannte „Vizekanzler“ bestellt, die anstatt des landesherrlich ernannten Universitätskanzlers bei der Examinierung und Verleihung der akademischen Grade mitwirkten (ebd.: 206). In der Praxis bedeutete dies, dass die Aufsicht über das Pfründenwesen einem Kleriker als Universitätskanzler im Ehrenamt oblag. Die akademische Gerichtsbarkeit und das universitäre Ämterwesen war Aufgabe des Rektors. Die sukzessive Ausbreitung der weltlichen Universitätsaufsicht bedeutete auch eine Stärkung des Rektors „als Repräsentant und Executor der Konzilsoder Senats-Selbstregierung“ und eine Schwächung des Amtes des Universitätskanzlers (Lückerath 2007: 299ff.). Ab dem 17. Jahrhundert kam es in den neuzeitlichen Universitäten zudem zur Etablierung eines universitätsintern gewählten Professorenkanzlers, der die Verwaltungsangelegenheiten aus der Mitte der universitären Korporation beaufsichtigte. Als Mitgliedern des akademischen Korpus kam diesen Professorenkanzlern demnach eine institutionelle „Mittlerfunktion“ zu: Sie waren einerseits Mitglied der akademischen Selbstverwaltung und andererseits politische Vertreter des Klerus. Damit lässt sich dieser neuzeitliche Universitätskanzler durchaus als Vorläufer des später im 20. Jahrhundert (wieder) eingeführten Amtes des Universitätsund Hochschulkanzlers im deutschen Hochschulwesen verstehen.

Diese Situation hielt jedoch nicht lange an, denn vor dem Hintergrund der sukzessiven Konstituierung souveräner Territorialstaaten und der Entwicklung landesherrlicher Rechte, die auch umfassende Aufsichtsrechte über die Universitäten bedeuteten, kam es zunehmend zur Institutionalisierung des Amtes des Universitätskanzlers als eines säkularisierten Amtes, welches durch einen Staatsdiener als Beamten und Diener des absolutistischen Hofes ausgeübt wurde (Lückerath 2007: 300-301). Indem der kaiserliche bzw. fürstliche Hof seinen Machtund Verwaltungsanspruch zunehmend ausweitete und mit der höfischen Kanzlei zunehmend auch eigene Verwaltungseinheiten aufbaute, wurde die Universitätsverwaltung im Hinblick auf die akademischen und finanziellen Angelegenheiten durch den weltlichen Träger der Universität kooptiert (ebd.: 301).

Darüber hinaus entwickelte sich im Kontext dieser „Verstaatlichung“ der Universitäten im Zeitraum des Absolutismus neben den Einschränkungen der „Selbstverwaltungsrechte“ der Universität auch die Einführung des Kameralismus als umfassender Verwaltungstechnik und Organisationsprinzip (Boehm 1966: 199). Aus der Etablierung der kameralistischen Maßgaben für die Universitätsverwaltung resultierten auch Veränderungen des Amtes des Kanzlers. Dabei wurde sowohl das Kontrollrecht über die Ressourcen der Universität als auch die Verleihung des Promotionsrechts im Amt des Universitätskurators bzw. des Universitätskanzlers im Sinne eines allgemeinen staatlichen Verwalters zusammengeführt. Dieser, so Lückerath (2007: 302), sollte „herausragende kameralistische Verwaltungsqualitäten mit Loyalität zum Fürsten verbinden und seine Administration auf alle Bereiche der Universität, einschließlich der Aufgaben der Wissenschaften, richten, nicht zuletzt mit dem hehren Ziel, in der Universität die aufgeklärte Lehrfreiheit zu fördern“. Der Universitätskanzler im absolutistischen Hofstaat fungierte daher als ein mit umfassenden Vollmachten ausgestatteter Vertreter des Staates außerhalb der Hochschule, der über dem Rektor stand (Heß 2000: 335).

Diese Entwicklung der Rolle des Kanzlers im deutschen Hochschulwesen zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert spiegelt insofern auch den Wandel des organisatorischen Status der Universitäten zwischen Mittelalter und Neuzeit von einer kirchlich geschützten Korporationsorganisation zu einer absolutistisch kooptierten Anstalt mit deutlich eingeschränkteren Selbstverwaltungsrechten wider. Die Herausbildung einer eigenen Wirtschaftsund Vermögensverwaltung für die Universitäten erfolgte dabei vornehmlich außerhalb der Universität auf der Seite der landesherrlichen Behördenund Schulverwaltung, womit ein generell im absolutistischen Zeitalter stark gewachsener Zugriff des Staates auf die Universität einherging (Pleyer 1955: 42). Spätestens ab dem 18. Jahrhundert hatte sich dann eine zumeist umfassende staatliche „Geschäftsaufsicht“ über die Vermögensund Personalverwaltung der Universitäten etabliert (Pleyer 1955: 74). Zugleich ergab sich gerade als Reaktion auf die gewachsenen Zugriffsversuche der staatlichen Universitätsaufsicht die Notwendigkeit zur Entwicklung einer auf die Gesamtorganisation ausgerichteten internen Selbstverwaltung der Universitäten.

  • [1] Kluge (1958: 10) erklärt, dass sich der Rektorenbegriff von den Bezeichnungen der zivilen Provinzstatthalter in der späten römischen Kaiserzeit ableitet: Mit „Rektor“ wird im Unterschied zu den Consulen die Machtkonzentration in der Hand eines einzelnen bezeichnet. Im 12. Jahrhundert reüssierte der Rektorenbegriff in Norditalien als Bezeichnung für die Zunftvorstände als lateinisches Äquivalent für podesta („Bürgermeister“), von wo aus die frühen italienischen Studentenuniversitäten den Begriff übernommen haben
 
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