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5.2 Humboldts Universitätsreformen und die Kuratorialverwaltung

Die Ausdifferenzierung und das Wachstum der Wissenschaft ab dem 18. Jahrhundert korrespondierten auch mit einer umfangreicher werdenden staatlichen Alimentierung durch die Territorialstaaten, wofür zunächst Organisationsstrukturen in der staatlichen Verwaltung ausgebaut wurden (Oldiges 1993: 648). Zugleich waren vor dem Hintergrund der Entwicklung des absolutistischen Territorialstaates mit seinem umfassenden Gestaltungsanspruch staatlicher Universitätsaufsicht die weitgehenden Freiheiten der Universitätskorporationen maßgeblich eingeschränkt worden. So war im Verlaufe des 17. Jahrhunderts das Recht zur Berufung an vielen Universitäten auf den Landesherren übergegangen (Kluge 1958: 41ff). Die Universitäten waren nunmehr einer straffen Leitung durch die höfische Schulverwaltung unterstellt, die sie in ein enges „Korsett“ der kameralistischen Staatsverwaltung zwängten (Pleyer 1955: 52). Dabei wurden nicht nur Verordnungen für den Vorlesungsbetrieb und die Organe der Universitäten erlassen, sondern auch Vorgaben für das Studentenleben reglementiert (ebd.: 51). Universitäten wurden im Absolutismus demnach nicht mehr vornehmlich als mit Privilegien, Gewohnheitsverträgen und aus eigenem Recht handelnde Korporationen gesehen, sondern immer mehr als durch u.a. die neue Verwaltungspraxis der Universitätskameralistik normierte staatliche Anstalten (Gerber 2004: 207).

Die aufstrebenden Humanisten rieben sich an dieser Form umfassender Universitätsaufsicht und sahen darin ein Hindernis für den wissenschaftlichen Fortschritt. Aufbauend auf den Schriften von Kant, Fichte, Schleiermacher, Steffens und später Humboldts entwickelte sich zum Ausgang des 18. Jahrhunderts in Anlehnung an Wilhelm von Humboldts Ideen zur Universitätsreform eine neuartige Konzeption der Universität (Kluge 1956: 75ff.; Ellwein 1985: 111ff.). Eine wesentliche Idee dieser neuen Universitätskonzeption von Humboldts ist das Ziel gewesen, die Organisation der Universität in umfassender Weise an den Entfaltungsnotwendigkeiten und der Freiheit wissenschaftlicher Erkenntnis auszurichten (vom Bruch 1999: 35). Aus dieser Zielrichtung folgte auch das Bemühen der Humboldtschen Reformen, die Universität aus den strengen Fesseln der staatlichen Kontrolle und kirchlichen Dogmatik herauszulösen und eine weitgehende Freiheit der wissenschaftlichen Methoden und Inhalte zu ermöglichen. Der Universität sollten alle akademischen Angelegenheiten sowie die der internen Organisation von Forschung und Lehre vollständig überlassen werden (Roellecke 1996: 24). Prototypisch für die Humboldtsche Neukonzeption wurde die neugegründete Berliner Universität 1810, deren wichtigste Prinzipien sich in den Gründungen in Breslau 1811 und Bonn 1818 fortsetzten und wenig später zum Exportschlager des deutschen Wissenschaftssystems avancierten (Schwinges 2001).

Allerdings zielte Humboldts Konzeption der Universitätsorganisation keineswegs auf eine umfassende Autonomie der Universitäten im Sinne einer Unabhängigkeit gegenüber dem Staat (Klostermann 1997: 102; Kluge 1958: 77ff.). Autonomie der Universität im Sinne Humboldts bezog sich vor allem auf die akademischen Inhalte und nicht auf eine von staatlichen Organen verselbstständigende Universitätsorganisation. Vielmehr war Humboldt von einer stärkeren Verantwortung des „(Kultur-)Staates“ für die Bildungseinrichtungen und der Notwendigkeit einer umfassenden Staatsaufsicht insbesondere im Hinblick auf die Vermögensund Personalverwaltung der Universitäten überzeugt (Kahl 2004: 26). Daher änderte sich – trotz eines sich aus Humboldts Konzeption naheliegenden stärkeren Anspruchs auf eine organisatorische und verwaltungsbezogene Unabhängigkeit der Universitäten – an der organisatorischen Verfasstheit der Universität und am formalen Status der Organisation Universität als Anstalt zunächst nur wenig (Kluge 1958: 83; Ellwein 1985: 113).

So galten in Preußen nach wie vor umfassende Eingriffsrechte des aufstrebenden preußischen Staates, die auch die Auswahl und Ernennung der Professoren und Lehrkräfte durch den Staat betrafen (Kluge 1958: 76). Diese umfassende staatliche Verwaltung und Fürsorge für die Universität blieb auch im Sinne Humboldts im Kontext der Neuorientierung der Universitätsentwicklung weitgehend erhalten. Anders als die anderen Vordenker einer neuen Universitätskonzeption wie Schelsky und Schleiermacher, die sich für eine umfassende „Staatsfreiheit“ der Universität und eine weitreichende akademische Selbstverwaltung eingesetzt hatten, setzte sich mit dem Humboldtschen Universitätsmodell ein Ordnungsund Organisationsprinzip durch, bei dem die Universität als Organisation weitgehend vom Staat abhängig blieb (Roellecke 1996: 25) [1]. Eine korporative Organisation der Universität, so Heß, war für Humboldt etwas der Wissenschaft eher Fremdes (Heß 2000: 336). Dennoch bedeuteten die Humboldtschen Bildungsund Universitätsreformen einen Wendepunkt der staatlichen Kulturverwaltung, zunächst in Preußen und dann später auch in anderen deutschen Gebieten. Denn mit den Humboldtschen Reformen wurde das Prinzip der autonomen wissenschaftlichen Freiheitsrechte und akademischen Selbstverwaltung als formale Beschränkung staatlicher Wissenschaftspolitik festgelegt (Oppermann 1996: 1017).

  • [1] Roellecke argumentiert, dass die Humboldtschen Reformen kaum zu Veränderungen des politischen und formalen Status der Universitäten geführt hatten (Roellecke 1996: 25ff).
 
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